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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Des Kunz Schopper Nachschrift.

Die Kinder dringen in mich, der Gred unvollendete Schrift zu Ende zu führen; doch ich bin den Achtzig nahe, und wie soll ich Gunst erwerben durch eine Kunst, die ich nimmer geübet, es sei denn im Geschäfte? Aber wie es mir immerdar sauer gefallen, denen, die meinem Herzen die Liebsten, einen billigen Wunsch zu weigern, so erfüll' ich ihre Bitte auch diesmal; doch werden sie nur das Nötige in schlichter Rede zu hören bekommen.

Sie, auf deren Begehr ich hier sitze, haben ohnehin meine liebe Frau Schwester, die Gred, die als des seligen Forstmeisters, kaiserlichen Rates und Obristhauptmanns unserer guten Stadt, des Ritters Götz Waldstromer Witib, verstorben, wohl gekannt und ihrer Minne, wie ihres weisen und treulichen Rates Beneficium längere oder kürzere Zeit in Liebe genossen. Auch der Anna Spießin selig, die des weiland Herdegen Schopper Hausfrau gewesen, werden sich noch viele erinnern, und was selbigen Herdegen Schopper, meinen lieben Bruder, angehet, so schildert der Gred Gedächtnisbuch sein Sein und Wesen in der Jugend Blüte fast treulich, und es will mich ein peinlich Unterfangen bedünken, des Näheren zu künden, wie es mit dem Niedergang eines so hochgemuten Menschenkindes ergangen.

Was mich angeht, der ich das letzte Ueberbleibsel des Schopperkettleins, des die Gred mehrfach gedenket, so weil' ich ja noch unter euch, ihr Lieben, und es hat sich nur wenig mit mir geändert, maßen mein Leben still und geräuschlos dahinfloß.

Wie es gekommen, daß die Gred das Gedächtnisbuch so früh abbrechen mußte, ist manchem von euch noch bewußt; doch sei es für die Jüngeren allhier vermeldet.

Bis in das siebenundsechzigste Lebensjahr war sie nimmer in die Sänfte gekommen und hatte sich vielmehr auf jeder Fahrt des Rosses bedienet. Seit etlichen Jahren weilte sie mit dem Ehegemahl nur noch im Sommer im Walde, während sie im Winter das Stadthaus bewohnten.

Wie ihre Niederschrift nun bis zu der Zeit gediehen, da sie mit dem Götz, ihrem lieben Hausherrn, einig geworden, forderte sie selbigen auf, mit ihr hinaus in den Forst zu reiten; denn es gelüste sie, wieder einmal zur Winterszeit die Stätte zu betreten, die im Dezembermond ihrer glückseligsten Lebenstage Zeuge gewesen. So zogen sie denn, obzwar es kurz vor dem Christtag, hoch zu Roß in den Forst, und da sie mir beim Vorbeireiten so jugendfrisch und mit schier ausgelassener Fröhlichkeit winkten, dacht' ich bei mir, daß es wohl schwerlich in Nürnberg, Franken und Deutschland ein alt, weißhaarig Liebespärlein gebe, so selbigem an Herzensfrische und prächtigem Ansehen gleiche. Im alten, trauten Forst waren ihnen hienach etliche köstliche Tage beschieden; wie sie aber heimritten, strauchelte der Gred Zelter dicht vor der Stadt auf dem Glatteis. Sie erlitt einen schweren Armbruch, und die rechte Hand ist ihr trotz des Meisters Hartmann Knorr Kunstfertigkeit so steif geblieben, daß sie die Feder nur noch mit Mühe zu führen vermochte, während sie auch noch viel später oftmals das Roß bestieg. Da blieb denn das Gedenkbuch lange Zeit liegen, und wie sie sich hienach fleißig geübet, auch mit der Linken zu schreiben, riß der Tod die Ann Schopperin, unseres lieben Herdegen-Bruders selige Witib, ihres Herzens Freundin, von hinnen, und solches griff ihr so tief in die Seele, daß sie nichts vermocht hätte, die Feder zum anderenmal zu ergreifen.

Wie sie sodann, wenige Monde nach der güldenen Hochzeit, auch den vielgeliebten Hausherrn verlor, war es mit dergleichen vollends zu Ende, und die rüstige Greisin fiel in sich zusammen und ist ihm drei Monde später nachgestorben; mir aber begegnete es auch sonst fast häufig, daß wenn von einem Paar, das viele Jahrzehnte in inniger Herzenseintracht durchwandert, das eine dahingehet, es dem anderen zu einsam wird hienieden, also daß man vermeinen möchte, sie seien an den Herzen zusammengewachsen gewesen, und das Zurückbleibende habe sich durch des Sensenmannes Schnitt nach innen verblutet. –

Da hab' ich das Gedenkbuch noch einmal gelesen und meine nun bemerken zu sollen, daß sich die Gred weit geringer hingestellt und geschildert denn sie in ihres Lebens Lenzzeit in Wahrheit gewesen.

Den meisten von euch klingt es wohl noch in der Seele nach, wie der Herr Schultheiß die Braut mit dem güldenen Kranz in den vollen silbernen Locken die Zierde der Stadt, die Freundin und bisweilen auch die weise Beraterin des ehrbaren Rates, den Trost und die Zuflucht der Armen genannt; auch ist euch noch wohlbewußt, wie der Herr Plebanus Johannes Lochner ihr am offenen Grab nachrief, daß sie in der Jugend die schönste und im Alter die würdigste und hilfsbereiteste unter allen Frauen der Sankt Sebald-Gemeinde gewesen. Und ihr habt ihr ja selbst häufig genug beim Almosenspenden geholfen oder vor ihrem Bildnis in stiller Bewunderung gestanden.

Aber aus dem Munde des Meisters, der selbiges vollbracht, und der zu den größten seiner weit berufenen Zunft gehörte, hab' ich zu Venedig vernommen, so, wie sie gewesen, könne er sich nur das hochgemute Gemahl eines alten Germanenköniges denken, der die Römer geschlagen, so Eva selbst, wenn er sich das Paradies in dem kalten Deutschland überhaupt fürzustellen vermöge. Das wärmste und anmutvollste Weib, so ihm daselbst zu Gesichte gekommen, das sei eure Frau Mutter und Großmutter gewesen.

Und wie sie noch zu Tanz ging, da war unter den jungen Herren von den Geschlechtern, unter den Rittern und Grafen, ja selbst am Kaiserhofe alles einig, die Gred Schopperin sei die schönste und zugleich auch die frohgemuteste und mit allen Gaben des Geistes am reichsten gesegnete Jungfrau in Nürnberg. Nur die Ann hielt neben ihr Stand mit ihrer besonderen mehr welschen und himmlischen denn deutschen und irdischen Schöne.

Der Gred Gedenkbuch schließet ab mit ihrer Landung im sicheren Hafen; anderen aber, von denen sie berichtet, war es nicht so bald vor Anker zu gehen beschieden, und wenn ich nun mit meinen Aufzeichnungen beginne, muß ich nach Alexandrien im Aegypterlande zurück.

Der Ursula gegen den Herdegen gedungener Dolch hatte mich getroffen; doch wie mir der Vetter Götz Waldstromer den lieben Bruder wieder als freien Mann zuführte, war ich schon von den schweren Wunden genesen und reisefertig.

Des Akusch wackere Mutter hatte mein mit einer Treue gewartet, die einer Christin zur Ehre gereicht haben würde, und in ihrem Hause war es, wo ich dem Herdegen und dem Vetter wieder begegnete. Und was gab das für eine frohe Ueberraschung, wie ich den Götz, stattlicher denn je, im glänzenden Waffenschmuck eines oberen Führers im Kriegsheere der großmächtigen Venetia vor mich hintreten sah! Statt des landfremden Abenteuersuchers fand ich einen festen, in jeder Rücksicht ansehnlichen und fürnehmen Herrn, dessen mächtig Auge lehrte, daß ihm das Gebieten Gewohnheit, und dessen Stimme und Wesen dannocht die Freundlichkeit einer barmherzigen Seele verbürgten. Es war auch, als habe sich mit seinem Kommen ein frischer, reinigender Wind erhoben; denn sobald er des Herdegen Sache zu der seinen gemacht und für ihn Bürgschaft geleistet, zahlte des mächtigen Michielischen Handelshauses Haupt die Lösung, die mir, der ich des Geldes Wert kannte, unerschwinglich erscheinen mußte, falls der Großohm nicht für uns eintrat. Dem Ritter von Welemisl, dessen Wesen und Art ihm wenig Zutrauen einflößte, den gleichen Dienst zu leisten, weigerte sich dagegen der Vetter, und so haftete ich für ihn aus Barmherzigkeit und auf des Herdegen Bitte.

Hier nun werdet ihr fragen, warum ich nicht zuerst des Wiedersehens gedenke, so ich mit dem lieben, schwer gefährdeten Bruder gefeiert. O, das Herz schlug mir dankbar und freudig genug, wie wir einander in den Armen hielten, doch was war in diesen Jahren der Knechtschaft aus ihm geworden!

Wie er gesenkten Hauptes, mit den Händen auf dem Rücken, zu mir eintrat, mußte ich bald nach der ersten Begrüßung das Antlitz wenden und mir etwas zu schaffen machen, um unvermerkt die Thränen zu trocknen; denn der da vor mir stund, war mein Herdegen und war es doch nicht.

Achtzehn lange Monde hatt' er auf einer saracenischen Galeere das Ruder gezogen, während der Ritter, den sie für schwere Dienste zu schwach befunden, mit der Kette am Fuße den Sklaven auf der Schiffsbank als Aufwärter gedienet. Dergleichen lange, harte Knechtesarbeit hatt' es auch bewirket, daß der Bruder, dessen kräftig gewachsene Hände mit den köstlichen Ringen ihm weiland zur Zierde gediehen, nunmehr beflissen war, selbige wie eine Schmach auf dem Rücken zu bergen, und sie glichen auch in ihrer ausbündigen Größe und ziegelroten Farbe denen eines Häuers im Walde. Wenn man nun auch sonst bei einem Mannsbilde wenig acht hat auf der Hände Aussehen, so treten mir die des Herdegen doch immer in den Sinn, wenn ich jenes Wiederbegegnens gedenke; denn es war ihm ein Stern und Halbmond in blauer Farbe auf die obere Fläche der rechten geätzet worden, und so fielen sie jedermann ins Auge. Dazu hatte seine vormals so mächtige Brust die Wölbung verloren, und er hielt sich nicht mehr aufrecht wie früher. Es war, als habe der Ritter einen Teil seines Leidens auf ihn übertragen, maßen ihn das Husten oft überkam. Endlich war ihm das schöne goldene Gelock, so ihm früher in reichster Fülle auf die Schultern niedergeflossen, nach der Ungläubigen Sitte abrasirt worden, und dadurch gewann sein wohlgebildet Haupt ein schmal und befremdlich Ansehen. Nur der Schnitt des Antlitzes und die Augen waren die alten geblieben, ja, letztere leuchteten damals vielleicht in noch hellerem und feuchterem Glanze denn vormals.

Nur eines gereichte mir zum Trost, und das war, daß mein Herz ihm nimmer mit zärtlicherer, barmherzigerer Liebe entgegengeschlagen.

Und wie es Abend geworden und wir Brüder mit dem Götz, dem Meister Knorr und dem Akusch beisammen saßen und dem Weine zusprachen, den nur der letztere verschmähte, da wuchs mir die tröstliche Zuversicht; denn des Herdegen Stimme klang so anmutig denn je beim Reden und Singen, und da er gar begann, von der letzten Jahre Abenteuern und schweren Heimsuchungen zu reden, da mochten wir anderen, und selbst der Götz, nur noch lauschen; denn bald entlockte er uns Thränen, bald zwang er uns zu hellem Gelächter. Und was hatt' er auch alles erfahren!

Froher Hoffnung voll ging ich selbigen Abends zur Ruhe; doch allbereit am folgenden Morgen meldete mir Meister Knorr im Vertrauen, des Bruders Brust sei nimmer die stärkste, und überschreite er in kalter Dezemberzeit nach so langem Verweilen unter einem warmen Himmel die Alpen, dann könn' es nicht fehlen, daß solches ihm wie dem Ritter zu schwerem Schaden gedeihe.

Da galt es denn, die Heimkehr hinausschieben, und so weh mir des Meisters Bekenntnis that, fügt' ich mich doch willig dem Aufschub; denn so, wie er jetzt war, durft' er der Herzliebsten nimmermehr vor Augen!

So machten wir ihm denn deutlich, daß er nimmer in Sicherheit heimzukehren vermöge, bevor er nicht erfüllet, was ihm durch den Kaiser als Buße auferlegt worden, und ob es ihm auch sauer genug fiel, des Herzens Sehnsucht zu zügeln, fügte er sich endlich dannocht unserem vereinten dringenden Mahnen.

Während der Götz hienach gen Venedig fuhr, brachte uns die Galeasse, welche den katalonischen Prinzen Don Jaime gen Joppe führte, ins gelobte Land und in die heilige Stadt Jerusalem. Von dort aus besuchten wir, immer unter des besagten, uns fast günstigen fürstlichen Herren großem und sicherem Geleit, noch andere geweihte Stätten.

Ueber Neapel und Genua zogen wir endlich heim; zu Damiette im Aegypterlande aber sonderte sich der Ritter Franz von uns, um geraden Weges gen Venedig zu fahren. Wie ich, so sah ihn auch der Herdegen, der im Unglück viel Gutes in ihm erkannt und sich fest an ihn geschlossen, besorgten Sinnes den eigenen Weg ziehen, maßen er sich auf der ganzen langen Fahrt nicht nur als bresthafter Mann erwiesen, sondern vielmehr auch wie einer, dessen Seele und Geist tief umdüstert. Endlich konnte ihm, wenn die Ursula in Freiheit verblieb, zu Venedig fast leicht das Schlimmste widerfahren, maßen die Giustiniani ihm sicherlich übel gewogen und ihrer Sippe Macht und Ansehen mit nichten gebrochen, obzwar just zu jener Zeit der Antonio Giustiniani in Albanien seines hohen Hauses Ehre beflecket und von den Vierzig mit Kerker und anderer Strafe gebüßt worden war. Dafür aber gehörte sein Vetter Orsato noch immer zu den reichsten und mächtigsten Großen Venedigs, und einen wie starken Hinterhalt der Ursula Hausherr an selbigem gefunden, solches erfuhren wir allbereit zu Neapel, wohin die Kunde gedrungen, daß die Pregadi, so seine Richter gewesen, ihn nur mit zweitausend Dukaten gebüßet, welche der Orsato für ihn entrichtet, maßen es ihm ungenehm erschienen, zween seiner Blutsfreunde im Kerker zu wissen.

Zu Genua fanden wir viele Briefe voll guter Kunde von unseren Leuten daheim, und sie flossen allesamt über von Minne und froher Hoffnung, uns bald wieder zu haben. Da wußte sich denn der Herdegen vor Ungeduld nimmer zu lassen, und hätt' ich es nur geduldet, wär' er Tag und Nacht sonder Rast und Aufenthalt auf immer neuen Rossen weiter gestürmet; – mir aber lag es immerdar am Herzen, ihn so frisch und rüstig, wie es nur anging, heimzubringen und die Ann vor zu schwerer Enttäuschung zu wahren. Der Herdegen hatte mir ihre Briefe gewiesen, und wie heiße, treuliche Minne und ein wie hochgemuter, reiner Sinn sprach aus denselben! Doch wenn ich sie darin ausrufen hörte, wie sie den Augenblick ersehne, da sie ihm wieder die wallenden Locken streicheln und die liebe, treue Hand als seine gehorsame Maid an die Lippen ziehen dürfe, dann schlug mir das Herz doch banger; denn seine Haltung war zwar weniger gebeugt, das Antlitz minder fahl und eingefallen als früher, doch ein kraftvoller Mann war er nicht wieder geworden. Seine leuchtenden Augen lagen tief in den Höhlen, das Haar hatte sich merklich verdünnt, und in das Gold mischte sich Silber die Fülle. Ach, und die unglückseligen Hände! Um ihretwillen – ich bekenn' es, obzwar ihr es wohl leichtlich belächelt – bracht' ich den Herdegen – es war zu Augsburg – dahin, seine Sehnsucht so hart am Ziele zu zügeln und anderthalb Tage mit mir zu verziehen; denn es lag mir vieles daran, daß er sie zunächst vor den Weibsbildern daheim in Handschuhen berge. Doch bei keinem Beutler in der großen Stadt war ein passend Paar zu finden, und es bedurfte eines vollen Tages, um solches nach dem Maß fertig zu stellen. So galt es denn warten, und da uns zu Augsburg außer anderen guten Bekannten ein trauter Geschäftsfreund vom Fondaco zu Venedig, der Sigmund Gossenprot, lebte, sprachen wir in seinem Hause für, so eines der ansehnlichsten des prächtigen Ortes, und das gute Glück fügte es, daß er just gestern von Venedig gekommen.

Er und seine wackere Hausfrau waren dem Herdegen vormals begegnet, und mit neuem Bangen nahm ich wahr, wie sie sein Anblick entsetzte. Des Hauses jung und liebreizend Töchterlein hatte keinen Blick für den Fremden, bei dessen Anblick sonst jeglicher jungen Maged Herzlein schneller geschlagen. Doch auch diesmal gereichte es mir zum Trost, daß es an der Abendtafel ganz anders wurde, und die holdselige Jungfrau meiner armen Person, die sie anfangs wohlgefällig betrachtet, völlig vergaß, um des Herdegen Rede mit glühenden Wangen zu folgen. Anfänglich lief das Gespräch freilich nichts weniger denn munter, war doch der Herr Gossenprot voll von neuer Kunde aus Venedig und auch über des Ritters Franz ferneres Schicksal; solches aber schien wohl geeignet, auch den frohsten Mut ernstlich zu trüben.

Da der Böhme nämlich nach Venedig gekommen, war er in der Herberge »Zum Spiegel« eingekehret und dem Wirt als ein finsterer und stummer Gast in die Augen gefallen. Da geschah es eines Tages, daß die Stadt voll ward von einem furchtbaren Lärm, denn es hieß, ein fremder, schwarz gekleideter Herr habe sich am hellen Nachmittage, zu der Zeit, da die junge Frau Giustiniani auszufahren pflegte, aus seiner in ihre Gondel gestürzet und, bevor es die Knechte zu hindern vermocht, ihr einen fein geschliffenen Dolch mehrmals in die Brust und mitten ins Herz gestoßen. Weil man nun ihn zu ergreifen getrachtet, habe er sich mit der Mordwaffe, die noch naß vom Blut seines Opfers, dem strafenden Arm der Gerechtigkeit entzogen.

Wie nun der Spiegelwirt solches erfahren, gedachte er alsbald des seltsamen schwarzen Fremden, und da selbiger die Heimkehr nicht fand, meldete er solches dem Blutgericht. Wie man nun sein Felleisen durchsuchte, fand es sich, daß er unter falschem Namen Quartier genommen, und es der Ritter Franz von Welemisl gewesen, der, was die Ursula an ihm und dem Herdegen gefrevelt, so grausam gerochen.

Von Augsburg ging es mit großer Hast weiter, und da an einem hellen Juniusmorgen unsere alte, stolze Burg uns von fern begrüßte, und ich sah, wie dem Herdegen bei ihrem Anblick die Augen sich netzten, ging es auch mir nicht anders, und aus dem Sattel drückten wir uns beide stumm, doch inniglich, die Hände.

Aus der letzten Herberge hatt' ich einen berittenen Boten abgesandt, um den Unseren der Ankunft Stunde zu melden, und wie wir kurz vor Schweinau ein Staubwölklein gewahrten, trafen sich unsere Blicke, und sie kündeten einander mehr denn lange und wohlgesetzte Reden.

Eine hohe, reine und dankbare Freude sättigte und hob alles, was in mir, doch da verschwand die Staubwolke hinter einem Vorsprung des Waldes, und ebenso, sagte ich mir bangen Herzens, verberge der Zukunft Schleier, was uns fürder beschieden.

Die scharfen Streiche des Schicksals, so den Herdegen getroffen, sie waren sicherlich nicht völlig vergebens gewesen, und schon seines Leibes schleichend Gebreste wehrte ihm, die übersprudelnde Kraft und Begehrlichkeit auf Neues und immer Neues zu wenden. Doch was mich ängstete, war, daß er sich selbst der Aenderung, so mit ihm von innen und außen vorgegangen, mit nichten bewußt. Aus all seinen Reden hatt' ich ersehen, daß er das Leben immer noch nur so zu erfassen vermochte, wie er es für sich begehrte, und dannocht bereitete es mir stilles Genügen, auf diesen lieben Menschen zu schauen, für den es keinen Winterfrost und Sommerbrand, sondern nur blühende Lenztage hätte geben sollen und fröhliche Herbstzeit.

Nun war des Waldes Vorsprung umritten und uns zu schauen vergönnt, was die Wolke geborgen. Vor den Unseren her war ein Wagenzug, der mit Handelsgut befrachtet, gen Süden gezogen, und das erste Fuhrwerk, dem ein hochbepackt Köhlergeschirr aus dem Walde entgegengekommen, hatte an einer Stelle der Straße, wo sie links von einem tiefen Graben, rechts von dichtem Gehölz und Strauchwerk umsäumt ward, nicht zeitig auszuweichen vermocht und sich so fest mit dem Köhlerwagen verrannt, daß beide den Weg wie eine Mauer versperrten. Auch das zweite Frachtfuhrwerk war bei dem plötzlichen Stillstand des ersten zu Schaden gekommen, also daß man es nur mit vieler Mühe vor dem Umschlagen und dem Sturz in den Graben gewahret. So gab es denn ein höllisch Wirrsal. Die Fuhrwerke versperrten den Weg wie eine Mauer, und weder die anderen Gespanne, so zu dem gleichen Zuge gehörten, noch ihr Geleit, noch die Unseren konnten an ihnen vorüber, zumal Graben und Buschwerk für Reiter ungangbar.

So mußten denn auch wir die Rosse hemmen und mit zuschauen, wie die sechs prächtigen Fuhrmannshengste, die erst jüngst den Stall verlassen und in ihrem schmucken Braun wie Spiegel glänzten, sowie die Ochsen vor dem Köhlergefährte ausgespannt wurden. Da gab es des Lärmens und Fluchens so viel, da läutete das blanke Messinggehäng an dem Ledergeschirr der mächtigen Rosse so hell und lustig, daß wir das Rufen der Unseren nicht zu vernehmen vermochten; ja anfänglich verriet nur des Götz Federbusch, der das Gewirr überragte, daß sie wirklich gekommen.

Während nun der Herdegen das störrige Roß vergeblich antrieb und spornte, um es in den Graben zu zwingen und die sonderbare Wagenburg zu umreiten, hatten sich zwei der Unseren – und wie rasch erkannt' ich in ihnen die Ann und ihren Herrn Vater – hoch zu Roß, den Weg bis zu dem Köhlerfuhrwerk gebahnet; weiter aber vermochten sie anfangs nicht vorzudringen, maßen selbiges zur Seite hing und schwarze Kohlensäcke den Weg versperrten.

Da schlug mir das Herz zum Zerspringen, und wie ich nach dem Herdegen ausschaute, um ihm zu winken, hatt' er eben die letzte Kraft eingesetzt, das Pferd in den Graben zu treiben, und er hielt sich nur mühsam im Sattel; denn der Seele Erregung, vereint mit dem thörichten Kampf gegen den störrigen Hengst, hatte seines siechenden Leibes Kraft erschöpfet, und mit bleichen Wangen und tiefen Atemzügen hielt er am Saume des Grabens und preßte die große Hand auf die Brust, als ob sie ihn schmerze. Da fühlte auch ich tief innerlich ein unsagbar quälendes Weh, doch es war mir aus Erfahrung bewußt, daß ihm bei solcher Erschöpfung nichts Hilfe zu bringen vermöge als die ungestörteste Ruhe. So wandte ich denn wieder den Blick und sah, um etliches näher denn vorhin, die Ann hoch im Sattel, wie sie mit dem Tüchlein gar emsig winkte, und neben ihr ihren Vater, der den Ratsherrnhut schwang.

Bald darauf waren wir alle vereinet . . .

Aber nein!

Wie ich mit zager Hand das Obige zu verzeichnen begonnen, da hatt' ich mir gelobet, die lautere Wahrheit und nichts als solche niederzuschreiben, und wenn ich mich nicht gescheut, von dem Herdegen, den des Himmels sonderbare Gunst in allen Stücken so viel reicher begnadiget denn mich, der ich immerdar nur zum Mittelgute gehöret, Etliches zu berichten, was mancher kaum zu seinen Gunsten auslegen möchte, dann steht es mir sicherlich nicht an, des zu geschweigen, was mich selbst an mir gereuet.

Dort am Graben hielt mein lieber einziger Bruder, matt, bleich, ein siecher, dem frühen Tode erlesener Mann, und mir, mir gegenüber, mit wenigen Schritten erreichbar, das Weib, dem meines Herzens einzige, heiße Minne von Kind an gegolten. Einer Königstochter vergleichbar saß sie auf einem edelen, weißen, reichgeschirrten Zelter. Ein herrlich Gewand von feinem Gewebe und mit flandrischem Sammet reich verbrämet, umfloß ihr den schlanken Leib. Weiß und saphirblau war es gefärbt, und ebenso das sammetne Hütlein und die schön gerundeten Straußenfedern, so eine Spange von blitzendem Edelgestein daran festhielt. In lichtem Weiß hatt' ich sie – und solches war ihr bewußt – immerdar am liebsten geschaut, während der Herdegen das Blau als ihre Farbe bezeichnet, und nun trug sie beide, vielleicht beiden Brüdern zu liebe.

Schöner denn zu jener Stunde hatt' ich sie nimmer gesehen, und sie war auch voller von Wuchs geworden, und wie ließen die roten Wangen der Schwanenhaut und dem ebenholzschwarzen Haar, das ihr lang gezopfet und mit saphirblauem und weißem Sammetband durchflochten aus dem Hütlein hervorquoll!

Begehrenswerter ist nimmer eine Jungfrau dem Manne erschienen. Und ihr Vater dort neben ihr auf dem gewaltigen braunen Hengste, das war kein Handwerker mehr! In dem mit Pelz verbrämten Ratsherrenumwurf, mit der güldenen Kette am Halse, dem wohlgeformten, mannhaft ernsten Antlitz und dem langen Gelock, so ihm die Schultern erreichte, glich er dem fürnehmen Haupt eines alten, wappenfähigen Geschlechtes.

Diese beiden, an Manneswürde und Weibesschöne überbot sie keines in Nürnberg, und der sieche, gebückte Reiter dort am Graben, war er ihrer noch würdig? »Nein, nein!« rief eine Stimme in meinem Innern, »Ja, ja!« eine andere, und mitten in diesem Widerstreit mußt' ich mir sagen: Er hat ein alt gut Recht an sie, und da steht er bereit, sobald er wieder Odem gefunden, es zur Geltung zu bringen.

Aber sie? Was mag sie thun, wie sich zeigen, wird sie seiner aus der Nähe gewahr? Wenn sie nun vor ihm zurückschrickt wie die Frau Gossenprot zu Augsburg und die schmucke Herbergswirtin zu Ingolstadt, die ihm weiland nur allzu gern vieles gewähret? Konnte die Ann, die manchen fürnehmen Freier zurückgewiesen, dem keuchenden Siechen dort noch hold sein wie früher? Und folgte sie nun dem Beispiel, das er ihr selber gegeben, – zerschnitt sie das alte Band, so er ja schon einmal zerrissen, oder – gnadenreiche Jungfrau – wuchs sein Siechtum und wandelte ihn selbst die Scheu an, ihr jung, blühend Leben an das seine zu fesseln – dann, o dann kam die Reihe an mich, dann . . .

Und plötzlich schrie es, für keinen anderen vernehmbar, aus meiner Seele Tiefen: »Schau hieher! Blick auf mich, Du holde, Du einzig Geliebte! Laß den anderen, der Dich schon einmal verlassen, und erhöre den Kunz, der Dich mit treufesterer, besserer Minne geliebet denn jener, dem Dein Wert auch heute noch nicht voll bewußt, dessen Herz so wandelbar wie das meine redlich und treu. Da bin ich, ein aufrechter, starker Mann, der jegliches Guten Freundschaft teilhaftig und willig und geschickt, Dich aus kräftigen Händen durch ein reich und glückselig Leben zu tragen!«

Indes nun des Bösen Stimme mir solches und mehr dergleichen zurief, hing mein Blick wie gebannt an ihrem Antlitz, und es war mir, als senke sich aus der Ferne der Blick ihres Auges tief in das meine. Und plötzlich hob ich die Arme und streckte sie, meiner selbst unbewußt, wie von Sinnen der Heißgeliebten entgegen. Ob sie es wahrgenommen oder nicht, ich sollt' es nimmer erfahren. Und meines Heiligen oder der Jungfrau Gnade behütete mich vor Schimpf und Tadel; denn indes noch alles, was in mir, der Geliebten zustrebte, rief mich eine helle Stimme bei Namen, und wie ich mich wandte, ward ich der Gred gewahr, die den behenden Fuchs in den Graben getrieben und nun an seinem grasigen Rand aufwärts gesprengt kam. Es war ein halsbrechend Reiterstücklein, zu dem Sehnsucht und schwesterliche Minne sie da getrieben, und hinter ihr her kam ein anderer, der Götz, dem der Neuvermählten ungestümer Wagemut ganz nach dem Herzen. Noch ein Satz, und nun stampften ihre Rosse die Straße, nun hatt' ich die Gred aus dem Sattel gehoben, und nun hielten wir uns wieder in den Armen und stammelten thörichte, unverständliche Worte und mußten bald lachen, bald weinen.

So ging es eine gute Weile, bis ein Gezeter mich schreckte, und ich wahrnahm, daß der Eppelein in der Ungeduld, seinen lieben Herrn wiederzusehen, es der Gred und dem Götz nachzuthun getrachtet, doch mit geringerem Glücke; denn er war unter das Roß geraten, so sich mit ihm überschlagen. Sein kläglich Geschrei lehrte mich, daß er des Beistandes bedürfe, und nun erfüllte sich wiederum meines Lebens sonderbar Schicksal, zu anderer Frommen in den Wind zu schlagen, wonach die eigene Seele verlanget, und indes die Gred sich dem Herdegen zuwandte, eilte ich hinab, um den treuen Gesellen, der in des Bruders Dienst so schweren Schaden erlitten, vor dem Schlimmsten zu wahren.

Solches glückte denn auch mit etlicher Mühe, und nachdem ich mich überzeuget. daß er keinen erheblichen Schaden erlitten, klomm ich wieder zu der Straße empor, und dabei begann mir das Herz abermals bänglich zu schlagen; denn die Ann und der Herdegen waren einander nunmehr sicherlich begegnet.

Wie mocht' es ihr wohl geglückt sein, bei des so traurig veränderten Herzliebsten Anblick des Entsetzens und der Enttäuschung Meisterin zu bleiben?

Da ich nun das ungewohnte Kletterwerk in den schweren Reiterstiefeln vollendet, sah ich, daß die Knechte die sechs braunen Hengste allbereit von neuem an den Frachtwagen schirrten, und hinter selbigem an des Waldes Saum stund das Paar, das ich suchte, und wie ich näher trat, hatte die Ann soeben des Herzliebsten ungestalte Rechte des Handschuhes entledigt, um dessen willen wir so lang in Augsburg verzogen, und schaute sie ohne jede Spur von Entsetzen zärtlichen und feuchten Blickes an und rief, indes sie sie wieder und wieder küßte: »O die arme, liebe, teure Hand, wie hat sie so unbändig geschafft, wie so grausam gelitten! Und da? Da hat das blaue Schandmal gesessen? Aber es ist ja fast gar nichts mehr davon übrig geblieben! Und das hier: Meine Farbe, blau, unser lieb Saphirblau ist es!«

Da wies er mit Entzücken auf ihr köstlich Gewand; sie aber bekannte, daß sie ganz allein um seinetwillen und um ihm ihre Huld und Minne schon von fern her zu zeigen, sich in der Treue Farbe gekleidet, die ihm immer an ihr die genehmste gewesen.

Da schloß er sie fest an sich, und wie sie ihm auch das gelichtete, ergrauende Haar küßte und es die armen, trauten Locken nannte, denen Minne und treue Wartung die alte Fülle zurückgeben sollten, da leistete ich mir vor Gott ein stilles Gelübde, nie wieder anders auf des Herdegen Bund mit der Ann zu blicken denn dankbar und neidlos, und für selbige beiden und ihr Wohlergehen alles zu thun, was in meiner Macht stehen werde.

Des frohen Wiedersehens mit den anderen will ich geschweigen. Was Base Metz angehet, so war sie daheim geblieben, um den Liebling an des Schopperhofes geschmückter Thür zu empfangen. O, ihr warmes Herz schlug zärtlicher für ihn denn für uns alle; doch konnte sie das Entsetzen dannocht mit nichten völlig verbergen, so sie beim Wiedersehen ergriff, und ob sie den Heimgekehrten auch von Zeit zu Zeit mit hätschelnder Hand streichelte, ging sie doch um ihn her, als sei etwas an ihm, davor es ihr bange. Am Abend jedoch, wie wir allzusammen beim Wein saßen, da erging es ihr wie mir damals im Aegypterlande, und sie fand den wieder, den ihre Seele so treulich gesuchet. Nun erst war neu zu Tage getreten, was ihr an ihm gemangelt, und von Stund' an vermißte sie nie wieder, was ihm abhanden gekommen und was eine rechte Mutter wohl nimmer entbehrt haben würde; ja, wie es mit seines Leibes Gesundheit bergab ging, und sie mit der Ann seine Wartung teilte, hätt' es keines für möglich gehalten, daß er nicht ihr selbsteigener, leiblicher Sohn.

Doch der tückische Unhold, der sich dem Herdegen in die Brust geschlichen, hatte, dem Himmel sei Dank, ein gar träges Wachstum, und nachdem wir dem jungen Paar ein fast prächtig Hochzeitsfest gerüstet, und der Bruder die Ann als liebe Hausfrau in den Schopperhof geleitet, da erwachte in mir die frohe Hoffnung, Meister Knorr habe zu schwarz gesehen, und der Herdegen blühe wieder auf zu neuer Kraft und dem alten, rüstigen Wohlsein. Doch es war nur des Herzens Glückseligkeit, welche ihm ein so aufrecht und frohgemut Ansehen verlieh; das Siechtum aber ging seinen Lauf, und solches war wie ein Wurm, der mir im stillen an der eigenen Freudigkeit fraß, und sein Biß schmerzte doppelt, weil ich ja niemandem weisen durfte, was mir so weh that, es sei denn dem alten Waldstromerpaare, und selbiges verjüngte sich baz an des Sohnes Wiederkehr und glückseligem Ehestande, und trotz ihres langen Siechtumes sah Muhme Jacoba den ältesten Buben der Gred bis zum sechsten Jahre erwachsen. Selbigem übersandte sie auch noch die Zuckerdüte für den ersten Schulgang; doch da das Kind kam, um dem Großmütterlein Dank zu sagen, war sie allbereit in aller Stille entschlafen, und der Ohm überlebte sie nur wenige Monde.

Ein Kummer, nur einer, aber freilich ein schwerer und tiefer, trübte noch die letzte Zeit des Daseins dieses seltenen Paares, und das war meines lieben Bruders Herdegen Hingang, der am Ende des fünften Jahres seiner glückseligen Ehe erfolgte. Erst am Schlusse des vierten ergriff ihn das Siechtum mit heftigerer Gewalt, doch er ging aus und ein und hoffte immerdar auf Genesung, selbst noch, wie er vier Wochen vor dem Ende das Lager zu hüten begonnen. In jenen letzten Tagen war es, wo er an einem schönen Maienabend der Ann zurief: »Gib acht, Schatz, jetzt wird es besser! Uebermorgen fahren wir in den blühenden Lenz hinein zu der Frau Nachtigall, die dort allbereit die Stimme erhoben, und zu der Gred. O, dort im Wald, da wehen Lüfte, die jeden Bresthaften heilen!«

Doch es kam nicht zu selbiger Fahrt; denn zwei Stunden später war er entschlummert.

Leider hatte mich zu selbiger Zeit das Geschäft gen Venedig gerufen, und da mich die Kunde von des einzigen, trauten Bruders Tode ereilte, da war es mir, als sei meines eigenen Wesens Hälfte von mir gerissen worden, und wohl die höhere und bessere; diejenige, die sich nicht nur grämet und sorget um irdisch Gut und was da aufwächst und vergehet hienieden, sondern teil hat an den seligen Freuden einer anderen Welt, in der man nicht fragt, was dies und das nützen und frommen mag, wie ich doch immerdar that in meiner kleineren Seele.

Mit des Herdegen Augen waren mir gleichsam die Flügel gebrochen, sein Tod nahm mir das fürnehmste Ziel des Mühens und Sorgens. Fünf harte Jahre hatt' ich geschafft und gerungen und oft die Nacht in den Tag gewandelt, nicht für mich, sondern für ihn und die Seinen, und gestählt und ermutigt durch seines hochgemuten Wesens und seiner Glückseligkeit Anblick.

Der Großohm Im Hoff hatte mir, wie euch durch der Gred Gedenkbuch bewußt, sein Haus und des Geschäftes Führung anerstorben; doch während meiner Abwesenheit war vielerlei mit nichten zu meiner Zufriedenheit gegangen, und zudem hatte der sieche Mann allzu hohe Summen dem Betrieb entzogen. Aus der Eltern Erbe fiel wohl auf jeden ein erklecklich Sümmlein, auch vertrauten mir die Geschwister und die Base das Ihre; doch was hatt' ich dafür zu beschaffen! Dazu drang von außen her eine schwere Sorge auf mich ein, maßen des Ritters Franz Blutsfreunde und Erben sich weigerten, aus seinem Nachlaß die Lösung heimzuzahlen, so der Herr Michieli von Venedig ihm vorgeschossen, und für die mein Aeltester und ich gutgesagt hatten. Wenn wir nun auch in selbiger Sache einen Prozeß angestrengt hatten, durften wir dem Herrn Michieli seine willige Großmut doch nicht durch Schaden vergelten, und so nahm ich die gesamte Schuld auf mich, und das war ein hart Ding zu jener Zeit und in meiner Lage, indes mir jene fünfzehntausend Dukaten, da sie mir das Gericht dreißig Jahre später zusprach, wenig frommten, sintemal ich mich längst gewöhnt, mit höheren Summen zu rechnen.

Der Freunde Steuer für des Herdegen Lösung zahlte ich gleichfalls heim auf Heller und Pfennig; doch was mich bei des Bruders Lebzeiten am schwersten drückte, das war sein Hausstand; denn es gab wenige zu Nürnberg, die mehr erfordert hätten.

Mein Aeltester war eben der einzige von uns, der die Erinnerung an den Vater selig, dessen Handel mit Venedig und Flandern großen Gewinn abgeworfen, festzuhalten vermocht, und so stund es ihm noch im Sinne, wie voll zu seiner Zeit das Haus von Gästen und die Ställe mit Rossen gewesen. In ähnlicher Weise trachtete er nun, es gleichfalls zu halten, und er hielt solches für recht und angemessen, sintemal er das, was ich ihm gab, für die Hälfte des Reingewinnes der Im Hoffschen Handlung ansah, der ihm ja zukam. Und ich ließ ihn gern bei solchem Glauben, obzwar es mit dem Geschäft zu jener Zeit fast mißlich aussah.

Nicht er, sondern ich war berufen, des Handels Sorgen zu tragen, und es freute mich herzinniglich, wenn er und sein holdselig jung Gemahl so prächtig angethan ausritten, wenn ich ihn an der Spitze der Tafel viele Gäste bewirten und sie sich gewinnen sah durch sein hochgemut und feurig Wesen, das selbst die Widerwilligen mit fort riß. Aber es war doch nichts Leichtes, das herbeizuschaffen, worauf es hier ankam, und Mahnung und Einspruch zu unterdrücken, wenn der Bruder zum Exempel ein edel Roß, wie es die Emire im Aegypterlande ritten, von dort her für die Ann zu haben begehrte. Konnt' ich die Zahlung weigern, da er mir, nachdem der Himmel ihn mit dem ersten Kinde gesegnet, strahlend vor Lust und Genügen, die über und über mit köstlichem Bildwerk verzierte Wiege aus eitel Elfenbein zeigte, die er von dem kunstreichsten Meister weit und breit um eine Summe für den Liebling erstanden, die dazumal ausgereicht hätte, ein artig Haus zu erwerben? Ob es nun auch kurz vor dem Quartalabschluß, hätt' ich doch dies und das über mich ergehen lassen, bevor ich seines Herzens reiche Wonne geschmälert, und wie ich Dich, Jung-Gredlein, die ja jetzund allbereit Großmutter geworden, hienach in selbiger köstlichen Wiege schlummern sah wie ein Königskind und dazu wahrnahm, mit wie fröhlichem Genügen es Deine Eltern erfüllte, ihr herzig Kleinod so köstlich gebettet zu haben, freut' ich mich meines geduldigen Gebens.

Es that mir auch im stillen gar gut, wenn ich das Schopperhaus als das gastlichste in Nürnberg preisen hörte; doch zu anderen Zeiten sah ich Schande und Untergang vor der Thür, und wenn jene Jahre der Herrlichkeit, so sicherlich die härtesten meines Lebens waren, kein betrübt Ende nahmen, so danke ich solches außer des Himmels Gnade dem großen Zutrauen, so männiglich in Nürnberg weit über Verdienst auf meine Redlichkeit und Umsicht setzte. Wie ich aber einmal etliche Monde vor des Bruders zu frühem Hingang dannocht bis an die Stirn ins Wasser geraten, da ist es der Getreuen Getreuester, der Ohm Kristan Pfinzing gewesen, der mir während des letzten köstlichen Gastmahles in des Herdegen Hause das schwere Bangen von Augen und Stirn las und mir in des Wohngemaches Erker aus freien Stücken das Seine darbot; selbiges aber war von stattlichem Umfang und errettete meines Handels gefährdet Schifflein.

Neben dem der Base Metz haben wir Ringe des Schopperkettleins und was ihnen entstammet sein Angedenken am höchsten zu halten, und es ist ein seltsam Ungefähr, daß er und sie nicht nur am selbigen Tage, sondern auch in der nämlichen Weise verstarben. Ihn ereilte das Ende an des Schopperhofes Tafel mit dem Becher in der Hand, nachdem die Ann, sein »Türmerlein«, drei Jahre nach dem Tod ihres Hausherren, ihm eben ein warnend Wort zugerufen; Base Metz aber sank entseelt in der Gred stützende Arme, wie sie eben aus der Küche kam, wo sie ihren guten Würzwein für den jäh verstorbenen Ohm Kristan bereitet, und man ihr kund gethan, was ihn betroffen.

Zu dem vielem, was der Gred und Ann Gedächtnis auf lange Zeit und bis auf späte Eniklein unter uns sichert, gehören auch des Magisters lateinische Preislieder auf beide. Erst vor etlichen Jahren ist der treue Peter Piehringer als hochbetagter Greis selig verstorben, und wenn der Gred und des Götz Buben so schnell und wacker durch die Schule gegangen, haben sie es seiner Sorgfalt und Unterweisung zu danken. Die Töchterlein der Ann, die Gred und Agnes, gingen ihm über alles, wie es denn überhaupt bestimmt zu sein scheint, daß unser Herz die Kinder der Allergeliebtesten, auch wenn selbige nimmer die unseren geworden, mit gleicher Minne umfängt wie leibliche Söhne und Töchter.

Der Eppelein Gockel, meines Aeltesten vielgetreuer Knecht, nahm der Muhme Jacoba Gürtelmagd in die Ehe. Nach seines Herren Tod setzte ich ihn als Wirt in die Trinkstube »Zum offenen Himmel«, und weil seine Hausfrau sich zu regen verstund, und seine Erzählungen von den bunten Schicksalen, so er unter den gottlosen Heiden erlitten, der Gäste übergenug in sein Schenkstüblein zogen, gedieh er zu stattlicher Körperfülle und zu einem wohlbehaltenen Manne.

Im siebenten Jahre nach unserer Heimkehr nahmen die schwersten Sorgen für mich und das Geschäft ein Ende, doch galt es noch immer die Augen offen halten und weder Geist noch Leib ruhen zu lassen. Mein halbes Leben verging auf Reisen, und zufolge der Einsicht, daß allein durch die Eröffnung neuer Handelszweige das viele, so mir zu bestreiten oblag, beschafft werden könne, legte ich mich aufs Sinnen, und da ich in des Akusch Hause gesehen, wie willkommen den ägyptischen Frauen Haselnüsse aus dem Frankenlande waren, begann ich auch den Handel mit selbiger unscheinbaren Frucht im großen zu betreiben, und heutigen Tages versend' ich alljährlich von selbiger Ware für mehr denn zehntausend Zecchinen in die Levante.

Auch mit dem Pelzwerk des deutschen Nordens und dem heimischen Nürnberger Tand erweiterte ich den Betrieb des Geschäftes, so unter des Großohms Leitung nur Gewürz und Weberwaren vertrieben. Das führte denn nach und nach zu sehr beträchtlichem Gewinn, und unter des Himmels gnädigem Beistand wuchs unser Haus zu weit höherer Bedeutung heran denn es vorher besessen. Auch gereicht es mir zu besonderem Genügen, daß ihm nun wieder an meiner Seite ein Im Hoff vorsteht, und es darum seinen alten Namen fortführen darf; denn der Ann und des Herdegen älteste Tochter, die Gred Schopperin, hat den Berthold Im Hoff geehlicht, und selbiger ist nunmehr mein vielgetreuer Gehilfe. In der älteren Gred Buben, den jüngeren Waldstromers, lebt mancherlei fort von der raschen und sangfrohen Schopperart, und alle drei haben es in verschiedenem Stand zu etwas Rechtem gebracht; denn der Herdegen steht als Reichsoberforstmeister in so hohen Ehren wie der Rechtskonsulent Kunz Waldstromer, mein lieb Pathenkind, im Dienste der Stadt. Der Franz der sich frühzeitig der heiligen Kirche unter des Herrn Kardinals Bernhardi besonderer Fürsorge gewidmet, ist allbereit jetzund ausersehen, seinem altersschwachen Herrn Bischof im Amte zu folgen. Der Sohn der Agnes, des Herdegen jüngerer Tochter, ist der Martin Behaim, ein gar hochgemuter Gesell, in dem des Großvaters feuriger und rastloser Geist, wenn auch in maßvollerer Gestalt, wiedererstanden.

Fragt ihr mich nun, wie es gekommen, daß ich, dem doch das Herz warm genug schlägt für unser Nürnberg, sein Wohlergehen und seine Größe, mich nur vorübergehend an den Geschäften des ehrbaren Rates beteiligt, so lautet die Antwort: Da die Mehrung des Wohlstandes der Schoppersippe die ganze mir innewohnende Kraft voll in Anspruch nahm, gebrach es mir an Zeit, nach meines Herzens Verlangen dem Gemeinwesen zu dienen; wie aber mein lieber Neffe Berthold Im Hoff die Leitung des Handels mit mir teilte, trat ich fast gern hinter dem jüngeren Genossen und Tochtermann der Ann zurück und nahm seinen Platz im Geschäfte ein, während er neben dem Kunz Waldstromer zu den höchsten Würden des ehrbaren Rates hinanstieg. Dannocht ist euch allen bewußt, daß ich der lieben Vaterstadt ein gut Teil mehr an Arbeitszeit und Pfunden Heller gewidmet als mancher Losunger und Obristhauptmann. Des sei hier gedacht, damit mich die Späteren nicht übeler Selbstsucht bezichtigen.

Endlich möchte wohl auch noch mancher die Frage erheben, warum gerade ich, des alten Schopperhauses letzter männlicher Sproß, unbeweibt durchs Leben gegangen, doch entheben mich diejenigen sicherlich der Antwort, für die ich redlich bekannt, was mein Herz bei der Ann und des Herdegen Wiedersehen empfunden.

Nach des heißgeliebten Eheherrn Tode hatte die junge Witib tiefe Schwermut ergriffen, aus der sie nichts zu reißen vermochte. Während selbiger Zeit hinget ihr, meine Gred und Agnes, ihre Töchterlein, euch an mich, wie an den rechten Vater, und da euere Mutter im dritten Jahre ihres Wittums genas, kam es von ungefähr, daß ihr den Mann »Väterlein« nanntet, der mit euch an der Mutter Stelle gekost und getändelt, euch die Händlein zum Gebet gefaltet und euch ins Freie geführet, um sich mit euch zu ergehen. Euere Mutter hatte des nicht acht, und da sie wieder zu neuer, wundersamer Schöne erblüht, und ich des Hans Koler und des Ritters Henning von Beust, der bis dahin unbeweibt verblieben, dringend Werben um sie gewahr ward, begann sich die alte Minne übermächtig in mir zu regen, und da drang mir an einem schönen Maiabend im Forste die Forderung über die Lippen, sie möge mir das Recht gewahren, euch vor aller Welt meine Kinder zu heißen, und sie . . .

Doch wozu auf die Wunde schlagen, die heut noch nicht völlig vernarbet!

Im Diesseit und Jenseit wollte sie keinem anderen angehören denn ihm, dem ihres Herzens große und einzige Minne gehöret. Der abgewiesene Freier aber hat sich von jenem Maiabend an des Werbens begeben, ihr Kinder mußtet mich hinfort statt »Väterlein« »Ohm Kunz« nennen; und wenn daraus später »lieb Oehmlein« oder bei euch Aelteren »Ohm Kunzlein« geworden, so haltet euch dafür meines Dankes versichert. Auch des Kolers und des Ritters von Beust Werbung wies sie zurück, doch hat sich letzterer durch die Vermählung mit einem märkischen Edelfräulein schadlos gehalten. Da er später gen Nürnberg kam, nahm er bei der Gred als willkommener Gast Quartier, und weil er bei selbiger der Ann wieder begegnete, erwies er sich so jugendfrisch und war ihr trotz ihres ergrauenden Haares so feurig gewärtig, daß es seinem ehelichen Frieden zum Vorteil gedieh, die Hausfrau daheim gelassen zu haben.

Der Gred hab' ich bald nachdem die Ann sich mir geweigert, gestanden, was mir begegnet, und da sie es vernommen, schlang sie mir die Arme um den Hals und rief: »Warum verlanget Dich Nimmersatt auch noch nach einem neuen Hausstand? Sind denn nicht allbereit zwei warme Herde Dein eigen, zweier aufrechten Hausfrauen Minne und Sorge, und bist Du nicht längst der Vater und Ratsfreund nicht nur Deiner Neffen und Nichtlein, sondern auch ihrer Eltern geworden?«

Solches sagte sie im Ueberschwang schwesterlicher Minne, und wenn es mir wohlgethan, und ich es hier wiederhole, so geschieht es, weil ich eines Trostes gar wohl bedürftig, wenn ich bedenke, wie sauer es mir oftmals gefallen . . .

Aber nein! Es war süß, himmlisch süß und jedes Dankes würdig, daß es mir, dem die Schickung unter den drei Ringen des Schopperkettleins weiland die bescheidenden Gaben verliehen, vergönnt war, den anderen allen und auch noch ihren Kindern und Eniklein etwas Rechtes zu sein und eines jeden Wohlsein zu fördern. Solches – ja ich darf es bekennen – solches ist mir in Wahrheit gelungen, und so ist denn meines Lebens Arbeit nicht vergebens gewesen, und ich darf mein Los als ein glückliches preisen. Auch an mir hat sich also das Wort des alten Organisten Adam Heiden als wahr erwiesen, so da besaget, daß wer für anderer Wohl sich gemühet, zugleich auch für das eigene sein Bestes gethan hat.

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