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Die Grenadière

Honoré de Balzac: Die Grenadière - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleDie Grenadière
publisherDiogenes
year1977
translatorHugo Kaatz
isbn3257204469
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die Grenadière ist ein kleines Besitztum am rechten Ufer der Loire, etwa tausend Schritt von der Brücke von Tours stromabwärts gelegen.

An dieser Stelle ist der Fluß so breit wie ein See; er ist mit grünen Inseln übersät, und an seinem Ufer erhebt sich eine Felspartie, auf der mehrere Landhäuser aus weißem Stein liegen, die von Weinbergen und Gärten umgeben sind, und in denen, da sie nach Süden gelegen sind, die herrlichsten Früchte der Welt reifen. Mühselig sind vor mehreren Generationen Terrassen aufgemauert worden; die Vertiefungen der Felsen reflektieren die Sonnenstrahlen und lassen vermöge dieser so erzeugten Temperatur die Früchte der heißesten Klimate im Freien reifen. In einer der weniger tiefen Krümmungen, die diesen Höhenzug durchschneiden, sieht man den spitzen Kirchturm von Saint-Cyr, einem Dörfchen, zu dem alle diese zerstreut liegenden Häuser gehören. Etwas weiter entfernt ergießt sich die Choisille in die Loire in einem fruchtbaren Tal, das den lang hingezogenen Abhang durchbricht. Die auf halber Höhe des Felsberges etwa hundert Schritt von der Kirche gelegene Grenadière ist eine jener zwei- bis dreihundert Jahre alten Bauten, denen man in der Touraine an jeder hübschen Stelle begegnet. Ein Einschnitt im Felsen hat die Anlage einer Rampe ermöglicht, die in sanfter Neigung bis zu dem ›Damm‹ führt, wie man hier den unten am Ufer aufgeführten Kai, der das Austreten der Loire verhindert, nennt, und über den hin die große Landstraße von Paris nach Nantes führt. Oben an der Rampe befindet sich ein Tor, hinter dem ein schmaler steiniger Weg beginnt, der zwischen zwei Terrassen hindurchführt, einer Art von mit Weinreben und Spalieren besetzten Festungswerken, die das Abrutschen der Erde verhindern sollen. Dieser Weg zieht sich am Fuße der höchsten Terrasse hin und wird fast ganz von den Bäumen derjenigen verdeckt, über der er läuft; er führt in raschem Abstieg zu dem Hause und gestattet einen Blick auf den Fluß, der bei jedem weiteren Schritt sich mehr verbreitert. Dieser Hohlweg endet an einem zweiten Tor in gotischem Stil, das überwölbt und mit einfachen, aber halb zerstörten Ornamenten geschmückt und von wilden Levkojen, Efeu, Moos und Mauerkraut überwachsen ist. Die unverwüstlichen Pflanzen schmücken auch die Mauern aller Terrassen, bei denen sie aus den Spalten der Steinschichten herauswachsen und in jeder Jahreszeit andere Blumengirlanden bilden.

Hinter diesem wurmstichigen Tor befand sich ein kleiner Garten, der dem Felsen mit Hilfe einer letzten Terrasse, deren alte geschwärzte Balustrade alle andern beherrschte, abgerungen worden war, und zeigte seine mit etlichen grünen Bäumen und einer Fülle von Rosenstöcken und Blumen geschmückte Rasenfläche. Gegenüber dem Portal, am andern Ende der Terrasse, befand sich ein hölzerner, an die Nachbarmauer angelehnter Pavillon, dessen Pfosten unter Jasmin, Geisblatt, Weinreben und Klematis verborgen waren. Inmitten dieses Gartens erhob sich das Haus auf einer ansteigenden Anhöhe, die mit Wein bewachsen war und in der sich die Tür zu einem im Felsen ausgehöhlten Keller befand. Der Bau war mit Weinstöcken und im Freien wachsenden Granatbäumen umgeben, woher die Meierei ihren Namen erhalten hatte. Die Fassade hatte zwei durch eine mittelgroße, sehr plumpe Tür getrennte Fenster, und im Dach, das im Verhältnis zu der Höhe des Erdgeschosses übergroß war, drei Mansardenfenster. Das zweigiebelige Dach war mit Schiefer gedeckt, die Mauern des Hauptgebäudes waren gelb gestrichen, die Tür, die Fensterläden unten und die Jalousien der Mansarden grün.

Wenn man hineintrat, befand man sich auf einem kleinen Absatz, von dem eine gewundene Treppe hinaufstieg, deren Anlage bei jeder Wendung eine andere war: ihr Holz war fast verfault; das Geländer dieser Wendeltreppe hatte der langjährige Gebrauch dunkel gemacht. Zur Rechten lag ein großes, in altmodischer Weise getäfeltes Eßzimmer, dessen Fußboden aus weißen, in Château-Regnault hergestellten Fliesen bestand; zur Linken befand sich ein Salon von ähnlicher Größe, aber ohne Täfelung und mit einer rosenfarbenen Tapete und grüner Borte. Beide Zimmer waren nicht verschalt; die Deckenbalken waren aus Nußbaumholz und ihre Zwischenräume mit weiß gestrichenem Lehm ausgefüllt. Im ersten Stock befanden sich zwei große Zimmer mit weiß gestrichenen Wänden und steinernen Kaminen, die weniger gut gearbeitet waren als die im Erdgeschoß. Alle Fenster gingen nach Süden hinaus. An der Nordseite befand sich nur eine Tür, die nach den Weinbergen führte und hinter der Treppe angebracht war. An der linken Seite des Hauses stand eine Art von Holzbau, der gegen Regen und Sonne durch Schieferplatten geschützt war, deren lange blaue Linien gerade oder quer sich auf die Mauern abzeichneten. Die in dieser Art von Hütte untergebrachte Küche stand immer mit dem Hause in Verbindung, hatte aber auch einen besonderen Ausgang, der einige Stufen höher lag, und an deren Fuß sich ein tiefer Brunnen mit einer ländlichen Pumpe befand, um die herum Sadebäume standen, Wasserpflanzen und hoch gewachsenes Kraut. Dieser neue Anbau bewies, daß die Grenadière einstmals ein einfaches Kelterhaus war. Die Eigentümer der Grenadière kamen aus der Stadt, von der sie durch das breite Bett der Loire getrennt war, nur zur Weinlese oder zu einem Vergnügungsausflug hierher. Sie schickten morgens ihre Eßvorräte hinaus und schliefen nur während der Lese draußen. Als aber die Engländer wie ein Schwalbenschwarm über die Touraine herfielen, mußte man die Grenadière etwas besser ausgestalten, um sie ihnen vermieten zu können. Glücklicherweise wurde dieses moderne Anhängsel von den vordersten Lindenbäumen einer Allee verdeckt, die in einem Hohlwege am Fuße des Weinbergs angepflanzt war. Der ungefähr zwei Morgen umfassende Weinberg steigt hinter dem Hause, das er ganz überragt, so steil auf, daß es sehr schwer ist, hinauf zu gelangen. Zwischen dem Hause und dem von hängenden Weinranken übergrünten Hügel ist ein stets feuchter und kühler Zwischenraum von kaum fünf Fuß Breite, eine Art Graben, ganz überwachsen von kräftiger Vegetation, in den in Regenzeiten der Dung der Weinberge hinabsickert, und der damit die von der Balustradenterrasse festgehaltenen Gärten versorgt. Das Haus des Weinberghüters, der die Weinberge bearbeitet, lehnt sich an den linken Giebel; es ist mit Stroh gedeckt und bildet gewissermaßen das Pendant zu der Küche. Die ganze Besitzung ist von Mauern und Spalieren umgeben; die Weinberge sind mit Fruchtbäumen jeder Gattung bepflanzt; jeder Fingerbreit des kostbaren Terrains ist unter Kultur. Bleibt aber ein unfruchtbares Stück Fels unbearbeitet, so läßt die Natur dort einen Feigenbaum wachsen oder Feldblumen oder einige von den Steinen geschützte Erdbeerbeete.

An keiner Stelle der Erde dürfte eine gleichzeitig so bescheidene und an Erträgen, Düften, schönen Aussichten so großartige Behausung anzutreffen sein. Mitten in der Touraine gelegen, ist sie eine kleine Touraine für sich, auf der alle Blumen, alle Früchte, alle Schönheiten des Landes vollkommen vertreten sind: Weintrauben jeder Gattung, im Freien, ebenso wie das Süßholz, reif werdende Melonen, spanischer Ginster, italienischer Oleander, Jasminsträucher der Azoren. Unten fließt die Loire; man übersieht sie von einer dreißig Klafter über ihren launischen Gewässern liegenden Terrasse aus. Am Abend atmet man die frische, vom Meer herüberwehende und unterwegs mit dem Duft der Blumen auf den langen Höhenzügen geschwängerte Brise ein. Eine dahinschwebende Wolke, die an jeder Stelle des sonst vollkommen blauen Himmels Farbe und Form wechselt, läßt jede Einzelheit der herrlichen Landschaftsbilder, die sich dem Auge, wo man auch stehen mag, darbieten, immer wieder anders erscheinen. Von einem Punkte überblickt man zunächst das Ufer der Loire bis nach Amboise, die fruchtbare Ebene mit Tours, seinen Faubourgs und seinen Fabriken, und le Plessis; dann einen Teil des linken Ufers, das zwischen Vouvray und Saint-Symphorien einen Halbkreis von Felsen umschreibt, bedeckt mit lachenden Weingärten. Der Ausblick wird erst von den reichen Abhängen des Cher begrenzt, wo im bläulichen Dunste des Horizonts Parks und Schlösser erscheinen. Im Westen endlich verliert sich der Blick in dem riesigen Flusse, auf dem zu jeder Stunde Schiffe mit vom Winde geschwellten Segeln fahren, der fast beständig über die ungeheure Wasserfläche weht. Aus der Grenadière könnte ein Fürst seinen Landsitz machen, aber sicher wird ein Dichter dort zu wohnen lieben; und zwei Liebende würden sie als den entzückendsten Zufluchtsort betrachtet haben, sie, die jetzt die Wohnung eines biederen Bourgeois aus Tours war; jede Phantasie kann hier ihr poetisches Ideal verwirklicht sehen, die bescheidenste und kühlste, wie die gewaltigste und ausschweifendste; niemand verweilt hier, ohne ein Gefühl des Glücks zu verspüren, ohne die völlige Ruhe eines von ehrgeizigem Streben wie von Sorgen freien Lebens zu genießen. Die Luft und das Gemurmel der Wogen laden zur Träumerei ein; der Ufersand, der bald trübe, bald heiter, bald golden, bald matt erscheint, spricht zu einem; alles ist in Bewegung um den Besitzer dieses Weinguts herum, der selbst stillsitzt inmitten seiner lebenden Blumen und seiner leckeren Früchte. Ein Engländer zahlte tausend Franken für eine sechsmonatige Vermietung dieses bescheidenen Hauses, ohne Anspruch auf die Fruchterträge zu erheben, sonst erbot er sich das Doppelte zu zahlen, und wenn er auch die Weinernte für sich haben wollte, war er bereit, die Summe noch einmal zu verdoppeln. Wie hoch ist also der Wert der Grenadière mit ihrer Rampe, ihrem Hohlweg, ihrer dreifachen Terrasse, ihrer Balustraden mit den blühenden Rosenbüschen, ihrem alten Aufgang, ihrem Brunnen, ihrer wilden Klematis und ihren Bäumen aus aller Herren Länder? Man biete keinen Preis! Die Grenadière ist überhaupt nicht verkäuflich. Nachdem sie im Jahre 1690 erworben und von dem Vorbesitzer für vierzigtausend Franken hergegeben war mit demselben schmerzlichen Bedauern, mit dem ein Araber der Wüste sich von einem geliebten Rosse trennt, ist sie in derselben Familie verblieben, deren Stolz, deren erbliches Kleinod, deren »Regent« sie ist. Heißt aber mit dem Blick umfassen nicht auch besitzen? hat ein Dichter gesagt. Von ihr überblickt man drei Täler der Touraine und die Kathedrale, deren Filigranarbeit in der Luft zu hängen scheint. Kann man solche Schätze bezahlen? Kann man jemals die Gesundheit bezahlen, die man unter den Lindenbäumen wiedergewinnt?

Im Frühling eines der schönsten Jahre zur Zeit der Restauration kam eine Dame in Begleitung einer Kammerfrau und zweier Kinder, von denen das jüngere acht, das ältere dreizehn Jahr alt zu sein schien, nach Tours, um hier eine Wohnung zu suchen. Sie sah die Grenadière und mietete sie. Vielleicht wurde sie von der Entfernung, die sie von der Stadt trennte, dazu bestimmt, hier ihren Wohnsitz aufzuschlagen. Der Salon diente ihr als Schlafzimmer; jedes der Kinder erhielt ein Zimmer im oberen Stockwerk, und die Kammerfrau schlief in einem kleinen Raum über der Küche. Das Speisezimmer wurde gemeinsames Wohnzimmer der Familie und Empfangsraum. Das Haus wurde sehr einfach aber geschmackvoll möbliert; nichts Überflüssiges und nichts, was nach Luxus schmeckte, war hier zu finden. Die von der fremden Dame ausgesuchten Möbel waren von Nußbaumholz ohne jede Verzierung. Die Sauberkeit und der Einklang des Innern und des Äußeren der Wohnung machten ihren ganzen Reiz aus.

Es war ziemlich schwierig, zu erfahren, ob Frau Willemsens (so nannte sich die Fremde) zur reichen Bürgerklasse oder zum hohen Adel gehöre oder zu gewissen zweifelhaften Klassen des weiblichen Geschlechts. Ihr bescheidenes Wesen gab Anlaß zu den widersprechendsten Vermutungen, aber ihr Auftreten unterstützte die ihr günstigen Urteile. Bald nach ihrer Ankunft in Saint-Cyr erregte ihr zurückhaltendes Benehmen das Interesse der müßigen Leute, die in der Provinz daran gewöhnt sind, alles sorgfältig auszuforschen, was aus dem engen Gesichtskreis, in dem sie leben, herauszutreten scheint. Frau Willemsens war eine ziemlich große, schlanke, zwar magere, aber entzückend gewachsene Dame. Sie hatte einen schönen Fuß, der mehr durch das graziöse Gelenk auffiel, als durch seine schmale Form, die ja ein ziemlich gewöhnlicher Vorzug ist; ihre Hand war auch im Handschuh schön. Manchmal färbte eine tiefe fliegende Röte die frische Farbe ihres weißen Teints kupferfarben. Frühzeitige Runzeln furchten ihre fein geformte Stirn, über der schöne kastanienbraune Haare, die hübsch ansetzten, stets in zwei Flechten um den Kopf gewunden waren und mit dieser Mädchenfrisur zu dem melancholischen Ausdruck ihres Gesichts paßten. Ihre schwarzen, mit breiten tiefen Ringen umgebenen Augen, in denen eine fieberhafte Glut schlummerte, täuschten eine unechte Ruhe vor, und manchmal, wenn der gewollte Ausdruck nachließ, spiegelte sich in ihnen eine heimliche Angst. Ihr ovales Gesicht war etwas länglich; vielleicht hatten einst Glück und Gesundheit es in richtigeren Verhältnissen erscheinen lassen. Ein gemachtes Lächeln, hinter dem eine traurige Milde versteckt war, irrte gewöhnlich über ihre blassen Lippen; trotzdem belebte sich der Ausdruck ihres Mundes, und ihr Lächeln drückte die Seligkeit mütterlichen Empfindens aus, wenn ihre beiden Kinder, von denen sie immer begleitet war, sie ansahen oder eine von den unerschöpflichen müßigen Fragen an sie richteten, die in den Augen einer Mutter immer eine Bedeutung haben. Ihr Gang war ruhig und vornehm. Sie erschien stets in derselben Kleidung, mit einer Beharrlichkeit, die ihre deutliche Absicht zeigte, sich nicht mehr mit ihrer Toilette zu beschäftigen und um die Gesellschaft zu kümmern, von der sie jedenfalls vergessen zu sein wünschte. Sie trug ein schwarzes sehr langes Kleid mit einem Moireegürtel um die Taille und darüber als Schal ein Battistfichu mit breiter Kante, dessen beide Enden nachlässig in den Gürtel gesteckt waren. Die sorgfältige Fußbekleidung wies auf elegante Gewohnheiten hin, dazu trug sie schwarzseidene Strümpfe, die den Anstrich der Trauer dieses konventionellen Kostüms vervollständigten. Ihr Hut endlich, von immer gleicher englischer Form, war von grauem Stoff und hatte einen schwarzen Schleier. Sie schien außerordentlich schwach und sehr leidend zu sein. Ihr einziger Spaziergang führte sie von der Grenadière nach der Brücke von Tours, wohin sie an ruhigen Abenden mit ihren beiden Kindern ging, um die frische Luft der Loire zu atmen und sich der Bilder des Sonnenuntergangs in dieser Landschaft zu erfreuen, die ebensoweit ausgebreitet ist wie der Busen von Neapel oder der Genfer See. Während ihres ganzen Aufenthalts in der Grenadière begab sie sich nur zweimal nach Tours; das eine Mal, um den Direktor des Gymnasiums zu bitten, ihr die besten Lehrer für Lateinisch, Mathematik und Zeichnen zu nennen, und das andere Mal, um mit den bezeichneten Personen den Preis für den Unterricht und die Zeit, zu der die Stunden den Kindern gegeben werden sollten, zu vereinbaren. Es genügte aber schon, daß sie sich ein- oder zweimal in der Woche auf der Brücke zeigte, um das Interesse fast aller Einwohner der Stadt zu erregen, die dort spazierenzugehen pflegten. Gleichwohl vermochte, trotz der harmlosen Spionage, die eine Folge der Untätigkeit und der unruhigen Neugier der ersten Gesellschaften in der Provinz sind, niemand bestimmte Auskünfte über den Rang der Unbekannten in der Gesellschaft, noch über ihr Vermögen, noch über ihren wirklichen Stand zu erhalten. Nur der Besitzer der Grenadière nannte einigen Freunden den jedenfalls richtigen Namen, mit dem die Unbekannte den Mietkontrakt unterzeichnet hatte. Sie nannte sich Auguste Willemsens, Gräfin von Brandon. Es müßte das der Name ihres Mannes sein. Später bestätigten die letzten Ereignisse unsrer Geschichte die Wahrheit dieser Eröffnungen; aber sie wurden nur in den Kaufmannskreisen bekannt, in denen der Besitzer verkehrte. So blieb Frau Willemsens beständig ein Geheimnis für die Leute der guten Gesellschaft, und alles, was sie jene vermuten ließ, ergab, daß sie eine vornehme Dame von einfachem aber reizend natürlichem Wesen war, die eine Stimme von himmlisch süßem Klange besaß. Die tiefe Einsamkeit, in der sie lebte, ihre Melancholie und ihre mit deutlich ausgesprochener Absicht verschleierte, zum Teil auch zerstörte Schönheit, hatten noch so vielen Reiz, daß mehrere junge Leute sich in sie verliebten; aber je aufrichtiger ihre Liebe war, um so weniger kühn zeigte sie sich; jene flößte eine solche Ehrfurcht ein, daß man kaum wagen konnte, sie anzusprechen. Und wenn einige kecke Männer es doch wagten, an sie zu schreiben, so mußten ihre Briefe ungelesen verbrannt worden sein. Frau Willemsens warf alles, was ihr zugesandt wurde, ins Feuer, wie wenn sie die Zeit ihres Aufenthalts in der Touraine, ohne sich auch nur im geringsten um etwas zu kümmern, hätte verbringen wollen. Sie schien an diesen reizenden Zufluchtsort nur gekommen zu sein, um sich ganz dem Glück hinzugeben. Die drei Lehrer, denen der Zutritt zur Grenadière gestattet war, sprachen mit einer Art respektvoller Bewunderung von dem rührenden Bilde, das das innige wolkenlose Zusammenleben der Dame mit ihren Kindern darbot.

Die beiden Kinder erregten ebenfalls lebhaftes Interesse, und die andern Mütter konnten sie nicht ohne Neid betrachten. Beide waren der Frau Willemsens ähnlich, die ja auch wirklich ihre Mutter war. Sie hatten einer wie der andere ihren durchsichtigen Teint, ihre lebhaften Farben, ihre klaren, feuchten Augen, ihre langen Wimpern und den frischen Ausdruck, der der kindlichen Schönheit soviel Glanz verleiht. Der ältere, Louis-Gaston, hatte schwarzes Haar und einen kühnen Blick. Alles an ihm verriet eine robuste Gesundheit, ebenso wie seine breite, hohe, schön gewölbte Stirn einen energischen Charakter anzeigte. Er bewegte sich flink und gewandt, war sehr schlank und kräftig, hatte nichts Unnatürliches in seinem Wesen, erstaunte über nichts und schien über alles, was er sah, reiflich nachzudenken. Der andere, Marie-Gaston, war fast blond, wenn auch einige seiner Locken dunkler schimmerten und in der Farbe dem Haare seiner Mutter glichen. Marie war von zarter Gestalt und besaß die feinen Züge, die bei Frau Willemsens so reizvoll waren. Er schien kränklich zu sein; seine grauen Augen hatten einen sanften Ausdruck, seine Gesichtsfarbe war blaß. Er hatte etwas Weibliches in seinem Wesen. Die Mutter ließ ihn noch gestickte Kragen, langes gepflegtes Haar und die kurze, mit Borten und länglichen Knöpfen geschmückte Jacke tragen, die einem Knaben eine so unsagbare Grazie verleiht und die echt weibliche Lust am Sichschmücken verrät, die der Mutter ebensoviel Freude bereitet wie vielleicht auch dem Kinde. Dieses hübsche Kostüm stand im Gegensatz zu dem einfachen Wams des Älteren, über das nur der schlichte Hemdkragen umgeschlagen war. Die Beinkleider, die Schuhe, die Kleiderfarbe waren bei beiden ähnlich und verrieten ebenso wie ihre Ähnlichkeit zwei Brüder. Rührend war es mit anzusehen, wie Louis sich um Marie sorgte. Der ältere betrachtete den andern wie mit den Augen eines Vaters; und Marie zeigte sich, trotz der Unbekümmertheit seiner jungen Jahre, voll Dankbarkeit gegen Louis. Die beiden kleinen, kaum von ihrem Stengel getrennten Blüten waren wie von demselben Wind bewegt, von demselben Sonnenstrahl beschienen; aber der eine hatte kräftige Farben, der andere war halb bleichsüchtig. Ein Wort, ein Blick, ein veränderter Ton der Stimme genügten, um sie aufmerksam werden, den Kopf umwenden, hinhören, einen Befehl vernehmen, eine Bitte, einen Rat verstehen zu lassen und gleich zu gehorchen. Frau Willemsens machte ihnen immer ihre Wünsche und Absichten verständlich, als ob sie alle zusammen denselben Gedanken gehabt hätten. Wenn sie auf einem Spaziergang vor ihr spielten, eine Blume pflückten, ein Insekt beobachteten, so sah sie ihnen mit so warmer Zärtlichkeit zu, daß auch der gleichgültigste Passant davon ergriffen wurde, stehen blieb, um den Kindern und ihrem Lachen zuzuschauen und der Mutter einen freundschaftlichen Blick zuzuwerfen. Wer hätte auch nicht die peinliche Sauberkeit ihrer Anzüge, den angenehmen Klang ihrer Stimmen, die Grazie ihrer Bewegungen, ihre hübschen Gesichter und die unbewußte Vornehmheit ihres Wesens bewundert. Das bewies, wie sorgfältig sie schon von der Wiege an erzogen worden waren! Die Kinder schienen nie geschrien und nie geweint zu haben. Die Mutter hatte ein magnetisches Ahnungsvermögen in bezug auf ihre Wünsche und ihre Schmerzen, denen sie unausgesetzt zuvorkam oder die sie besänftigte. Sie schien ihre Klagen mehr zu fürchten als die ewige Verdammnis. Jeder Zug an den Kindern sang ein Loblied auf die Mutter; das Bild, das ihr dreifaches Leben, das in einem vereinigt zu sein schien, darbot, erweckte unklare, liebliche Traumgedanken an ein Glück, dessen wir in einer besseren Welt dereinst teilhaftig zu werden hoffen. Das häusliche Dasein der drei in solcher Harmonie lebenden Wesen stimmte mit der Ansicht, die man sich bei ihrem Anblick bildete, überein; es war ein geordnetes Leben, regelmäßig und einfach, wie es die kindliche Erziehung verlangt. Beide standen eine Stunde nach Tagesanbruch auf und sprachen zunächst ein kurzes Gebet, wahrhaftige Worte, die sie sieben Jahre hindurch am Bette der Mutter gesagt hatten, wo sie mit einem Kuß begonnen und beendigt wurden. Dann machten die beiden Brüder, an peinliche Sorgsamkeit in bezug auf ihre Person gewöhnt, die ebenso notwendig für die Gesundheit des Körpers wie für die Reinheit der Seele ist, und auf der das Bewußtsein des Wohlbehagens beruht, die gleiche sorgfältige Toilette wie eine hübsche Frau. Sie unterließen dabei nichts, so sehr fürchteten sie, einer wie der andere, einen Vorwurf, mit wie zärtlichem Tone ihn auch die Mutter ihnen machte, wenn sie sie beim Frühstück umarmte und dabei wohl einmal sagte: »Meine Lieblinge, wobei habt ihr denn schon unsaubere Nägel bekommen?« Beide gingen dann in den Garten, um hier die nächtliche Befangenheit in der tauigen Morgenfrische abzuschütteln, und wo sie warteten, bis die Kammerfrau das gemeinsame Wohnzimmer aufgeräumt hatte, in dem sie sich dann bis zum Aufstehen ihrer Mutter an ihre Arbeiten setzten. Von Zeit zu Zeit aber spähten sie nach, ob sie noch nicht erwacht sei, wiewohl sie erst zur festgesetzten Stunde ihr Schlafzimmer betreten sollten. Dieser Einbruch am Morgen, der immer gegen die ursprüngliche Verabredung geschah, war stets eine köstliche Sache für sie wie für Frau Willemsens. Marie sprang auf ihr Bett, um sein Idol zu umarmen, während Louis am Kopfende kniete und die Hand der Mutter ergriff. Dann gab es ein ängstliches Sicherkundigen mit Worten, wie sie nur ein Liebender für seine Geliebte findet; nun folgte ein himmlisches Lachen, Zärtlichkeiten, die ebenso leidenschaftlich wie rein waren, beredtes Schweigen, Gestammel, von Küssen unterbrochene kindliche Geschichten, die selten zu Ende gebracht, aber immer aufmerksam angehört wurden . . .

»Habt ihr fleißig gearbeitet?« fragte dann die Mutter, aber in so süßem und liebevollem Tone, als ob sie die Faulheit wie ein Unglück beklagen wollte, und immer bereit, dem, der mit sich zufrieden war, einen tränenfeuchten Blick zuzuwerfen. Sie wußte, daß ihre Kinder von dem Wunsche beseelt waren, ihr zu gefallen, und sie ihrerseits wußten, daß ihre Mutter nur für sie lebte, daß sie sie ins Leben mit allem Scharfsinn der Liebe einzuführen suchte, und daß sie ihnen all ihr Denken und alle ihre Zeit opferte. Solche teuren, so sehr geliebten Wesen, ganz von Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit beseelt, sind dann erstaunlich dankbar. Sie lieben mit Leidenschaft, mit Eifersucht, sie verschwenden die reizendsten Zärtlichkeiten, sie finden die süßesten Worte; sie sind voll Vertrauen, sie glauben bei der geliebten Person an alles. Deshalb gibt es auch vielleicht keine schlechten Kinder ohne schlechte Mütter; denn die Zuneigung, die sie empfinden, steht immer im Verhältnis zu der, die ihnen zuteil wird, von der frühesten Sorgsamkeit an, mit der sie betraut wurden, von den ersten Worten an, die sie vernommen haben, von den ersten Blicken an, mit denen sie nach Liebe und Leben gesucht haben. Alles wird dann zur Anziehung oder zur Abneigung. Gott hat die Kinder an den Busen der Mutter gelegt, um ihr begreiflich zu machen, daß sie dort lange bleiben sollen. Trotzdem gibt es grausam mißverstandene Mütter, zärtliche und erhabene Gefühle, die beständig verletzt werden, schreckliche Undankbarkeit, was beweist, wie schwierig es ist, feste Grundsätze aufzustellen, wenn es sich um Gefühle handelt. In den Herzen dieser Mutter und ihrer Söhne fehlte keins der tausend Bande, die eins mit dem andern verknüpften. Allein in der Welt, lebten sie hier dasselbe Leben und verstanden sich vortrefflich. Wenn Frau Willemsens Leben sich morgens schweigsam verhielt, waren Louis und Marie still, indem sie alles, was sie tat, respektierten, selbst die Gedanken, an denen sie keinen Anteil hatten. Aber der Ältere, der schon schärfer zu denken vermochte, begnügte sich niemals mit der mütterlichen Versicherung, daß es ihr gut ginge; er studierte ihr Gesicht mit düsterer Beunruhigung, die die Gefahr noch nicht kannte, aber sie ahnte, wenn er ihre Augen mit bläulichen Ringen umgeben sah und wahrnahm, wie tief sie eingesunken waren, und wie ihr Gesicht immer röter glühte. Voll echten Feingefühls merkte er es, wenn Maries Spiele sie zu ermüden begannen, und sagte dann zu seinem Bruder: »Komm frühstücken, Marie, ich habe Hunger.«

Aber an der Tür wandte er sich noch einmal um und beobachtete den Gesichtsausdruck der Mutter, die für ihn noch ein Lächeln fand; und oft rollten ihr die Tränen aus den Augen, wenn eine Geste ihres Kindes sein warmes Empfinden und ein frühzeitiges Verständnis ihrer Schmerzen verriet.

Die Zeit, die für das erste Frühstück der Kinder und ihre Erholung bestimmt war, verwandte Frau Willemsens auf ihre Toilette. Sie entfaltete eine Art von Koketterie für ihre geliebten Kleinen, sie wünschte, ihnen zu gefallen, ihnen in jeder Beziehung angenehm zu erscheinen, ein reizvoller Anblick für sie und so einschmeichelnd zu sein wie ein zarter Duft, nach dem man sich immer wieder sehnt. Sie war stets bereit, mit ihnen die Aufgaben zu wiederholen, was zwischen zehn und drei Uhr geschah, um zwölf Uhr durch ein zweites Frühstück unterbrochen, das gemeinsam im Gartenpavillon eingenommen wurde. Nach der Mahlzeit war eine Stunde für Spielen freigegeben, während denen die glückliche Mutter, die arme Frau, auf einem großen Diwan im Pavillon ausgestreckt verweilte, von dem aus man das reizende, unaufhörlich wechselnde, von den tausend Geschehnissen des Tages, am Himmelszelte und in der Jahreszeit immer wieder neu erscheinende Bild der Touraine vor Augen hatte. Die beiden Kinder sprangen über die Einfriedigungen, kletterten auf die Terrassen, jagten hinter den Eidechsen her, selbst sich windend und gelenkig wie eine Eidechse; sie betrachteten das Getreide und die Blumen, studierten die Insekten und holten sich Aufklärung über alles bei der Mutter. Das war ein ewiges Kommen und Gehen in dem Pavillon. Auf dem Lande brauchen die Kinder kein Spielzeug, weil alles ihnen zur Beschäftigung dient. Den Unterrichtsstunden wohnte Frau Willemsens, an einer Stickerei arbeitend, bei. Sie verhielt sich schweigend, sah weder die Lehrer noch die Kinder an und hörte aufmerksam zu, als ob sie den Sinn der Worte zu begreifen und ungefähr zu erfahren wünschte, ob Louis zulerne, ob er seinen Lehrer durch eine Frage in Verlegenheit bringe und so bewiese, daß er Fortschritte mache: dann strahlten die mütterlichen Augen, sie lächelte und warf ihm einen hoffnungsvollen Blick zu. Von Marie verlangte sie wenig; ihre Wünsche konzentrierten sich auf den Älteren, dem sie einen gewissen Respekt bezeigte, indem sie all ihr weibliches und mütterliches Feingefühl aufwandte, um ihn stolz zu machen und ihm einen hohen Begriff von sich zu geben. Dieses Verhalten barg einen geheimen Gedanken in sich, den das Kind eines Tages verstehen sollte, und den es auch verstand. Nach jeder Unterrichtsstunde begleitete sie die Lehrer bis an die vordere Tür und ließ sich gewissenhaft Bericht über Louis' Studien abstatten. Sie war dabei so freundlich und entgegenkommend, daß die Lehrer ihr wahrheitsgetreu berichteten, um sie in den Stand zu setzen, Louis in den Gegenständen zu eifrigerer Arbeit anzuhalten, in denen er ihnen noch unsicher zu sein schien. Dann folgte die Hauptmahlzeit, darauf Spiel und ein Spaziergang; am Abend endlich wurden die Aufgaben gelernt.

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