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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Achtes Kapitel.

Die junge Freiheit saß mit den anderen im Loche, und da ich das wohlgestalte junge Weibsbild in sich zusammengekauert durch das Fenster erblickte, jammerte mich seiner, und am liebsten hätt' ich es von hinnen gesandt, auf Nimmerwiedersehen, in die Fremde.

Den Herdegen vermocht' ich nicht aufzufinden, des Ohm Kristan Scherze wollten mir nicht munden, und wie ich mich endlich auf meine Kammer begab, war es mir, als schwebe in der Luft ein unabwendbar schrecklich Unheil. Und das ward nicht besser, da die Ann, die die alte Kopfpein seit Wochen verschont, das Lager bestieg, um die wachsende Qual in den Kissen zu bergen. So blieb ich denn stumm und gedankenvoll neben ihr sitzen, bis Muhme Jacoba mich rufen ließ, um die Wunde des geraubten Mägdeleins zu kühlen.

Selbiges lag nun wohl gebadet und gesäubert in frischem Linnen, und aus dem braunen, schmutzigen Balg war ein gar lieb blondhaarig Schätzlein geworden. Ich wartete sein auch gern, zumal wenn ich bedachte, welch ein Freudenbringer es für Vater und Mutter zu werden bestimmt sei, und dannocht wollte der drückende Alp nicht von mir weichen, auch nicht, wie Becherklang und das tiefe Lachen des dicken Ohm Kristan zu mir heraufklang.

So wie damals hat mir wohl selten des Herdegen frohe Stimme gemangelt. Er war, wie die Schaffnerin meldete, um Ave Maria in die Stadt geritten, sintemal ihn der Großohm dorthin beschieden.

Auf der Folter, der mein Bruder noch beigewohnet, war kein Geständnis von der Buberei herauszubringen gewesen, maßen wir uns auf der Gerichtsstube keiner anderen Marterwerkzeuge erfreuten, denn der Streckebank, der Daumschrauben und Geißeln, so zu der bambergischen Tortur notwendig, und der pommerischen Mütze, die das Haupt scharf zusammenzupressen vermag; doch gab es ja in Nürnberg Geräte von weniger milder, mächtigerer Wirkung.

Es war grausam schwül in der Luft, und die Sonne gelb und trüb wie ein geblendet Menschenauge hinter finsterem Gewölk zur Rüste gegangen. Mich, die sonst immerdar Rüstige, überkam eine sonderbare Schlaffheit und mit ihr eine ganze Reihe von trüben und schrecklichen Hirngespinnsten. Bald sah ich den Ritter und Junker, die um mich thöricht Ding in Streit geraten, bald meine Ann, abgehärmt, noch bleicher denn vorhin, mit dem Nonnenschleier, und dann gar an der Pegnitz auf der nämlichen Stelle, wo heuer, mitten in der fröhlichen Pfingstzeit, eine arme, verlassene Maged ins Wasser gegangen.

Dann flammte der erste Blitz auf, und schneller und schneller zog das Unwetter heran, bis es dicht über uns ausbrach, und je hurtiger dem blendenden Licht des Donners Krachen folgte, desto tiefer schrak ich zusammen. Dazu weinte das wunde Kind neben mir gar kläglich und fand in seiner Fieberangst keine Ruhe.

In der Trinkstube war es allbereit still geworden; wie mir aber die Muhme gebot, der Schließerin den Platz am Bettlein der Kleinen zu überlassen, auf daß ich endlich zur Ruhe komme, weigerte ich mich dessen; denn ich hätte nirgends Schlummer gefunden.

So ließen sie mich gewähren, und wie ich nach Mitternacht, von neuer Angst um den Herdegen befallen, an das offene Fenster trat, um die heiße Stirn von der Windsbraut streifen zu lassen, erhob sich das Gebell der Rüden plötzlich überlaut, als würde die Forstmeisterei auf allen Seiten von Räubern umschlichen. Und zu alledem nahm ich im Schein der Blitze wahr, wie die alte Linde inmitten des Würzgärtleins der Muhme am Boden lag, und das schnitt mir ins Herz, maßen der Waldohm diesem Baum, den sein Herr Großvater selig gepflanzet, so hold war, und seine bresthafte Hausfrau an heißen Sommertagen nirgends lieber weilte, denn unter seinem Schatten. Und wie der Baum, so schien mir all mein junges Lebensglück entwurzelt, und wie gebannt mußte ich auf die niedergerissene Linde schauen, bis etwas Neues mich schreckte; denn am äußersten Saume des Himmels, da, wo die Stadt liegt, erhob sich ein lichter Schein, der immer heller ward, und endlich rosenfarbig und blutrot.

Da erscholl vom Hundezwinger und dem Wächterhäuschen her neues Lärmen, und ich hörte viele Stimmen durcheinander rufen, und da das ferne Licht zu flackern und heller und heller zu leuchten anhub, glaubte ich denen, die unten riefen, ganz Nürnberg stehe in Flammen.

Auch Muhme Jacoba hatte sich erhoben, und alles, was unter unserem Dache weilte, schaute nach dem Feuer und gab die Meinung kund, ob es wachse oder sich mindere. Und, dank der gebenedeiten Jungfrau, die letzteren behielten recht: es mochten nur einige Kornböden oder Warenspeicher verbrannt sein, und, unter anderen fühlenden Menschenkindern, begann ich schon freier zu atmen; doch da ließ sich des Wächters Ruf abermals vernehmen, und was nun erschien, das sollte mir zeigen daß mein Bangen nicht grundlos gewesen.

Die Nacht vor Sankt Simon und Judas des Jahres 1420 nach der Geburt des Heilandes war es, von der ich rede, und ich will sie nimmer vergessen. Es hat sich das große Ereignis derselben, so auch in den Chroniken verzeichnet stehet, in vieler Gedächtnis erhalten, aber am tiefsten prägte es sich vielleicht doch in das meine; denn während ich jetzund die Feder führe, seh' ich den großen Soler der Forstmeisterei immer noch vor mir. Viele Leute bewegen sich darin hin und her, und alle sind nur dürftig bekleidet und voll Neubegier und Spannung. Der Feuerlärm hat sie rasch aus den Federn getrieben, und jetzt drängen sie sich dicht zusammen und spähen durch das weit geöffnete Thor nach der lichten Stelle am Himmel. Keiner wagt sich hinaus in den Sturmwind, männiglich zieht das Gewand, den Mantel, die Decke fester an sich, sintemal es von draußen her so jach hereinbläst, daß die hellen Kienfackeln an den Wänden dem Verlöschen nahe und ihre gelb und rot flackernden Flammen sonderbare Lichter durch die Halle werfen.

Nun ist des Wächters Ruf verklungen, und näher und näher kommt das Raunen und Klagen der Ehalten.

Jetzt wankt ein Mann über die Schwelle, den der Thorwächter Endres mühsam stützt, da die Kniee ihm wanken, und der, der dort wie ein Trunkener oder Todeswunder heimkehrt, es ist kein anderer als mein Herdegen-Bruder. Der Fackelschein fällt ihm mitten ins Antlitz, und da sich mein Blick darauf richtet, schrei' ich laut auf, und was meine Seele für ihn empfindet, ist eitel Barmherzigkeit und Minne.

Flugs hab' ich mich an des Endres Stelle gedrängt, um ihn zu stützen, und von der andern Seite hält ihn sein treuer Knecht, der Eppelein, aufrecht, den er diesmal, wider seine Art, nicht mitgenommen hatte.

Wo wir ihn auch angreifen mögen, fühlt er Pein, und da ihn der Waldohm und alle mit Fragen bestürmen, wehrt er ihnen und zeigt auf Haupt und Mund, die zu schwach sind zum Reden und Denken.

Ach, der wunde Gesell dort gleicht dem schönen Herdegen nur noch von fern, dem die welschen Marchesinnen güldene Spangen um den Arm schmieden ließen. Sein Antlitz ist hier gedunsen und blutunterlaufen, dort grausam zerschunden. Die schmucke Stirnlocke, die ihm so gut ließ, wo ist sie geblieben? Der linke Arm schmerzt ihn, und sein zierlich Reitergewand hängt in Hadern an ihm herunter. Einem wunden, zerschlagenen Bettler gleicht er, den man von der Heerstraße gelesen, und es bereitet mir schier Genügen, daß die Ann das Lager hütet, und ihr solcher Anblick erspart bleibt.

Die Muhme ist allbereit früher in den Soler getragen worden, und während sie dem Siechen Glieder und Gelenkbänder prüft und keinen Bruch an ihnen findet, fragt der Waldohm ihn aus, und er berichtet in mühsamer und gebrochener Rede, sein Roß sei im Walde vor einem Blitz gescheut, habe sich mit ihm überschlagen und ihn durch das Buschwerk geschleifet; seines Knechtes Gaul, dessen er sich gerade heut bedienet, irre im Walde umher.

Sein Bericht ist kaum am Ende, da eilen der Hüter des Loches und der Thorwächter in den Vorsaal und berichten, einer der Gefangenen, und zwar die junge Freiheit, sei entwischt, obzwar man des Gewahrsams Pforte verschlossen und das Licht vergittert gefunden. Sie sei eine Hexe, und nur das eine denkbar, daß sie durch das vergitterte Fensterlein nach Hexenart auf einem Besenstiel, oder als Vogel, Fledermaus oder Eule, entflattert, – ja, solches sei so gut wie gewiß, maßen der Wächter um Mitternacht ein Gespenst im Walde erschaut, und das gleiche Gesicht sei auch dem Rüdenwarte erschienen. Da hätten sie sich beide bekreuzt und etliche Paternoster gesprochen; die Gefangenen aber pflichteten ihnen bei und hatten bekannt, daß die junge Freiheit nicht zu ihnen gehöre, sondern in der letzten Walpurgisnacht von ungefähr zu ihnen gestoßen sei, ohne zu sagen, woher oder wohin. Wie sie aber in eines Vampirs gräßlicher Ungestalt vor etlichen Stunden enteilet, habe sie ihnen mit Fängen und Zähnen übel zugesetzt, und so schlecht das Gesindel auch sei, solches erscheine sicherlich glaubhaft, sintemal es der Wunden und Flecken voll, so nicht von der Folter stammten.

Bei diesem Bericht versagte meinem Aeltesten die letzte Kraft, und erdfahl sank er in den Sorgenstuhl zurück.

Nun blieb ich bei dem Bruder; doch erteilte er keine Antwort aus meine Fragen und schien zu schlafen. Wie der Morgen graute, fröstelte mich, und da ich dem Wunden doch nichts helfen konnte, begab ich mich hinunter.

Dort traf ich die Herren, wie sie sich Valet boten; denn es verlangte diesen in die Stadt, um nach dem Feuer zu forschen, und jenen in das wärmende Bett.

Eben hatte man ihnen heißen Alantwein zur Stärkung aufgetragen, als sich von neuem Hufschlag und des Wächters Ruf vernehmen ließ. Da sprangen sie alle hurtig auf, und nur der Ohm Kristan Pfinzing blieb sitzen; denn so lang der Becher vor ihm stund, hätt' es eines Mehreren bedurft, ihn zum Aufstehen zu bringen. Er war ein mächtig beleibter Herr, mit kurzem ziegelrotem Halse, scharf geschorenem Grauhaar und einem runden, wohlgeformten Antlitz, aus dem kluge Aeuglein rund und weit hervortraten.

Wir Schoppergeschwister hingen an dem fröhlichen, liebreichen Manne, der selbst kinderlos, mit ganzem Herzen; ich aber war ihm vor den anderen hold, maßen er mein lieber Herr Pathe, und er an der Ann allbereit seit Jahren ein sonderbar, schier väterlich Wohlgefallen gefunden.

Gelassen hatte der Ohm Kristan dem feurigen Tranke zugesprochen und der anderen gewartet; doch da sie ihm endlich berichtet, welcher Botschaft Träger der Reiter gewesen, glitt ihm der Becher aus der Hand, also daß er klirrend auf die Fliese schlug und der Alantwein zu Boden rauschte; auch war zu gleicher Zeit sein gut, treu Haupt auf die Seite gesunken, und so verharrte er kurze Zeit bar der Besinnung.

Obzwar es hienach bald gelang, ihn ins Leben zurückzurufen, nahm ich doch zu meiner Kümmernis wahr, daß ihm die Zunge fast schwer geworden; doch ist sie mit der Jungfrau gnädigem Beistand späterhin wieder in so guten Schick gekommen, daß man, wenn er beim Becher saß, sein lautes Reden und tiefes Lachen durch der Zimmer drei und vier kenntlich vernahm.

Die Botschaft aber, welche ihm den Unfall zugezogen, vor dem ihn Meister Ulsenius lange gewarnet, war wohl geeignet, auch einem gelasseneren Mann das Herz zu erschüttern; denn der Ohm Kristan hauste als Wart auf der kaiserlichen Reichsburg, und es lag ihm ob, sie zu behüten; neben dieser aber hatte sich auf dem gleichen Felsenhügel das alte Schloß des Burggrafen Friedrich erhoben. Nun war selbiger in üble Händel mit dem Herzog Ludwig dem Bärtigen von Bayern-Ingolstadt geraten, also daß desselbigen Ammann, der edle Kristoph von Laymingen, der zu Lauf haushielt, es, mit seinem gnädigen Herrn im Rücken, hatte wagen dürfen, dem Burggrafen Friedrich abzusagen, obzwar selbiger seit kurzem als Herr der brandenburgischen Lande ein mächtiger Kurfürst.

Gemeldeter Kristoph von Laymingen – solches hatte der Bote gekündet – war nun in eben dieser Grauennacht gen Nürnberg geritten und hatte dorten zwar nicht die Reichsburg, so noch heute unversehrt dasteht, wohl aber die Burg der alten Zollerschen Burggrafen, die sich an ihrer Seite erhoben, überrannt und in Asche verwandelt. Und wenn solches auch den ehrbaren Rat nicht sonderlich kränkte, sintemal er um manchen Rechtsstreites willen in übler Freundschaft mit dem Herrn Burggrafen und Kurfürsten lebte und es ihm später auch gelang, die leere Brandstätte durch Kauf an sich zu bringen, mußte es doch dem Ohm Kristan baz nahe gehen, da er seinen Hars, dem es oblag, der Burg zu hüten, ins Weite geführet, wenn auch zu dem löblichen Zweck, ihn gegen die Hussiten zu üben.

Solches konnte ihm leicht des Kurfürsten Ungnade zuziehen; doch ist es ihm fürder nicht zum Schaden gediehen. Das aber stund sicher und gewißlich fest, daß bei dem allem schnöder Verrat mit im Spiele, und auf der Folter zu Nürnberg hat es sich denn auch ergeben, daß der Bärenführer ein Kundschafter und Zuträger gewesen und dem Laymingen gesteckt hat, wohin der Pfinzing sich mit seinen Haufen begeben.

Und wer nun denken möchte, hiemit habe das Unheil ein Ende genommen, so sich damals in der kurzen Spanne Zeit, vom Nachmittag bis zum Morgen, auf der Forstmeisterei begeben, den muß ich eines andern belehren, maßen der junge Tag, der sonder Frührot grau und unwirsch in den vergilbenden Wald einzog, neue Herzenspein und schlimmen Unsegen brachte.

Hinter dem Mooshüttlein, wo sich mein Herdegen mit der jungen Freiheit getroffen, hatte der schwäbische Junker und Ritter Franz, ohne nach der Regel und Ordnung des Zweikampfes zu fragen, mit einander gestritten, auf Tod und Leben gefochten, um meinetwillen, – und als solle in dieser argen Zeit meinem armen Herzen nichts erspart bleiben, was weh thut, mußte ich gerade zu dem gefällten Lindenbaum treten, wie der schwäbische Junker den Widersacher schwer getroffen und mit wirrem Haar, einem Besessenen gleich, dahergestürzt kam.

So war es denn immer noch eine gnädige Fügung, daß im nämlichen Augenblick der Ohm Konrad und der Herr Kaplan in das Gärtlein traten, und ich sie zu dem Wunden geleiten durfte.

Da lag nun das junge Blut in dem feuchten Rasen, noch viel bleicher denn sonst und mit schmerzlich zuckenden Lippen. Ein herbstlich Blatt war ihm auf die Stirn gefallen und hob sich sonderbar ab von seiner schlohweißen Haut; ich aber neigte mich alsbald und hob es von ihm. Neben ihm lag die entwurzelte Linde, von der es stammte, und da ich gewahrte, wie das Regenwasser von ihrem Laube abtroff, war mir's, als ob sie weine.

Da zog mich das Herz so warm wie noch nie zu dem Jüngling, dessen Blut um meinetwillen geflossen, doch wie ich ihm recht minniglich ins Antlitz schaute, trat ihm der schwäbische Junker reumütig näher, und nun schoß mir aus des Wunden halb geöffneten Augen ein bitterböser, stechender Blick entgegen, vor dem mir graute.

Da war es denn wieder aus und vorbei mit jeglicher zärtlichen Regung. Als ich ihm aber in die regungslosen Züge schaute, die nun so fahl und weiß geworden wie stumpfe Kreide, mußt' ich doch weinen; denn es thut immer weh, dem Tode anheimfallen zu sehen, was noch nicht reif ist zum Sterben, wie wir ja auch die grüne Saat beklagen, die der Hagel zerschlägt, und Erntefeste feiern, wenn der Schnitter das gelbe Korn mäht.

So gab es denn in der Forstmeisterei außer der Muhme selbst drei Sieche, sintemal auch der Ohm Kristan etliche Tage der Rast und Wartung bedurfte; doch sollte es nicht an Pflegerinnen mangeln, maßen die Ann heute wieder wohlauf und Base Metz herbeigeeilt war, sobald sie erfahren, was dem Herdegen begegnet; denn selbiger hatte von uns allen den größten Stein bei ihr im Brett, also daß sie ihn auf der hohen Schule von ihrem Eigenen, obzwar er ja ohnehin reichlich versehen, mit so stattlichen Zehrpfennigen bedacht, daß er hinter habhaften Grafensöhnen mit nichten zurückstund.

Weil nun Base Metz erst gegen Abend eintraf, lag es mir ob, des Bruders zu warten, doch daß mir die Ann dabei zur Hand sei, solches wollte die Muhme Jacoba nicht wohlanständig für eine junge Maged dünken; noch weniger aber willfahrte sie meinem warmen Verlangen, mich der Pflege des Ritters Franz hinzugeben und dabei lag ihr weniger im Sinn, was sich zieme, denn die Erwägung, daß es dem vom Fieber geschüttelten, wunden Mann übel frommen werde, diejenige sich nahe zu wissen, um deren Minne er vergebens geworben.

Es war mir also versagt, der Ann bei dem Bruder zu begegnen, und dannocht lag mir vielerlei auf dem Herzen, und es schwante mir wohl, daß es auch sie dränge, mit mir zu reden; doch gab sie mir, wie ich endlich in unserer Kammer mit ihr allein war, Dinge zu raten, auf die ich nicht von weitem gefaßt war. Denn da ich sie fragte, was sie dem siechen Bruder durch mich zu melden begehre, gebot sie mir ernst und bekümmert, ihrer ganz vor ihm zu geschweigen. Solches aber nahm mich billig wunder, sintemal ich der Meinung, es sei ihr verborgen geblieben, was mich gestern so schwer bekümmert. Doch so stund es mit nichten, und ich erfuhr nun, daß sie alles bemerkt und der Herren leichtfertige Reden über den fröhlichen Gesellen vernommen, den die schöne Dirne sich so schnell vor den übrigen erkoren.

Obzwar ich nun zum Guten zu reden versuchte, ließ sie mich wissen, daß, wäre ihrem Herzliebsten kein Leid widerfahren, sie ihn heute noch fragen würde, ob es ihm ernst sei mit dem Verlöbnis, oder ob er es vorziehe, Ring und Wort von ihr zurückzuempfangen.

Solches kam ihr sonder Thränen und Seufzen fest und entschlossen über die Lippen, und so begann ich allbereit an der Echtheit auch ihrer Minne zu zweifeln und gab es ihr frank zu erkennen.

Da zog sie mich an sich, und indes es feucht und immer feuchter in ihren großen Augen schimmerte, gab sie mir eine Erläuterung, die alles enthielt, was ich mir wohl in der nämlichen Lage selbst gesagt haben würde. Als Geringere trete sie in den Kreis von höher Geborenen, und ihre neue Freundschaft werde ihr gewiß kein Körnlein mehr Ehre zu teil werden lassen, denn der eigene Gatte. Von seinem Verhalten hänge es darum ab, wie ansehnlich oder gering die Wertschätzung sein werde, auf die sie als seine Hausfrau zu zählen habe. Auch so lange ihr Verlöbnis noch geheim, müsse er, sei es mit ihr allein, sei es vor aller Welt, beweisen, daß ihr Jawort ihm ebensoviel gelte, wie das der reichsten und fürnehmsten Erbin.

Solches sprudelte sie schnell und mit glühenden Wangen herfür. Ich sah, wie die bläulichen Adern auf ihrer reinen Stirn dabei schwollen, und will das Bild nimmer vergessen, so sie darbot, wie sie den feuchten Blick aufwärts wandte, die Hände auf die wogende Brust preßte und ausrief: »Mit ihm in Not und Tod gehen ist mir ein Kleines; in Schande laß ich mich nimmer führen, auch nicht von ihm!«

Wie ich sie hienach, nachdem ich ihr warm zugesprochen und sie lang in den Armen gehalten, endlich verließ, war sie bereit, ihm zu vergeben, doch darauf blieb sie bestehen: Kein Blick, kein Wort, kein Kuß, bevor der Herdegen nicht gelobet, die Schmach von gestern solle die erste und letzte sein, die er ihr zugefügt habe.

Wie hatte sie das Geschehene ergriffen, und wie wenig war ihr doch von allem bewußt, womit der Herzliebste sich gegen die Treue, die er ihr schuldig, vergangen! Sie sagen, Amor sei blind, und er ist es auch anfangs; doch ward das Zutrauen einmal erschüttert, so fällt die Binde, und aus dem blödsichtigen Knaben wird ein vieläugiger, scharfsichtiger Argus.

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