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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Vierzehntes Kapitel.

Mit der frohen Hoffnung, wohlgemut in die Welt zu fahren und für den Herzliebsten und Bruder alles einzusetzen, hatt' es nun gute Weile. Es galt fürs erste nur, sich in Geduld fassen, und wenn uns Weibsbildern solches schwer fiel, glückte es dem Jung-Kubbeling noch weit schlechter; ja der an rastloses Wandern gewöhnte Mann war während der müßigen Tage auf der Forstmeisterei erst um den frohen Mut gekommen, dann aber in ein schleichend Fieber verfallen.

Zwei volle Wochen hatte er, der, wie er selbst versicherte, bis dahin keines anderen denn des Tierarztes Hilfe geheischet, das Lager zu hüten, wir aber folgten seinem Ergehen mit Bangen, und dazu wußten wir nicht, was von denen zu halten, so uns doch als ehrenfeste und uns liebreich gewärtige Herren bekannt; denn auch der Doktor Holzschuher war wie verschwunden, und kurz nach des Großohms Bestattung hatten der Ohm Kristan und Meister Pernhart sich in des Rates geheimem Auftrag gen Augsburg begeben. Da galt es denn, sich bescheiden, weil uns wohl bewußt, daß jedem rechten Manne des Gemeinwesens Bestes allem vorangeht.

Auch die Nächsten hatten unsere Sache auf die lange Bank geschoben, uns aber lag sie Tag und Nacht auf der Seele, und mit allem Eifer gingen wir daran, der künftigen Dürftigkeit die Wege zu bahnen.

Die Jungfrau ist meine Zeugin, daß ich die mancherlei Dinge, deren es sich zu entäußern galt, gern und willig preisgab, doch sollten wir wohl merken, daß es mit der Schmälerung der Butter auf dem Brot und des Fleisches beim Mahle leichter gehe denn mit anderen Dingen.

Des Geschmeides, so die Base nicht verkaufet, sondern dem Goldschmied verpfändet, konnt' ich leicht entraten; nur das Herz mit dem großen Rubin, das ich als meines Hans erste Liebung täglich getragen, hätt' ich fast gern behalten; weil aber Meister Kaden den Stein eines hohen Preises würdig erachtet, ließ ich ihn trotz der Base und der Ann Einspruch herausbrechen und behielt nur die güldene Kapsel. Sehr sauer fiel es auch, den Ehalten den Dienst zu kündigen und ihren Klagen das Ohr zu verschließen. Von den Knechten boten die meisten uns an, wenn die Dinge also stünden, uns auch um geringeren Lohn fürder zu dienen. Jeglicher ging daher, als sei ihm der Weizen verhagelt, nur die alte Sus trug den Kopf höher denn je, weil wir sie ausersehen, die Jahre der Not mit uns zu teilen.

Dem alten Roßknecht, der allbereit in des Vaters Diensten gestanden, sagten wir gern zu, bis ans Ende für ihn zu sorgen, er aber drang ungestüm in mich, wenigstens meinen ungarischen Zelter zu behalten; denn eines ehrbaren Geschlechtes Tochter sonder Sattel und Rößlein war für ihn wie ein Vogel, der die Schwungkraft verloren. Doch gerade für die Rosse fanden sich willige Käufer, und der Stunde will ich gedenken, in der ich dem treuen, flinken Bayard, meines Hans selig Geschenk, zum letztenmal den glatten Hals klopfte und sein klug, klein Haupt an dem meinen fühlte. Der Ohm Tucher hatte ihn für sein Berthlein erstanden, und es war mir ein Trost, daß selbige eine liebe, sanfte Maged, der ich herzlich gewogen.

Auch das Silbergerät, so uns anerstorben, wurde verpfändet, und woran es liegen mag, ist mir nicht bewußt, doch die Gottesgabe mundet nun einmal besser aus silbernen denn aus zinnernen Löffeln. Die Base, die gern bis an die letzte Grenze ging, trug auch manches von geringerem Werte dem Pfandleiher zu, doch das alles verschmerzte sich leichtlich, obzwar der Himmel recht grau über der Stadt hing; denn es begegnete uns just damals mancherlei anderes, so uns den Mut hob.

Daß der Magister, nachdem er erfahren, wozu wir uns entschlossen, uns das Seine willig darbot und sich bereit erklärte, unser spärlich Leben zu teilen, hatten wir nicht anders erwartet, obzwar wir fest entschlossen, nur so viel von ihm anzunehmen, wie er leichtlich zu entbehren vermochte; dagegen gereichte es uns zu froher Ueberraschung, wie an einem besonders trüben Tage der Heinz Trardorf, des Herdegen liebster Jugendkumpan, der unser Haus lange gemieden, in meines Aeltesten Sache bei uns fürsprach. Selbiger war nunmehr seinem Vater selig als Meister nachgefolget und erfreute sich allbereit so hoher Wertschätzung, daß der Rat den Bau der neuen großen Orgelei für die Lorenzkirche in seine kunstfertigen Hände gegeben. Zwar war mir bewußt, daß der Herdegen sein nur wenig geachtet, da er als prunkender Fant aus Paris heimkehret, doch hatt' ich in der Kirche und sonst oftmals erfahren, wie gern und minniglich sein Blick auf mir geruhet.

Wie ich ihm nun die Hand bot und nach seinem Begehren fragte, stockte ihm anfänglich die Rede, obwohl er ein aufrechter Mann, vor dem jeder den Hut zog. Endlich aber kam es heraus, daß er in Erfahrung gebracht, wessen wir für des Herdegen Lösung bedurften, und daß er, weil er ein eigen Haus habe und das Gewerbe ihn mehr denn reichlich nähre, sich nichts Lieberes wisse denn das ererbte Gut für meines Bruders Lösung zu steuern.

Dabei hatten sich dem wackeren Gesellen die Augen genetzet, und den meinen war es ebenso ergangen, und obzwar Base Metz hier einfiel und, um ihres Herzens Rührung zu verbergen, beinahe barsch bemerkte, daß der Tag wohl nicht fern, da er Weib und Kind besitzen und es bereuen werde, sich des Seinen vielleicht auf Nimmerwiedersehen entledigt zu haben, reichte ich ihm frei und gern die Hand und kündete ihm, daß, was mich angehe, seine Spende mir die liebste sein solle von allen, und daß der Herdegen sicherlich ebenso gesonnen.

Da ging es wie Sonnenschein über des jungen Meisters Antlitz, und indes er mir die Hände sprachlos schüttelte, sah ich ihm an, daß er sich Zwang anthat, um mir nicht mehr zu verraten. Später hab' ich auch durch sein wacker Mütterlein erfahren, daß jenes Angebot ihm sauer genug gefallen, und zwar aus dem einzigen Grunde, weil er mich von jung an im Herzen getragen, und sein fürnehmer Sinn ihm verboten, um mich zu werben, nachdem er mich eben zu Dank verpflichtet.

Trotz dergleichen Lichtblicke gedenk ich indessen jener drei Wochen dannocht als einer besonders trüben und sorgenvollen Zeit.

An Stelle Jung-Kubbelings waren sein grämlicher Gesell und sein ältester Sohn mit den Falken auf der gewohnten Straße gen Venedig gefahren. Ins Aegypterland sollten sie nicht, und dies ging dem Uhlwurm hart wider den Strich; denn er vermeinte, daß er weit geschickter sei als sein Herr oder irgend ein ander Menschenkind, der Ann, der seine alte Seele inniger denn jeder anderen gewärtig, die wichtigsten Dienste zu leisten.

Kurz vor dem Beginn der vierten Woche ritten wir wiederum auf wenige Tage in den Forst und fanden dort Jung-Kubbeling in ziemlichem Wohlsein und den Eppelein zungenfertig genug, um aus eigenem Antrieb des Abenteuerlichen viel zu berichten.

Außer was sein eigen Schicksal angehet, befand sich darunter freilich nur wenig Neues. Der sarazenische Pirat, der die Genueser Galeasse gekapert, die ihn und seinen Herrn gen Cypern geführet, hatte ihn von selbigem und dem Ritter Franz getrennet und ins Aegypterland als Sklaven verhandelt. Dort war ihm mancherlei widerfahren, bis er zu Alexandria auf den Akusch gestoßen. Damals hatte sich meines treuen Knappen Vater noch in glücklichen Umständen befunden und den Eppelein, der im Sklavendienst des Aufsehers der Märkte gestanden, sogleich angekaufet, damit er seinem Sohne bei den Nachforschungen nach dem Herdegen helfe. Solche hatten sie denn auch eifrig betrieben und meinen Bruder samt dem Ritter Franz im Waffenhause des Sultanus auf der Burg zu Altkair gefunden, wohin sie geraten, nachdem beide Pilger zwei Jahre lang auf einer saracenischen Galeere als Ruderknechte ein jammervoll Dasein gefristet.

Bei den Fechtübungen der jungen Mamluken hatte der Herdegen selbigen gewiesen, wie wohl er mit des Schwertes Führung vertraut, und sich dadurch ihre Gunst dermaßen erworben, daß sie viele Briefe, so er an uns gerichtet, in seinem Auftrag dem Konsul der Venetianer zur Besorgung übergaben. Da er keine Antwort erhalten, hatt' er solches der Saumseligkeit der Seinen daheim zugeschrieben, bis er durch den Akusch auf die rechte Fährte geführet und ihm deutlich geworden war, daß uns jene Briefe durch der Ursula Schuld nimmer zugekommen seien.

Um selbigen Dingen auf die Spur zu kommen, hatte sich der Akusch hienach mit dem Eppelein nach Alexandria zurückbegeben, obzwar sein Vater allbereit dem Unglück verfallen, und wie sie sich dort am Abend nach ihrer Heimkehr dem Fondaco der Republik Venedig näherten, wo sie den Arzt des Konsuls aufzusuchen gedachten, von dem sie vernommen, daß er von deutscher Herkunft, erhob sich in ihrer Nähe lautes Lärmen, und sie nahmen sodann einen wunden Mann wahr, in dem sie alsbald den Kunz erkannten.

Da hegten sie denn anfänglich die Meinung, es täuschten sie die Sinne, und daß gerade sie es sein mußten, die ihres Herrn leiblichen Bruder im Blute schwimmend fanden, will mich selbst wie ein Wunder bedünken. Freilich mußte der eine Abendländer, der den andern im Aegypterland suchte, immer zuerst in jenem Fondaco auf Erkundigung ausgehen.

Wenige Stunden später hatte der Kunz wohlgebettet und gewartet im Hause der Mutter des Akusch gelegen, und wie sich selbiger sodann nach Altkair begeben, um sich mit meinem Aeltesten neu zu bereden, war er Zeuge des schnöden Verrates der Ursula und der maßlosen Forderung des Sultanus geworden. Später hatt' es mein Bruder mit seiner Gönner Hilfe bewerkstelligt, jenen Brief in des Akusch Hände zu spielen, der dem Eppelein bei Pillenreuth verloren gegangen.

Ein Mehreres wußte der treue Gesell nicht zu berichten; da ich aber auf dem Heimritt durch den Wald mich wiederum fragte, welchem klugen und mutigen Freunde wir uns und unsere Sorgen wohl anvertrauen könnten, wenn Jung-Kubbeling uns im Stich ließ, wußt' ich auch diesmal keine Antwort zu finden. Ja, wenn der Vetter Götz, der kluge, eisenfeste Mann, den das Leben in der Fremde mit tausend Erfahrungen bereichert, gewillt gewesen wäre, seines Rotkäppleins und des Jugendfreundes Sache zu der seinen zu machen! Doch ein furchtbarer Eidschwur hielt ihn fern von der Heimat, und wo war er zu finden?

Auch die Ann hatte viel zu bedenken, und ich dankte den Heiligen, daß der Eppelein mir allein gekündet, sein lieber Herr habe sich baz verändert, wenn er auch, da er ihn nur von fern geschaut, nicht zu vermelden wisse, worin solche Wandlung belegen.

So ging es denn schweigend und zuletzt durch den finsteren Abend fürbaß, und wie wir endlich die Lichter der Stadt gewahrten, wandelte mich nach all dem bangen, ins Ungewisse schweifenden Sinnen die Lust an, die Frage zu stellen, wer uns wohl jenseits des Thores zuerst entgegenkommen werde, sintemal die Base mir von Kind an das unlöbliche Beispiel gegeben, aus dergleichen als eines Vorzeichens oder Augurii zu achten.

Wie wir nun eben die Pforte hinter uns gelassen, hob sich eine Laterne, und da wies uns das Licht, so uns aus den Hornscheiben andämmerte, statt des alten Hans Heimvogels kirschroten Trinkergesichtes das allerartigste Jungfrauenantlitz; denn weil ihn der Krampf befallen, bei dem er wähnte, daß ihn Mäuslein bedrängten, hatte die saubere Maria, sein Eniklein, den Dienst für ihn verrichtet, und so grüßte ich sie mit besonderer Huld, maßen die Base es für das günstigste Vorzeichen hielt, wenn eine schmucke Maged es war, die ihr beim Eintritt in die Stadt zuerst entgegenkam.

Was die Ann angeht, so hatte sie der Thorwarts-Maria wohl kaum geachtet; weil ich sie aber daheim im Soler auf das Gutes kündende Vorzeichen hinwies, fragte sie, wie ich in solchen Tagen an dergleichen zu denken vermöge; hienach aber seufzte sie auf: »O Gred, wie mir das Herz doch so schwer ist! Drei Jahre lang und länger hab' ich Geduld geübet und es gerne gethan; nun aber das Ziel wiederum in unerreichbare Ferne gerückt wird, nun die Helfer erlahmet, bevor sie sich noch recht für uns gereget, und selbst der Herr Kardinal die Rückkehr verschoben, obzwar doch allen bewußt, daß der Herdegen dem Manne in der Löwengrube vergleichbar, nun sinkt mir der Mut. Und weil auch die kluge Großmutter nichts mehr zu raten weiß, denn ›abwarten‹ wieder und wieder . . .«

Da fiel ihr die Sus, die ihr eben die nasse Kapuze vom Haupte gezogen, eifrig ins Wort: »Und solches, Jungfrau Ann, solches ist auch seit Adam und Eva von allen Ratschlägen der beste! Denn das ganze Leben: Abwarten ist's bis ans Ende; und hat man das Sakrament empfangen, und das Auge will brechen, dann wird es wohl zu allermeist ›abwarten‹ gelten, abwarten mein' ich, was uns droben befürsteht. Hier drunten? Meiner Seel! Ich bin grau geworden und habe vergebens auf einen gewartet, der mir damals dies Ringlein gegeben. Anderen ist es besser geglücket; doch hatte sie der Priester gesegnet, war es dann etwa aus mit dem Warten? Beileibe nicht! Eine Eh' oder ein Weh konnt' es werden. Die Hausfrau hat schon so viele Kirchgänge gethan denn Tage im Monat; doch ist sie darum mit dem Abwarten fertig? Kommt der Storch, kommt er nicht? Wird's ein Bub oder ein Mägdelein werden? Und hat er das Kleine gebracht, um das man die Finger wund gebetet am Schapel, was wird aus dem Schreihals? Da wächst so ein Junker Herdegen heran zum Trost aller Augen und Herzen, und ob er das Abwarten leicht macht, wir haben's erfahren! Die gestrenge Frau Waldstromerin im Forste kann gleichfalls ein Lied davon singen, und, Jungfer Ann, wenn der Frau Meisterin Witz Euch früh dazu anhält, so gesegn' es ihr Gott! Ich warte, Ihr wartet, wir warten hier samt und sonders auf den einen, und kehret er mit der Heiligen gnädigem Beistand heim, dann hütet Euch zu wähnen, Jungfer Ann, daß das Abwarten zu Ende.«

Mit solchen tröstlichen Worten hing die Alte die nassen Mäntel zum Trocknen, wir aber stiegen gesenkten Hauptes die Treppe hinan.

Droben aus dem Erkerzimmer ließen sich laute Stimmen vernehmen, doch wie wir eingetreten waren, bot sich uns ein befremdlicher Anblick; denn dem Ohm Kristan und dem Doktor Holzschuher saß die Base Metz gegenüber, und es schüttelte sie ein so unbändig Lachen, daß sie sich des Leibes keinen Rat wußte und die Arme bald hoch schnellte, bald auf die Kniee zurückfallen ließ, so daß sie der Kinder gemahnte, die sich an dem Spiele »Alle Vöglein fliegen hoch« ergötzen.

Da sie meiner gewahr ward, vergaß sie des Grußes und rief mir mit halb gebrochener Stimme entgegen: »Ein Schlücklein Wein, Gred, einen Trumm Brot, ich flieg' auseinander; – es hält nicht länger!«

Wie ich nun auch meines Herrn Pathen Kristan herzliches Lachen hörte und dem Herrn Notarius ansah, daß er erst eben davon gelassen, stimmte ich mit ein, und die Ann, der eben noch gar trüb zu Sinn gewesen, mußte es ebenso halten.

So dauerte es denn eine ganze Weile, bis wir erfuhren, was solcher ungemeinen Fröhlichkeit Urquell gewesen, und selbiger war so beschaffen, daß uns großer Trost und neue Zuversicht daraus erwuchs, und wir den redlichen Freunden abbitten mußten, sie der Saumseligkeit geziehen zu haben; denn der Herr Notarius hatte die vergangene Zeit aufs beste genützet, um jeden wohlbehaltenen Mann in Nürnberg, der dem Vater selig vertraut gewesen, der reichen Klöster Aebte und andere mehr zu bewegen, für des Herdegen Lösung aus der Heiden Gewalt nach Kräften zu steuern, während die beiden anderen zu Augsburg Großes verrichtet.

Was aber der Base Heiterkeit erreget, das war des Ohm Kristan Erzählung, wie er mit des Meisters Pernhart günstigem Beistand den alten Tetzel, der Ursula Vater, während er sich zu Augsburg befand, dem Herdegen gleichsam zinspflichtig gemacht, und meinem Herrn Pathen strahlte jetzt noch das innere Genügen aus jedem Auge, da er uns kündete, wie er den grauen Griesgram für unsere gute Sache geworben.

Weil die drei Herren nämlich erwogen, daß der Ursula später des Jost Tetzels gesamtes großes Gut zufallen werde und es ein gottgefällig Werk sei, die verräterische Unholdin wie auch immer zur Strafe zu ziehen, hatten sie einen Anschlag gegen ihren Vater geschmiedet, und eigens um seinetwillen war der Ohm Kristan, den das Reiten zur Winterszeit hart genug ankam, mit dem Meister Pernhart gen Augsburg gefahren; dort aber hatt' er zuerst ein selten Stück Malerkunst geleistet, indem er dem Jost Tetzel seiner Tochter grausame Bosheit in so hellen Farben geschildert, daß dem Meister bange geworden, ein neuer Schlag werde ihn treffen. Sodann hatte er sich verschworen, diesen Handel vor den Kaiser zu bringen, dem er, wie männiglich wußte, baz vertraut, maßen er gleichsam sein Wirt, wenn Seine Majestät auf der Burg Hof hielt. Die Ursula zähle zwar nimmer zu seines gnädigen Herren Unterthanen, doch wolle er, der Kristan Pfinzing, nicht ruhen und rasten, bis der Kaiser wenigstens ihn, ihren Vater, gezwungen, dem Erbe zu entsagen, so seiner Tochter, die eine Welsche geworden, aus einer deutschen Stadt zufallen solle.

Alsdann war der Meister mit gemessener, doch gewichtiger Ruhe eingetreten und hatte dem Alten gedräut, ihn und seine Tochter durch seinen Bruder, den Herrn Kardinal, des römischen Papstes schwersten Groll fühlen zu lassen, wenn er sich nicht willig zeige, seines Kindes fluchwürdig Thun, wodurch ein Christ den gottlosen Heiden überantwortet worden, mit schwerer Buße zu sühnen. Wie sie dann endlich des mürrischen Herren Widerstand und grimmig Aufbegehren gebrochen, war es zu einem wunderlichen Handel gekommen; denn während der Tetzel alles einsetzte, um sich möglichst wenig von seiner Tochter Erbe entziehen zu lassen, steigerten seine Peiniger die erste Forderung und heischten ein hundert Guldein nach dem anderen, so der Tetzel zuzulegen habe, bis selbiger endlich mit Schrift und Insiegel verheißen, dem seiner Tochter hinterlassenen Gut zu entsagen und selbigem noch zweitausend Guldein aus dem Eigenen beizufügen, das Ganze aber für des Herdegen Lösung bereit zu halten.

So hatt' es denn auf einen Schlag mit der Not um das Lösegeld ein Ende, und wie uns der Herr Notarius den Pergamentstreifen wies, auf dem die einzelnen ihres Beitrages Höhe verzeichnet, da versagte uns die Rede; denn zogen wir die Zahlen zusammen, so ergab sich eine weit höhere Summe als diejenige, deren Höhe uns den Schlaf der Nächte gekürzet.

Da ward denn dem feuchten Auge das Lesen fast sauer, und bei jedem Geschlechter- und Kkosternamen und den hohen Ziffern neben ihm erregte uns die Erkenntlichkeit von neuem die Seele also, daß unsere Herzen wohl nimmer von gleicher Liebe zu unserer guten Stadt und den lieben, wackeren Freunden darin erfüllt gewesen. Auch viele geringe Leute hatten von ihrer bescheidenen Habe zu steuern verheißen, und wenn mir die hohen Summen, so unsere nächsten Blutsfreunde verschrieben, die Seele überquellen ließen von dankbarer Freude, so thaten mir die fünf Pfund Heller nicht minder wohl, die ein Schuster gezeichnet, dem wir vor Jahren aus der Not geholfen, da er in Krankheit und Schulden geraten.

Endlich ging es an ein gar innig Umhalsen und Küssen, und die Männer, denen dergleichen nach jedem wohlvollbrachten Handel zustehet, lüstete es nach einem Trunke. Da erhob sich die Base mit allem Eifer, um so liebe Freunde und Gäste aufs beste zu bewirten; doch allbereit auf der Schwelle blieb sie zaudernd stehen, und da sie mir winkte, merkte ich wohl, daß nicht alles stund, wie es sollte. Und so verhielt es sich auch wirklich; denn das Silberzeug war bis auf das letzte Stück zum Pfandleiher gewandert, und der Ohm Tucher vom Rate, der meinen Zelter erstanden, hatte auch Hand auf den alten Wein geleget, davon eine stattliche Reihe von Fäßlein und verpichten Krügen im Keller ruhte. Etliche Schinken hingen zum guten Glück noch im Rauche, lebende Hühner und Eier gab es zur Genüge, doch selbst mit der Butter sah es gar kümmerlich aus.

Wie mir nun die Base solches mit kläglicher Miene berichtet, überkam mich ein unbändiger Frohmut, und ich verhieß ihr, unsere lieben Gäste sicherlich zufrieden zu stellen, wenn sie nur etliche leckere Schüsseln aus der Küche herfürgehen lasse. Was den Wein angehe, das nähme ich auf mich, und unserer venedigschen Glaskelche habe sich kein Kaiser zu schämen.

Damit drängte ich sie der Treppe zu; im Wohnzimmer aber bekannte ich den Gästen frank und frei, wie es stehe, und nachdem sie mich bald mit fröhlichem Gelächter, bald staunend und kopfschüttelnd angehört hatten, fragte ich den Herrn Notarius Holzschuher als rechtskundigen Mann, wie es mit dem Weine zu halten, der doch allbereit einen Käufer gesunden?

Da erhob sich denn ein gar fröhlich Hinundher, Fürundwider, und endlich erklärte der Herr Notarius und Doktor beider Rechte, er halte es für seine Pflicht als Ratsfreund und Bevollmächtigter der Schopperschen Erben, reiflich und fürsichtiglich zu prüfen, ob die Zahlung, so der Tucher der Base verheißen, indes noch mit nichten geleistet, nicht allzu gering bemessen sei für die Ware, maßen sich seine Klienten als der Bacchusgabe unkundige Weibsbilder keineswegs genügend auf den Wert derselben verstünden. Von solcher Probe abzustehen, heiße für ihn pflichtvergessen handeln, und da er der eigenen Kennerschaft nicht sattsam vertraue, fordere er den Herrn Kristan Pfinzing als ausbündigen Experten und den Herrn Ratsherrn Pernhart, der als eines hohen Prälaten Bruder manchen guten Tropfen gekostet, in aller Form Rechtens auf, mit ihm in den Schopperschen Keller zu steigen und alldort die Gebinde und Krüge zu bezeichnen, aus denen die Probe geschöpft werden solle. Um indes jeder Forderung zu genügen, werde ein Knecht auszusenden sein, um den Herrn Tucher, als den Käufer, zu der befürstehenden Handlung zu entbieten. Da noch zwei gute Stunden an Mitternacht fehlten, werde man selbigen zweifelsohne noch auf der Herrentrinkstube finden; auch sei es vonnöten, dem Boten einzuschärfen, daß wenn der Herr Tucher bei der Gegenprobe sich seinerseits eines erfahrenen Weinkosters als Zeugen zu bedienen begehre, solcher sich eines gebührenden Empfanges im Schopperhofe getrösten dürfe.

Bevor nun hienach eine Viertelstund vergangen, saßen die drei Herrn mit der Ann und mir allbereit vor dem Weine, den sie selbst nach sorglicher Wahl dem besten in unserem Keller entnommen, und wenn die Speisen, so die Base dazu auftragen ließ, auch nur aus irdenen Schüsseln und Tellern Platz gefunden, und kein silbern Stück das schneeweiße Tischtuch zierte, schien die Gottesgabe doch trefflich zu munden.

Wie dann auch der Tucherohm erschienen war und den älteren Herren Löffelholz als sachkundigen Zeugen vorgeführt hatte, und beide frohgemut unter uns Platz genommen, kam es, nachdem wir auch den Magister gerufen, zu einem so heitern und herzerfreulichen Becherleeren und Geplauder, daß der Herr Tucher versicherte, es walte in dem alten Schopperhof immer noch der fröhliche Geist unseres sangfrohen Vaters selig; die Ann aber mußte öfter denn seit langer Zeit ihres Türmeramtes bei dem Herrn Pathen warten.

Während selbigen Schmauses kam auch manches Bedeutsame zur Sprache, und es schien den Herren weit näher zu gehen denn mir und der Base, daß wir uns so schnell mancher Dinge entäußert, die in keinem Geschlechterhause fehlen und dannocht – wir hatten's erfahren – keineswegs zu des Lebens Notdurft gehören. Und wie so manch schalkhaft Wort bekamen wir über unser schlecht Geschirr, die zinnernen Löffel und den leeren Stall zu vernehmen! Der Weinhandel wurde für nichtig erklärt, und die Base faßte sich ein Herz, um den Herrn in wohlgesetzten Worten zu versichern, ihr sei erst wieder recht wohl, seitdem ihr bewußt, daß sie so liebe Gäste mit eigenem und nicht mit fremdem Gute bewirte.

Beim Aufbruch waren wir dem Hahnenschrei näher denn dem Mitternachtsgeläute, und wie ich mich am folgenden Morgen erhob und in den Erker trat, um auf die Gasse zu schauen, schien die Sonne recht hell vom blauen Himmel. Mit stillem Dank dacht' ich des vielen Guten, so der letzte Abend gebracht, und der Treue und Weisheit unserer wackeren Freunde. Manches schalkhafte und klügliche Wort, so da beim Weine gefallen, kam mir wieder in den Sinn, und weil ich mich eben fragte, welch ein neuer Anschlag wohl gesponnen worden, wie mein Herr Pathe mit dem Tucherohm die Häupter flüsternd zusammengesteckt, kam der Tuchersche Roßknecht mit meinem lieben Goldfuchs die Gasse herauf, und wie ich näher hinblickte, nahm ich wahr, daß seine Mähne und der wehende Schweif ganz und gar mit schönen roten Bändern durchflochten. Vor unserem Hausthor kam er zum Stehen, und wie ich hinabgeeilt war, um das traute Tier zu begrüßen, übergab mir sein Führer ein Brieflein, darin nichts zu lesen stund denn die mit großen Lettern geschriebenen lateinischen Worte: »Amicitia fidei«, zu deutsch: »Die Freundschaft der Treue«.

So hatten also Not und Entsagung auf einmal ein Ende, und zog auch bald neues Schneewetter herauf, schien doch in meiner Brust die Sonne so wundervoll hell, als sei in dieser Dezemberzeit der Lenz erwacht und damit des Bangens und der Sorge letztes Ende gekommen.

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