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Die Grenadière

Honoré de Balzac: Die Grenadière - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleDie Grenadière
publisherDiogenes
year1977
translatorHugo Kaatz
isbn3257204469
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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So vollzog sich ihr Leben, ein einförmiges aber ausgefülltes Leben, wobei die glückliche Mischung von Arbeit und Zerstreuung keine Zeit für die Langeweile übrigließ. Kleinmütigkeit und Klagen gab es nicht, und die grenzenlose Liebe der Mutter ließ alles leicht erscheinen. Sie hatte ihren beiden Söhnen Bescheidenheit beigebracht, indem sie ihnen niemals etwas verweigerte, Mut, indem sie sie gelegentlich lobte, Entsagung, indem sie sie auf das Notwendige in jeder Form hinwies; so hatte sie ihre himmelsreine Natur mit ihrer feenhaften Hand entwickelt und gefestigt. Zuweilen wurden ihr die Augen feucht, wenn sie ihnen beim Spielen zusah und daran dachte, daß sie ihr niemals den geringsten Kummer verursacht hatten. Ein volles, restloses Glück rührt uns nur deshalb so zu Tränen, weil es ein Abbild des Himmels ist, von dem wir alle nur einen unvollkommenen Begriff haben. So verbrachte sie, auf ihrem ländlichen Diwan liegend, köstliche Stunden im Genuß eines schönen Tages, in der Betrachtung der großen Wasserfläche, der malerischen Landschaft, während sie die Stimmen ihrer Kinder hörte, ihr Lachen, das ein neues Gelächter gebar, und ihre kleinen Streitigkeiten, bei denen gerade ihre innige Zusammengehörigkeit, die väterliche Sorge Louis' um Marie und die Liebe beider zu ihr zum Ausdruck kam. Beide hatten in ihrer ersten Kinderzeit eine englische Bonne gehabt und sprachen gleichmäßig gut Französisch und Englisch; auch die Mutter bediente sich abwechselnd beider Sprachen in der Unterhaltung. Sie verstand es vortrefflich, ihre jungen Seelen zu leiten, und ließ in ihrem Geiste keine falschen Ideen und in ihrem Herzen keine schlechten Grundsätze Fuß fassen. Sie beherrschte sie durch ihre Sanftmut, sie verheimlichte ihnen nichts, sie erklärte ihnen alles. Wenn Louis zu lesen verlangte, so sorgte sie für interessante aber wahrheitsgetreu schildernde Bücher. Sie gab ihm Lebensbeschreibungen berühmter Seeleute, Biographien großer Männer, berühmter Führer, und fand im Eingehen auf die geringsten Einzelheiten solcher Bücher tausend Gelegenheiten, ihn schon frühzeitig über die Welt und das Leben aufzuklären; sie wies ihn besonders auf die Art und Weise hin, wie Männer niedriger Herkunft, die aber wirklich bedeutend waren, ohne Beschützer aus den untersten Gesellschaftsklassen emporgekommen und zu einer herrlichen Zukunft aufgestiegen waren. Diese nicht zum wenigsten nutzbringenden Unterweisungen geschahen abends, wenn der kleine Marie auf den Knien der Mutter eingeschlummert war, in der Stille einer schönen Nacht, wenn der Spiegel der Loire den Himmel widerstrahlte; aber sie verdoppelten stets die Melancholie der entzückenden Frau, die zuletzt in Schweigen verfiel und unbeweglich, in Sinnen verloren, die Augen voller Tränen, dasaß.

»Liebe Mutter, warum weinst du denn?« fragte Louis sie an einem herrlichen Juniabend, als die Dämmerungsschatten einer halbhellen Nacht einem heißen Tage gefolgt waren.

»Mein lieber Sohn,« erwiderte sie und faßte den Hals des Kindes, dessen innere Erregung sie tief rührte, und zog es an sich, »zunächst, weil die traurige Lage Jameray Duvals, der ohne jede Unterstützung in die Höhe kommen konnte, dieselbe ist, die ich dir und deinem Bruder bereitet habe. Denn bald, mein geliebtes Kind, werdet ihr allein auf der Welt sein, ohne Stütze und ohne Schutz. Ich werde euch verlassen, die ihr noch klein seid, und ich möchte dich so gern genügend stark und genügend unterrichtet wissen, damit du Marie als Führer dienen kannst. Aber ich werde nicht mehr Zeit dazu haben. Ich liebe euch zu sehr, als daß mich diese Gedanken nicht sehr unglücklich machen sollten. Ach, meine lieben Kinder, wenn ihr mich nur nicht eines Tages verdammen werdet . . .«

»Und warum sollten wir dich dereinst verdammen, Mutter?«

»Weil du, mein armer Junge,« sagte sie und küßte ihn auf die Stirn, »eines Tages erkennen wirst, daß ich unrecht gegen euch gehandelt habe. Ich werde euch hier zurücklassen, ohne Vermögen, ohne . . .« sie zögerte, »– ohne einen Vater.«

Bei diesem Worte brach sie in Tränen aus und schob ihren Sohn sanft von sich, dem eine Ahnung sagte, daß seine Mutter allein sein wolle, und der den halb eingeschlafenen Marie mit sich nahm. Eine Stunde später, als sein Bruder zu Bett gegangen war, kehrte Louis mit leisen Schritten in den Pavillon zurück, in dem seine Mutter lag. Er hörte, wie sie in einem Tone, der ihm zu Herzen ging, sagte:

»Komm Louis.«

Das Kind warf sich der Mutter in die Arme und umhalste sie fast krampfhaft.

»Liebste,« sagte er endlich, wie er sie häufig anredete, obwohl er selbst diese Bezeichnung noch zu schwach fand, um seine ganze zärtliche Liebe auszudrücken; »Liebste, warum fürchtest du denn, daß du sterben wirst?«

»Weil ich krank bin, mein armes, geliebtes Engelskind, weil meine Kräfte jeden Tag mehr abnehmen und es für mein Übel keine Rettung gibt, das weiß ich.«

»Und woran leidest du denn?«

»Das muß ich vergessen, und du, du darfst die Ursache meines Todes niemals kennen.«

Das Kind verhielt sich einen Moment schweigend und warf verstohlene Blicke auf die Mutter, die die Augen zum Himmel erhoben hatte und die Wolken betrachtete. Es war ein Augenblick sanfter Trauer! Louis glaubte nicht an den bevorstehenden Tod seiner Mutter, aber er teilte ihren Kummer, ohne sich über ihn klarzuwerden. Während ihrer langen Träumerei verhielt er sich still. Weniger jung, würde er auf diesem edlen Antlitz ein Gemisch von Reue mit glückseligen Erinnerungen, die ganze Geschichte eines Frauenlebens gelesen haben: eine sorglose Kindheit, eine Ehe ohne Liebe, eine furchtbare Leidenschaft, im Sturm erschlossene Blüten, die vom Blitz getroffen und in den Abgrund geschleudert wurden, aus dem sie nichts mehr heraufzuholen vermochte.

»Geliebte Mutter,« sagte Louis endlich, »warum verbirgst du mir dein Leiden?«

»Mein Sohn,« entgegnete sie, »wir müssen unsre Leiden vor fremden Augen vergraben, ein lachendes Gesicht zeigen, niemals vor ihnen von uns selber reden, kurz, uns nur mit ihnen beschäftigen; wenn solche Grundsätze im Hause befolgt werden, dann verbreiten sie Glück um sich. Eines Tages wirst auch du sehr zu leiden haben! Gedenke dann deiner armen Mutter, die vor deinen Augen starb und dir doch immer zulächelte und ihre Schmerzen verheimlichte; du wirst dann den Mut finden, das Elend des Daseins zu ertragen.«

Ihre Tränen verschluckend, versuchte sie nun ihrem Sohn den Mechanismus der Existenz klarzumachen, den Wert, die Grundlage, den Bestand von Vermögen, die sozialen Zusammenhänge, die ehrenhaften Mittel, um das für den Lebensunterhalt erforderliche Geld zu verdienen, und die Notwendigkeit der Bildung. Dann teilte sie ihm einen der Gründe ihrer beständigen Traurigkeit mit, indem sie ihm sagte, daß am Tage nach ihrem Tode er und Marie in größter Bedürftigkeit zurückgelassen sein würden, da sie beide nur eine bescheidene Summe besäßen und keinen andren Beschützer haben würden als Gott.

»Wie muß ich mich beeilen, zu lernen!« rief das Kind aus und richtete einen Blick voll tiefen Bedauerns auf seine Mutter.

»Ach, nun bin ich glücklich!« sagte sie und bedeckte ihren Sohn mit Küssen und Tränen. »Er hat mich verstanden! Louis,« fuhr sie fort, »du wirst der Beschützer deines Bruders sein, nicht wahr, du versprichst es mir? Du bist jetzt kein Kind mehr.«

»Ja,« erwiderte er; »aber du wirst noch nicht sterben, nein?«

»Vielleicht, ihr armen Kinder,« entgegnete sie, »wird mich meine Liebe zu euch aufrechterhalten. Und dann ist das Land hier so schön, die Luft so wohltuend, vielleicht . . .«

»Du machst, daß ich die Touraine noch mehr liebe«, sagte das Kind ganz erschüttert.

Seit jenem Tage, an dem Frau Willemsens im Hinblick auf ihren baldigen Tod mit ihrem älteren Sohne über seine Zukunftsaussichten gesprochen hatte, wurde Louis, der jetzt sein vierzehntes Lebensjahr vollendete, weniger zerstreut, fleißiger und weniger geneigt zu spielen als vorher. Sei es, daß er Marie zu überreden wußte, lieber zu lesen als sich lärmenden Zerstreuungen hinzugeben, die beiden Kinder waren jetzt weniger laut in den Hohlwegen, Gärten und aufsteigenden Terrassen der Grenadière zu hören. Sie paßten ihre Lebensweise den trüben Gedanken ihrer Mutter an, deren Gesichtsfarbe von Tag zu Tag blasser erschien und einen gelblichen Ton annahm, deren Stirn an den Schläfen immer hohler und deren Runzeln nach jeder Nacht tiefer wurden.

Im Monat August, fünf Monate nach der Ankunft der kleinen Familie in der Grenadière, hatte sich alles verändert. Die alte Kammerfrau, die die wenn auch noch leichten Anzeichen der langsamen Verschlimmerung wahrnahm, die den Körper ihrer Herrin untergrub, welche sich nur noch durch ihre glühende Seele und die heiße Liebe zu ihren Kindern aufrechterhielt, war ernst und traurig geworden; sie schien um das Geheimnis dieses frühen Sterbens zu wissen. Oft, wenn die noch schöne und von dem Wunsch zu gefallen mehr als je beseelte Herrin ihren verfallenden Körper schmückte, Rot auflegte und in Begleitung der beiden Kinder auf der oberen Terrasse spazierenging, lehnte die alte Fanny ihren Kopf an die beiden Sadebäume beim Brunnen, ließ ihre angefangene Arbeit sinken, behielt das Wäschestück in der Hand. Sie konnte kaum ihre Tränen hemmen, wenn sie Frau Willemsens betrachtete, die der reizenden Frau, die sie vordem gewesen war, so wenig ähnlich sah.

Das hübsche, zuerst so lustige belebte Haus schien düster geworden zu sein; es war still darin, die Bewohner gingen selten aus, Frau Willemsens konnte nicht mehr ohne große Anstrengungen ihren Spaziergang bis zur Brücke von Tours ausdehnen. Louis, dessen Intelligenz sich plötzlich entwickelt, und der sich sozusagen mit seiner Mutter identifiziert hatte, deren Müdigkeit und Schmerzen er unter dem aufgelegten Rot ahnte, erfand tausend Vorwände, um einen für seine Mutter zu ausgedehnten Gang abzulehnen. Wenn die fröhlichen Paare nach Saint-Cyr, dem kleinen Courtille de Tours kamen, sahen die Gruppen von Spaziergängern oberhalb der Uferhöhen am Abend die blasse, abgemagerte, ganz in Trauer gekleidete, halb schon dahingeschwundene, aber immer noch reizende Frau die sich wie ein Geist an den Terrassen hin bewegte. Große Leiden empfindet man mit. So verhielt sich auch die Familie des Weinberghüters schweigsam. Zuweilen sah man den Bauer, seine Frau und ihre beiden Kinder an der Tür ihrer Hütte stehen, wenn Fanny die Wäsche wusch; die Hausfrau und ihre Kinder befanden sich im Pavillon, aber man hörte nicht mehr das geringste Geräusch in den heiteren Gärten; und ohne daß Frau Willemsens es wahrnahm, betrachteten alle Augen sie voll Rührung. Sie war so gütig, so zuvorkommend, und dabei so hoheitsvoll gegen alle, die sich ihr näherten! Sie selbst sah seit dem Beginn des in der Touraine so schönen, so reizvollen Herbstes, dessen wohltuender Einfluß, dessen Trauben und anderen schönen Früchte das Leben dieser Mutter über den von den Verheerungen eines unbekannten Leidens gesetzten Termin hätten verlängern sollen, – sie sah nur noch ihre Kinder und kostete jede Stunde aus, als ob es ihre letzte sei.

Vom Juni bis Ende September arbeitete Louis ohne Wissen der Mutter auch nachts und machte riesige Fortschritte; er war schon bis zu den Gleichungen zweiten Grades gelangt, hatte sich die darstellende Geometrie zu eigen gemacht und zeichnete vortrefflich; er hätte jedenfalls das Examen, das die jungen Leute vor der Aufnahme in die polytechnische Schule machen müssen, mit Erfolg bestanden. Manchmal ging er abends auf der Brücke von Tours spazieren, wo er einem pensionierten Schiffsleutnant begegnet war; das männliche Gesicht, die Orden und das Wesen dieses Seeoffiziers der Kaiserzeit hatten lebhaft auf seine Einbildungskraft gewirkt. Seinerseits hatte der Seemann Freundschaft für den jungen Menschen gefaßt, dessen Augen von Energie leuchteten. Louis, heißhungrig auf militärische Berichte und von dem Wunsche beseelt, Aufklärungen zu erhalten, erschien immer bei dem Seemann, um mit ihm zu plaudern. Der Leutnant auf Halbsold hatte zum Freunde und Genossen einen Infanterieobersten, der ebenso wie er aus den Listen der Armee gestrichen war; der junge Gaston konnte sich also umschichtig über das Feldleben und das Schiffsleben unterrichten. Er überhäufte daher die beiden Soldaten mit Fragen. Dann, nachdem er schon im voraus sich mit ihren Leiden und ihrer harten Existenz vertraut gemacht hatte, bat er seine Mutter um die Erlaubnis, zu seiner Zerstreuung Ausflüge in die Umgegend machen zu dürfen. Da die erstaunten Lehrer Frau Willemsens erklärt hatten, daß ihr Sohn zu viel arbeite, bewilligte sie ihm seinen Wunsch mit dem größten Vergnügen. Das Kind machte nun Riesenmärsche. Um sich stark gegen jede Ermüdung zu machen, kletterte er mit unglaublicher Geschicklichkeit auf die höchsten Bäume, er lernte schwimmen, er durchwachte Nächte. Er war nicht mehr das frühere Kind, sondern ein junger Mann geworden, mit einem von der Sonne gebräunten Gesicht, von dem schon ein gewisser ausgesprochener Entschluß abzulesen war.

Als der Monat Oktober herangekommen war, konnte sich Frau Willemsens nur noch mittags erheben, wenn die von den Gewässern der Loire zurückgestrahlten und auf den Terrassen sich sammelnden Sonnenstrahlen in der Grenadière jene Temperatur erzeugten, durch die die warmen milden Tage des Meerbusens von Neapel sich auszeichnen, den die dortigen Ärzte deshalb zum Aufenthalte empfehlen. Sie setzte sich dann unter einen der grünen Bäume mit ihren beiden Söhnen, die nicht von ihr wichen. Deren Arbeiten wurden jetzt nicht mehr fortgesetzt und die Lehrer verabschiedet. Die Kinder und die Mutter wollten ganz eins im andern leben, ohne sich um etwas anderes zu bekümmern oder sich von ihm ablenken zu lassen. Man hörte weder Weinen noch fröhlichen Lärm. Der Ältere hatte sich neben der Mutter ins Gras hingestreckt, ließ sich von ihr anschauen wie ein Liebhaber und küßte ihr die Füße. Der unruhige Marie pflückte Blumen, brachte sie ihr mit trauriger Miene und stellte sich auf die Fußspitzen, um ihr wie einem jungen Mädchen einen Kuß zu rauben. Die bleiche Frau mit den großen schwarzen Augen, die ganz hinfällig geworden war und sich nur langsam bewegen konnte, klagte niemals, lächelte ihren beiden in voller Gesundheit prangenden Kindern zu und bot zusammen mit ihnen ein entzückendes Bild, das von der herbstlichen Trauer mit ihren gelben Blättern und halb entblätterten Bäumen, den milden Strahlen der Sonne und den weißen Himmelswolken der Touraine umrahmt wurde.

Endlich wurde Frau Willemsens vom Arzte untersagt, ihr Zimmer zu verlassen. Dieses wurde nun täglich mit ihren Lieblingsblumen geschmückt, und die Kinder hielten sich jetzt hier auf. In den ersten Novembertagen setzte sie sich zum letztenmal ans Klavier. Über diesem hing an der Wand eine Schweizer Landschaft. Am Fenster bildeten die beiden Kinder mit ihren aneinander gelehnten Köpfen eine Gruppe. Beständig gingen ihre Blicke von den Kindern zu der Landschaft und von der Landschaft zu den Kindern. Das war ihr letzter festlicher Tag, ein heimliches Fest, das sie still in ihrer Seele, in Erinnerungen tief versunken, feierte. Als der Arzt kam, ordnete er an, daß sie im Bett bleiben müsse. Diese furchtbare Vorschrift wurde von der Mutter und den beiden Söhnen mit fast stumpfsinnigem Schweigen aufgenommen.

Nachdem der Arzt gegangen war, sagte sie: »Louis, bring mich auf die Terrasse, daß ich mein liebes Land noch einmal sehe.«

Nach diesen einfach gesprochenen Worten reichte das Kind der Mutter den Arm und führte sie auf die Mitte der Terrasse. Hier richtete sich ihr Blick vielleicht unwillkürlich mehr zum Himmel empor als auf das Land; aber es wäre auch schwer zu entscheiden gewesen, wo schönere Landschaftsbilder zu finden waren, denn die Wolken erglänzten beinahe wie die majestätischsten Gletscher der Alpen. Da zog sich ihre Stirn gewaltsam zusammen, in ihren Augen erschien ein Ausdruck von Schmerz und Gewissensbissen, sie ergriff die Hände der beiden Kinder, preßte sie an ihr heftig schlagendes Herz und rief, indem sie ihnen einen heißen Blick zuwarf: »Vater und Mutter unbekannt! Ach, ihr armen Engel, was soll aus euch werden? Und wie streng werdet ihr, wenn ihr zwanzig Jahre alt seid, Rechenschaft von mir fordern über mein Leben und über das eurige!«

Sie stieß die Kinder von sich, lehnte sich mit beiden Ellenbogen auf die Balustrade, verbarg ihr Gesicht in den Händen und blieb so einen Moment in sich versunken, als fürchtete sie, sich sehen zu lassen.

Als sie aus ihren schmerzlichen Gedanken erwachte, sah sie Louis und Marie wie zwei Engel neben ihr knien; sie suchten ihren Blick und lächelten ihr beide freundlich zu.

»Ach, warum kann ich dieses Lächeln nicht mit mir nehmen!« sagte sie und trocknete ihre Tränen.

Dann ging sie hinein und legte sich zu Bett, das sie nur verlassen sollte, um in den Sarg gelegt zu werden.

So vergingen acht Tage, von denen einer dem andern glich. Die alte Kammerfrau und Louis wachten abwechselnd nachts bei Frau Willemsens, den Blick auf das Antlitz der Kranken gerichtet. Es vollzog sich nun von Stunde zu Stunde das tief tragische Schauspiel, das jede Familie kennt, die einmal bei jedem zu starken Atemzuge einer geliebten Kranken fürchtete, daß es ihr letzter sei. Am fünften Tage der verhängnisvollen Woche ließ der Arzt auch Blumen nicht mehr zu. So ging der Schmuck des Lebens nach und nach dahin.

Von diesem Tage ab verspürten Marie und sein Bruder Feuer auf ihren Lippen, wenn sie die Mutter auf die Stirn geküßt hatten. Am Sonnabend Abend endlich konnte Frau Willemsens kein Geräusch mehr ertragen, so daß man ihr Zimmer unaufgeräumt lassen mußte. Diese Unordnung war der Beginn der Agonie dieser eleganten, auf ihre Anmut stolzen Frau. Louis wollte seine Mutter nicht mehr verlassen. Während der Nacht zum Sonntag sah Louis beim Licht einer Lampe inmitten tiefster Stille, während er seine Mutter vor Erschöpfung eingeschlafen glaubte, wie der Bettvorhang von einer blassen feuchten Hand zurückgeschoben wurde.

»Mein Sohn«, sagte sie.

Der Ton der Sterbenden hatte etwas so Feierliches und kam aus einer so heftig erregten Seele, daß er einen gewaltigen Eindruck auf das Kind machte; es empfand eine heftige Glut bis in das Mark der Knochen.

»Was wünschest du, liebe Mutter?«

»Hör mich an. Morgen wird alles mit mir zu Ende sein. Wir werden uns nicht mehr sehen. Morgen mußt du ein Mann sein, mein Kind. Ich bin genötigt, einige Anordnungen zu treffen, die ein Geheimnis unter uns beiden bleiben müssen. Nimm den Schlüssel zu meinem kleinen Tisch. Gut! Öffne jetzt die Schublade. Links wirst du zwei geschlossene Umschläge finden. Auf dem einen steht ›Louis‹, auf dem andern ›Marie‹.«

»Hier sind sie, Mutter.«

»Das sind, mein geliebter Sohn, eure beiden Geburtsurkunden; ihr werdet ihrer bedürfen. Du wirst sie meiner armen alten Fanny zum Aufbewahren geben, die sie euch wieder zustellen wird, wenn ihr sie nötig habt.«

»Und nun,« fuhr sie fort, »liegt dort nicht auch ein Papier, auf das ich ein paar Zeilen geschrieben habe?«

»Jawohl, Mutter.«

Und Louis fing an zu lesen: »Maria-Augusta Willemsens, geboren in . . .«

»Genug,« sagte sie schnell, »nicht weiter. Wenn ich tot sein werde, wirst du auch dieses Papier Fanny übergeben und ihr sagen, daß sie es im Rathause von Saint-Cyr abgeben soll, damit dort ausdrücklich mein Tod bescheinigt wird. Und nun nimm dir alles Nötige, damit du einen Brief schreiben kannst, den ich dir diktieren werde.«

Als sie ihren Sohn bereit sah, der sich nach ihr umwandte, um zu hören, was sie sagen würde, diktierte sie in ruhigem Tone: »Herr Graf, Ihre Frau, Lady Brandon, ist in Saint-Cyr, nahe bei Tours, im Departement Indre-et-Loire gestorben. Sie hat Ihnen vergeben.«

»Nun unterschreibe.«

Sie stockte unentschlossen und erregt.

»Leidest du mehr?« fragte Louis.

»Unterschreibe: »Louis – Gaston.«

Sie seufzte und sprach dann weiter: »Schließe den Brief und adressiere: ›An Lord Brandon, Brandon-Square, Hydepark. London, England.‹«

»Gut«, fuhr sie fort. »Am Tage meines Todes gib diesen Brief in Tours zur Post.«

»Und jetzt«, sagte sie nach einer Pause, »nimm die kleine Brieftasche, du kennst sie ja, und komm her zu mir, mein liebes Kind.«

»Hier drin sind«, sagte sie, als Louis herangetreten war, »zwölftausend Franken. Ach, die gehören euch wirklich. Ihr würdet reicher gewesen sein, wenn euer Vater . . .«

»Mein Vater?« rief das Kind. »Aber wo ist er denn?«

»Gestorben,« erwiderte sie und legte den Finger auf die Lippen, »gestorben, um meine Ehre und mein Leben zu retten.«

Sie erhob die Augen zum Himmel. Sie hätte geweint, wenn ihr Schmerz noch Tränen gehabt hätte.

»Louis,« begann sie dann wieder, »schwöre mir hier auf mein Kopfkissen, daß du alles was du geschrieben, und was ich dir gesagt habe, vergessen wirst.«

»Ja, Mutter.«

»Und nun umarme mich, mein geliebtes Kind.«

Sie schwieg eine ganze Weile, als wollte sie von Gott Mut erbitten und die Kraft, die ihr geblieben war, sammeln für das, was sie noch zu sagen hatte.

»Hör mir zu. Diese zwölftausend Franken sind euer ganzes Vermögen; du mußt sie an dich nehmen, weil, sobald ich tot bin, Leute vom Gericht kommen werden, um alles hier zu verschließen. Nichts wird euch mehr hier gehören, nicht einmal eure Mutter! Und euch, ihr armen Waisen, bleibt nichts mehr übrig, als fortzugehen, Gott weiß wohin. Für Fanny habe ich gesorgt. Sie erhält jährlich hundert Taler und wird gewiß in Tours bleiben. Aber was werdet ihr, du und dein Bruder, anfangen?«

Sie setzte sich auf und sah ihr mutiges Kind an, das, Schweiß auf der Stirn, bleich vor Erregung, die Augen halb von Tränen verschleiert, aufrecht vor ihrem Bette stand.

»Mutter,« sagte er mit seiner tiefen Stimme, »das habe ich mir schon überlegt. Ich werde Marie ins Gymnasium in Tours bringen. Zehntausend Franken werde ich der alten Fanny geben und ihr sagen, daß sie sie sicher aufbewahren und sie über meinen Bruder wachen soll. Mit den übrigen hundert Louisdors gehe ich nach Brest und werde Seekadett. Während der Schulzeit Maries werde ich Marineleutnant werden. Du kannst beruhigt sterben, Mutter! Ich werde reich werden, ich werde unsern Kleinen in die polytechnische Schule bringen und ihn dort entsprechend seinen Wünschen studieren lassen.«

Ein Freudenstrahl brach aus den halberloschenen Augen der Mutter, und zwei Tränen rannen über ihre glühenden Wangen hinab; dann stieß sie einen tiefen Seufzer aus und wäre beinahe vor Freude darüber gestorben, daß sie die Seele des Vaters in dem Sohne wiederfand, der plötzlich ein Mann geworden war.

»Mein geliebter Engel,« sagte sie weinend, »alle meine Schmerzen hast du mit einem Worte weggewischt. Oh, jetzt kann ich alles ertragen! Das ist mein Sohn,« fuhr sie fort, »ich habe ihn zum Manne geformt und erzogen!«

Sie erhob ihre Hände und faltete sie, um ihre grenzenlose Freude auszudrücken; dann sank sie zurück.

»Liebe Mutter, du wirst so bleich«, rief das Kind.

»Man soll einen Priester holen«, antwortete sie mit ersterbender Stimme.

Louis weckte die alte Fanny, die ganz erschreckt nach dem Pfarrhause in Saint-Cyr lief.

Am Morgen empfing Frau Willemsens die Sterbesakramente; es war ein rührender Anblick. Ihre Kinder, Fanny, die Familie des Weinberghüters, einfache Leute, die schon mit zur Familie gerechnet wurden, waren niedergekniet. Das von einem bescheidenen Chorknaben – einem Chorknaben aus dem Dorfe! – getragene silberne Kreuz war vor dem Bette aufgerichtet, und ein alter Priester reichte der sterbenden Mutter die letzte Wegzehrung. Wegzehrung! Ein erhabenes Wort, und ein noch erhabenerer Begriff, den allein die Religion der apostolischen römischen Kirche kennt.

»Diese Frau hat viel gelitten!« sagte der alte Pfarrer in seiner einfachen Redeweise.

Frau Willemsens hörte ihn nicht mehr; aber ihre Augen blieben fest auf ihren beiden Kindern haften. Jeder hörte angstvoll inmitten der tiefsten Stille auf die Atemzüge der Sterbenden, die schon langsamer geworden waren. Dazwischen verriet ein schwerer Seufzer, daß noch Leben in ihr war, und daß sie den letzten Kampf kämpfte. Endlich hatte die Mutter aufgehört zu atmen. Alle brachen in Tränen aus, ausgenommen Marie. Das arme Kind war noch zu jung, um begreifen zu können, was der Tod bedeutet. Fanny und die Frau des Weinberghüters schlossen der entzückenden Frau, deren Schönheit jetzt wieder in ihrem vollen Glanze erschien, die Augen. Sie schickten alle anderen fort, entfernten die Möbel aus dem Zimmer, betteten die Tote, nachdem sie sie in das Leichentuch gehüllt hatten, zündeten rings um das Bett Kerzen an, stellten das Weihwasser, geweihte Palmenzweige und das Kruzifix nach landesüblicher Sitte auf, schlossen die Fensterläden und zogen die Vorhänge vor; später erschien dann der Vikar, um die Nacht mit Louis, der sich von seiner Mutter nicht trennen wollte, im Gebet zu verbringen. Am Dienstag Morgen fand die Beerdigung statt. Die alte Fanny und die beiden Kinder nebst der Frau des Weinberghüters folgten allein der Leiche einer Frau, deren Geist, Schönheit und Anmut einen europäischen Ruf hatten, und deren Beerdigung in London als eine Art aristokratischer Feierlichkeit in den Zeitungen großartig angezeigt worden wäre, wenn sie nicht das Mindeste aller Vergehen begangen hätte, ein Vergehen, das auf dieser Erde immer bestraft wird, damit diese engelhaften Wesen, nachdem ihnen verziehen worden ist, in den Himmel aufgenommen werden. Als die Erde auf den Sarg der Mutter geworfen wurde, brach auch Marie in Tränen aus, der jetzt begriff, daß er sie nie mehr sehen würde.

Ein einfaches Holzkreuz wurde auf dem Grabe aufgerichtet, das folgende von dem Pfarrer von Saint-Cyr verfaßte Inschrift trug:

Hier ruht
eine unglückliche Frau,
gestorben im Alter von sechsunddreißig Jahren,
die im Himmelreich Augusta heißt.
Betet für sie!

Als alles vorüber war, kehrten die Kinder nach der Grenadière zurück und warfen noch einen letzten Blick auf ihre Wohnung; dann faßten sie sich an der Hand und schickten sich an, sie mit Fanny zu verlassen, nachdem sie den Weinberghüter mit ihrer Bewachung betraut und ihn beauftragt hatten, den Gerichtsbeamten Auskunft zu geben.

Da rief die alte Kammerfrau Louis zu, er solle auf die Stufen des Brunnens kommen, nahm ihn dann beiseite und sagte:

»Herr Louis, hier ist der Ring der gnädigen Frau!«

Das Kind brach in Tränen aus, tief erschüttert davon, ein lebendes Andenken seiner toten Mutter zu erhalten. Er umarmte die alte Frau; dann gingen alle drei fort durch den Hohlweg, stiegen die Rampe hinab und begaben sich nach Tours, ohne den Kopf noch einmal umzuwenden.

»Hier ist die Mama gegangen«, sagte Marie, als sie an die Brücke kamen.

Fanny hatte eine alte Cousine, eine frühere Näherin in Tours, in der Rue de la Guerche. Sie führte die beiden Kinder in das Haus ihrer Verwandten, mit der sie zusammenzuleben gedachte. Louis aber setzte ihr seine Pläne auseinander und übergab ihr die Geburtsurkunde Maries sowie die zehntausend Franken; dann führte er, von der alten Frau begleitet, seinen Bruder in das Gymnasium. Dort setzte er in sehr gedrängter Weise den Direktor über seine Lage in Kenntnis und ging dann fort, seinen Bruder bis zur Haustür mitnehmend. Hier gab er ihm in feierlicher Weise die liebevollsten Ratschläge, machte ihm deutlich, daß er allein in der Welt stünde, und nachdem er ihn eine Weile angesehen hatte, umarmte er ihn, betrachtete ihn noch einmal, wischte sich eine Träne ab und ging weg, wobei er sich mehrmals umwandte, um seinen Bruder, der auf der Schwelle des Gymnasiums zurückgeblieben war, noch ein letztes Mal sehen zu können.

Einen Monat später war Louis-Gaston Kadett auf einem Kriegsschiff und verließ mit ihm die Reede von Rochefort. An das Schanzwerk der Korvette »Iris« gelehnt, betrachtete er die Küste Frankreichs, die schnell vor ihm zurückwich und in einer bläulichen Linie am Horizont verschwand. Bald befand er sich allein und verloren mitten auf dem Ozean, so wie er es in der Welt und im Leben war.

»Sie sollen nicht weinen, junger Mann! Gott denkt an alle!« sagte ein alter Matrose mit seiner groben, zugleich rauhen und freundlichen Stimme zu ihm.

Das Kind dankte dem Mann mit einem Blicke voll Stolz. Dann senkte er den Kopf und ergab sich in das Leben der Seeleute. Er war ein Vater geworden.

 


 

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