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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Siebentes Kapitel.

Die Hähne krähten schon, da ich entschlief, und wie ich erwachte, saß die Ann allbereit vor dem Spiegel und zöpfte das Haar. Ich wußte, was sie so bald aus den Federn getrieben, und wie sie beim Frühmahl dem Herzliebsten entgegentrat, schien mir ihre Gestalt und mit ihr ihres Antlitzes Schöne also gewachsen, daß ich nicht von ihr fortblicken mochte. Auch der Muhme und dem Reichsschultheiß fiel die sonderbare Wandlung auf, die in dieser Nacht mit ihr vorgegangen, und hienach gesellte selbiger sich zu der Ann und warb, trotz seiner grauen Haare, um ihre Gunst wie ein Jüngling, und der würdige Herr Besserer von Ulm nahm sich an ihm ein Exempel.

Beim ersten schicklichen Anlaß zog ich den Herdegen beiseite. Die Ann hatte ihm allbereit kund gethan, daß ich Zeuge ihres Wiedersehens gewesen; doch schien ihm solches wenig genehm, und da ich ihn fragte, wie er es in Zukunft mit dem Bräutlein zu halten gedenke, erwiderte er, so weit seien die Dinge noch lang nicht gediehen, und bevor er nicht den Doktorhut erworben, müßten wir vor den guten Nürnbergern strengstens verborgen halten, was ich von ungefähr erkundet. Bevor er mir die Zunge zu lösen vermöge, fließe wohl noch viel Wasser ins Meer, wenn anders der Großohm fortfahre, seiner Jahre Last so aufrecht zu tragen. Vorerst sei er ein überglücklich Menschenkind, und wenn ich ihm gut sei, müss' ich ihm beistehen, sich der wonnigen Veilchen nach Herzenslust zu freuen, so hier im tiefsten Grunde des Forstes wunderhold für ihn blühten.

Da lachte mir denn wiederum sein frischer Jugendmut von früher hell in die Seele. Nur sein unliebsam Erwähnen des Großohms, der ihm doch ein zweiter Vater gewesen, stach mir ins Herz, und ich ließ es ihn hören; desgleichen auch, daß es ihm Ehrenpflicht sei, jetzt schon. wenn auch nur im geheimen, mit der Ann die Ringe zu tauschen.

Dazu war er denn auch in Freuden bereit, und ich trat ihm gern das goldene Reiflein ab, so mir die Base bei der Firmelung verehret, und er steckte es der Herzliebsten noch selbigen Tages an den Finger, indes ihr Silberringlein ihm auch für den kleinen Finger zu eng war. So ließ er ihr selbiges und versicherte wohlgemut, sich bis zur Heimkehr in die Stadt ihrer Treu' auch sonder Ring zu getrösten; die Ann aber baute auf den Herzliebsten wie auf Fels und Eisen.

Mancherlei Gäste zogen in jener schönen Herbstzeit bei uns aus und ein, an Birschgängen und Wildhetzen sollt' es nicht fehlen, und die Ann bequemte sich willig, des Herzliebsten stürmische Weidmannslust zu teilen; wenn sie aber aus dem Forst heimkam, strahlte ihr des Herzens wonnige Seligkeit noch heller denn sonst aus den Augen, und wer sie so sah, der mochte nicht zweifeln, daß sie auf dem Gipfel menschlicher Glückseligkeit weile. Indes schien da droben ein fast scharfer Wind zu wehen, der sie so hart anfocht, daß ich in mancher stillen Nacht ihrem Seufzen zu lauschen vermochte. Dazu hielt sie ein sonderbarer, mir an ihr neuer Eigennutz, der sich nur noch mit auf den Liebsten erstreckte, und dauernde Unruhe gemeinhin fern von den andern, denen sie doch gut war, und solches that mir weh, wenn ich's auch nicht zu hindern vermochte.

Am sonderbarsten wollt' es mich dünken, daß die beiden, so doch vormals keine Stunde beisammen zu sein vermocht, ohne zu singen, solches nunmehr tagelang unterließen. Aber da kam mir die Frau Nachtigall in den Sinn, und daß auch sie am schönsten flötet, so lang ihr die Brust voll ist von zärtlicher Sehnsucht; hat sie sich erst dem Liebsten ganz zu eigen gegeben, wird ihr Ruf bald kühler und kürzer.

Doch so weit war es ja noch nicht mit den beiden, und wie ich sie einmal gemahnt, des Sanges nicht zu vergessen, da wunderten sie sich über die Versäumnis, und wie sie nun das erste Lied anstimmten, klang es noch feiner und gewaltiger, denn in früheren Tagen.

Unter den Jüngeren, welche sich damals der Gastlichkeit des Waldstromerpaares erfreuten, nahm des Herdegen Genoß, Franz von Welemisl, den fürnehmsten Platz ein. Selbiger war ein Böhme aus freiherrlichem Hause, dessen Frau Mutter selig zu einem der fürnehmsten Geschlechter des Ungarnlandes gehöret. Da nun sein Name für die deutsche Zunge schwer zu bewältigen, hießen wir ihn allesamt nur den Ritter Franz, und er war ein von Körper und Angesicht fast wohlgestalteter, artiger Jüngling, der meines Aeltesten Freundschaft zu Erfurt so froh geworden, daß er ihm gen Padua gefolgt war. Das unerwartete Ableben seines Herrn Vaters hatte ihn früher denn den Herdegen heimwärts gezogen, und nun trug er schwarzes Trauergewand. Auch hielt er das Haupt immerdar ein wenig geneigt, und wie der Herdegen in seiner verwegenen glänzenden Weise und mit seinem langen, vollen Goldhaar manchen der lichten Sonne gemahnte, so mochte ein Sänger jenen wohl mit dem Monde vergleichen; denn er teilte mit selbigem das stille Wesen und die farblose Blässe, welche dadurch noch stärker herfürtrat, daß es von glänzend schwarzen, vollen, doch von keiner Locke gewellten, schlichten Haaren umrahmt war. – Seine Stimme hatte einen wehmütigen Klang, und es griff mir ans Herz, wenn ich wahrnahm, wie minniglich gewärtig er sich meinem Aeltesten erwies. Was selbigen angeht, so war es ihm genehm, in dem Ritter das wiederzufinden, was er weiland in den pueri besessen.

Nachdem des Böhmen Herr Vater das Zeitliche gesegnet, hatte der Kaiser selbst den trauernden Sohn zum Ritter geschlagen, und dannocht ließ er weder Trutz noch Hoffart gewahren. Wenn er mir mit den betrübten schwarzen Augen demütiglich und wie um Hilfe bittend ins Auge schaute, hätt' ich mich fast gern in der frohen Meinung gewieget, daß Frau Minne nun auch bei mir Einkehr gehalten; doch die Gelassenheit, mit der ich ihn kommen sah und sein gedachte, strafte solche anmutige Hoffnung Lügen, und was ich für ihn empfand, war eitel Barmherzigkeit, die dem jungen Manne auch zukam, der elternlos, sonder Geschwister und nahe Blutsfreunde, ganz allein aus der Welt stund.

Eines Morgens sucht' ich den Herdegen in der Rüstkammer auf und fand ihn dort sonder Wams mit aufgestreiften Aermeln, und neben ihm den Böhmen mit einer Eisenfeile in der Hand und in voller Arbeit, meinen Aeltesten von einem güldenen Reif zu befreien, der ihm nicht nur um den Arm gelegt, sondern geschmiedet. Wie er nun gewahret, daß ich allbereit erblickt, was er doch schnell mit dem Aermel zu verdecken getrachtet, suchte er meine Fragen erst scherzend, dann aber mit ärgerlicher Ungeduld abzuweisen, warf das Wams über und kehrte mir den Rücken. – Hienach wandte ich mich an den Ritter und entlockte ihm das Geständnis, eine gar schöne welsche Marchesa habe den Herdegen bewogen, selbigen Reifen zum Zeichen seiner treuen Dienstbarkeit sich um den Arm schmieden zu lassen.

Wie ich nun solches vernommen, überkam mich um der Ann und des Bruders willen großes Bangen, und da ich ihm hienach seinen Treubruch vorwarf, umfaßte er mich in seiner von ausgelassenem Frohmut überschäumenden Weise und fragte, was ich denn noch mehr von ihm verlange, da ich doch mit eigenen Augen gesehen, daß er sich des Ringes zu entledigen getrachtet. Um zu der Marchesa zu gelangen, habe er an zwanzig Flüsse und Flüßlein gekreuzet, und auch in unserem ehrbaren Nürnberg gelte die Regel, daß es hinter der dritten Brücke dem Manne vergönnt sei, sich neuer Minne zu freuen.

Solche Rede ging mir fast nahe, und wie er mich, statt in seine fröhliche Weise einzustimmen, unwillig sah und bekümmert, stimmte er einen ernsteren Ton an und sagte: »Unbesorgt, Gredlein! Es wächst hier drinnen nur ein einziger großer Minnebaum, und der heißet Ann; die kleinen Blümlein, so etwa in der Ferne neben ihm erwachsen, die haben ein gar kurz und armselig Leben, und in keinem Fall thun sie dem großen Baume Eintrag.«

Da bat ich ihn herzinniglich, nun er doch der begehrenswertesten, minniglichsten Jungfrau Glück und Leben an das seine gefesselt, als redlicher Mann zu handeln und ihr Treue zu halten. Wie ich ihn aber auch von solcher Mahnung wenig gerührt sah, schoß mir das heiße Schopperblut zu Kopfe, und da ich sein Thun und Denken sündlich und ruchlos schalt, brauste auch er aus und rief, ich möge mich hüten, den eigenen Vater zu lästern; denn wie er mit dem Bilde der Ann, so sei selbiger mit dem unserer Mutter selig im Herzen über die Alpen gefahren und habe doch zu Padua vor dem Altan mancher schwarzäugigen welschen Dame die Laute geschlagen und sich ebendaselbst den Namen des Sängers erworben. Ein tüchtig Feuer werde nicht kälter dadurch, daß sich mehr als eins daran wärme; es komme nur darauf an, der rechten stets den Ehrenplatz daran offen zu halten, und der sei der Ann immerdar sicher.

Der Ritter Franz war selbigen Gespräches Zeuge gewesen, und sobald mich der Herdegen wiederum verlassen, suchte er mich zu sänftigen und zu trösten, indem er es seines so reich bevorzugten und zu allem Guten und Großen fertigen Freundes einzige Schwäche nannte, der Versuchung, die seiner Schönheit und seinen Gaben lauerte, nicht überall mannhaft genug zu widerstehen. Er, der Franz, denke anders! Und nun bekannte er, daß er mir hold sei, und wenn ich einwillige, die Seine zu werden, mir gewärtiger und treuer anzuhängen und zu dienen gedenke, denn seinem vielgeliebten Herrn und König, der ihn so jung zum Ritter geschlagen. Und das alles klang so warm und wahr, so voll von tiefer, rührender Sehnsucht, daß es mich zu einer andern Stunde ihm vielleicht zu eigen gegeben hätte; in dieser aber mocht' ich keinem Mannsbild trauen; denn wenn des Herdegen Minne nicht echt war, die doch mit ihm groß geworden und einer galt, die mir in vielen Stücken hoch überlegen, auf wes Mannes treuen Sinn ließ sich dann bauen? Ich war auch zu voll von Sorge um des Bruders und der Freundin Glück, als daß ich des eigenen hätte recht gedenken mögen, und so vertröstete ich ihn mit ausweichenden Worten. Kaum aber hatte er selbige vernommen, als mit ihm eine seltsame Wandlung vorging; denn sein wehmütig stilles Antlitz gewann unversehens ein fast dräuendes Aussehen, und in seinen bis dahin so milden Augen entglomm eine Glut, die mich erschreckte. Auch hatte seine Stimme, da er fortfuhr, einen Klang angenommen, so schrill, als sei die Glocke gesprungen, die vormals mit den weichsten Tönen geläutet. Was er aber herfürstieß, waren ingrimmige Klagen über mich, die ihn mit Blick und Rede angelockt, um ein grausam Spiel mit ihm zu treiben, und dräuende Worte gegen den stummen Gleisner, der sich zwischen ihn und mich zu drängen vermesse; und damit zielte er auf den schwäbischen Junker von Kalmbach.

Wie ich nun eben anhub, ihm seine jähe und unhöfische Art zu verweisen, brach draußen ein überlaut Lärmen los, und die Ann trat herzu, um mich zu rufen. Was Beine hatte aus der Forstmeisterei, lief zusammen, die Rüden allesamt kläfften und heulten, als sause der wilde Jäger vorüber, und dazwischen klang ein sonderbar und befremdlich Pfeifen und Tönen.

Ein Bärenführer, dergleichen ich bisweilen auf dem Jahrmarkt gesehen, hatte den Weg in die Forstmeisterei gefunden, und der braune Mann, sowie seine beiden Gesellen, die seine Brüder zu sein schienen, schauten aus wie all diese Leute. Unter der Adlernase hing jedem ein gewaltiger Schnurrbart, und auf dem wirren dunklen Haar saß eine Kappe von schlaffem rotem Filz. Ein hoch Kameeltier, auf dessen Buckel ein Aefflein hockte, schritt gelassen neben dem einen dahin, während der andere einen braunen Bär mit dem Maulkorb an der Schnauze hinter sich herzog.

Des Führers Hausfrau und ein jung schwarz Weibsbild hielten sich zur Seite eines zweiräderigen Wägeleins, davor ein abgetrieben Maultier gespannt war. Ein Bub von etwa zwölf Jahren blies zu des Bären Tanz die Flöte, und da er nichts trug denn ein löcherig Röcklein, und ein kühler Ostwind wehte, bebte er vor Frost und zog sich beim Blasen zusammen. Dannocht war er ein feiner Bub, von schlankem Bau und mit einem Antlitz von fast ebenmäßiger, wenn auch fremdartiger Schöne. Sicherlich war er von fern her, doch kaum von der anderen Stamme.

Nachdem wir unserer Neubegier genüget, gebot der Ohm, den Landfahrern den Hunger zu stillen, und wie man ihnen Erbsenbrei und anderes aufgetragen, holten sie aus der Plane über dem Wagen ein schwarzbraun Kind herfür, so mir ein gar artig Mägdelein zu sein schien, trotz seiner dunkelen Farbe.

Die Ann und ich schauten den Leuten zu, wie sie speisten, und da wollt' es uns von Anfang an befremden, daß der schöne Bub den Speck, den ihm der ältere Bärenführer reichte, mit Abscheu zurückwies, was ihm jener mit einem ungeschlachten Fausthiebe dankte.

Nach dem Mahle ritt der Führer der Bande davon, und nachdem auch wir zu Mittag gespeiset, traf mein lieber Herr Pathe und Ohm Kristan Pfinzing von der Burg ein, der eine Schar Aussöldner in das Lager geführet, allwo sie zum Streit gegen die Hussiten geschult werden sollten. Mit den anderen Gästen gesellte er sich alsbald den Fremden und heischte von der Alten in seiner fröhlichen Weise, uns aus der Hand wahrzusagen, und von der Jungen, zu tanzen.

Da kündete jene uns denn die Zukunft; mir aber lauter eitel Hirngespinst, davon sich auch nicht das kleinste bewähret. Dem Herdegen verhieß sie eine Grafenkrone und ein Gemahl aus fürstlichem Hause, und da die Ann solches vernahm und ihm mit dem Finger dräute, raunte er ihr zu, sie stamme ja von der Königin aller Königinnen, der weltbeherrschenden Frau Venus.

Solches hörte sie denn fast gern, doch konnte sie niemand bereden, die Alte auch in ihre Hand blicken zu lassen.

Sodann kam die Reihe an die junge Freiheit.

Sie hatte sich vor dem Tanz das Haar gestrählet, und mit kleinen güldenen Münzlein durchflochten, und sie war eine ansehnliche, schlanke, an Gestalt und Angesicht wohlgebildete Maged, in deren schwarzen Augen ein wahrer Höllenbrand flammte; auch gewährte es einen sonderbaren und fast zierlichen Anblick, wie sie ein Dutzend frischer Eier um sich her in den Rasen legte und nach der Flöte des Knaben und der Handtrommel des einen der zurückgebliebenen Männer, das Tambourin schlug und es bisweilen in freiem, schier ausgelassenem Schwung über dem Haupte schüttelte, daß die Glöcklein an seinem Rande zusammenklangen, während sie den geschmeidigen Leib bald in wirbelnder, blitzschneller Eile wandte und drehte, bald neigte und hob. Dabei waren ihre Flackeraugen nie an den Boden, sondern bald aufwärts, bald auf die Zuschauer geheftet, und dannocht wußte ihr feiner, nackter Fuß auch beim stürmischsten Kreisen die Eier immerdar zu vermeiden.

Da klatschten die Herren und wir mit ihnen lauten Beifall, und nun verschnaufte sie eine kurze Weile, nahm dem Herdegen, den sie schon längst ins Auge gefaßt, den Hut vom Haupte und sammelte die Eier mit neuen Biegungen und Neigungen im Takte des Tanzschrittes. Wie sie dann auch der Eier letztes in dem Hut vereinet, reichte sie ihn meinem Bruder, indem sie das Knie vor ihm beugte und das Tambourin mit den Lippen berührte. Da führte der arge Bursch die Finger zum Munde, wie die Kinder, so eine Kußhand werfen, und als der Freiheit Blick den seinen traf, war es, als begegneten sie sich hier mit nichten zum erstenmal.

Aus dem kühlen Morgen war ein warmer Herbsttag geworden, und später hatte die Muhme sich in den Hof tragen lassen. Nachdem der Tanz aber vorüber, fragte sie, ihrer Gewohnheit gemäß, den zurückgebliebenen Führer und die alte Freiheit nach allem aus, was sie zu wissen begehrte, und wie sie dabei in Erfahrung brachte, daß die Landfahrer auch des Kesselflickens mächtig, und sie die Ann in die Küche gesandt, um der Schließerin zu gebieten, die bresthaften Häfen zu sammeln, da erhob sich in der Nähe des Wägeleins ein gar ingrimmig Hundegekläff und eines Kindes klägliches Jammern.

Der schwäbische Junker, der in der Frühe aufgebrochen, um den Forsthub zu begehen, war heimgekehrt, und die Ganghündlein, so ihn begleitet und die Fremden gewittert, hatten sich auf die braune Kleine gestürzt, die hinter dem Wägelein den Sand aufgewühlt hatte, um Kuchen und Wecklein daraus zu formen.

Wohl waren die Hunde alsbald mit allem Eifer abgerufen worden; der eine aber, ein tückisch Krummbein, hatte dem Kindlein das Gebiß in die Schulter geschlagen.

Da stund ich denn bald an der Kleinen Seite und nahm sie, weil ich ihr rotes Blut fließen sah, flugs auf die Arme; doch schon stürzte die alte Freiheit schier außer sich auf mich ein, um mir das Kind zu entreißen, und da sie doch wohl die Mutter oder Großmutter der Kleinen, hätt' ich sie ihr gern überlassen, wenn nicht der Ritter Franz eilends dahergekommen wäre, um mir in der Muhme Jacoba Namen zu heißen, das Kind zu ihr zu bringen.

Wer hätte sich wohl weit und breit besser denn sie auf die Heilung eines Hundebisses verstanden? Und so trotzte ich denn der Alten, obzwar sie mir das Kind mit wütendem Ungestüm zu entreißen versuchte. Auch wär' ihr solches gelungen, hätte die Kleine mich nicht mit dem heilen rechten Aermlein so zärtlich umhalset, als gehöre sie mir an und nicht dem kreischenden Weibsbild.

Doch gar bald fiel auf dies alles ein hell und sonderbar Licht; denn wie wir der Kleinen das Hemdlein gelöst und die Muhme ihm die blutende Wunde säuberlich gewaschen, zeigte sich unter dem dunklen Braun ihrer Haut schimmerndes Weiß, und so lag es denn klar zu Tage, daß hier ein geraubtes Kind der Befreiung bedurfte.

Hienach kam es der Schließerin, einer Försterswitib, der die Wilderer den Hausherrn erschossen, und die ihre fünf Waislein mit der Muhme Beistand wacker durchbrachte, alsbald in den Sinn, daß, wie sie vor etlichen Wochen nach Vierzehnheiligen gepilgert, dem Ritter von Hirschhorn, der als Kästner des Herrn Bischofs von Bamberg zu Scheßlitz saß, das unweit des Wallfahrtsplanes gelegen, ein Kind von landfahrender Buberei fortgeführt worden, und nun bedachte die Muhme Jacoba sogleich, wie sie Buße und Gutthat vereine und rief in einem Atem, dies werde den Waislein der Schließerin zu gute kommen, maßen der beraubte Vater demjenigen, der sein Töchterlein lebend zurückbringe, dreißig ungarische Dukaten ausgesetzt hatte, und sodann, man möge die Bärenführersippe ungesäumt binden. Doch die alte Freiheit machte den Unseren zu schaffen; denn indes sie in den Wald zu entweichen versuchte, schrie sie: »Hind – Hind!«, denn das war der Name der Dirne, und dazu fremde Worte, so sie wohl mahnen sollten, die Flucht zu ergreisen; den Knechten aber gelang bald, den wüsten Unhold zu bändigen.

Die Ann war bleich und von arger Kopfpein geplaget, und doch half sie der Muhme, das Kind verbinden, und solches war mir genehm, weil ich zu wissen vermeinte, wo der Herdegen und die junge Freiheit zu finden, und es mich verlangte, ihm und seinem armen, betrogenen Lieb Schmach und Pein zu ersparen. So schlüpfte ich denn unvermerkt durch das Würzgärtlein hinter der Forstmeisterei zu der Mooshütte, die der landfremde Vetter Götz an einer verborgenen Stelle hinter einer dichten Fichtenwand zwischen zwo mächtigen Buchen für mich errichtet, wie ich noch ein Schulkind gewesen.

Und siehe, meine Ahnung hatte mich nicht betrogen; denn da ich die Fichten umgangen, hörte ich meinen Aeltesten rufen: »Du Wildkatz!« und dann ein garstig Aufkichern der Dirne.

Gleich darauf traten beide ins Freie; doch bei dem Pförtlein hielt er sie zurück, um sie zu küssen. Da wies sie ihm die blendenden Zähne, daß es aussah, als werde sie ihn beißen, stieß ihn zurück und lachte dazu: »Auf die Nacht; nicht alles auf einmal!«

Er aber riß sie ungestüm an sich, und nun rief ich seinen Namen und trat ihnen entgegen.

Da ließ er sie wohl schnell genug fahren, doch stampfte er vor hellem Verdruß mit dem Fuße; mich aber beirrte dergleichen mit nichten, und scheinbar gelassen hieß ich sie mir folgen, – und dabei rief ich dem treuvergessenen Gesellen ein »Pfui!« zu, so ihm wohl noch lang in den Ohren geklungen.

Bevor wir dann zu dem Gärtlein gelangten, gebot ich ihm, das Haus zu umgehen, um von rechts her zu den andern zu stoßen; die junge Freiheit aber mußte mir nach der linken Seite hin folgen.

Dabei nahm ich wahr, daß sich Moos und dürre Blättlein in das Haar der Dirne geheftet, und gebot ihr, es schnell zu entfernen. Sie that es mit spöttischem Lächeln und fragte mich höhnisch: »Dein Liebster?«

»Mit nichten,« versetzte ich schnell; »nur einer, den ich vor dem Heimfall an das Böse behüte.« Da zuckte sie die Achseln; ich aber rief: »Vorwärts!« und wie wir von links her das Haus umgangen, führte man gerade die Alte mit gebundenen Händen von dannen, und kaum hatte die Junge solches wahrgenommen, als sie das Röcklein hoch hob und mit einem weiten Sprunge in den Wald zu entkommen versuchte. Da rief ich den Spond, der mein steter Begleiter, und hieß ihn sie stellen, und der wackere Rüde vertrat ihr den Weg, bis die Knechte sie zu der Muhme Jacoba führten.

Selbige fragte sie nun aus, da sie wähnte, ein so jung und wohlgebildet Geschöpf minder verstockt zu finden, denn das alte, in Sünden ergraute Weibsbild; doch blieb die Hind völlig stumm und gab sich das Ansehen, unsere Sprache nicht zu verstehen.

Was den Herdegen angeht, so hatt' er indessen die Ann mit ausgesuchter Beflissenheit begrüßet, sich aber dannocht der Dirne ganz nahe gehalten und es auf sich genommen, sie zu binden und in das Loch zu geleiten.

Dabei ist es ihm denn auch geglückt, der Abkommen, so viel ihm genehm, mit ihr zu treffen; denn mich hielt der Ritter Franz abermals zurück, und die Werbung, mit der er mich nun anging, hat wohl selten ihresgleichen besessen; denn mich zog alles dem Bruder nach, um ihn vor dem Netz der Landstreicherin zu bewahren, und während der Böhme mich fest bei der Hand hielt und mich seiner Minne versicherte, suchte ich mich von ihm zu befreien und schaute dem Herdegen und der Hind nach, statt ihn zu hören. Endlich begann mich die Hand, die ich ihm nicht zu entringen vermochte, zu schmerzen, und weil er auch wie ein Verwirrter dreinzuschauen begann, gebot ich ihm, mir den Weg freizugeben und an anderer Thüren zu klopfen. Doch ich wäre wohl weniger schnell von ihm freigekommen, wenn nicht ein übel Ungefähr den schwäbischen Junker herbeigeführt hätte.

Sonder Gruß und Vorwort trat der Ritter selbigen an und verwies ihm hart und aufbegehrend, durch seine Lässigkeit ein wehrlos Kind dem Anfall seines bissigen Hundes preisgegeben zu haben. Wenn aber dem Böhmen nicht bewußt, daß derjenige, den er mit so barschen Worten wie einen säumigen Knecht zurechtwies, eines gar ansehnlichen adeligen Geschlechtes Sohn und Erbe, so sollt' er es jetzt erfahren, maßen jener aus den Schluß seiner Rede: »Und in Zukunft gebet darum besser acht auf Eure tückischen Hunde,« kühl und zurückweisend versetzte. »Und Ihr auf Eure Zunge.«

Da zog der andere die Achseln und entgegnen höhnisch, er gebrauche die seine freilich nicht zum Schweigen, wie andere Leute.

Und nun nahm es mich wunder, woher der mundfaule Schwab die Worte nahm, mit denen er ungesäumt Antwort auf Antwort erteilte, bis es ihm des Geredes zu viel ward und er auf den Hirschfänger wies als auf seine zweite, schärfere Zunge.

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