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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Fünftes Kapitel.

Drei Jahre waren vergangen, seitdem sich der Herdegen auf die hohe Schule begeben, und nur am Ende des ersten hatten wir ihn auf wenige Wochen wiedergesehen, da er von Erfurt nach Padua übergesiedelt.

In den Briefen, so von dorther zu uns gelangten, fehlte es nie an einem Gruß an die Jungfrau Anna. Ja gar oft war selbigem ein griechisch Sätzlein beigefügt, für sie und mich; doch weil ihm ja aufs beste bewußt, daß sie allein solche Nüsse zu knacken vermöge, lud er mich dabei zu Gaste wie der Fuchs den Storch.

Bei seinem Hiersein verkehrte er immerfort mit mir und der Ann wie ein rechter, freundlicher Bruder, wenn er nicht aus dem Fechthause die fast wunderbare Kunst zum besten gab und von Rittern und Junkern anstaunen ließ, die er in der Führung des Schwertes auf der hohen Schule erworben. Mit der Ursula kam er auch in selbiger kurzen Vakanzzeit etlichemal zusammen, doch zeigte er deutlich genug, daß er das Gefallen an ihr verloren.

Zu Erfurt hatte er nur halb gefunden, was er gesucht, und sich für reif befunden, gen Padua zu ziehen; denn dort nur blühe für ihn – und der Magister bestätigte solches – der rechte Weizen. Wenn er uns damals des Näheren erklärte, was er dort zu gewinnen gedenke, so konnten wir ihm nur recht geben und wußten im voraus, daß er aus der berühmten welschen Gelehrtenstadt als eine Leuchte der Wissenschaft heimkehren werde. Wie ich darum nach seinem Aufbruch gen Welschland die Ann keineswegs heiter wie mich selbst, sondern fast bekümmert sah, schrieb ich solches nur der Bresthaftigkeit zu, die seit einiger Zeit ihren wackeren Herrn Vater bisweilen befiel. Auch der Kunz hatte die Schule verlassen, und er konnte nicht klagen, daß ihm das Wissen den flinken Geist und heiteren Sinn allzu schwer belaste. Er diente nunmehr als Lehrling im Geschäfte des Großohms, und da selbiges sich fürnehmlich gen Venedig wandte, mußte er sich der italienischen Sprache eifrig befleißigen. Unser Magister, der ihrer mächtig, unterwies ihn darin und ließ es sich nach wie vor bei uns gefallen. Base Metz hätte ihn auch nimmer ziehen lassen, sintemal die Sorge für ihn ihr zur Gewohnheit geworden, wie denn viele eines Menschen Nähe schwerer verschmerzen, dem sie vonnöten, denn die eines andern, der sich ihnen selbst dienstlich erweiset.

Was den Magister angehet, so wartete er, unter dem Vorwand, sich im Reden der welschen Zunge zu üben, der Frau Giovanna nicht selten auf, wir aber gedachten oft lachend des Sprichworts vom Sack und dem Esel, und die Ann schlüpfte behend in ihr Giebelkämmerlein, wenn der Magister im Anzug, und das wußte sie allemal im voraus, maßen kein ander Menschenkind gleich verschämt mit dem Klopfer an das Thüreisen rührte.

Die Jahre, so uns aus der Kindheit in die Jungfrauenzeit überleiteten, verrannen in eitel Frieden und Glück. Base Metz vergönnte uns jede Freude und Kurzweil, und zeigte sie ja einmal ein minder fröhlich Gesicht, so war es, weil ich das Kleid jungfräulich länger gewünscht, als sie es in meinen Jahren für recht fand, oder weil ich mich beim Ritt auf der Bahn oder ins Freie allzu waghalsig erwiesen.

Durch meinen engen Bund mit der Ann bekam ich manch ander und besser Ding zu schauen und zu genießen, denn die übrigen Mägede aus den Geschlechtern, so sich heute noch selbst in der Kirche in den eigenen Gestühlen von denen sondern, die kein anerkannt Wappenschild haben. Uebrigens war auch die Ann in manchem Geschlechterhause, worin unsere Schul- und Altersgenossinnen erwuchsen, ein gern gesehener Gast.

Im Sommer ging es bisweilen auf den Hof, den wir Schoppers vor der Stadt besaßen, oder zu dem Jörg Stromer, unserem Herrn Vetter, auf die Gleismühle, allwo das Papier gefertiget ward; auch sind wir in der Zeit der heiligen Pfingsten bisweilen auf den Hof zu Laub hinausgeritten, so seiner Schwester, der Frau Anna Vörchtlin, als väterlich Erbe zugekommen war. Doch soviel des Lehrreichen es auch auf der Gleismühl zu sehen gab, und wie gut die frische Butter, das schwarze Landbrot und die Speckküchlein auch mundeten, so uns Frau Vörchtlin als Traktament gab, stund mir der Sinn doch am eifrigsten nach dem grünen Forste, allwo der Konrad Waldstromer, unser Ohm, des immer noch landfremden Vetters Götz Herr Vater, hauste.

Weil ich aber von selbigem lieben Blutsfreunde und seinen Leuten fast viel zu reden haben werde, sei es mir hier zu berichten verstattet, daß die Stromer alle von einem Ritter Konrad von Reichenbach abstammen, der weiland von seiner Burg Kammerstein bei Schwabach aufbrach und gen Nürnberg zog. Dorten nahm er eine Waldstromerin zur Ehe, und die Kinder und Enkel, so er mit ihr zeugte, wurden sämtlich Stromer und Waldstromer geheißen. Der Name »Waldstromer« aber erklärt sich daraus, daß dies Geschlecht von alters her als Reichsdienstmannen das Forstmeisteramt in dem meilengroßen Walde versahen, den Nürnberg heute noch seinen Stolz nennt. Die Stadt hatte zwar am Ende des verflossenen Saeculi den Waldstromers sowie den zweiten Forstmeistern, den Kolers, das Waldamt, so ihnen als Erblehn zukam, abgekauft; jedennoch vertraute der ehrbare Rat keinem andern die Sorge für seine Forsten, denn einem Waldstromer oder Koler, und in meiner Jugend waltete des Oberforstmeisteramtes unser Ohm Konrad Waldstromer, ein echter Weidmann.

Trat er in unser Haus, so war es mir immer, als wehe frische und heilsame Tannenluft über die Schwelle, und wenn er mir die Hand bot, that es weh, doch zugleich auch gut, denn fest und unbeirrt, wie seiner Rechten Druck, also – solches spürte man – war auch seines Herzens Gesinnung. Das buschige, mit schneeigem Weiß untermischte goldrote Haupt- und Barthaar, die lichten kornblauen Augen dieses Mannes, sowie seine grünen Weidmannskleider, die hohen rotbraunen Stiefel und die Otterkappe, daran gewöhnlich die Feder eines selbst erlegten Raubvogels prangte, gaben seinem Ansehen etwas sonderbar Farbiges und Frohes. Wenn der breitschulterige Herr, mit Hirschfänger und Weidmesser am Gehäng, festen Schrittes, von seinen Rüden und Ganghündlein begleitet, daherkam, mochten andere Kinder sich fürchten, für mich aber hatt' es allbereit früh wenig Trauteres gegeben denn den bedrohlichen Anblick des Weidmannes, der ja noch dazu meines Vetters Götz leiblicher Vater.

Wie nun die letzte Apfelblüte gefallen war, kam am zweiten Sonntag nach Pfingsten der Waldohm in die Stadt, um mich und die Base wieder einmal auf die Forstmeisterei zu laden; denn dort weilte er von Lenz zu Lenz, wenn er auch dem Rate verpflichtet, in der Stadt ein eigen Haus zu halten.

Ich stund kurz vor dem siebenzehnten Jahre, die Ann hatte selbiges allbereit betreten, und ich hätte ihm gern meine Freude so rückhaltlos wie sonst zu erkennen gegeben, doch es lag mir diesmal etwas auf der Seele, und solches betraf meine Ann.

Sie war nicht mehr ganz wie in früheren Tagen; denn sie litt bisweilen an schmerzlicher Kopfpein, und das Blut war ihr aus den frischen Wangen gewichen. Ja an den übelsten Tagen sah sie gar bleich aus, und solcher Anblick schnitt mir in die Seele, und wie recht gab ich der Base, wenn sie versicherte, das enge Haus am Wasser und die schwere Mühe mit dem taubstummen Brüderlein und den anderen Kleinen tauge ihr nichts, und sie müsse ins Freie.

Solches übersahen auch ihre Eltern mit nichten, doch gebrach es ihnen an Mitteln, des Arztes Verordnung nachzukommen und die Ann der Wohlthat frischer Waldluft teilhaftig zu machen.

Wie nun der Ohm das Gastgebot gethan, vermaß ich mich, ihn gar schmeichlerisch anzugehen, sie mit mir zu laden; und wer hiebei wähnet, es sei ein gar klein und leicht Ding, einen herzensguten alten Herrn zu bestimmen, eine junge und schmucke Maged auf kurze Zeit zu sich in das große und wohlbestellte Haus zu nehmen, der möchte in diesem Falle doch fehlgehen, sintemal es dem Ohm zur Gewohnheit geworden, immerdar und überall auf die Meinung und den guten Willen seiner Hausfrau zu achten.

Selbige stammte aus dem ansehnlichen Geschlechte meiner Mutter selig, der Behaim, und wie große Stücke sie auf ihr gut und altadelig Blut hielt, hatte sie deutlich genug bei dem Minnehandel des einzigen Sohnes erwiesen.

Dem Ohm war selbiger fast schwer auf die Seele gefallen, doch hatt' er sich still beschieden, sintemal er, der doch sonst ein rechter und ganzer, ja schier rauher Mann, welcher der großen Schar von Erb- und Stockförstern, Waldhütern und Läufern, Zeidlern und Knechten, so unter ihm stund, gestreng und weislich gebot, es nimmer über sich brachte, seiner Hausfrau den Herrn zu zeigen; und doch war die Muhme Jacoba ein gar siech, hinfällig Wesen, das mitten im herrlichen Walde nur selten die freie Gotteslust schöpfte, maßen sie den Gebrauch der Füße verloren und sogar vom Lodderbett auf das Lager getragen werden mußte.

Der Ohm kannte sie wohl, und war ihm auch bewußt, daß sie barmherzigen Sinnes und zu vielem Guten bereit, so sagte er sich dannocht, daß seine Macht nicht ausreichen werde, sie zu bestimmen, eines Schreibers Töchterlein in ihr fürnehm Haus zu laden und es dort als ihresgleichen zu halten. So widerstund er denn auch mannhaft meinen süßesten Bitten, bis es sich fügte, daß die Ann, eh' er uns noch verlassen, bei uns fürsprach.

Nachdem sie nun die Base Metz und mich kurz begrüßet, und jene ihr des Ohms Namen genannt, trat sie in ihrer sittigen Weise auf ihn zu, machte ihm die Reverenz und reichte ihm sonder Scheu die Rechte, indem sie die großen Augen minniglich zu ihm emporhob, maßen sie durch mich viel Gutes und Liebes von ihm vernommen.

Da sah ich dem alten Weidmann allsogleich an, daß ihm, um mich seiner eigenen Rede zu bedienen, »die Witterung« meiner Ann baz behage, und flink faßte ich mir wieder ein Herz und fragte: »Nun, Oehmlein?«

»Nun?« wiederholte er langgedehnt und zögernd. Bald aber hob er der Ann das Kinn, schaute ihr in das Antlitz und sagte: »Freilich, freilich. Bei uns draußen kommt der Pfirsich leichter zu roten Wänglein, denn hier zwischen den steinernen Mauern.«

Hienach zog er sich das Wehrgehäng tiefer und fragte so rasch, als ob er fürchte, sein schneller Entschluß möge ihn reuen: »Die Gred wird unser lieber Gast sein draußen im Walde, und bringt sie Dich mit, Kind, so sei mir willkommen!«

Wie frohgemut solche Ladung angenommen ward, brauch' ich kaum zu versichern, und die Eltern der Ann gaben ihr mehr als gern Urlaub.

Von nun an hatte Base Metz mit unseren Hausmägden und der Schneider-Beate die Hände zu rühren; denn es gereichte ihr zum Genügen, nicht nur für meine, sondern auch für der Ann Ausstaffirung Sorge zu tragen, sintemal es auf der Forstmeisterei mancherlei fürnehmen Besuch gab, sonderlich nach Sankt Hubertus, wenn die hohe Jagd aufging.

Frau Giovanna, der Ann Mutter, trug sich zwar selbst fast zierlich und wußte auch die Ann weit sauberer und gefälliger zu kleiden, denn andere ihres Standes, aber sie freute sich doch ob der sommerlichen Feiertagsgewänder, so die Base für uns vollbrachte. Auch ein neu grün Reitgewand, wie es für den Wald taugt, ward für jede aus gutem Florentiner Tuche bereitet, und sind je zwei junge Mägede frohen und dankbaren Herzens in die schöne, sonnige Welt hineingeritten, so waren wir es, da wir am Sankt Margaretentag in der Frühe den Unseren Valet sagten, und hoch im Sattel dem alten Forstknecht Balzer folgten, den uns der Ohm nebst vier gewappneten Aufsitzern, so uns als Geleit voranritten, und zween Saumtieren für die Sus und das »Weibergepäck«, zugesandt hatte.

Da wir nun in der Früh durch die Felder ritten und die Lerchen trillernd aufsteigen sahen, erhoben auch wir die Stimmen und ließen nicht ab, fröhlich zu singen, bis der Wald uns aufnahm. Da ward uns in der tauigen Morgenfrüh gar andächtiglich und sonntäglich zu Sinne; doch hielten wir still zurück, was wir empfanden, und nur einmal – es ist mir, als hört' ich sie noch – quollen aus dem Herzen und über die Lippen der Ann die schlichten Wörtlein: »Ich bin so dankbar!«

Und auch ich war es zu jener Stunde von ganzem Herzen, und wie die Riesenberge im Alpenlande die Spitzen mit reinem Schnee bekleiden, wenn sie dem Himmel nahen, so sollte jeder gute Mensch, wenn er sich Gottes Gnade in den glücklichsten Stunden recht nahe fühlt, das Herz mit heller, lauterer Dankbarkeit schmücken.

Endlich hielten wir auf einer von hohen Bäumen umschlossenen Wiese vor eines Zeidlers Hause Rast, und wie wir uns dort an frischer Milch und dem Mundvorrat erlabet, den die Base Metz uns in die Satteltaschen gesteckt, hörten wir Rüdengebell und Hufschlag, und bald darauf bot uns der Ohm das Willkommen.

Frohen Mutes ließ er sich von uns bedienen und griff wacker mit zu; doch drängte er früher, denn uns genehm, zum Aufbruch, und während des weiteren Rittes bekam der alte Forst der munteren Scherzworte und des Gelächters vollauf zu hören; der Ann aber wollt' es scheinen, als eröffne ihr der Ohm erst Auge und Ohr für die Geheimnisse des Waldes, die mir der Götz allbereit vor Jahren erschlossen. Wie vieler Vögel Stimmen lehrte er sie lauschen, die vorhin ungehört vor ihr verklungen, und sie gewannen auch für sie rechte Bedeutung, da der Ohm ihre Namen nannte und sie ihr beschrieb, während sein Sohn es auch verstanden, fast täuschend nachzuahmen, wie die einzelnen zwitschern, singen, pfeifen und rufen. Ich aber mischte mich, um die Ann mit dem Ohm recht nah' zusammenzuführen, mit keinem Wörtlein in seine Lehren.

Erst am Saume der Lichtung, vor deren waldigem Hintergrund sich die Forstmeisterei erhob, ward der Ohm stiller, und während er mir aus dem Sattel half, fragte er mich leise, ob ich der Ann allbereit etliches von den Besonderheiten der Muhme vertrauet.

Solches vermocht' ich frei zu bejahen, und dannocht las ich einige Besorgnis aus seinen Mienen, bis er die Ann seiner Hausfrau vorgeführt und wahrgenommen hatte, daß sie eine so ansehnliche Fülle von Gnade vor ihren Augen gefunden, wie weder er noch ich uns je zu hoffen vermessen.

Aber mit wie lieblichem Anstand hatte auch das Schreiberkind, gemäß meiner Vorschrift, der vielgestrengen Frau Forstmeisterin die Hand geküsset, wie bescheidentlich und doch wie gegenwärtigen Geistes hatte sie das Inquisitorium bestanden, dem Frau Jacoba sie unterworfen. Mir, der Gred, wäre bei solchem Ausfragen nach tausend Dingen, so doch die Befragte allein angingen, die Geduld nur zu bald gerissen; doch die Ann blieb sich gleich bis zum Ende, und dabei erwies sie sich so offen, als wär' ihre leibliche Mutter die Fragerin gewesen. Solches aber erweckte in mir einige Besorgnis; denn ich hielt es zwar auch mit der Wahrheit, doch wollt' es mich wenig fürsichtig und weise bedünken, daß sie frank und froh herfürhob, was bei ihr daheim karg und gering; maßen es ja ebendaselbst vieles andere gab, was sich in keinem Geschlechterhause besser und würdiger vorfand. Freilich kannt' ich in dem schmalen Häuslein am Wasser auch nicht das Geringste, dessen sich eine sittige Jungfrau zu schämen brauchte, und am Abend in unserer Schlafkammer machte mir die Ann das Bekenntnis, daß sie es wie eine Gunst empfunden, der Frau, die ihr mit Zaudern das Haus geöffnet, auf einmal und nach jeder Seite hin zeigen zu dürfen, was an ihr sei und wohin sie gehöre.

»Ein gleichgiltig Uebersehen von ihr, die doch meine Wirtin,« schloß sie, »wäre schwer zu ertragen gewesen; nun sie sich aber um mich geringe Maged redlich gekümmert, und ich ihr nichts verborgen, ist alles klar und rein zwischen uns beiden.«

Etwas Aehnliches mochte auch die Muhme empfinden; denn sie war gleichfalls ein wahrhaftig Weibsbild, und so hatte der Ann offene, bestimmte und dazu holdselige Weise ihr Herz gewonnen. Weil aber die Vielgestrenge dannocht nicht davon absehen wollte, daß es mir und ihrem Hause nicht zieme, einer Maged, die nicht zu den Geschlechtern gehörte, just so zu begegnen, als sei sie der Unseren eine, hob sie plötzlich mit sonderbarem Gewichte herfür, daß der Ann Herr Vater als erster Schreiber des Vormundschaftsamtes beanspruchen dürfe, zum ehrbaren Rate gezählet zu werden. Eine Handwerkstochter, erklärte sie dem Ohm, hätte sie nimmer als Gast über die Schwelle gelassen, indes sie dem artigen Töchterlein eines wackeren Gliedes des ehrbaren Rates nicht nur an ihrem Tisch, sondern vielmehr auch in ihrem Herzen einen guten Platz einzuräumen gedenke.

Solche Rede klang mir und dem Ohm Konrad gar lieblich; das Schönste aber war, daß allbereit in den ersten Wochen die Ann mir schier Abbruch zu thun schien an der Liebe, so die Muhme mir vormals in so reichem Maße erwiesen; die Ann hinwiederum widmete sich fleißig der Wartung der siechen Frau, und solche löbliche Verrichtung gewann ihr immer mehr die Liebe des Ohms, der sein schwach, vielgeplagt Weiblein nicht nur im bildlichen Sinne, sondern in des Wortes wahrer Bedeutung auf Händen trug; sintemal er, wenn er daheim war, es keinem andern vergönnte, sie von einem Orte zum andern zu tragen.

Wie der Ohm die Ann auf die mancherlei Stimmen des Waldes zu achten gelehret, also öffnete selbige mir die Augen für die mancherlei Vorzüge der Muhme Jacoba, über die ich mich aus Verdruß über ihre Härte gegen den Vetter Götz hinwegzublicken gewöhnet.

Barmherzigen und dankbaren Sinnes hatte die Ann die sieche Frau wahrhaftig lieb gewonnen, und nun führte sie mich zur Erkenntnis, daß sie in vielen Stücken ein gar weis und fürtrefflich Weibsbild. Das niedere und verborgene Lodderbett in ihrer stillen Kemenate war aber auch der Mitte eines großen Netzes vergleichbar, und sie selbst der Frau Spinne, die es gewoben, maßen sich ihre Fürsorge auf das ganze Forstrevier und die starke Dienstmannenschar ihres Eheherrn erstreckte. Von jedem Kind in der entlegensten Waldläuferhütte besaß sie Wissenschaft und ließ es nimmer geschehen, daß eines der Waldleute sonder Beistand verkam. Wohl war sie genötigt, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden Händen zu geben, und doch wußte sie stets an der rechten Stelle zu helfen, sintemal sie ihre Botschafter und Helfer klüglich erkor und jedem, der sie suchte, das Ohr lieh.

Auch uns nahm sie in Dienst, um uns manch Samariterwerk ausführen zu lassen, und da haben wir die Kunst, mit der sie ihre Fäden spann, und die Weisheit und schrankenlose Großmut, mit der sie zu helfen verstund, oft bewundert.

Keine andere Menschenseele wäre fähig gewesen, sich in den großen Büchern zurecht zu finden, so sie mit ihren Aufzeichnungen füllte; doch ihr selbst waren sie so deutlich, daß auch des Schlausten List zu Schanden wurde, wenn sie hineinsah. Daß Herr oder Knecht sich vermessen hätten, ihrem Thun auch nur den leisesten Widerspruch entgegenzusetzen, hab' ich nimmer gewahret, und solches ließ mir das Eine entschuldbar erscheinen, das mich ihr vordem entfremdet.

Der Ann war hier alles neu, und was konnt' es Ergötzlicheres geben, was böte wohl höheres Genügen, als einer lieben Freundin das Schöne und Merkwürdige, so uns selbst allbereit vertraut, zu weisen und ihr zu deuten, zu was Zweck und Nutzen es da ist. Dabei halfen mir zween Mannsbilder aufs beste: der Ohm Konrad und der Junker von Kalmbach, ein Schwab, der sich bei jenem in die Lehre begeben, um die Försterei zu erlernen.

Selbiger Junker nun war ein stattlicher Gesell von schlankem Wuchs und nicht üblem Ansehen, doch schien es, als sei der Mund ihm verschlossen, und wollte man sich über den Klang seiner Stimme unterrichten und ein »Ja« oder »Nein« vernehmen, kam man nur ans Ziel, wenn man ihn mit deutlichen Fragen anging. Dagegen wußte sein Aug' gar beredt zu erzählen, und wie ich kaum drei Wochen im Wald war, teilten sie mir, wo es nur anging, mit, daß er in heißer Minne meiner begehre; ja schon damals hat er dem Herrn Kaplan eröffnet, daß es ihn verlange, mich als sein Weib heimzuführen nach Schwaben, allwo er reichlich begütert.

Das Jawort hätt' ich ihm nimmer gegeben, aber wohlgeneigt war ich ihm dannocht, und solches verbarg ich mit nichten, ja vielleicht hab' ich ihn, wenn auch wahrlich sonder Arg, bisweilen ermutigt, sintemal mir gar wohlgefiel, was mir sein Auge erzähle und mir unerfahrenem Ding noch nicht bewußt war, daß eine Maged, die einem Werber Hoffnungen zeiget, ohne doch willens zu sein, ihn zu erhören, sich damit eines Vergehens schuldig macht, schwer genug, großes Unheil und Herzeleid zu erzeugen. Erst nach der Erfahrung, die nur zu bald über mich verhängt ward, hab' ich mich vor dergleichen fürsichtiglich gehütet, obzwar die Zeit nahe, in der die Mannsbilder sich weit mehr um mich kümmerten, denn nur genehm war.

Und dieweil dies nun einmal zu Papier gebracht ist, will ich altes Weibsbild des Zierens noch weiter vergessen und frei bekennen, daß die Ann und ich uns dazumal wohl sehen lassen konnten.

Ich bin stattlicher an Wuchs und voller gewesen, während jene, biegsamer und geschmeidiger, an holdseligem Liebreiz alles übertraf, was mir später begegnet. Ich war weiß und rot, und mein Goldhaar stund hinter dem der Ursula mit nichten zurück; doch wer da wissen will, wie wir in unserer Jugend zu schauen waren, der betrachte unsere Bildnisse, vor denen ja jeder von euch mehr denn einmal gestanden. Hinter diese unnützen Dinge kommt aber jetzund das Punktum.

Auf der Forstmeisterei gab es wohl bisweilen Gelegenheit, sich zu putzen, doch gemeinhin mußten die Alltagsgewänder genügen; denn alsdann ging's im Geleit des Ohms und des Junkers zu Fuß oder zu Roß auf die Birsch oder mit dem Falken auf dem Handschuh zur Beize. An solchen wackeren Tieren gab es keinen Mangel, und die edelsten von allen, so aus dem fernen Island stammten, brachte der Seyfried Kubbeling aus Braunschweig. Selbiger wunderliche Mann, der mir wohl gewogen, hatte mich vormals auch gelehret, mit den Falken verkehren, und so half ich dem Ohm, die Freundin in selbiger Kunst zu unterweisen.

Auf die Birsch kam ich selten, sintemal selbige der Ann zuwider geworden, seitdem ihr Pfeil einen der wackersten Schweißhunde aus der Meute getroffen; der Ohm aber mußte ihr baz hold sein, um ihr solchen Schuß zu vergessen, maßen ihm die Hunde gleich nach der allernächsten Blutsfreundschaft kamen. Sie hatten ihm viel zu ersetzen, und wenn er in ihre Mitte trat, und es waren ihrer damals an die hundert von allen Arten, so umgab ihn kläffend, bellend und auf vier Beinen gleichsam alles, was ihm von Kind an Bemerkenswertes widerfahren. Sie durften zwar nur Namen von einer oder höchstens zweier Silben Länge führen, und doch besaß jedweder eine besondere Bedeutung und pflegte eines Wortes Anfang zu sein, das ihn eines Dinges gemahnte, dessen Andenken ihm wert war. Zuerst hatt' er nur zur Kurzweil etliche nach den Metris der alten lateinischen Verse benamset, so ihm auf der Schulbank übele Freunde gewesen, und da boll denn in seinem Zwinger ein Troch, ein Jamb, ein Spond und Dact, die mit vollen Namen Trochäus, Jambus, Spondäus und Dactylus hießen. Der Spond war von allen Wolfspackern der größte und schwerste, der Anap, eigentlich Anapäst, ein fein und schnellfüßig Windspiel, und sintemal dergleichen Kurzweil ihm Genügen bereitet, führte er sie weiter und ließ sich von dem unverständigen Getier, so seine Waldeinsamkeit teilte, an mancherlei Anmutendes gemahnen. Von zwei zierlichen, gleißenden Ganghündlein, so stets zusammengekoppelt, nannte sich zum Exempel der eine Nik, der andere Syn, weil er zu Sankt Nikodemus das Jawort erhalten, am Sankt Synesiustage aber seine Hochzeit gefeiert worden war. Ein ansehnlicher Rüde Namens Salve, zu deutsch Willkommen, mahnte ihn an die Geburt seines erstgeborenen Sohnes, und in ähnlicher Weise besaß eines jeden Hundes Name besondere Bedeutung; auch vermerkte es die Ann keineswegs übel, da er ein fein jung Hühnerrüdlein nach ihr benannte. Eine Gred war allbereit längst vorhanden.

Weit mehr Zeit denn das Birschen und die Reiherbeize nahmen die Kranken in Anspruch, die wir im Auftrag der Muhme heimzusuchen hatten. Das Körblein, so für sie bestimmt war, packte sie mit eigener Hand, und da war keine Arznei, die sie nicht gemischt, kein Gewand, so sie nicht ausgesucht, kein Mundvorrat, der nicht vor ihren Augen den einzelnen zugemessen worden wäre.

Bald sollte uns denn in dunstigen Kammern und auf armseligem Stroh viel Not und Elend an die Seele greifen, doch wir ernteten auch manchen Dank und innigliche Herzensfreude, wenn wir sahen, daß Wohlsein und Genesung unseren Besuchen folgte. Das aber schien mir an der Muhme Jacoba Walten des höchsten Rühmens würdig, daß, obzwar ihr doch kein frischer Dank der Getrösteten und Genesenen zu teil ward, sie dannocht bis ans Ende nicht abließ, für ihr arm Völklein im Forste wie eine rechte Mutter zu sorgen.

Meine Ann war von Haus aus mit nichten zu dergleichen Hantierung geschaffen, maßen sie weder Blut noch Wunden ungestraft zu gewahren vermochte; doch just bei unseren Krankenbesuchen sollt' ich erkennen, wess' festen Sinnes dies zarte, biegsame Pflänzlein.

Seitdem Feldscher Häberlein das Zeitliche gesegnet, gab es keinen Medicus auf der Forstmeisterei, doch die Muhme und der Kaplan, ein schweigsamer, indes zu jedem guten Werke geschickter und wahrhaft frommer Diener des Herrn, stunden im Dienst des Galenus, und zudem kam jeden Eritag der Arzt aus Nürnberg heraus, und zwar seit dem Ableben des Doktors Paul Rieter, von dem ich allbereit geredet, sein Nachfolger, der Meister Ulsenius . . . Selbigem lag es sodann ob, nach der siechen Frau, und gab es Schwerkranke, nach ihnen zu schauen; doch wurde uns Mägeden der Auftrag, des Medicus Dienst zu verrichten, so wies die Muhme uns fleißig an, in was Art und Weise Arznei und Verbandzeug in jedem Falle zu brauchen.

Das erstemal ging es zu einer Beerenleserin, die eine Kupferotter in die Zehe gestochen, und da ich mich anschickte, die Wunde gemäß der Vorschrift der Base zu waschen, wurde die Ann bleich wie ein Leintuch, und weil ich wahrnahm, daß sie nahe daran, in Unmacht zu sinken, weigerte ich mich ihrer Hilfe; sie aber leistete mir nichtsdestoweniger Beistand, wenn auch mit verhaltenem Odem und halb abgewandtem Antlitz. Auch bei anderen Wunden hielt sie es ähnlich; doch hatte sie den Zwang, den sie sich anthat, jedesmal mit übler Beschwer zu büßen. Da geschah es, daß der Meister Ulsenius erschien, während die Schaffnerin und Wärterin der Muhme auf die Wallfahrt gen Vierzehnheiligen gegangen, und sintemal auch der Ohm auswärts, rief uns der Medicus auf, ihm Handlangerdienste zu leisten. Hier aber liegt es mir ob, zu berichten, daß ein jäher Sturz mit dem Rosse der Frau Jacoba Siechtum verursacht. Sie hatte sich dabei das Rückgrat beschädigt, und erst etliche Monde später war eine Wunde offenbar geworden, die mit selbigem verbunden.

Wie damals nun alles bereit stund, bat die Muhme die Ann, die Wunde zusammenzuhalten, indes Meister Ulsenius die Kompresse benetzte.

Da gedachte ich der Schwäche der Freundin und nahte mich ihr, um unversehens an ihre Stelle zu treten; sie aber flüsterte mir zu: »Du läßt mich!« und solches in einem so herrischen Ton, daß ich wohl erkannte, wie ernst sie es meine, und schweigend zurücktrat. Hienach aber wurde ich Zeuge eines fast erhebenden Schauspiels; denn ob sie auch blaß war, that sie doch, wie ihr geheißen, und wandte auch den Blick nicht ab von der Wunde; nur der Busen hob und senkte sich ihr schnell wie bei dräuender Fährnis, die zarten Nasenflügel zitterten, und es drängte mich, ihr die Arme entgegenzubreiten, um sie vor dem Niedersinken zu wahren. Doch sie hielt stand, bis alles vorüber, auch war ich die einzige, welche wahrnahm, wie sie dem schlimmen Feind so wacker getrotzet.

Von nun an leistete sie mir sonder Scheu namhafte Hilfe bei jeglichem Verband; wenn aber mir, der Gred, in späterer Zeit etwas besonders sauer fiel, also daß ich es nimmer bewältigen zu können vermeinte, so gedacht' ich der Ann vor der Wunde der Muhme. Aus dem allen ist dann wohl auch das gute Wort erwachsen: »Es wird schon gehen,« so die Kinder gern meinen Wahlspruch heißen.

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