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Charlotte Birch-Pfeiffer: Die Grille - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Grille
authorCharlotte Birch-Pfeiffer
yearca. 1890
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie Grille
created20021025
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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Vierter Aufzug.

Kurze freie Gegend, in der Mitte Bäume. Rechts ein einfacher Röhrbrunnen, dahinter eine große Eiche mit breitem Stamm, daneben eine Steinbank.

Erster Auftritt.

Landry allein.

Landry (von rechts, im Anzug des ersten Aufzugs, ohne Jacke, in Hemdärmeln oder Bluse; er ist sehr erhitzt, tritt rasch auf und sieht nach links). Richtig, es ist der Vater, der in Caillards Gehöft tritt, ich unterschied ihn deutlich durch die Lichtung, als er vorhin über die Wiese ging. Was bedeutet das? Seit einem halben Jahr war er nicht in der Priche, und dann kam er nur an Sonntagen. War mir's doch, als hätte er einen Strauß im Knopfloch stecken –! (Gezwungen lachend.) Bah! Er geht doch wohl nicht auf Brautwerberei? (Er geht zum Brunnen.) Herr Gott, ist das eine Hitze! (Nach rechts hinein.) Muß meine Stiere verschnaufen lassen – und für mich ist hier doch Schatten und Kühlung. (Er setzt sich auf die Bank und wischt sich den Schweiß ab.) Aber es hilft mir nichts – es ist nicht anders seit Saint-Andoche, als hätt' ich Nadeln statt Blut in den Adern. Macht es das finstere Gesicht, das mir die Madelon seit drei Tagen schneidet? (Ärgerlich.) Sie dankt mir nicht einmal, wenn ich ihr guten Tag wünsche! Bah, das ist's nicht! (Aufspringend.) Die Grille ist schuld – sie muß mir's an jenem Abend angethan haben, und ich möchte mich selber zerreißen, daß ich so toll sein konnte. Gott mag's wissen, ich hatte in jenem Augenblicke eine solche Lust, die kleine Hexe zu küssen, als gäbe es kein Mädchen außer ihr auf der Welt, und hätte sie nicht mehr Vernunft gehabt als ich, wohin müßt' ich mich heute verkriechen vor Scham?

 
Zweiter Auftritt.

Der Vorige. Didier atemlos von rechts.

Didier (rasch, sich umsehend). Gottlob, da bist du, Landry! Dacht' ich's doch, da ich deine Stiere auf dem Acker müßig sah.

Landry (erstaunt). Alle Welt! Didier! Auch du mitten in der Woche? Guten Tag, mein Junge! Hat dich der Vater mit nach der Priche gebracht?

Didier (geheimnisvoll). I bewahre! Das sollte ein gar geheimer Gang sein. Erst war er wütend, da er die Geschichte von Saint-Andoche erfuhr, dann hatten sich Vater und Mutter in der Kammer leise beraten, dann wurde der Bratenrock geholt – und dann ging der Vater mausstill seines Weges, der Binsenwiese zu. Ich dachte: Holla, das geht nach der Priche, er wird den Landry oder die Madelon ins Verhör nehmen! Und richtig, kaum war er ein Weilchen fort, so entdeckte die Mutter, daß er seine Pfeife vergessen hat – das ist ihm nicht passiert, seit er auf der Welt ist; daran sah ich, daß etwas Wichtiges vor sein muß – und so schickte sie mich ihm nach. Hat er dich aufgesucht?

Landry (unruhig, zeigt nach links). Nein, er trat vorhin drüben ins Gehöft. Kannst du dir gar nicht denken, was er bei Caillard will?

Didier. I bewahre! Ich hatte gar nicht Zeit, darüber zu grübeln. (Sehr vergnügt.) Denke, Landry – ich bin an den Weinbergen der Grille begegnet.

Landry (rasch). So? Du hast sie also gesehen?

Didier (mit leuchtenden Augen). Na, natürlich und wie! Ich hätte sie fast nicht erkannt als an ihren kleinen Füßchen, so niedlich und reinlich ist sie angethan; und dann sagte sie freundlich: »Guten Tag, Didier!« und sprach so gut und herzlich zu mir, wie ich es ihr nie zugetraut – und dann – dann gingen wir eine ganze Strecke Weges zusammen.

Landry (mit unwillkürlichem Ärger, für sich). So gut ist's dem Jungen geworden! (Laut.) Was? Du gingst öffentlich mit der Grille?

Didier (entschuldigend). Wir gingen durch die Reben, es sah uns niemand!

Landry (ärgerlich). Aber ich denke ja, du kannst sie nicht leiden?

Didier. Na, ich macht' es eben dir nach und den anderen, aber jetzt – kann ich sie schon recht gut leiden!

Landry (hin und her gehend, wie oben). So? Ei – das ist ja kurios. (Für sich.) Nun kann sie der auch leiden! Wer darf's nun mir übelnehmen –

Didier (sich die Hände reibend). Wir haben recht viel mitsammen geschwatzt; sie erzählte mir –

Landry (erschrocken und rasch). Vom Saint-Andoche-Abend?

Didier (sieht ihn groß an). Nein, von der Madelon, und daß du sie so gern hättest, und daß sie euch wieder gut machen wollte – und da ich böse darüber wurde, sagte sie: es sei gottlos von mir, dir übelzunehmen, daß dir ein Mädchen gefalle; man könne eine Dirne gern haben und doch seinen Bruder auch; und als sie so redete, fing ich an, das zu verstehen, denn sie gefiel mir gar sehr in dem Augenblick, und ich dachte doch mit Liebe an dich! Und dann meinte sie: Brüder unterstützten sich bei einer Liebschaft, anstatt daß sie sich darin hinderten, und ich solle ihr helfen, die Madelon gut zu machen –

Landry. Was das nur sie angeht. (Zornig.) Sie soll sich um sich bekümmern und nicht um mich!

Didier (verwundert). Na, was bist du denn so unwirsch, undankbarer Bursche, die Grille meint es doch so gut. Sie sagte zu mir: »Mach' dem Landry das Leben nicht mehr sauer, arbeite statt zu träumen und zu schmollen, und alle Leute, die dich jetzt nicht mögen, werden dich dann gern haben!« Ich fragte geschwind: »Du auch, Grille?« da lachte die kleine Hexe und nickte: »Wenn du mir versprichst, daß du ein vernünftiger Mensch wirst.« – »Topp,« schrie ich, »es gilt!« und sie schlug ein, und da bin ich, (gutmütig) um dir zu sagen, daß ich jetzt ein tüchtiger Kerl werden will, wie du, Landry, und daß ich gar nichts mehr dagegen habe – wenn dir die Madelon gefällt.

Landry (zwischen Ärger und Freude). So! – Na, das ist ja recht hübsch von dir! – Da soll ich wohl auch einmal nichts dagegen haben, wenn dir eine Dirne gefällt?

Didier (verblümt). Nun, das versteht sich!

Landry. Kommt immer darauf an, wer es ist! (Zornig.) Jede lasse ich mir nicht gefallen – und vor allen – (stockt) muß ich dich vor der Grille warnen, hörst du?

Didier (wie oben, gedehnt). Vor der? Aber ich meinte gerade – die könnte einen schon –

Landry (herausplatzend). Verhexen – ja – das scheint mir! Denn wenn ich dich ansehe (für sich) und mich, (laut) so soll mich das Wetter, wenn – (bestimmt) kurz, halte dich von der Grille fern, das rat' ich dir, das ist gefährlich.

Didier (erschrocken). Na, ja, ja! – Sei nur nicht so wild – ich denke nicht mehr daran!

Landry (hin und her gehend). Das wird gut sein, sonst vergißt du alles andere.

Didier (fährt zusammen). Herr Gott! (Er zieht einen ledernen Tabaksbeutel heraus, in dem die Pfeife steckt.) Vergessen! Des Vaters Pfeife!

Landry (halb zornig, halb lachend). I du Schlingel, und deshalb kam er her! Der Vater ist bei Caillard; weißt du – du könntest auch ein bißchen spionieren gehn, was die Alten nur kochen, he?

Didier (nickt pfiffig). Hm! Will's probieren! Meine aber, ich könnt' mir's denken! (Plötzlich ernsthaft.) Höre, Landry, nicht wahr, du wirst mich immer lieb haben, immer, auch wenn – du eine Frau hast? He?

Landry (auflachend). Eine Frau? Ha, ha, ha! Damit hat's gute Wege: wenn du sonst keine Sorge hast –

Didier (schüttelt den Kopf). Na, na, wer weiß! Wenn die Grille die Madelon wieder gut macht, (plötzlich wieder heiter, drollig) und ich sage dir, die Fanchon kann alles, was sie will.

Landry (mit dem Fuß stampfend). Fängst du schon wieder mit der Grille an? – Geh deiner Wege!

Didier (erschrocken). Na, na – du Werwolf, so warst du ja mein Tage nicht! Was muß dir die Fanchon nur gethan haben?

Landry. Soll ich dem Vater die Pfeife bringen?

Didier. Nein, nein, ich gehe schon! Ach, das arme gute Grillchen! (Er geht ab nach links.)

 
Dritter Auftritt.

Landry allein.

Landry (hin und her gehend). Dem eitlen Burschen, der sie nicht ausstehen konnte, hat sie's nun auch angethan! Das fehlte noch in der Familie, daß sich ein solch junger Bengel, der noch ein halbes Kind ist, in das Mädchen vergaffte! (Stillstehend.) Ja so, wir sind in einem Alter! Na, ich bin aber um zehn Jahre gescheiter und ein anderer Kerl – und hatte doch den Raptus, sie – küssen zu wollen. Hm – ist doch schade, daß nichts draus wurde! (Pause.) Wer hätt' es aber geglaubt, was hinter der Grille steckt! Einen Kopf hat sie und ein Herz, wie keine sonst, das leuchtet sogar dem Didier ein. (Pause.) Ich suche sie schon seit drei Tagen und kann sie nirgends finden – und dem dummen Jungen läuft sie gerade in die Hände! Was sie wohl für ein Gesicht machte, wenn sie mir begegnete wie dem Didier? (Er horcht plötzlich.) Bin ich verrückt, daß ich überall ihre hübsche Stimme höre – oder (er sieht nach links) nein, nein – dort steht sie mit der Madelon. Hat mir's doch einen Riß durch alle Glieder gegeben – das arme Ding hält Wort. (Er sieht hinaus.) Wie sie über die Wiese geht, so leicht wie ein Wolkenschatten. Ei, (verwundert) und wie sieht sie heute so ganz anders aus als sonst – der Didier hat recht, so schmuck, so reinlich! Was es doch für einen hübschen Wuchs hat, das Kind! (Neugierig.) Wie eifrig sie in die Madelon hineinspricht. Ob sie ihr die Geschichte von dem Irrlicht erzählt? Das wäre – Holla, sie kommen hierher – ich muß wissen, wie sie es anfängt, die Madelon wieder gut zu machen, und wenn's ums Leben ginge! (Er springt rasch hinter den Baumstamm, der hinter dem Brunnen steht.)

 
Vierter Auftritt.

Der Vorige versteckt. Madelon, in einfacherer Kleidung als früher, aber doch viel reicher als Fanchon, trägt einen Wassereimer und kommt mit Fanchon von links, diese ist sehr einfach, aber besser und kleidsamer gekleidet als im ersten Aufzug; hauptsächlich verändert ein längeres Mieder und ein längerer Rock ihre Gestalt, sie trägt ebenso wie Madelon ein graziöses kleines Häubchen, nur einfacher, und das Haar hängt ihr in langen Zöpfen über den Rücken.

Madelon. Laß mich zufrieden, Grille, du schleichst mir schon drei Tage nach, drängst dich mir auf, und ich habe keine Zeit, dein albernes Geschwätze anzuhören – (sie schiebt den Eimer unwillig unter die Röhre) das ganz vergeblich ist, denn ich glaube doch nicht, daß dir der Landry nur deshalb sein Wort gab, weil du ihm das Versteck des Bruders verraten.

Fanchon (sanft und einschmeichelnd). Deshalb nur erneute er es, Madelon: ich hab' Euch ja gesagt, daß er schon vor einem Jahr, in der Nacht, eilig durch den Fluß gehen wollte, und in der Dunkelheit die Furt verfehlte –

Madelon (schnippisch). Und da kamst du ihm zu Hülfe, ja, ja, ich weiß schon!

Landry (steht so hinter dem Baum, daß ihn die Mädchen nicht sehen können; für sich). Von dem Irrlicht sagt sie nichts!

Fanchon (demütig). Da meinte nun Landry, ich hätte ihm einen Dienst geleistet, und er müßte mir dankbar sein. Das aber solltet Ihr loben, statt ihm deshalb zu grollen, Madelon, denn Ihr wißt recht wohl, daß mit der Grille zu tanzen keinem ein Vergnügen oder eine Ehre ist wie mit Euch; wenn daher Landry seinen liebsten Wunsch opferte, um sein Versprechen zu halten, so ist er ein wackerer Bursche, auf dessen Liebe Ihr stolz sein könnt.

Madelon (indem sie den Eimer vom Brunnen zurückzieht, auf die Ecke desselben stellt und sich mit dem Ellbogen nachlässig darauf lehnt, höhnisch lachend). Stolz, ich? Madelon Caillard, die zehn Liebhaber haben könnte, sollte auf Landrys Liebe stolz sein! Ha, ha, ha!

Fanchon (mit tiefem Ernst, nach und nach immer feuriger werdend). Ja, das solltet Ihr, Madelon – und jedes Mädchen, wär's auch eine Prinzessin, dürfte stolz sein, wenn sie Landrys Herz besäße – denn er ist mehr wert als Eure zehn Liebhaber zusammen! Er ist nicht allein der hübscheste und reichste Bursche in der ganzen Gegend, er ist auch der rechtschaffenste! Er ist ein gehorsamer Sohn, und da er die Eltern über alles ehrt, wird er auch seine Frau in Ehren halten. Die ältesten Leute im Dorfe kannten keinen fleißigeren Arbeiter als ihn. Wer hat ihn je in der Schenke spielen, wer ihn betrunken gesehen? – Landry hat nie eine Liebschaft gehabt als mit Euch, das könnt Ihr von keinem Eurer zehn Liebhaber sagen! (Mit Energie.) Auf solch einen Mann dürft Ihr wohl stolz sein, Madelon.

Madelon (verächtlich). Ich habe keine Liebschaft mit ihm; ich weiß wohl, daß der einfältige Junge in mich verliebt war, er hatte aber nicht einmal das Herz, mir das zu sagen!

Fanchon (fährt zusammen). Er hat es nie gesagt? Was? (Schnell gefaßt.) Aber er liebt Euch doch – wenn Ihr gesehen hättet, wie unglücklich er am Saint-Andoche war –

Madelon (spöttisch). So hätt' ich es nicht geglaubt. Meinst du denn, Grille, ich wäre taub und blind, oder hältst du die Madelon für dümmer, als du bist? Sah er dich nicht an mit Augen – als wärst du gerade so schön, als du häßlich bist? Lief er dir nicht nach, als du fortgingst? – Das wär' ein herrlicher Liebhaber für Madelon Caillard! Laß mich in Ruhe und behalte deinen langweiligen Schatz, aufdringliches Ding, es ist gewiß der erste und letzte, der an dir Gefallen findet.

Landry (hört in heftiger Bewegung zu; plötzlich scheint er einen Entschluß zu fassen, er schleicht sacht hinter dem Baum weg und auf den Zehen im Hintergrund nach links hinüber).

Fanchon (mit bebender Stimme). Wer könnte an mir Gefallen finden?

Madelon (höhnisch). Na, der lange Zwilling! (Lachend.) Du kannst ihn ohne Gewissensbisse für dich nehmen, mir war es niemals ernst mit ihm.

Landry (als träte er jetzt erst von links auf, heiter und rasch). Ah, da seid Ihr, Mademoiselle Madelon! Vater Caillard schickt mich – Ihr sollt ins Haus kommen. (Als sähe er Fanchon jetzt erst, sehr freundlich.) Ei, Fanchette! Guten Tag, mein Grillchen! Wie, kommst du einmal nach der Priche herüber, was machst du hier?

Madelon (geärgert durch seine Freundlichkeit mit Fanchon, spöttisch). Vergebene Arbeit, Landry, denn die Grille verfolgt mich Schritt für Schritt und plagt mich, um mich mit Euch zu versöhnen!

Landry (sieht Madelon an, dann Fanchon, dann wieder Madelon). Versöhnen? Mit Euch, Madelon? Was fällt der Fanchon ein; sind wir denn im Unfrieden?

Madelon (sehr betreten). Nun, ich dächte doch – Euer Betragen am Saint-Andoche – Ihr habt ein kurzes Gedächtnis, Landry.

Landry (scharf). Ihr irrt Euch, Mademoiselle Madelon, ich habe ein sehr gutes Gedächtnis; ich weiß noch ganz genau, daß ich mich zu Saint-Andoche nicht mit Euch versprochen hatte, sondern daß Ihr mir auf dem Tanzplatz Eure Hand zum Tanz anbotet.

Madelon (fährt zusammen, beißt sich auf die Lippen und wendet sich von ihm).

Landry (als bemerkte er nichts). Ich würde sie auch gern genommen haben – wenn – wie Ihr wohl wißt – die Grille nicht ältere Rechte an mich gehabt hätte. Aber gesetzt, wir beide lebten seitdem wirklich in Unfrieden – sage mir nur in aller Welt, Fanchon (ernsthaft, sich zu ihr wendend) wie du dazu kommst, dich in diese Sache zu mischen? Meinst du vielleicht, wir beide (auf Madelon) seien Liebesleute und hätten jemals ein solches Wort miteinander gewechselt? Das ist uns nie eingefallen.

Madelon (fast stimmlos). Ich hab' es dem aufdringlichen Geschöpf ja gesagt – da hörst du's nun, Grille.

Fanchon (starr, die Hände faltend). Aber, Landry, ich dachte ja –

Landry (sie unterbrechend, lächelnd). Daß mir die schöne Madelon gefällt? Ei – wie sollte ein junger Bursche, der Augen im Kopfe hat, an einem so hübschen Mädchen nicht Gefallen finden? Deshalb aber braucht man noch nicht ans Lieben zu denken, und am wenigsten ans Heiraten!

Madelon (außer sich, aber gewaltsam sich bezwingend, höhnisch). Wohl gesprochen, Landry! Besonders, wenn man schon versagt ist, wie wir zwei. Ich habe mir einen Mann gewählt, weil eine vernünftige Frau keinen eitlen geckenhaften Knaben nehmen wird, und Ihr habt die Grille mit Euerm Herzen beglückt, weil – Ihr ebensogut wißt, was für Euch paßt – wie ich, was mir ansteht. (Mit einem Knix) Habt nur acht, Landry Barbeaud, daß Euer Liebchen nicht eines schönen Abends auf einem Besen durch den Schornstein davonfliegt, denn das Durchgehen ist nun einmal in der Familie, und einen zweiten Schatz wie diesen fändet Ihr in ganz Frankreich nicht wieder! Viel Glück, mein niedliches Grillchen! Ha, ha, ha! (Sie knixt lachend, nimmt den Eimer auf und läuft ab nach links.)

 
Fünfter Auftritt.

Fanchon. Landry.

Landry (ihr nachsehend). Das wäre so eine Frau für mich gewesen – in den ersten acht Tagen hätt' ich ihr den Hals umgedreht. Fanchon! (Er wendet sich mit leuchtenden Augen zu ihr.) Weiß Gott – ohne dich hätt' ich am Saint-Andoche angebissen und wäre nun – aber was ist dir denn? Du bist blaß wie ein Geist und – zitterst.

Fanchon (sich bezwingend). Landry! – Herrgott, was kam dir zu Sinn, daß du die Madelon so unbarmherzig beschämst? Sie kann dir ja nimmermehr vergeben.

Landry (mit Ingrimm). Das soll sie auch nicht – denn ich verzeihe ihr die Bosheit, die Verachtung nie, mit der sie deinen redlichen Willen vergalt. Was sie von mir sprach, ist mir einerlei, aber um deinetwillen mußte sie Strafe haben, und du mußtest erfahren, daß ich nie ein Verständnis mit ihr hatte.

Fanchon (immer heftiger bewegt). Aber – Landry – bist du von Sinnen? Die schöne Madelon wird –

Landry (in steigender Bewegung). Was, Madelon. Du bist ja zehnmal schöner als die Madelon –

Fanchon (faltet die Hände und starrt ihn sprachlos an).

Landry (fortfahrend). Du bist so schön, wie es kein Mädchen mehr giebt – Du bist nicht wie die anderen von außen, du bist von innen heraus schön – du bist auch so klug, so brav, so tapfer wie keine andere! Als du so dastandest am Saint-Andoche-Tag, und die prächtigen Haare um dich herfielen, als dir die Augen wie Feuer blitzten, und du der bösen Rotte so mutig Trotz botest, weißt du, Fanchette, da merkt' ich erst, daß ich dich bis dahin noch gar nicht gesehen hatte – und als wir dann zusammen sprachen am Abend, begriff ich auf einmal, um wie viel besser und gescheiter du bist als ich – und daß ich's dir nur heraussage – es hilft nichts – ich mag mich wehren wie ich will, seit dem Abend denk' ich an dich, sehe kein anderes Mädchen mehr als dich und sehe dich immer – auch wo du nicht bist!

Fanchon (die an allen Gliedern zitternd immer zurücktrat, je näher ihr Landry kam, und ihren Sinnen nicht zu trauen scheint, stammelnd). Was – was?

Landry (fortfahrend). Denn jetzt weiß ich, wie eine Frau beschaffen sein muß, die ein Mann länger als vier Wochen, die er für alle Zeit lieb haben kann!

Fanchon (wie oben, in heftiger atemloser Bewegung). Lieb haben – mich – mich könnte ein Menschenkind lieb haben?

Landry (mit überströmender Zärtlichkeit). Lieb haben, daß man dir Herz und Seele für alle Ewigkeit hingeben möchte – (er streckt die Arme nach ihr aus) wenn du sie nur annehmen wolltest, Fanchette!

Fanchon (ist bis zu der Bank am Brunnen gekommen, streckt die Arme wie abwehrend von sich, fährt dann plötzlich nach dem Herzen, drückt die Hände fest auf die Brust, stammelt tonlos). Nein – nein – nein! (Sie fällt ohnmächtig auf die Bank, sodaß sie mit dem Rücken am Brunnen lehnt.)

Landry (entsetzt). Fanchon! Herrgott! Was ist's? (Er faßt ihre Hand.) Sie ist eiskalt! (rufend.) Fanchon, um Gottes willen, Fanchon!

Fanchon (atmet tief auf).

Landry (ihre Hände reibend). Sie atmet! Fanchette! Sie macht die Augen auf! (Vor ihr niederkniend.) Mein liebes Grillchen – was ist dir?

Fanchon (schiebt ihn sanft von sich). Ich weiß es nicht – ich habe mein Lebtag so etwas nicht empfunden, es war – als sollt' ich sterben! – Laßt mich, Landry.

Landry (ist aufgesprungen). Aber – was hab' ich dir denn gethan?

Fanchon (vollständig gefaßt). Du treibst ein böses Spiel mit mir, Landry, und doch giebt es heilige Dinge, mit denen ein frommer und rechtschaffener Bursche nicht spaßen sollte.

Landry (sie anstarrend). Aber Fanchon, ich bin nicht so gottlos, mit einem so ernsthaften Wort zu spielen; ich habe dir gesagt was wahr ist, daß ich dich über alle Maßen gern habe. (Er will sie umschlingen.)

Fanchon. Laßt mich, Landry. (Sie reißt sich los und flieht auf die andere Seite.)

Landry (läuft ihr nach und faßt wieder ihre Hand). Fanchette, ich kann dich so nicht lassen.

 
Sechster Auftritt

Die Vorigen. Vater Barbeaud. Caillard und Didier von links. Didier eilt den anderen vorauf, als wollte er Landry warnen. Der Vater im Sonntagskleid, Hut und Stock, einen kleinen Blumenstrauß im Knopfloch, er bleibt stehen, faßt Didiers Arm und hält ihn fest, während er erstaunt und empört auf die Gruppe im Vordergrund blickt.

Didier (ganz starr vor Verwunderung). Landry!

Landry (läßt Fanchons Hand los, erschrocken). Der Vater! (Er geht nach rechts.)

Caillard. Seht Ihr, Vater Barbeaud? Die Madelon hatte recht!

Vater (sich bezwingend). Ja, leider Gottes muß ich sehen, daß es wahr ist, was ich nicht glauben wollte, daß mein Sohn sich hier mit einem Mädchen herumtreibt – das jedem ehrbaren Burschen ein Greuel ist! (Sich fassend.) Landry, was neckst du dich mit dem Geschöpf?

Landry (mit Ehrerbietung, bescheiden aber fest). Ich habe mich mit Fanchon nicht geneckt, Vater, sondern in aller Ehrbarkeit ein sehr ernsthaftes Gespräch mit ihr geführt.

Vater (finster). Darfst du es vor uns hier sagen, was du mit der Grille geredet?

Landry (stockend). Wenn Ihr es gebietet, Vater, so muß ich es sagen.

Caillard (barsch). Und ich muß es hören, Landry Barbeaud, ehe ich dir meine Tochter zum Weibe gebe.

Landry (zurückfahrend). Eure Tochter? Mir? Hat sie mich oder ich sie begehrt?

Caillard. Dein Vater hat sie für dich verlangt – und ich frage meine Tochter nicht lange, sie wird denjenigen nehmen, den ich ihr gebe.

Landry. Und Ihr, Vater, fragt Ihr auch den Sohn nicht, wenn es sich um das Weib handelt, mit dem er sein Lebtag glücklich und in Frieden hausen soll?

Vater. Ich weiß, daß dir die Madelon längst in die Augen sticht, und da du nun das Alter erreicht: »wo es nicht gut ist daß der Mensch allein sei,« weil (mit einem Seitenblick auf Fanchon) er dann leicht auf Irrwege gerät, so dacht' ich, daß es an der Zeit sei, bei Vater Caillard den Brautwerber zu machen, und wir sind einig geworden. Die Madelon bekommt (gewichtig) dreitausend Franken Mitgift, du von mir ebensoviel; das ist eine vorteilhafte Heirat für beide Teile, denn ihr taugt zusammen; so ist es abgemacht, und so wird es dir recht sein.

Landry (wie oben). Nein, Vater, so kann es mir nicht recht sein, denn ich weiß, daß ich der Madelon zuwider bin, und sie weiß, daß ich mir nichts aus ihr mache – wir taugen also nicht zusammen.

Vater (zornig). Was, du widersetzest dich deinem Vater und deinem Brotherrn? Du wirst gehorchen, wie du es gethan, seit du auf der Welt bist.

Caillard (ruhig). Nicht so hitzig, Vater Barbeaud! Ehe wir weiter reden, soll der Bursche Eure Frage beantworten: was hat er der Grille gesagt, als wir kamen?

Landry (lakonisch). Ich denke genau dasselbe, was mein Vater meiner Mutter sagte, da er um sie warb.

Vater (ganz starr). Was – was!

Landry (wie oben). Ich habe der Fanchon gesagt: daß ich sie für das bravste und hübscheste Mädchen in der Welt halte, sie herzlich liebe und daß ich sie – mit Eurer Erlaubnis – zum Weib nehmen wollte.

Zugleich:

Caillard. Hört Ihr?

Vater (außer sich). Landry!

Didier (der entsetzt zusammenfuhr, besänftigend). Vater!

Fanchon (die vollständig ruhig alles anhörte, macht eine rasche Bewegung freudiger Überraschung und steht im nächsten Augenblick wieder so ruhig wie zuvor).

Vater (nach einer Pause, sich bezwingend, fast tonlos vor Zorn). »Mit meiner Erlaubnis« – sagtest du noch – also so viel gesunde Vernunft hat dir (auf Fanchon) die Hexenbrut doch übrig gelassen! »Mit meiner Erlaubnis!« (Mit einem grimmigen Blick auf Fanchon.) Gut – so geschieht es nie! Du kannst auch wohl nicht im Ernst glauben, daß ich, einer Buben-Liebschaft willen – ein verrufenes Bettelkind in den Zwillingshof als Tochter einführen werde!

Landry (mühsam seine Mäßigung behauptend). Vater – Ihr –

Fanchon (tritt bescheiden, aber entschieden zu Barbeaud, ruhig und trocken). Ein Bettelkind bin ich nicht, Vater Barbeaud; wenn ich auch in schlechten Kleidern ging, so hab' ich doch mein Lebtag von keinem Menschen einen Sou gefordert noch angenommen; hab' ihn auch nie gebraucht, das wißt Ihr ebensogut, als daß es nicht meine Schuld ist, wenn mein Name verrufen wäre. Daß Ihr aber eine Schwiegertochter wie die arme Grille nicht willkommen heißen könnt, das begreif' ich, denn ich habe mich bis jetzt nicht so vernünftig aufgeführt, wie es einem ehrbaren Manne Eurer Art gefallen kann; und wenn Ihr auch wohl einseht, daß man in meinem Alter Fehler ablegen kann, wenn man erst weiß, daß man solche hat(mit leiser Bitterkeit) so ist das mit dem Fehler der Armut – der doch in Euren Augen gewiß mein schlimmster ist, freilich nicht so leicht möglich. – Ich sage das nicht etwa, um Euch zu gewinnen – es fiel mir nie ein, mich in Eure Familie zu drängen, ich sag' Euch das alles nur, damit Ihr seht, daß ich Euch nicht unrecht gebe – (etwas näher tretend, mit trockenem Humor) obgleich Ihr im Irrtum seid, wenn Ihr meint: »hier sei eine Liebschaft.« Dazu gehören zwei, Vater Barbeaud, und wenn Euch Landry sagt, daß er mich gern hat und mich heiraten will, so ist deshalb nicht gesagt, daß mir ebenso zu Mute ist. Ich werde mein Lebtag nicht nach einem Mann verlangen, von dem ich weiß: »der ist nicht für mich(Kurz.) So steht es mit mir, Vater Barbeaud; wenn Euer Sohn weniger verständig als ich, so kann ich nicht dafür; ich thue meine Pflicht, da ich ihm sage: »Landry, ich bin nicht für dich;« thue er nun, was ihm zukommt, so hat jedes seine Schuldigkeit gethan. Gott befohlen, Vater Barbeaud! (Ab nach links.)

 
Siebenter Auftritt.

Die Vorigen ohne Fanchon.

Landry (der vernichtet dastand). Fanchon! – Höre mich! Es kann dein Ernst nicht sein!

Vater (faßt seinen Arm). Landry, du kommst mit uns.

Landry (verstört). Wohin?

Vater. Zur Verlobung mit der Madelon.

Landry (sich losreißend). Eher in die Räder der Thalmühle. Die Madelon nehm' ich nie! (Er stürzt nach rechts ab.)

 
Achter Auftritt.

Die Vorigen ohne Landry.

Alle (stehen zuerst sprachlos da).

Didier (nach einer Pause). Vater, Ihr gebt dem Landry also die Grille nicht?

Vater (bebend). Nein!

Didier. Wirklich nicht?

Vater. Niemals!

Didier (ihm die Pfeife vor die Füße werfend, trotzig). Dann tragt Euch Eure Pfeife auch selber nach Haus! (Eiligst nach rechts ab.)

Der Vorhang fällt rasch.

 
Verwandlung.

Die Gegend mit der Hütte der alten Fadet, wie im ersten und dritten Aufzug. Es ist gegen Abend, aber noch hell.

Neunter Auftritt.

Die alte Fadet und Manon kommen im Gespräch von rechts hinter der Hütte.

Manon (eine Bäuerin zwischen dreißig und vierzig Jahren, hält einen Brief in der Hand). Aber – Ihr solltet es doch erst recht überlegen, eh' Ihr den Antrag zurückweist, Mutter Fadet! Die Fanchon ist mein Patchen, so ist's meine Pflicht, Euch aufmerksam zu machen; das arme Ding wächst heran, ist Euch zur Last – und muß, um ihrer Mutter willen, täglich Schande und Spott ertragen. Es wäre besser für Euch und sie, wenn das Mädchen fort käme; auch der Herr Pfarrer meint: »in die Länge thue es doch kein gut!«

Fadet. Was geht das den Pfarrer an? Die Fanchon ist mir keine Last, Manon, sie ist mir eine Stütze geworden –

Manon (sie unterbrechend). Aber Fadet, Ihr denkt nur an Euch, und nicht an die arme Grille. Der Schlossermeister Bertrand ist ein wohlhabender Mann, seine Frau, meine Base, ein braves Weib; solch einen Platz könnt Ihr lange suchen in hiesiger Gegend, wenn Ihr ihn einmal braucht.

Fadet (ungeduldig). Wir brauchen ihn aber nicht und wollen auch nicht –

Manon (den Kopf schüttelnd). Na, na, Mutter Fadet, Ihr müßt mehr Geld in der Tasche haben, als man Eurem Rock ansieht, daß Ihr so stolz redet. Die Fanchon wollte auch nichts davon hören –

Fadet (rasch). Habt Ihr's dem Mädchen schon gesagt?

Manon. Diesen Morgen. »Sie könne Euch nicht verlassen,« meinte sie. (Sie zuckt die Achseln.) Ich sehe schon, dem armen Ding ist nicht zu helfen, so gern ich es auch gethan. (Sie wendet sich zum Gehen.) Guten Abend! (Sie erblickt Fanchon.) Ei, da ist sie! Wie das Kind laufen kann, ein Wiesel ist eine Schnecke dagegen!

 
Zehnter Auftritt.

Die Vorigen. Fanchon kommt von links über den Felsensteg.

Fanchon (sehr rasch und erhitzt, ruft auf der Brücke schon). Pate Manon! Pate Manon! Geht noch nicht, wartet noch, ich habe mit Euch zu reden. (Sie ist jetzt unten, eilig, mit einem Knix.) Guten Abend, Frau Pate! Ihr habt's wohl der Großmutter wegen des Platzes in der Stadt gesagt?

Manon. Freilich! Aber sie will nicht.

Fanchon (immer aufgeregt und eilig). Pate Manon, thut mir die Liebe und tretet ein paar Augenblicke ins Haus, ich will mit der Großmutter reden.

Manon (freundlich). Gern. Wenn es nur was Gescheites wird, dann wart' ich schon. (Sie geht nach rechts in die Hütte.)

 
Elfter Auftritt.

Die Vorigen ohne Manon.

Fanchon (die Alte an der Hand fassend, zieht sie in den Vordergrund, hastig). Großmutter, laß mich den Dienst in der Stadt annehmen, der liebe Gott schickt ihn mir; ich muß fort von hier.

Fadet (erschrocken). Was fällt dir ein, Grille? Ist das dein Versprechen, bei mir zu bleiben, bis –

Fanchon (plötzlich vollständig ruhig und energisch). Großmutter, du schickst mich selber fort, wenn ich dir sage:– daß ich dem Landry Barbeaud aus dem Wege muß.

Fadet (ganz Leben und giftig). Dem Landry? Was giebt's schon wieder mit dem?

Fanchon (trocken). Er hat sich in mich vernarrt und seinem Vater gesagt: er wolle mich heiraten.

Fadet (faltet die Hände über ihrem Krückstock). Bist du närrisch? Er hat das seinem Vater gesagt, dem hochnäsigen Barbeaud? (Triumphierend.) Hei, das wird ihm in den vornehmen Magen gefahren sein! Und was sagte der? Schlug er ihn nicht gleich tot nieder?

Fanchon (wie oben). Er sagte: daß er das »Bettelkind, die verrufene Grille, die Hexenbrut« nie in sein Hans einlassen werde.

Fadet (mit Ingrimm). Ja – das glaub' ich, das glaub' ich! Soll's auch nicht. Das »Bettelkind« soll nicht einziehen in den Zwillingshof. Hi, hi, hi!

Fanchon (fest). Das wird es auch nicht, Großmutter. Aber der Landry hat nun einmal seinen Kopf darauf gesetzt, er wird mir keine Ruhe lassen, (listig, mit einem Seitenblick) und am Ende ist er ein hübscher junger Bursche – ich bin auch nicht von Holz, wenn ich nun – Mitleid mit ihm bekäme –

Fadet (auffahrend). Mitleid – mit Jean Barbeauds Sohn, Mitleid? Am Ende gar – (entschlossen) nichts da – du bist ein kluges Kind, mein Grillchen, du hast recht, du mußt fort!

Fanchon (rasch). Und heute noch, Großmutter! Nicht wahr? Macht es nur rasch ab mit der Pate, ich will noch einmal nach den Tieren sehen.

Fadet. So soll's sein, mein Grillchen. (Sie streichelt ihr die Wange fast weinend.) Du wirst mir zwar überall fehlen, die alte Fadet ist nun ganz allein. (Mit boshafter Freude.) Aber es wird mich trösten, daß der Jean Barbeaud auch Elend hat, der Landry wird's ihm schon verschaffen! Denn – weißt du – (geheimnisvoll, indem sie ihren Arm faßt und sie zu sich zieht) es thut bitter weh, wenn man einem nimmt, was er gern hat, das frißt am Leben! Ich gönn's dem Alten, hat's wohl verdient! Hi, hi, hi! (Sie geht während der letzten Worte nach rechts in die Hütte.)

Fanchon (sieht ihr schaudernd nach). Mir graut vor der Großmutter! Was hat ihr nur der Barbeaud gethan? (Sie wendet sich nach rechts, als wollte sie hinter der Hütte abgehen.)

 
Zwölfter Auftritt.

Fanchon. Didier kommt aufgeregt und atemlos von links über den Felsensteg.

Fanchon (fährt zusammen, für sich). Der Didier, was will er mir? (Laut, gefaßt.) Was giebt's, Didier?

Didier (halb furchtsam, halb keck). I – ich wollte –

Fanchon (verwundert). Na, was denn? Ja, ich glaube gar, du fürchtest dich vor mir.

Didier (etwas näher kommend). Das heißt – ich meinte nur – (plötzlich herausfahrend.) Ich wollte dich nur fragen, Fanchon – (stockend) ob – alles, was du meinem Vater sagtest, dein Ernst war?

Fanchon. Mein heiliger Ernst, Didier.

Didier (zögernd). Du willst meinen armen Landry wirklich nicht?

Fanchon (trocken). Darauf kannst du dich verlassen, Didier; ist's dir nicht recht?

Didier (naiv). O ja, mir ist's schon sehr recht – aber Fanchon, was soll aus Landry werden? Drunten liegt er an der Furt, rauft sich die Haare und schwört, daß er nicht mehr nach der Priche zurückkehrt und nie von dir läßt.

Fanchon (unruhig). Ist's meine Schuld? Ich hab' ihm nicht geheißen, mich so närrisch zu lieben – was kann ich nun thun?

Didier (beklommen und stockend). Sie sagten drüben: da der Landry dich früher nicht leiden konnte, hättest du ihm aus Rache – etwas – etwas – eingegeben – daß er dich nur gern haben müßte!

Fanchon (mit einem kalten verächtlichen Lächeln). Wohl einen Liebestrank, nicht wahr?

Didier (tief atmend). Ja, ja, das sagten sie, und da meint' ich, Fanchon, weil du mir doch wahrhaftig ein gutes Herz gezeigt hast – da du dir doch nichts aus dem Landry machst, ob du mir nicht ein Mittel geben wolltest, das ihn –

Fanchon (wie oben). Das ihn von seiner Liebe befreien könnte?

Didier (nickt verlegen). Ja, Fanchon! Und wenn's nicht anders wäre, (ihr mit ängstlicher Freundlichkeit näher tretend) und es müßte durchaus einer von uns dran glauben – weil wir dich doch beide früher nicht ausstehen konnten, so könntest du dich ja lieber an mir rächen –

Fanchon (lachend). Das ist gar nicht nötig, Didier – es muß gerade keiner von euch sein! Du meinst es gut, Didier, (sie legt ihm die Hand auf die Schulter) aber du bist und bleibst ein armer dummer Junge, wenn du solchen Altweiberunsinn aus der Spinnstube glaubst. Ich weiß aber ein ganz christliches und natürliches Mittel, den Landry zu heilen, und ich will es an ihm versuchen.

Didier (rasch). Was ist das für ein Mittel?

Fanchon (gelassen). Morgen sollst du's erfahren.

Didier (halb gläubig, halb zweifelnd). Und du bist gewiß, daß es hilft?

Fanchon (humoristisch). Wenn es nicht hilft – so ist Landry unheilbar. (Sich nach rechts umsehend.) Horch, die Großmutter; geh ihr aus den Augen – sie verträgt sich nicht mit den Barbeauds.

Didier (erregt). Und so schickst du mich fort, ohne Trost für ihn?

Fanchon (ruhig). Morgen werdet ihr alle getröstet sein. Geh deiner Wege! (Sie wendet sich nach der Hütte rechts.)

Didier (wirst trotzig den Hut auf den Kopf und geht, bleibt aber bei den ersten Worten der alten Fadet im Hintergrund stehen und hört neugierig und erstaunt zu).

 
Dreizehnter Auftritt.

Die Vorigen. Die alte Fadet und Manon von rechts aus der Hütte.

Fadet (hat ein Bündel in der Hand). So, Fanchon, kannst dich gleich auf den Weg machen; 's ist alles in Richtigkeit. Du bekommst fünf Franken Aufgeld, damit kannst du die Reise schon bestreiten.

Didier (im Hintergrund, für sich). Herr Gott! Sie geht! Das ist ihr Mittel! (Er geht rasch, aber vorsichtig über die Brücke nach links, woher er kam, ab.)

Manon (freundlich). Nun, Fanchon, ich hoffe, es soll dir wohlgehen in der Stadt. Kommt mit mir, Mutter Fadet, daß ich Euch das Aufgeld gebe. (Sie geht rechts ab.)

Fadet. Gleich, gleich! Muß nur erst noch zum Küster, Fanchons Taufzeugnis holen. Nun schnüre schnell dein Bündelchen und komm nach, bei der Manon wart' ich auf dich.

Fanchon. Das soll bald geschehen sein.

Fadet. Nun eile, eile, mein Grillchen, (mit einem scharfen Blick) daß dich keiner mehr aufhält! Hörst du?

Fanchon. Seid ruhig, Großmutter, mich hält keiner, wenn ich fort will! (Sie geht nach rechts in die Hütte ab.)

Fadet (ihr nachsprechend). Ja, ja, weiß schon, Fanchette! Dein Kopf ist so hart als der meine, wie jung er auch ist; steckt in der Familie. Gottlob, daß es so fest ist, das Kind! (Sie will rechts ab.)

 
Vierzehnter Auftritt.

Die alte Fadet. Vater Barbeaud von rechts vor der Hütte.

Vater (aufgeregt, doch um seine Unruhe zu verbergen, trotzig, ihr gerade entgegen). Halt da, Mutter Fadet – auf ein Wort!

Fadet (prallt zurück). Alle gute Geister – der Jean Barbeaud, bei lebendigem Leibe!

Vater (barsch). Bei lebendigem Leib, wie Ihr seht, und sucht Euch!

Fadet (ihren Sinnen nicht trauend). Ich dachte, wir zwei kämen nicht mehr zusammen in Fleisch und Bein – ich meinte Euch dort zu erwarten, Jean Barbeaud – wo noch einer Euch verklagt!

Vater. Laßt die alte Geschichte und hört auf ein vernünftiges Wort; ich komme in friedlicher Absicht.

Fadet (faltet die Hände über den Krückstock). In friedlicher Absicht! (Höhnisch.) Ei, seht doch! Ihr tragt ja den Strauß im Knopfloch, kommt wohl gar als Brautwerber – wollt die Grille heimführen, »das Bettelkind«.

Vater (reißt den Strauß ab und wirft ihn weit von sich). Hol's der Henker – ich wollte, ich hätt' ihn nicht vorgesteckt, um all den Ärger zu erleben! (Entschlossen.) Hört, Fadet, es ist zwar lange her, daß wir gute Freunde waren –

Fadet. Hi, hi, hi, ich denke, wir waren's nie –

Vater. Meinetwegen waren wir's nie – aber ich kenn' Euch deshalb doch durch und durch. Geld ist die Seele in Eurem Leib.

Fadet. Dann kennt Ihr mich – wie Euch selber, Jean Barbeaud.

Vater. Auch möglich! Ihr wißt, daß mein Sohn Landry verrückt nach Euerm Enkelkind ist –

Fadet (mit trockener Bosheit). Weiß!

Vater. Sie hat ihn so rasend gemacht, daß –

Fadet (kichernd). Daß er sie zum Weib will, weiß schon, weiß.

Vater. Nun – in Kuckucks Namen, ja! Und denkt Ihr, daß ich das jemals zugebe?

Fadet. Ich denke, daß – ich auch einmal jung war und ein Herz im Leibe hatte; daß Euer jüngerer Bruder Collas und ich uns liebten, daß ich auch blutarm war, wie meine Grille es heute ist, und daß Ihr, Jean Barbeaud, darauf fluchtet: »Eher das Gehöft anzuzünden, ehe Euch ein Bettelkind wie ich als Schwägerin über die Schwelle sollte.« Ha, ha, ha! Der Collas war gut, aber ein Schwachkopf, der Vater tot, er ganz in Euern Händen. (Mit bebender Stimme.) So gern er mich hatte, der arme Junge, er that Euch den Willen und verließ mich! Ich nahm den Bader Fadet – (höhnisch) dem ich nicht zu arm war, Euer Bruder aber ergab sich dem Trunk, so ging er elend zu Grunde – und Ihr– stricht sein Erbe ein! Das sind bald vierzig Jahre her, Jean Barbeaud – (sich aufrichtend) aber so wahr ich's Euch gedenke, als wär's eine Geschichte von gestern, so wahr ich's Euch noch gedenken werde, wenn wir beide schon im Fegefeuer brennen, so wahr habe ich keinen Menschen mein Lebtag gern gehabt (mit zitternder Stimme) als den Collas.

 
Fünfzehnter Auftritt.

Die Vorigen. Fanchon tritt aus der Hütte, ein Bündel im Arm, steht erschrocken still, läßt das Bündel fallen, tritt wieder in die Hütte zurück und hört das Folgende mit an.

Vater (gequält von der Erinnerung). Na – laßt's gut sein mit dem Vergangenen! Was ich damals gethan, kann ich vor meinem Gewissen verantworten und brauche mich deshalb nicht mit Euch zu streiten.

Fadet. Daran thut Ihr wohl! Und ich freue mich nur, daß Ihr jetzt auch erfahren werdet, wie bitter Herzeleid schmeckt; denn wißt – (geheimnisvoll) es steckt in unserem Blut, daß keiner von uns lassen kann, der einmal angebissen. So ging's dem armen Collas, (triumphierend) und so wird's Euer Landry spüren müssen, daß er sich in mein Enkelkind vernarrt hat – (kichernd) und Ihr werdet's mit ansehen, wie er sich verzehrt und auffrißt in Gram – und an den Collas denken müssen Tag für Tag!

Fanchon (faltet entsetzt die Hände).

Vater (zwischen Angst und Wut). Drum soll ihm die Hexenbrut aus den Augen, und darum hab' ich den harten Gang zu Euch gemacht, Fadet – und nach vierzig Jahren das erste Wort mit Euch geredet! Ich wollte –

Fadet (lacht höhnisch). Mich erbitten?

Vater (herausfahrend). Euch erbitten, alter Drache? Da müßt' es bei mir übergeschnappt sein, wenn ich bei Euch ein Herz suchte! Erkaufen will ich, was mir nötig ist, Eueren Geiz vergnügen, Euere Geldgier stillen. Tausend Franken, wenn Ihr die Grille fortschickt oder verheiratet.

Fadet (aufhorchend, wiegt den Kopf). Tausend Franken! Wetter, Ihr verschwendet auf Euere alten Tage – ist mir aber zu wenig.

Vater. Zweitausend!

Fadet. Hi, hi, hi! Kann's so wohlfeil nicht thun!

Vater (stampft mit dem Fuß). Alter Satan! Dreitausend!

Fadet. Sieh einmal! Die Hoffart geht bei Euch noch über den Geiz! Hm – das ist ein gutes Geschäft! Sagt zehntausend – zwanzigtausend, Jean Barbeaud – ich lache Euch ins Gesicht, so billig thut Euch die »alte Hexe« keinen Gefallen, stolzer Bauer. Wenn Ihr mir nicht Haus und Hof und Kind und Rind bietet – wenn ich Euch nicht als Bettler vom Zwillingshof ziehen sehe, hätt' ich noch immer nicht genug für Collas und mein verpfuschtes Leben! Wißt! Ihr werdet noch kommen und um die Grille werben für Eueren Landry, und die Anna Fadet wird Euch sagen: »Eher zünde ich mein Gehöft an, ehe ich Jean Barbeauds Sohn über meine Schwelle lasse.« Ihr habt mich zur Hexe gemacht, nun will ich's auch bleiben bis ans Ende! Abgethan, Jean Barbeaud, fürs Zeitliche sind wir zwei fertig mitsammen. Hi, hi, hi! (Sie geht ab nach rechts.)

Vater (stampft mit dem Fuß). Teufel, alter unversöhnlicher Teufel!

 
Sechszehnter Auftritt.

Vater Barbeaud. Fanchon kommt langsam aus der Hütte.

Fanchon. Vater Barbeaud!

Vater (fährt zusammen). Ha! – Die Grille!

Fanchon. Ich habe alles gehört, was Ihr mit der Großmutter gehabt –

Vater. Um so besser – du wirst vernünftiger sein als die verknöcherte Alte, du wirst einsehen –

Fanchon (ihn unterbrechend). Bietet mir nichts an, Vater Barbeaud, denn für Geld gäbe ich kein Herz hin, und wär' es das eines armen Krüppels. Für einen so wackeren Burschen aber wie Euer Landry – giebt es keinen Preis, den Ihr bezahlen könnt! Ihr denkt schlechter von uns armen Leuten, als Ihr vor Euerem Gewissen verantworten dürft, aber ich will Euch deshalb doch nicht plagen, wie die Großmutter. So wißt: Ich habe mich in die Stadt (mit leise zitternder Stimme) verdingt und wandere in die Fremde, diene, damit ich dem Landry aus den Augen komme, noch diesen Abend geh' ich. So habt Ihr denn schon umsonst, was mir kein Mensch in der Welt abkaufen könnte.

Vater (erstaunt und zweifelhaft). Fanchon! Wenn das dein Ernst ist, wenn du wirklich gehst –

Fanchon (gelassen). Ihr werdet es ja sehen, ob ich heut noch gehe oder nicht.

Vater. Wenn du's thust, dann bist du ein vernünftiges Mädchen, und soll mir leid sein, wenn ich dir unrecht gethan.

Fanchon (wie oben). Das hat nichts auf sich; bin's von Kind auf gewohnt. Haltet nur den Landry daheim unter den Augen, daß er (bewegt) den Schlag für den Anfang ruhig übersteht – bin ich erst ein paar Wochen fort, (sie senkt das Haupt) wird er die Grille schon vergessen. (Sie geht nach der Hütte und holt das Bündel, das sie vorher fallen ließ.)

Vater (für sich). Das gebe der Herr – leicht wird's nicht sein! – Weiß der Kuckuck – das Mädel hat was an sich – so was – (er fährt mit der Hand über die Stirn) ich glaube mein Seel – sie könnte mich dauern! (Mit Entschluß, laut.) Nun – Gott behüte dich auf deiner Wanderung, Grille, und wenn du Wort hältst und den Burschen wirklich los läßt, will ich auch gern den Kummer vergessen, den du über mein Haus bringst. Mög' es dir wohl gehen in der Fremde. (Er geht ab nach rechts.)

Fanchon (ihm nachsehend, bitter lachend). »Wohlgehen?« Ja, ja! Wohlgehen! (Den Kopf erhebend, trotzig) Besser, jederzeit in der Fremde leben als mit diesen steinernen Leuten, die so hart und kalt sind – wie ihr Geld. Ach, armer Landry, hättest du die Grille doch nie mit Augen gesehen. (Sie geht mit gesenktem Kopf nach dem Hintergrund rechts.)

 
Siebzehnter Auftritt.

Fanchon. Landry bleich und verstört, mit zerrauftem Haar und offner Brust, atemlos, kommt von links den Felsensteg herab, stürzt über die Brücke.

Landry (fast tonlos). Fanchon! Fanchon!

Fanchon (entsetzt, bleibt unbeweglich stehen und läßt das Bündel fallen). Herr Gott! Der Landry!

Landry (schwankt wie träumend auf sie zu und stürzt so vor ihr zusammen, daß er ihr quer über den Weg liegt, stammelnd). Fanchon, du gehst nicht – gehst nicht! – Mußt über meinen Leib, wenn – du fort – willst.

Fanchon (faltet die Hände und sieht zitternd zu ihm nieder). O lieber Gott, Landry! (Sie bemüht sich, ihn rasch aufzurichten.) Landry, steh auf! (Sie rüttelt ihn.) Hast du denn Sinn und Vernunft verloren?

Landry (sich halb aufrichtend). Kann wohl sein! Da der Didier mir zurief: »Fanchon geht!« dachte ich, die Welt bricht in Stücke! Sag' mir, daß du nicht gehst – oder ich werde verrückt!

Fanchon (sich mühsam fassend). Du bist es schon, Landry, da du des Gehorsams gegen deinen Vater vergißt und nicht einsiehst, daß ich nicht anders kann! (Fest.) Weil du den Mut nicht hast, von mir zu gehen, muß ich wandern, denn – auseinander müssen wir nun einmal, da wir nicht zusammen kommen können.

Landry (springt auf). Warum, warum nicht, Fanchon? Bin ich nicht frei, kann ich nicht gern haben und heiraten, wen ich will? Weil dich mein Vater so grausam mißhandelt – weil –

Fanchon (fest). Weil dein Vater recht hat, so hart er auch verfährt, denn ich tauge nicht für Euer Haus, und weil ich nicht so thöricht bin, auf eine Liebe zu bauen, von der du dir heute einbildest, sie würde dich umbringen, und an die du vor acht Tagen noch nicht dachtest.

Landry. Du irrst dich, Fanchon; ich gehe dir schon ein ganzes Jahr aus dem Wege – weil ich seit der Nacht an der Furt deine Augen stets vor mir sah – und dich deshalb für eine Hexe hielt, weil mir diese Augen so närrisch gefielen.

Fanchon (sanft, ohne Vorwurf). Und doch hast du mich nachher verachtet wie zuvor, Landry, und doch liefst du am Sonntag Abend vor der Schande, für meinen Schatz zu gelten, davon! Eben weil du so plötzlich deine Natur verkehrt, darum muß ich fort. (Ungeduldig, in schmerzlichem Zorn.) O schäme dich, Landry, daß du mir den Mut nehmen willst, statt –

Landry (in wildem Schmerz). Wozu bedarfst du Mut? Weißt du etwas davon, wie es hier (er schlägt sich gewaltsam vor die Brust) aussieht? Du bist kalt, verstockt und eigensinnig – was dein kleiner Kopf will, das will er. Du hast leicht gehen – es liegt dir nichts au mir – du hast kein Mitleid mit meinem Elend, du hättest mich lieber gar der Madelon aufgeschwatzt (als gehe ihm ein Licht auf) und lobtest mich also nur deshalb bei ihr, um mich los zu werden. (In bitterem Zorn.) Was weißt du auch von Liebe –!

Fanchon (in peinlichem Kampfe. aber sich immer bezwingend). Nun, Landry – wenn ich – wie du meinst, auch nichts von Liebe weiß, so weiß ich doch, daß du seit meiner armen Mutter (ihre Stimme zittert) der einzige Mensch bist, der ein Herz für mich hatte. Weißt du, Landry, eben weil ich dein Leid nicht ohne Erbarmen mit ansehen kann, darum will ich dich davon heilen – und da ich (schmerzlich lächelnd) in Wahrheit keine Hexe bin, so weiß ich kein anderes Mittel, als dir aus den Augen zu gehen. – Wenn ich erst eine Zeit von hier fort bin, wirst du nicht mehr an mich denken.

Landry (verzweifelnd). Ich werde immer und ewig an dich denken, Fanchon, und werde zu Grunde gehen! – Du aber – wirst in der Stadt bleiben und einen Mann nehmen, und bald nicht mehr wissen, daß ein armer Bauer von Cosse um dich den Verstand verloren hat.

Fanchon (mit Entschluß). Landry – bist du zufrieden, willst du mir dein Wort geben, daß du mir nicht nachläufst, mich nicht aufsuchst in der Stadt – wenn ich dir bei Gott und der heiligen Jungfrau gelobe: daß ich dich in einem Jahre wieder hier, an dieser Stelle, erwarte – und daß ich keinen Freund auf Erden haben will als dich?

Landry (sieht sie befremdet und zweifelnd an). Wer steht mir dafür, daß du Wort hältst, Fanchon?

Fanchon (legt die Hand auf die Brust, lächelnd und doch fest). Ich stehe dir für mich, ich, die Grille – die ihr Lebtag noch keinen Menschen belogen noch betrogen hat!

Landry (wie oben). Du lächelst, Fanchon – und hast doch Thränen in den Augen? (Er faßt ihre Hand, zärtlich.) Ich verspreche dir alles – wenn du mir ein Pfand giebst – das für dich Bürgschaft leistet! (Er zieht sie in seine Arme.)

Fanchon (entzieht sich ihm rasch, von einem Gedanken ergriffen). Du sollst es haben! (Sie reißt das Medaillon am schwarzen Bändchen aus dem Mieder und betrachtet es zärtlich.) Das ist mein alles, mein heiligstes Gut; ich konnt' es vor den bösen Menschen nicht sagen, du sollst es wissen – es ist das einzige Andenken von meiner armen Mutter – ich hätte eher das Leben als mein Kleinod gelassen – (sie reicht es ihm hin, unter Thränen lächelnd) da hast du es, Landry, verwahre es auf deiner Brust, wie ich es verwahrte; nur so lange du ein gutes Gewissen hast, wirst du's leiden können. Heute um ein Jahr fordere ich es von dir zurück – wenn ich aber mein Gelöbnis gebrochen habe, sollst du mir's nun und nimmer wiedergeben! Bist du nun zufrieden, Landry?

Landry (mit funkelnden Augen, steckt das Medaillon in die Brust). Und – wenn ich dir's treu verwahrt, wenn es nicht von meiner Brust kam, wenn ich dich lieb habe wie heut, Fanchon, dann –?

Fanchon (mit strahlendem Gesicht). Dann werd' ich sagen: daß du ein so braver Bursche bist, als je einer seine Pflicht erfüllt – und dann – (sie stockt plötzlich. im Begriff sich zu verraten, die Hände fest auf die Brust gepreßt, mühsam die Thränen zurückhaltend, aus tiefster Seele) dann – wird ja der liebe Gott wissen, was für uns zwei das beste ist! (Sie nimmt rasch das Bündel auf, gefaßt und kräftig.) Adieu, Landry! Sei wacker, und der Herr behüte dich! (Sie läuft, ohne sich umzudrehen, über die Brücke den Flußsteig hinan.)

Landry (streckt ihr in bitterem Schmerz beide Arme nach). Fanchon! Über ein Jahr!

Fanchon (sich oben noch einmal umkehrend). Über ein Jahr!

Der Vorhang fällt.

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