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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Viertes Kapitel.

An das Haus der Eltern meiner Ann knüpfen sich viele der freundlichsten Erinnerungen meiner Kindheit. Zwar war es schlicht genug und mit dem Schopperhof weder an Größe noch an Pracht auch nur zu vergleichen; doch es war ein gar freundlich Menschennest und in vielen Stücken so einzig in seiner Weise, daß es schon darum ein Kind mit sonderbarer Kraft anziehen mußte.

Der Herr Spieß, der Ann Vater, war aus Venedig, wo er im Dienst der Mendelschen Handlung gestanden, gen Nürnberg berufen worden, um dort zuerst in der Losungstube und sodann im Vormundschaftsamte mit dem nicht unansehnlichen Vertrauensposten des ersten Schreibers angestellt zu werden. Sein Vater war in der That, wie die Ursula Tetzelin mir in der Schule vermeldet, ein Lautenist, doch er erfreute sich längst als fürnehmster Lehrer in der edlen Musika bei der Geistlichkeit und Laienschaft so hohen Ansehens, daß ihm die Schulung und Leitung des Kirchenchores oblag, und man auch in den Häusern der Geschlechter seine Unterweisung im Lautenspiel und Gesang jeder anderen vorzog. Er war ein gar lieber, heiterer Greis von seltener Herzensgüte und Milde und sonderbar sinnigem Geiste. Wie nun der ehrbare Rat seinen Sohn, den Veit Spieß, gen Nürnberg berufen, lag es dem Alten ob, ein passend Haus für ihn zu erstehen, maßen er selbst sich mit wenigen Kammern begnüget und der Schreiber allbereit zu Venedig mit der schönen Giovanna, dem Töchterlein eines SensalenDie Vermittler bei allen Geschäften der deutschen Kaufleute mit denen von Venedig. Auch nicht das kleinste Geschäft war ohne sie abzuschließen gestattet, und zwar wegen der an die Republik zu zahlenden Abgaben. Der Fondaco hieß das große Kaufhaus, welches die Republik selbst für den Handel mit Deutschland unterhielt. des Fondaco der Deutschen, in die Ehe getreten war und am eigenen Herde zu wohnen begehrte.

Da verfiel der Lautenist, der als ein der Musika beflissener Jüngling vormals längere Zeit in der Markusstadt verweilet, auf den Anschlag, seiner jungen Schwiegerin in unserem Nürnberg die Heimat und das Vaterhaus wiederzugeben, das an einem der Kanäle Venedigs gestanden, und so erwarb er denn ein Bauwerk, dessen Lichter auf das Wasser schauten und das deswegen geschickt schien, ihr das Heimweh zu mindern. Und die Venetianerin freute sich baz der Lage ihres Quartieres, und wohl noch mehr der freundlichen Fürsorge des Alten, obzwar ihr Häuslein gar hoch, doch dabei so schmal, daß sich in jedem Stockwerk nur zwei Lichter neben einander befanden. So bewegte sich denn das Leben in der Vormundschaftsschreiberwohnung nicht von einer Seiten zur andern, sondern von oben nach unten, aber die Venetianerin war ihr dannocht hold, und ich hörte sie sagen, das liebste Plätzchen in ganz Nürnberg sei für sie der Erker im zweiten Stock ihres Hauses. Da stund ihr Spinnrad und Nähkasten, und ein blank venetianisch Spieglein, so sie scherzweise »Frau Neubegier« nannten, zeigte ihr alles, was auf dem Fluß und der Fleischbrücke vorging; denn ihr Haus war unweit derselbigen, dem Barfüßlerkloster gegenüber gelegen. Da waltete sie still in Ordnung, Liebe und sonderbarer Anmut, und wie ihre Blumen im Erker: die Rosen, Aurikeln, Nelken und Gelbveiglein, gediehen unter ihrer pflegsamen Hand auch die Kinder, und wer im Kahne an ihren Fenstern vorbeifuhr, der vernahm viel frohes Leben und wohllautenden Gesang; denn vom Großvater und der Mutter her hatten die jüngern Spießlein fast alle ein feines Ohr für die Musika und weiche, glockenhell tönende Stimmen. Meine Ann freilich that es allen zuvor, und ihre Nachtigallenkehle zog wohl den Herdegen mit besonderer Macht zu ihr.

Nur für eines der Schreiberkinder, den kleinen Mario, war die Welt der Töne verschlossen, maßen er taubstumm geboren, und wenn die Ann bisweilen seltener und auf kürzere Zeit, als sie wohl mochte, bei uns verweilte, so lag es an ihm; denn sie wandte auf ihn eine Liebe und Sorgfalt, als sei sie seine leibliche Mutter. Wenn ihr daraus nun auch manche schwere Mühwaltung erwuchs, war doch nichts dem herzlichen Genügen vergleichbar, so ihr die Zärtlichkeit und das wunderbare Fortschreiten dieses Kindes bescherten; denn wenn selbiges zum Unglück geboren, so erwuchs es durch der Schwester treue Sorge zu einem fröhlichen und dankbaren Geschöpflein. Base Metz war etlichemal Zeuge ihrer Unterweisung des Brüderleins gewesen, und was die Ann für selbiges gethan, wollte sie so fromm und wundersam dünken, daß es den letzten Widerstand brach, den sie unserem vertrauten Zusammenhalten in den Weg gestellt hatte.

Auch an der Ann schönem Mütterlein gewann die Base Gefallen, obzwar sie schnell gewahrte, daß die welsche Frau sich nur schwer in die deutsche und Nürnberger Art schickte und es der Ann gern überließ, des Hausstandes Lasten zu tragen.

Auch unsere nächsten Freunde, und allen voran mein Herr Pathe, Ohm Kristan Pfinzing, gewannen das Annelein lieb, und unter meinen Genossinnen kannt' ich nur eine, die ihr zuwider, ja bis zur Feindseligkeit gram, und das war die Ursula Tetzelin, die mit schlecht verhohlenem Ingrimm gewahren mußte, wie mein Herdegen-Bruder sich ihr mehr und mehr abwandte und der Ann mancherlei erwies, womit er sie früher bevorzugt. Sie hatte des auch kein Hehl, und nachdem mein Aeltester gar jener an ihrem Namenstage mit seinen pueri vom Wasser aus eine Serenade gebracht, während sie im vorigen Jahre der Ursula die gleiche Ehre erwiesen, überfiel selbige meine Freundin in unserem Garten mit so feindselig ungestümen Reden, daß die Base dazwischen treten und meinem großen Unwillen mit der Mahnung begegnen mußte, daß sie ein mutterlos Kind, das keiner minniglich die raschen Triebe zügeln gelehret.

Gedenk' ich heut jener Zeiten, so geschieht es mit lauter Dank und Genügen. Unserem Großohm und Vormund, dem Ritter Im Hoff, war es freilich wenig genehm, daß die Base mir, eines edlen Geschlechtes Tochter, gestattete, mit eines Schreibers geringer Sippe nah zu verkehren, doch es konnte der Ann besserem Teil weit eher bei uns, unter meinen Brüdern und ihren Genossen, Schaden erwachsen, denn mir in dem stillen Heim am Wasser, wo es nichts zu hören gab denn schickliche Worte und liebliche Klänge, und nichts zu schauen denn Arbeit, Zierlichkeit und Frieden.

Wie gern verweilte ich dort, aber wie war es doch auch so schön, wenn es der Ann verstattet war, den ganzen Sonntag vom Mittag bis Abend bei uns zu bleiben, und wenn wir erst für uns allein plauderten, spielten, des in der Schule Erworbenen gedachten und hienach mit den Brüdern, sei es unter der Base oder des Magisters Geleit, ins Freie zogen oder daheim sangen und fröhliche Kurzweil trieben.

Nach dem Ave Maria kam sodann gemeinhin der alte Organist Adam Heyden, der Ann Großohm, um sie zu holen, und an selbigen wackeren und seltsamen Mann sollte sich fürder manche liebe Erinnerung knüpfen, wie ich denn der Ann überhaupt für gar viel Freundliches verpflichtet bin, so meine Jugendzeit schmückte.

Das ist gewiß, daß sie es war, die mich zuerst recht spielen geehrt hat; denn während meine Puppen und Ritter und Kramläden der Wirklichkeit, wenn auch nur im kleinen, bis ins einzelne glichen, hatte jene ein Stück Holz in ein Tüchlein gewickelt, als ihr Kind in den Armen geschaukelt, hatte sie mit den kleinen Geschwistern beim Kramladenspiel Steine und Blättlein zu mannigfachen Waren und Münzen gestempelt und dabei weit höheren Genügens genossen denn wir, wenn wir wirkliche Feigen und Mandeln und Nägelein aus Kistchen von Holz und Säcklein von Linnentuch genommen, um sie mit messingenen Gewichten auf wirklichen Wagen mit Zünglein und Schalen zu wiegen. Sie war es, welche die Einbildung in meine Spiele verwob, und die hat uns gar vielfach weit von der Pegnitz über Meere und Ströme in Palmenhaine und goldene Feenreiche getragen.

Der Verkehr mit den Brüdern gedieh ihr wie mir zum Genügen; doch zeigte er in den ersten Jahren ein ganz ander Gesicht denn in den späteren. Aus jener frühen Zeit tritt mir, da ich dies schreibe, ein schöner Sommersonntag mit besonderer Deutlichkeit ins Gedächtnis. Wir hatten genug in der Kinderstube gespielt, und weil wir es auf des Hauses Boden unter dem Dach, wo wir in dem mächtigen Gebälk umhergeklettert waren, zu heiß befunden, traten wir in den Garten. Der Herdegen hatte uns gleich nach Mittag hastig verlassen, und wir fanden nur den Kunz, wie er sich Pfeile schnitzte für seine Armbrust. Doch bald warf er das Messer fort und gesellte sich zu uns, und da ihm die Ann baz wohlgefiel, seit sie meine Freundin, that er das Seine, sich ihr genehm oder doch bemerkbar zu machen. Bald stund er vor ihr auf dem Kopfe, bald kletterte er in die Krone des höchsten Obstbaumes und warf ihr eine Birne grad auf den Scheitel, also daß sie aufschrie, bald schlug er mitten im Wege ein Rad, und es hätte nicht viel gefehlt, daß sein Schuh dabei ihr Antlitz getroffen; doch wie er wahrnahm, daß er uns störe, zog er sich trübselig zurück, aber nur, um sich hinter einem Strauch zu verbergen und, da wir an ihm vorüberkamen, jach herfürzubrechen und durch wildes Geschrei Entsetzen über uns zu bringen.

Solches wäre meinem Aeltesten, wenn auch gegen seinen Willen, beinahe noch besser gelungen, da er mit wirrem Haar und in großer Erregung sich zu uns gesellte. Er stund in dem Alter, wo die Buben die Mägdelein als schwach und untüchtig für richtiges Spiel verachten, aber sich dannocht allbereit mühen, von ihnen bemerkt und bevorzugt zu werden. So war ihm denn auch der Ursula offen zur Schau getragene Gunst eine gute Weile fast genehm gewesen, doch begann er ihrer allbereit überdrüssig zu werden und zu erkennen, daß ihm die kluge Ann mit der Nachtigallstimme Besseres gewähre.

Nachdem er uns hastig das Willkommen geboten, machte er uns alsbald zu Vertrauten eines übelen Handels. Einer seiner Genossen, der Lorenz Abenberger, eines Apothekers Sohn, der emsig in der Schule und von sonderbar frommer Gemütsart, widmete die freien Stunden allerlei magischen Künsten und hatte, obzwar er nur siebenzehn Jahre zählte, vielen, und so auch uns Mägeden, die Nativität gestellt und uns allerlei krauses Zeug für die Zukunft geweissagt. Selbiger Abenberger nun, ein klein, unscheinbar Bürschlein, hatte in einer alten Postille eine Vorschrift gefunden, Schätze zu heben, und den Herdegen samt etlichen anderen Genossen ins Vertrauen gezogen. Zuerst waren sie ihm auf den Friedhof gefolgt, woselbst sie beim Vollmond Blei durch das linke Auge eines Totenschädels gegossen und aus selbigem Bolzenspitzen geformet. In der vergangenen Nacht waren sie hienach gen Sinterspühel gezogen und hatten alldort mitternächtlicherweile von einem Kreuzwege aus besagte Bolzenspitzen in alle vier Himmelsrichtungen geschossen, um sodann, wo sie niedergefallen, nach Schätzen zu graben. Doch statt auf solche waren sie auf einen frisch verscharrten Leichnam gestoßen und hatten sich hienach eilends aus dem Staube gemacht. Nur der Herdegen war mit dem Abenberger zurückgeblieben, und nachdem er am Haupte des Ausgegrabenen schwere Wunden wahrgenommen, hatte er solches dem Blutgericht kundzuthun gedacht, doch davon einstweilen Abstand genommen, sintemal ihn der Abenberger beschworen, reinen Mund zu halten und ihn nicht ins Verderben zu bringen. Wie aber mein Aeltester vorhin auf dem Fechthause gewesen, hatte er daselbst vernommen, daß ein Handelsknecht der Vorchtels verschwunden sei, und man besorge, daß er Plackern oder übeler Buberei in die Hände gefallen, und nun achtete er es für geboten, des Leichnames Fund nicht länger zu verschweigen und verlangte, der Ann und meinen Rat zu vernehmen. Während ich es nun kurz und bestimmt für notwendig erklärte, dem Herrn Schultheißen ungesäumt Anzeige zu machen, überfiel die Ann ein sonderbar Zittern, und obzwar sie mir nicht widersprach, zeigte sie solches Bangen, daß dem Herdegen aus seiner unbesonnenen That schweres Unheil erwachsen möge, daß ihr die Thränen strömlings über die Wangen rannen, und es mich große Mühwaltung kostete, sie, die sonst eine besonnene und mit nichten schreckhafte Maged, zur Ruhe zu bringen.

Doch dem Herdegen gereichte ihre übergroße Sorge zu großem Genügen, und obzwar er sie verlachte, hieß er sie dannocht sein vielgetreu Banghäslein und steckte ihr die Nelke ins Haar, die er am Wamse getragen. – Da ward sie schnell guter Dinge, riet ihm, ungesäumt zu thun, was doch seine Pflicht sei, und nachdem das Blutgericht sodann das Seine verrichtet, ergab es sich, daß die Buben in der That auf den erschlagenen Handelsknecht gestoßen. – Obzwar nun der Herdegen beflissen gewesen, des Abenbergers Schuld zu verschweigen, war selbige dannocht durch andere zu Tage gekommen, und der arme Wicht wurde aus der Schule gestoßen.

Zwei Jahre später hatte unser Verkehr allbereit ein ganz ander Ansehen gewonnen.

Die zwölf pueri waren unsere Tischgäste gewesen, und nun sangen sie im Garten fröhliche Weisen, so uns Mägeden, zu denen sich die Els Ebnerin und Ursula Tetzelin gesellet, wohl vertraut. Während der Herdegen nun den Takt schlug, hing sein Ohr an den Lippen der Ann, als werde ihm eine Offenbarung teilhaftig; doch seinem besten Kumpan, dem Heinrich Trardorf, der sonst vor allen anderen mich, die Gred, bescheidentlich herfürzog, schien ihr Gesang gleichfalls baz zu behagen, und wie die Lieder schwiegen, geriet er mit ihr in ein fast lebhaft Zwiegespräch; denn er hatte ihr geklaget, wie er mir gut sei und als schlichter Leute Kind nimmer wagen dürfe, den Blick zu mir zu erheben.

Des Herdegen Auge war eine Weile verdrossen an den beiden und ihrem Verkehre haften geblieben. Dann hatte er sich jach erhoben, die letzten der Base gar werten Rosen von ihrem Lieblingsstrauche gerissen, sie der Ursula gereicht und sich ihr so völlig ergeben, als sei keine andere im Garten. Doch ihr Vater kam bald, um sie zu holen, und nachdem sie strahlenden Angesichtes mit seinen Rosen gegangen, trat der Herdegen plötzlich auf mich zu, um mir, ohne die Ann eines Blickes wert zu erachten, das Valet zu bieten. Da hielt ich ihn an der Hand zurück und rief jene herbei, daß sie mir helfe, ihm das Fortgehen zu wehren, maßen die anderen eben zum Lautenspiel eines der pueri ein Tänzlein begannen; sie aber trat bescheidentlich heran, blickte mit den großen Augen zu ihm auf und bat ihn gar hold, zu verbleiben.

Da wies er auf den Trardorf und entgegnete barsch: »Etwas Halbes kann mir nicht frommen!«

Und wiederum wandte er sich dem Thor zu, sie aber faßte ihn bei der Hand und sagte, ohne seines Treibens mit der Ursula auch nur mit einem Wort zu gedenken, sonder Vorwurf, doch inniglich bekümmert: »Wenn Du gehst, so wirst Du mir weh thun. Es ist ja nur schön, wenn Du da bist, und was frag' ich denn nach dem Heinrich?«

Das war ihm genug, sein Auge leuchtete wiederum froh in das ihre, und seit jener Stunde in der Kindheit hatte sie den eigenen Willen an den seinen verloren.

Von nun an hielt sich die Ann auch von allen anderen zurück, und wenn er dabei war, wollt' es scheinen, als hätte sie Augen und Ohren allein für mich und den Bruder. Des Kunz achtete sie wenig, doch er ließ nicht ab, ihr nachzugehen und ihr seine Dienste aufzudringen, als sei sie eines hohen Herren Tochter, und er nur ihr Page.

Daß die Ann den Herdegen für den herrlichsten aller Jünglinge erachte, hatte sie mir frei bekannt, und wie hätte solches mich wunder nehmen können, da ich doch der nämlichen Meinung. Was wußte ich auch im vierzehnten und fünfzehnten Jahre von der Minne und ihrer Fährnis! Wie sie meinem Aeltesten, so war ich weiland dem Götz gut gewesen, und wie es mich damals erfreut, daß mein lieber Vetter einer so holdseligen Maged, wie des Traudlein Minne gewonnen, so dacht' ich, würd' es der Ann späterhin zum Genügen gereichen, wenn der Herdegen sich mit der Schönsten und Fürnehmsten verbände.

Darum that ich mein Bestes, die beiden, so oft es nur anging, zusammen zu bringen, und solches geschah mit und ohne mein Zuthun fast häufig; denn nicht nur, daß die Musika sie vielfach verband, und der Herdegen mit mir gemeinsam sie auf der Sandbahn hinter unseren Ställen anwies, ein Roß zu bemustern, – auch das Griechisch, das uns der Magister Peter ins Haus gebracht, bot den Vorwand für sie, manche Stunde zu teilen.

Mir ging selbige Sprache nur schwer ein, doch der Lernkopf der Ann war nicht viel geringer denn der meines Bruders, und mit frischer Lust war er beflissen, die schnell begreifende Maged in gleichen Gang mit dem eigenen Fortschritt zu halten.

Wie beide endlich so weit gediehen, auch griechische Schriften zu verdeutschen, ward der Magister berufen, ihnen Beistand zu leisten, und welche Veränderung mit selbigem Mann sich zugetragen, nachdem er vier Jahre an unserem Tisch gesessen, das möchten viele zu den Mirabilia zählen.

Da er zu uns gekommen, hatt' er sich selbst für ein armselig Unglückswurm gehalten und sich kaum getrauet, einem anderen frank ins Antlitz zu schauen, und was stellte er jetzt dar, trotz der mancherlei Kurzweil, so die Brüder und ihre Genossen, ja zuweilen wohl auch ich, mit seiner Einfalt getrieben!

Mancher andere hat allbereit vor mir in Gott Amor den besten der Lehrmeister erkannt, und wenn der Magister sich nunmehr nur noch mäßig gebeugt, ja beinahe aufrecht hielt, wenn er jetzund ein gut neu Gewand mit weiten Hängärmeln, straffes Strumpfwerk, schön gesteifte schneeweiße Kragen und bisweilen sogar ein keck schwarz Federlein am Baret trug, wenn er sich die Hände säuberlich wusch und das lange Haar nicht nur strählte, sondern auch salbte, so war daran in erster Reihe die fast große und treue Neigung schuld, die ihn für die Ann ergriffen, da sie doch noch ein Kind war.

Freilich hat die pflegsame Base Metz dem blinden Liebesgotte wacker Helfersdienste geleistet; denn oftmals rückte sie dem Magister mit eigener Hand zurecht, was eben schief saß; auch verehrte sie ihm bei mancherlei Anlaß ein fein Stück Tuch und dazu, in bunt Papier gewickelt, den Schneiderlohn in neugeprägter, blanker Münze. Pünktlichkeit und Ordnung brachte sie ihm eifrig bei, und wo der Ernst nicht fruchtete, wußte sie jenen freundlichen Spott zu üben, der niemand verletzet, weil er einem liebreichen Herzen entspringet.

So kam es, daß wie die Zeit erschien, da der Herdegen die hohe Schule zu Erfurt bezog, der Magister nur wenig von anderen gelehrten Herren seines Standes abstach; und wenn es ihm vergönnt war, von den Meistern der Gelehrsamkeit in Italien und den Werken der griechischen Geistesfürsten zu berichten, hab' ich seine Augen leuchten sehen wie die eines Jünglings.

Ueber der Brüder Fortschreiten wachte unser Vormund, der alte Ritter Im Hoff, ein strenger und menschenscheuer Herr, der doch kaum seinesgleichen hatte an Reichtum und Ansehen in Nürnberg. Er war auch unser Großohm, wie der alte Adam Heiden der meiner Ann, und verschiedenartigere Mannsbilder lassen sich schwerlich denken.

Wenn es dem Herrn Vormund aufzuwarten galt, kam es selten dazu ohne Murren und Sträuben; dagegen war es mir immerdar wie ein Fest, wenn ich die Ann zu dem Organisten begleiten durfte. Er hatte aber auch ein herrlich Quartier hoch im Turme über der Stadt inne, und wie der liebe Herrgott die Welt vom lichten Himmel her, also vermochte er aus seinen Fenstern ganz Nürnberg, die Burg auf dem Hügel, den offenen Kranz von Wäldern, der es im Norden, Osten und Süden umgibt, und die Aecker und Dörfer, die zwischen dem Forst und den Mauern und Türmen unserer Reichsstadt liegen, sowie des Pegnitzflusses Lauf zu überschauen.

Er rühmte sich auch gern, der Sonne das erste Willkommen und das letzte Valet zu bieten, und vielleicht verdankte seine Seele ihrem Lichte, das er so reichlich genoß, die sonderbar fröhliche Helle. Immerdar hatte er einen Scherz und eine kleine Liebung für uns Kinder zur Hand, und wie geringen Geldeswert seine Gaben auch besaßen, bereiteten sie doch immer ansehnliche Freude. Ueberhaupt hat wohl kein zweites Mannsbild in Nürnberg so viele Geschenke vergeben und dadurch so viele Gesichter und Herzen fröhlich gemacht, wie der Adam Heyden. Freilich war er nach kurzer, glückseliger Ehe kinderlos zurückgeblieben und hatte für keine Erben Sorge zu tragen; doch der alte Lautenist Gottfried Spieß, der Ann Großvater, war doch im Rechte, da er ihn einmal den kinderreichsten Mann in ganz Nürnberg nannte, maßen sämtliche Buben und Mägdelein der Stadt gleichsam die seinen.

Wenn er durch die Gassen schritt, war es für das kleine Volk, als käme ihm der heilige Christ oder Sankt Nikolaus selbst entgegen, und was sich mit der Linken an seinen langen Talarrock hing, das steckte schon mit der Rechten den Apfel oder das Stücklein Lebkuchen in den Mund, davon des Alten Tasche nie leer ward.

Aber der Herr Adam hatte auch seine Schwäche, und mancher hieß es nicht gut, daß er dem Weine allzu eifrig ergeben. Doch er betrieb auch das Zechen in seiner eigenen, mit nichten unholden Weise. An jedem Gedächtnistage nämlich verblieb er droben auf seinem Turme ganz allein, und bis nach Mitternacht sah man sein Licht über die Stadt hin scheinen. Da saß er denn völlig einsam vor Krug und Pokal, und des letzteren bediente er sich also, daß er den ersten und zweiten und dritten in aller Stille auf das Wohl des verstorbenen Elslein leerte, so seine Hausfrau gewesen. Dann aber begann er leise zu singen, und bei jedwedem neuen Becher, den er erhob, rief er laut: »Prosit, Adam!« und nachdem er ihn geleert: »Schön Dank, Heyden.«

So trieb er es fort, bis er der Krüge etliche geleeret und sich der Turm mit ihm drehte. Dann begab er sich zur Ruhe und träumte weiter von seiner Els, den alten guten Tagen, den lieben Menschen, der Jugendminne und all dem Schönen und Wundersamen, so ihm bei dem stillen Zechen vor dem inneren Auge gestanden.

Am folgenden Morgen kam er seinen Pflichten in Treuen nach, und die landläufigen Abende, so für ihn keine Bedeutung besaßen, brachte er bei den Spießens in dem kleinen Hause am Wasser zu oder in der Herrentrinkstube auf der Frohnwage; denn obzwar ebendaselbst nur solche, die zu den Geschlechtern gehörten, gelahrte Männer und ansehnliche Künstler verkehrten, war der Organist Adam Heiden doch unter ihnen ein maßhaltender und gern geduldeter Gast.

Und nun unser Großohm und Vormund, der Ritter Sebald Im Hoff!

Männiglich wird begreifen, daß meine Scheu vor ihm wuchs, seit ich unversehens in seine Schlafkammer geraten und dort eines schwarzen Sarges ansichtig geworden, darin er Nacht für Nacht wie in einer Bettstatt ruhte. Ihm selber sah und hörte man leichtlich an, daß ein tiefer Gram oder eine schwere Schuld ihm am Herzen fresse, und dannocht ist er einer der stattlichsten alten Herren gewesen, so mir in meinem langen Leben begegnet. Sein Antlitz war wie aus Erz gegossen und wundervoll ebenmäßig gebildet, doch von tiefer, völlig farbloser Blässe. Lange schneeige Locken fielen ihm tief über den Zobelkragen herab; und silberweiß war der spitz geschnittene kurze Vollbart. Wenn er aufgerichtet dastund, war er von sonderbarer Leibeshöhe, und schritt er dahin, so that er es mit fürstlicher Würde.

Allbereit seit Jahren suchte er keines andern Haus auf, und dannocht wußten ihn viele zu finden. Wo unter den Geschlechtern, mit Ausnahme seiner eigenen, der Im Hoff-Sippe, ein Bub oder eine Maged heranwuchs, wurden sie ihm zugeführt, aber von ihnen allen waren nur zwei, die sich ihm sonder Scheu zu nähern getrauten: mein Herdegen-Bruder und die Ursula Tetzelin, und gerade sie war während meiner ganzen Jugendzeit die einzige, vor der meine Seele sich völlig abschloß.

Dannocht muß ich um der Gerechtigkeit willen bekennen, daß sie zu einem baz wohlgestalteten Weibsbild heranwuchs. Dazu gehörte sie einem reichen und fürnehmen Hause als einziges Kind an, und ihr Vater, ein hoffärtiger und dazu mürrischer Herr, der die Hausfrau, ihre Mutter, frühzeitig verloren, setzte, nachdem sie ein Jahr vor mir und der Ann die Schule verlassen, seine Ehre darein, sie wie eines Grafen oder Kurfürsten Kind zu kleiden. Auch ließen ihrer hohen, vollen Gestalt die Brokate, das feine Pelzwerk und die köstlichen Kettlein und Spangen gar wohl, mit denen sie so hoffärtig prunkte, daß der ehrbare Rat sich bewogen sah, eine Verordnung gegen die übergroße Kleiderpracht der Weibsbilder ergehen zu lassen.

Sie war sicherlich die letzte, von der ich gewünscht hätte, daß sie einmal als Hausfrau in den Schopperhof einziehen möge, und dannocht wußt' ich schon, bevor mein Bruder die hohe Schule bezog, daß der Großohm es darauf absah, sie und ihn in künftiger Zeit zusammenzugeben. Der Vater Tetzel wies auf die beiden, wenn sie in ihrer stattlichen Schöne neben einander stunden, als auf ein Pärlein; auch hielt sich der ältere Mann, dessen graues Antlitz so kühl und farblos, wie an seiner Tochter alles bunt war und glänzend, dem Knaben, dem kaum der erste Flaum auf Lippe und Wange keimte, in schier demütiglicher Huld gewärtig, maßen ihm des Großohms Erbe in jeder Rücksicht als Eidam anstund.

Freilich wußte männiglich, daß der reiche Im Hoff der heiligen Kirche große Stiftungen zu machen gedenke, und es dünkte mich löblich und weise, daß er alles daran setzte, sich der Jungfrau und der lieben Heiligen Fürbitte zu sichern; denn die schwere That, die ihn aus einem glänzenden Herrn in einen einsamen Büßer gewandelt, sie mochte seine arme Seele schwer genug quälen; ich aber will hier in aller Kürze berichten, was ich von selbiger erfahren.

In seiner Jugendzeit hatte der Großohm den Kopf fast hoch getragen und auf sein Wappen und ritterlich Blut so große Stücke gehalten, daß ihn unser Nürnberger städtisch Wesen zu gering und kleinbürgerlich dünkte. Da nun inmitten des letzten Saeculi den Städtern durch des Reiches Gesetz untersagt ward, Turniere zu halten, war er zu Hofe gezogen, hatte zu Prag den Ritterschlag durch Kaiser Carolus erhalten und sich bei manchem Lanzenstechen des Rühmens genug erworben. Seines Leibes sonderbare, mannhafte Schöne erwarb ihm auch Frauengunst die Fülle, und maßen er, was adeliger und ritterlicher Art, allem anderen vorzog, nahm er kein Nürnberger Kind in die Ehe, sondern ein arm Ehrenfräulein, des Freiherrn von Frauentrift Tochter.

Aber der Großohm hatte sich in seiner Wahl übel vergriffen; denn sie war ein hoffärtig Weibsbild, so aller Launen voll. Wenn Fürsten und vornehme Herren die Stadt besuchten, nahmen sie fast gern in dem großen und schmucken Im Hoffschen Hause Quartier; sie aber ließ sich sodann von selbigen hofiren und gestattete ihnen mehr Freiheit, denn der sittigen Hausehre eines Nürnberger Bürgers ansteht.

Einmal nun, wie der Herr Herzog von Bauern mit zahlreichem Gefolge bei ihm in Herberge lag, entfachte ein schöner junger Graf, dem die Hausfrau des Großohms allbereit als Maged den Vorzug gegeben, seine Eifersucht zu hellen Flammen; und da er eines Abends zu später Stunde und bevor sein Weib von einem Besuch bei der Freundschaft zurückgekehrt war, im Haushofe, woselbst der Kisten und Warenballen die Menge lagen, unter ihrer Kammer ein leis Flüstern und Raunen vernahm, stürzte er, seiner selbst nicht mächtig, hinunter. Dieweil nun sein Rufen auch aus dem Hofe keine Erwiderung fand, stieß er mit dem blanken Schwert aufs Geratewohl hinter die Kisten, von wannen er das Gewisper vernommen, und ein weher Aufschrei lehrte ihn, daß er wohl getroffen. Bald ließ sich auch das Jammern eines Weibsbildes vernehmen, und wie sich nun Knechte und Knappen mit Fackeln und Lichtern nahten, da erkannte er, daß er dem Ludwig Tetzel, dem noch jungen und unbeweibten Ohm der Ursula, das Leben genommen. Selbiger aber hatte sich in den Hof des Großohms geschlichen, um sich eines Stelldicheins mit der schönen Tochter des Wägemeisters der Im Hoffschen Handlung zu freuen, und aus Furcht vor dem Hausherrn hatten die Liebesleute seinen Ruf unerwidert gelassen und sich hinter die Kisten verborgen.

So war der Großohm unversehens zum Mörder geworden, und die Richter brachen über ihn den Stab; doch da er selbigen Totschlag frei bekannt und ihn unversehens begangen, begnügten sie sich, ihn an Geld zu büßen; doch sagten etliche, sie hätten dem Henker geboten, zum Zeichen dessen, daß er das Leben verwirket, eine Galgenschlinge hinter seine Hausthür zu nageln; andere aber, daß er die Pflicht auf sich genommen, solchen Strick Tag und Nacht am Halse zu tragen.

Was die Tetzels angeht, so hatten sie keinerlei Sühne von ihm geheischet, und dafür ist er ihnen zeitlebens so dankbar verblieben, daß er ihnen die Ursula mit in sein Erbe einzusetzen verheißen; den Im Hoffs aber war er gram bis ans Ende, sintemal selbige, denen er durch Eigenwillen und Hoffart viel Aergernis bereitet, nach dem Spruch des Blutgerichtes Rat gehalten, ob es nicht geboten sei, ihm ihren guten alten Namen abzusprechen und ihn aus dem Geschlecht zu verstoßen. Nur vier gegen drei hatten zu seinen Gunsten gestimmet, und das trug seine trutzige Seele so schwer, daß kein Im Hoff sein Haus betreten durfte, so oft auch einer versuchte, seine Gunst zurück zu gewinnen.

Von seiner Hausfrau erntete er geringen Trost im Leide; denn sie hat ihn, nachdem er des Totschlages schuldig befunden, verlassen, ist an den Kaiserhof nach Prag zurückgekehret und endlich bei einem wilden Jagdritt in des Königs Wenzel Gefolge noch bei guten Jahren ums Leben gekommen.

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