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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Zwölftes Kapitel.

Des Jung-Kubbeling Rat, unseren Anschlag geheim zu halten, befolgten wir mit aller Fürsicht, und auch den Gästen aus der Forstmeisterei blieb er verborgen. Dagegen hatten sie erfahren, was des Herdegen Brief uns vermeldet, und daß die Ursula es sei, die meinen Aeltesten mit tückischer Feindschaft verfolge. Obzwar wir nun jeden einzelnen verpflichtet, reinen Mund darüber zu halten in Nürnberg, mochte doch keine und vielleicht auch keiner solcher seltenen Dinge vor den nächsten Blutsfreunden daheim völlig geschweigen, und weil es ihnen untersagt war, klärlich darzulegen, was der Heimkehr unserer Brüder im Weg stund, erwuchs unter den Gevatterinnen und Basen allerwärts die Meinung, es bedürfe großer und unerschwinglicher Summen, um die jungen Herren Schopper zu lösen. Auch andere sonderbare Gerüchte kamen in Umlauf und überboten einander, der Brüder harten Sklavendienst mit gräßlichen Farben zu schildern.

Anfänglich verdroß mich dergleichen, bald aber hörte ich es weniger ungern, sintemal es die Barmherzigkeit wachrief, und die nämlichen Bürger und Weibsbilder, so den Herdegen vormals einen Teufelsbraten gescholten und ihn gern auf dem Scheiterhaufen gesehen, jetzund in ganz anderer Weise seiner gedachten. Dem Mitgefühl sind eben freundliche Augen eigen, die sich dem Guten weit öffnen und dem Bösen willig verschließen, und so kam es, daß sie des armen Sklaven reiche Gaben, so nun der Vaterstadt verloren gingen, in den Himmel erhoben.

Dazumal brachte auch ein Brief des Herrn Kardinals die tröstliche Kunde, daß er bereit sei, dem Großohm Im Hoff die letzte Oelung zu reichen, wenn er ihn bei der Rückkehr von England in wirklicher Lebensgefahr finde.

Die nächsten Schreiben hatte er in die Stadt Brüssel zu senden verordnet, und nachdem die alte Frau Meisterin, die der Waldmuhme Weisheit und Fürsicht baz hoch hielt, uns gleichfalls die Einwilligung zur Fahrt ins Aegypterland gegeben und auch den Sohn und Frau Giovanna genötigt, das Gleiche zu thun, schrieb die Ann dem Herrn Kardinal, der doch des Pernhartschen Hauses ehrwürdig Haupt, einen langen Brief, worin sie ihm in beweglichen Worten darthat, aus was Zweck und Ursach' sie sich zu solchem Wagnis entschlossen. Am Ende bat sie ihn um seinen Beistand und Segen und erklärte, daß die innere Stimme, auf die er sie selbst zu achten gelehret, sie versichere, etwas im Sinne zu tragen, das Gott und der Jungfrau genehm sei.

Mir selbst wäre ein gleiches Schreiben nimmer gelungen, und wie ruhig ging die Ann auch jetzund den Pflichten jeden Tages nach, während Base Metz, so schwer sie die Füße auch trugen, wie ein Irrwisch bald hier und bald dort war.

Die Ann hatte auch zuerst den Einfall gehabt, Jung-Kubbeling in den Füttererhof zu führen und sich dort über die Wege zu unterrichten, so gen Genua leiten, sowie über die Händler, so sich dort bereit finden möchten, seine Falken ins Aegypterland zu verkaufen; denn nur wenn wir auf einer anderen als einer venedigschen Galeere nach Alexandria kamen, konnten wir den Spähern der Ursula entrinnen, und daß der Kubbeling durch uns Verlust erlitte, war uns allen billig zuwider. Da aber der alte Herr Fütterer selbst in Nürnberg zugegen, zeigte er sich bereit, die Falken von seinem eigenen Haus für die gleichen Preise wie die von Venedig, durch Kauf zu erwerben, und solches war dem Braunschweiger nicht wenig genehm, maßen er wohl einsah, daß er von denen am Lido später bessere Preise zu erzielen vermöge, wenn sie gewahrten, daß ihm auch andere Vermittlung denn die ihre zur Hand sei. Auch das sprach für den Weg über Genua, daß wir an keine Abfahrtszeit gebunden, weil der alte Fütterer sich anheischig machte, wann der Kubbeling auch komme, für die Ueberfahrt Sorge zu tragen.

Da wir Mitte Dezembers aufzubrechen gedachten, zogen wir in den ersten Tagen selbigen Mondes wiederum in den Wald, und wie mir dazumal mag es der Schwalbe und Nachtigall zu Sinn sein, bevor sie sich aufmacht, um über Berge und Meer gen Süden zu ziehen. Dabei war mir die Gottesluft nimmer frischer erschienen, und zu keiner Zeit hatt' ich gesunder, hoffnungsfroher und schwungkräftiger in die Zukunft geschaut. Und der alten, siechen Muhme Jacoba schien es ähnlich zu ergehen.

In ihrem lebhaften Geiste war sie allbereit mit uns auf der Fahrt in die Ferne, und wenn sie früher der Ann sichtlich den Vorzug gegeben, schien sie jetzund plötzlich das Ding zu verkehren; denn sie konnte mich nimmer genug bei sich haben und anschauen, und da die Ann mit dem Ohm Kristan endlich heimkehren wollte, hielt sie mich allein mit so dringender Bitte zurück, daß ich nachgeben mußte, und solches kam mich mit nichten hart an, sintemal es eben jetzt gar wunderherrlich im Forste. Ueber die bereiften Bäume breitete sich der reichste Spitzenschmuck. Wie mit flüssigem Silber und Kristall waren sie übergossen, und den ganzen Wald verbrämte glitzernder Schmelz und lichtes Demantgestein in überschwenglicher Fülle. Und wie köstlich hell funkelte es allüberall, wenn die Sonne sich aus dem Frühnebel erhob und vom blauen Himmel aus solche Herrlichkeit herabschien. Bei Nacht stund der Mond am Himmel und ließ des bereiften Waldes Glanz sanfter und lieblicher leuchten, also daß ich bis spät bald auf ihn hinab, bald hinauf sah an das bestirnte Firmament, von dem aus dunklem Cyanblau die Sternschnuppen scharenweis schossen.

Nun ist es männiglich, dem die Jugend noch grünet, bewußt, daß wenn es beim Fall eines solchen Himmelslichtes gelingt, einen Herzenswunsch zu Ende zu denken, selbiger der Erfüllung gewiß ist, und da ich in der nächsten Nacht aufwärts schaute und mich eben fragte, ob es uns glücken werde, die Brüder zu retten und den Vetter Götz zu finden, wie sein siech Mütterlein doch so zuversichtlich hoffte, sank eine lichte Sternschnuppe gerad vor mir nieder.

Da hab' ich mich so frohgemut und meiner selbst gewiß wie selten vorher und nachher zur Ruhe begeben, und weil ich mich am folgenden Morgen recht frisch und heiteren Sinnes zu der Muhme begab, sah sie mir an, daß mir etwas Gutes begegnet. Nachdem ich ihr hienach vermeldet, was ich beim Falle des Lichtes gedacht, so, wie die Kinder wähnen, einem Engelein aus der Hand sinket, das des Höchsten Herrlichkeit blendet, schaute sie mir mit einem wehmütigen Lächeln ins Antlitz und nötigte mich, mich zu ihr niederzulassen. Hienach nahm sie meine Hand in die ihre und erschloß mir das Herz so weit, wie es vordem nimmer geschehen.

Man fühlte ihr wohl an, daß sie dieser Stunde der zutraulichen Aussprache lange geharret, und da bekannte sie denn, sich gerade mir nicht immer erwiesen zu haben, wie es mir wohl zugekommen wäre. Doch mein Anblick habe ihr gar weh an die offene Wunde gerühret; denn auf mich sei schon, bevor ich den ersten Schulgang gethan, ihre liebste Hoffnung gegründet gewesen. Als des einzigen Sohnes künftige Hausfrau habe sie mich damals betrachtet, und der Götz sei selbiger Meinung entgegengekommen, maßen er sich als Knabe und wie ihm der Bart schon gekeimet, nichts Lieberes gewußt denn die Gred mit dem roten Käpplein.

Und nun erinnerte sie mich an vieles, so ihr Sohn mir erwiesen, und wie er einmal, da ihn der Herr Burggraf mit anderen Knaben auf die KadolzburgDie Residenz der Zollerschen Burggrafen von Nürnberg, die sie gern bewohnten, auch noch nachdem sie Kurfürsten von Brandenburg geworden. Im Westen der Stadt gelegen, und drei und eine halbe Wegstunde von ihr entfernt. geladen, was sie und der Ohm als hohe Ehre erachtet, sich trutziglich geweigert, von hinnen zu ziehen, weil Base Metz auf den nämlichen Tag ihr Kommen mit mir verheißen. Da sei es denn zum ersten scharfen Streit zwischen ihm und den Eltern gekommen, und nachdem der Ohm ihm gedräut, ihn gewaltsam fortschleppen zu lassen, sei er heimlich in den Forst entwichen, bei Zeidlersleuten über Nacht verblieben und erst heimgekehret, nachdem der halbe folgende Tag und die Möglichkeit vorüber gewesen, des Herrn Burggrafen Schloß zu rechter Zeit zu erreichen. Zur Strafe sei er hienach eingesperrt worden; da er aber meine Stimme drunten vernommen, habe er sich an der Dachrinne niedergelassen, mich bei der Hand gefaßt und sich abermals mit mir im Walde verborgen, um erst beim Ave Maria wiederzukehren. Da sei er heftig gestäupet worden, obzwar er allbereit ein großer Bub gewesen, der in allen Stücken aufs beste geraten.

Des Waldohms Zürnen von damals hatte sich mir wohl ins Gedächtnis gepräget, doch der Anteil, den ich daran besessen, war mir neu und trieb mir die Röte ins Antlitz. Es wollte mich auch bedünken, als hätte die Base mir das alles besser verschwiegen; denn ob es mir auch baz gut that und die Seele erregte, mußte es mich doch hindern, dem Götz ganz frei ins Auge zu schauen, wenn es mir beschieden war, ihm zu begegnen.

Endlich gab Muhme Jacoba mir auch bis ins einzelne zu hören, wie es mit dem Vetter gekommen, bevor er sich in die Fremde begeben.

Da er ihr nämlich, nachdem sie zürnend auseinandergegangen, von der Stadt aus vermeldet, er werde, wenn sie auf ihrer Weigerung bestehe, für sich und die Herzliebste ein neues Heim in der Fremde suchen, habe sie ihm in einem Schreiben vermeldet, sie halte ihm die Arme zwar immer noch weit offen, doch bevor sie es dulde, daß des alten und edelen Waldstromerhauses einziger Sohn und Erbe sich an eine Handwerkerstochter verliere, wolle sie denjenigen nicht wiedersehen, den sie am allerinnigsten liebe.

Nie und nimmer, sie schwöre es mit dem Kruzifix in der Hand auf des Erlösers Wunden, werde sie ihm des Elternhauses Thor erschließen, es sei denn, daß er des Rotschmiedes Tochter abgesaget und sie, die Mutter, um Vergebung gebeten.

Jetzt beklagte die alte, sieche Frau ihre Strenge von damals und den vorschnell geleisteten Schwur unter bitteren Thränen; denn der Götz hatte trotz ihres Briefes festgehalten an dem Trudlein, und wie er in der Fremde drei Jahre später vernommen, daß die Vielgeliebte in Bangen und Sehnen nach ihm dahingesiechet und mit seinem Namen auf den Lippen aus dem Leben geschieden, in seiner jungen Seele wildem Aufruhr der Mutter geschrieben, das Trudlein sei tot, er habe von den Eltern nichts mehr zu erbitten; doch wie sie, seine Mutter, mit der Hand an dem Bilde des Erlösers geschworen, ihm das Vaterhaus nicht eher zu öffnen, als bis er seiner reinen, treuen Minne entsaget, so leiste er auf des Gekreuzigten Bild den anderen, nicht minder unverbrüchlichen Eid, nicht eher heimzukehren, bis sie ihn aus freien Stücken zurückrufe und ihm gestehe, daß es ihr leid sei um das frühe Ende der unschuldigen Jungfrau, derengleichen es nimmer gegeben unter den Geschlechtern in Nürnberg, wie sie auch hießen.

Auch selbiges Schreiben bekam ich zu lesen, und da erkannte ich wohl, daß diese beiden sich des Lebens beste Freude durch vorschnellen Trutz traurig verdorben.

Ob ich nun auch der Muhme unbeugsamen Sinn gut genug kannte, versuchte ich dannocht sie zu bewegen, ein Schreiben an den Sohn ergehen zu lassen, das ihn heimberiefe; sie aber weigerte solches, wenn auch unter gar beweglichen Klagen.

»Nur das eine, so er heischet,« stieß sie herfür, »darf ich aus vollem Herzen gewähren. Wenn Du ihm begegnest, sag ihm, die Mutter sende ihm den inniglichsten Segen und lasse ihn ihres Herzens wärmster Minne versichern, und hienach gib ihm zu wissen, daß mich die Sehnsucht nach ihm verzehre, und auch darin sei ich ihm zu Willen, daß ich seiner Herzliebsten Hingang unter vielen Thränen herzinniglich beklage; denn solches ist – die Jungfrau und alle Heiligen sind meine Zeugen – die lautere Wahrheit. Nur will und darf ich ihm das Haus nicht öffnen, bevor er mich nicht um Vergebung gebeten, und thät' ich es dannocht, so müßte er die leibliche Mutter als ein meineidig Weibsbild verachten.«

Da hob ich herfür, und auch mir flossen die Augen über, daß doch sein Schwur dem ihren gegenüberstehe, und beide gleich schwer wögen vor des Höchsten Augen.

»Vergesset den grausen Eid, herzliebe Muhme!« rief ich ihr zu. »Ich ziehe mit Euch auf die Wallfahrt, und ich weiß ja: Euch wird keine Buße zu schwer sein!«

»Gewiß nicht, Gred, nein, gewiß nicht!« entgegnen sie stöhnend. »Und das nämliche sagte mir schon längst der Kaplan, aber er und Du, ihr alle seid dannocht im Unrecht, ich fühl' es hier drinnen. Ein Eid auf Christi Wunden geschworen! Und dann: ich bin die Alte, die Mutter, er der Junge, der Sohn. An ihm ist es, zu mir zu kommen, und so gehe denn er, geh' der Götz auf die Wallfahrt, muß es sein, bis nach Rom und das heilige Grab. Vor ihm liegt lange Zeit, jegliche Buße an sich zu vollziehen, die die heilige Kirche ihm auflegt. Ich, – um ihn wiederzusehen, auf das Rad ließ' ich mich flechten, – fasten wollt' ich und mich kasteien bis ans Ende; doch ich bin die Mutter, er ist der Sohn, und darum liegt es ihm ob, den ersten Schritt zu thun, und nicht mir, die ich ihm das Leben gegeben.«

Wie feurig ich auch hienach noch mehrfach in sie drang. und wie oft sie auch nahe daran war, ihres Herzens lautem Mahnruf zu folgen, immer kehrte sie wieder dahin zurück, daß es für sie nicht angehe, das erste zu sein, so dem andern die Hand hinstrecke, obzwar alles, was in ihr war, sie dazu drängte.

Durch ein welsches Handlungshaus zu Venedig gingen dem Götz die Briefe zu, so man ihm sandte. Das wußten seine Eltern, und sie hatten dem Kunz längst aufgetragen, bei selbigem nach seinem Verbleib zu forschen, doch war seine Mühe vergebens gewesen; denn der landfremde Mann hatte dem Kaufherren untersagt, wem es auch sei, Kunde über ihn zu erteilen.

Dannocht war der Ohm in vielen Briefen mit dringender Bitte in den Sohn gedrungen, der Mutter Siechtum zu gedenken und heimzukehren; doch so inniglich er auch in mancher Antwort die Eltern der zärtlichsten Kindesliebe versichert, war der Götz doch, eingedenk seines Eides, in der Fremde verblieben.

Auch selbige Schreiben wies mir die Muhme, und während ich sie las, machte sie mir zur Pflicht, mich von jenem Handlungshaus nicht abweisen zu lassen und nicht zu rasten, bis ich erkundet, wo ihr Sohn weile; denn was ein welscher Herr einem Manne weigere, vermöge eine junge und anmutige Maged recht wohl von ihm zu erforschen.

Bevor es noch dämmerte, unterbrach des Meister Ulsenius Besuch selbiges Gespräch. Er kam auch um des Eppelein willen, und wie wir nun, da man eben die Lampe gebracht, dem treuen Gesellen gegenüberstunden, rief er erst mich und dann auch den Waldohm bei Namen und sagte, daß er sich zwar müde fühle, sonst aber recht wohl und behäbig. Hier und dort und fürnehmlich am Halse brenn' es zwar etwas, doch das kümmere ihn wenig, zumal es sich dadurch erweise, daß die Meinung, er sei erschlagen worden und in eine finstere Hölle gekommen, die ihn lange geplaget, ein gröblicher Irrtum.

Nachdem er solches mühsam herfürgebracht, rötete sich plötzlich sein bleiches Antlitz, und wie schon bei manchem früheren Anlaß fragte er jetzt wiederum nach seines Herren Schreiben.

Da versetzte ich schnell, daß wir den Wegelagerern den Brief abgejagt hätten, und nun war es eine Freude, zu sehen, wie ihm solche Kunde zum Trost und Genügen gereichte.

Nachdem er sodann einen guten Schluck feurigen Malvasiers genossen, richtete er sich höher auf und fragte, ob der Herr Im Hoff des Sultanus ausbündige Forderung zu befriedigen gedenke.

Da versetzte ich, um ihn noch mehr zu beruhigen, wir hätten guten Grund, solches zu hoffen. Ob seine Besinnung wohl wieder so hell sei, daß er sich erinnere, auf wie hoch sich das verlangte Lösegeld belaufe?

Da lächelte er verschmitzt und versetzte, solches werde er auch als toter Mann schwerlich vergessen, maßen er es unterwegs öfter vor sich hingemurmelt denn der älteste Klausner das Paternoster.

Wie ihn Ohm Konrad nun lachend antrieb, die Probe zu machen, gab er so schnell wie ein Schulbub, der die Lektion aufs beste erlernet, zur Antwort: »Für den Sklaven, Herrn Herdegen Schopper, von den Ungläubigen benamset Abu sêf im Waffenhause des Sultanus Burs Be auf der Burg zu Altkair werden als Lösung gefordert vierundzwanzigtausend venedigscher Zecchinen. Georg – Christina! Brand und Tod auf das Haupt des tückischen Unholds!«

Da wir solches vernommen, meinten wir allesamt, daß er sicherlich in der Zahl oder Münze geirret, auch schienen uns die letzten wunderlichen Worte auf eine Störung seines Geistes zu deuten; bald aber sollten wir erfahren, daß sie im Gegenteil seines Berichtes Treue verbürgten, maßen er uns alsbald mit einiger Mühsal erklärte, sein Herr habe ihn genötigt, sich eines Hilfsmittels zu bedienen, damit er, falls sein Brief in Verlust gerate, jene Zahl mit keiner andern verwechsele. Auch sollte selbiges Mittel dazu dienen, uns zu vergewissern, daß der verlangten Summe unglaubliche Höhe keineswegs auf einem Irrtum des Boten beruhe. Zu selbigem Zweck hatt' er sich also die Namen der Heiligen Georg und Christina einprägen müssen, deren Tage auf den 24. April und 24. Julius des Kalenders fallen; denn auf vierundzwanzig belief sich die Zahl der Tausende, so als Lösegeld geheischt worden waren. Auch an zweimal die zwölf Apostel, an ein doppelt Dutzend und die Stunden eines Tages von Mitternacht bis Mitternacht hatt' ihm der Herdegen außerdem zu denken geboten.

Unerhört, sagte der Eppelein, müss' es ja männiglich dünken, und dannocht seien so viele tausend und nicht hundert Zecchinen von dem teuflischen Heidensultan gefordert worden, wie wir auch aus dem Briefe ersehen haben müßten.

Nachdem er sodann eine Weile gerastet, ließen wir ihn weiter reden, und nun erfuhren wir, daß der Sultanus willens gewesen, den Herdegen ohne jede Lösung freizugeben; auch habe er ihn dem gefangenen christlichen König Janus von Zypern, dem er damit sich gewärtig zu erweisen gedacht, eben zuführen lassen, wie die Ursula Tetzelin, die mit ihrem Gemahl zugegen gewesen, dem Sultanus zugeraunet, sie wolle ihn nicht eines großen Vorteiles berauben, sintemal der Christensklav dort – und damit habe sie auf meinen Bruder gewiesen – der reichsten Sippe ihres heimischen Landes entstamme, die, ohne es schwer zu empfinden, ein königlich Lösegeld für ihn zu zahlen vermöge, und das Gleiche gelte von seinem Genossen, dem Ritter Franz, der gleichfalls freigegeben werden sollte.

Hienach habe der Sultanus, dem es ohnehin trotz der gewaltigen Steuern, womit er den Handel belaste, immerdar an Geld mangele, den Herdegen und den Böhmen wieder abführen lassen und endlich die haarsträubende Forderung gestellt. Zuletzt habe die Ursula es aus freien Stücken auf sich genommen, des Sklaven Leute von des Sultanus Forderung zu unterrichten, und solches sodann tückischer Weise ganz unterlassen.

Von welchem Gewährsmann und Zeugen der Eppelein dies alles vernommen, ließ sich an jenem Abend nicht mehr erfragen, maßen selbiger Bericht ihn schwer ermattet; nur erfuhren wir damals noch, daß keine andere als die Ursula, die er fortwährend die Teufelin schalt, den Ueberfall veranlaßt, der meinem zweiten Bruder beinah' das Leben gekostet, doch daß er selbigen allbereit in einem Zustand verlassen, mit dem er, der Eppelein, gern tauschen möge.

War solches nun auch, was den Kunz anging, tröstlich, so rückte es dafür die Hoffnung auf des Herdegen Lösung in die Ferne oder gar in das Reich des Nie und Nimmer; denn wenn auch der Großohm über solche ungeheuere Summen verfügte, so fragte es sich doch, ob er sie zu steuern bereit sei, und was uns angeht, so hätten wir sie mit dem Unseren nimmer aufzubringen vermocht; denn ein Nürnberger Guldein und eine venedigsche Zecchine gingen schon damals an Wert nicht gar weit auseinander, und was hier zu Land vierundzwanzigtausend Guldein bedeuten, das mag derjenige ermessen, der da weiß, daß nur zwölf Jahre früher das Münzrecht der ganzen Stadt durch den Kaiser Sigismund dem Herdegen Valzner um viertausend Guldein rheinisch überlassen wurde, und daß der Herr Ulman Stromer selbst sein stattlich Wohnhaus hinter Unserer Frauen Kapelle samt den Häusern daran und seinem Anteil an dem des Rigler aus zweitausendachthundert Guldein anschlug.

Für eine Summe wie die geforderte ließ sich eine ganze Gasse auskaufen in Nürnberg, ja, das große Schloß Malmsbach an der Pegnitz hätte die Stadt jüngst für tausend Guldein rheinisch übernommen, wenn der Herr Ulrich Rummel, dem es zu eigen, ihr nicht zuwider gewesen. Uns aber war auferlegt worden, den Wert von zwei Dutzend solcher Schlösser zusammenzubringen! Es war eine wahnwitzige, nimmer erhörte teuflische Erpressung, und da Jung-Kubbeling davon vernahm, kehrte er das Wildkatzenfell nach außen und geriet in ein ungestüm Wettern und Toben.

Die Muhme erblaßte, wie sie die ungeheure Zahl nennen hörte, und auch sie war der Meinung, daß der alte Im Hoff, der in jüngster Zeit viel für Stiftungen und Gelöbnisse verausgabt, sich von solcher Summe nimmermehr trennen werde. Fünfzig und im höchsten Fall hundert Guldein für die Befreiung eines Christen und Landsmannes zu opfern, dazu wären die Reichsten unter den Geschlechtern vielleicht zu bewegen gewesen, aber hätten sich auch zwanzig so großmütig erwiesen, woran nicht zu denken, hätte mein Pathe Kristan Pfinzing, die Waldstromer und Hallersippe etwas Rechtes gesteuert und wir unserer gesamten Habe größere Hälfte geopfert, wären wir doch kaum auf vierundzwanzigtausend Zecchinen gekommen, wenn der Großohm nicht einsprang.

Da gab es denn nach all den hoffnungsfrohen Tagen die erste sorgenvolle Nacht, und es sollte ihr noch manche andere folgen und mir wiederum bewußt werden, daß ein Unglück nimmer allein kommt.

Wie so zuversichtlich hatt' ich gehofft, vor meinem Aufbruch um Mittag den Eppelein noch einmal zu sprechen und ihm mancherlei abzufragen; da ich aber zu ihm hinanstieg, begegnete mir der Meister Ulsenius mit verdrießlicher Miene und berichtete, der thörichte Gesell rede wieder irre. Da er sich nämlich gar so wohl und rüstig empfunden, hatt' er sein früher Feinslieb, der Muhme Gürtelmagd, wie sie allein bei ihm verblieben, so hold umschmeichelt, daß sie ihm mit ihr zu kosen gestattet, und bald darauf war das Fieber mit neuer Gewalt ausgebrochen.

Da ich hienach ins Freie trat, setzte sich im Hof ein Zeidlerfuhrwerk in langsame Bewegung. Die Schaffnerin winkte ihm nach, und auf der Plane grinste mir der Henneleinlein Antlitz höhnisch entgegen.

Seit ihrem schlimmen Verhalten hatten ihr die Pernharts das Haus gewiesen, auch war sie, da sie sich vermessen, den Schopperhof zu betreten, abgewiesen worden, und so sann sie uns sicher nichts Gutes.

Wie ich nun die Schaffnerin nach solchen Besuches Zweck und Absicht befragte, barg selbige ein Honigkrüglein unter der Schürze, so ihr die Alte als Liebung für die Kinder verehret, und gab mir zu wissen, die Frau Gevatterin sei in den Wald gekommen, um ihre Witwengabe an Honig einzutreiben, und da habe sie bei ihr gehalten, um ein wenig zu plaudern. Doch mit selbigem »wenig« schien es eine sonderbare Bewandtnis zu haben, maßen der Schaffnerin derbe Wangen wie eines Gimpels Brustfedern glühten.

Da drohte ich ihr denn mit dem Finger und fragte, ob sie der Alten böser Zunge nicht mehr verraten denn recht sei; sie aber verneinte solches mit großem Eifer.

Der Ritt in die Stadt, den ich am Nachmittag antrat, war auch nicht eben tröstlich; denn ein eisiger, mit Schnee gemischter Regen fiel strömlings vom Himmel. Je weiter wir kamen, desto schlimmer wurden die Wege, und dannocht hatte mich, da sich das Geleit vor der Stadt zum Heimritt wandte, eine sonderbar trutzige Zuversicht ergriffen.

Ob mich das Naß, so von mir und meinem wackeren Bayard niedertroff, so sonderbar erfrischet, oder ob der feste Vorsatz, den ich unterwegs gefaßt, alles einzusetzen, um den Bruder zu befreien, solches gewirket, weiß ich nicht zu vermelden; das aber ist mir wohl erinnerlich, daß wie ich in die dunkelen Straßen einritt, mir das Herz gar hochgemut pochte, und daß es, wär' ich ein Mann wie der Herdegen gewesen, mir wohl hätte beikommen können, mit dem ersten besten, der mir zuwider, Händel zu suchen.

So ging es weiter bis zum Hause des Großohms. Da sah ich von selbigem her einer Laterne Licht, dem Glühwurm zur Johanniszeit vergleichbar, über die Gasse schweben, und wie ich erkannt, daß es die Henneleinlein und keine andere war, von der es ausging, setzte ich das Roß, so bis dahin Schritt für Schritt durch den tiefen Kot der Straße gewatet, flugs in raschen Galopp und jagte, so hart es nur anging, mit dem Knechte hinter mir her an ihr vorüber. Und welch thöricht Genügen empfand ich, wie unserer Gäule Huf die Alte von oben bis unten bespritzte; war mir doch sicher bewußt, daß sie zu so später Stunde nur in des Großohms Haus geschlüpfet, um dort zu verraten, was sie etwa von der Frau Gevatterin auf der Forstmeisterei erlauschet.

So kam ich froheren Mutes heim denn ich erwartet, und nachdem die Sus vermeldet, daß die Base in der Küche nach dem Abendmahl sehe, schlich ich mich hinauf, wechselte behend die nassen Kleider, sandte den Knecht aus, um die Ann zu uns zu bescheiden, und stellte im Wohngemach den Alantwein zurecht, der immerdar die beste Arznei, wenn die Base einer Stärkung bedurfte.

Und meine Fürsorge war nicht vergebens gewesen; denn sobald ich ihr nach und nach und gleichsam mit kleinen Medizinlöffelein eingeflößet, was ich gestern erfahren, und endlich die gräßliche und unerhörte Zahl über die Lippen gebracht, schrie sie laut auf und faßte sich so angstvoll ans Herz, daß es mich ernstlich erschreckte.

Da kam denn der Alantwein zu Ehren; doch erst nachdem sie ihm mehrfach zugesprochen, gewann ihre Zunge die Kraft zurück, deutlich zu reden. Dafür blieb sie aber auch, nachdem sie einmal in Thätigkeit geraten, lange Zeit in schneller und, bei ungeduldigem und schier gottlosem Schelten, unaufhaltsamer Bewegung.

Nachdem sie sich also die Seele erleichtert, begann sie, wie der Leu im Käfig, auf der nämlichen Diele hin und wider zu wandeln und dabei sich alles ins Gedächtnis zu rufen, was sie und wir an irdischem Gute besäßen, und zu erwägen, wie es möglich sein werde, es in Gold zu verwandeln. Doch das Ergebnis war wenig tröstlich; denn just wie mit der Waldstromer Habe stund es auch mit der ihren, und diese Zeit der Hussitengefahr erwies sich als höchst ungünstig, wo es galt, liegenden Grund zu verkaufen, und ihr bester Besitz waren Häuser und Felder, sowie etliche Weinberge bei Würzburg.

Von vornherein, und als verstehe sich solches von selbst, war sie entschlossen, das Eigene, ja auch den Schmuck, herzugeben bis aufs letzte, und da sie mit gutem Grunde annahm, daß ich dem Herdegen zu liebe ebenso zu handeln gesonnen, fragte sie mich gar nicht, sondern fügte im Geiste das mir von Vater und Mutter anerstorbene Schoppergeschmeide hinzu, und begann sodann zu zählen und sich zu verzählen, zu rechnen und wieder zu rechnen. Auf elftausend Zecchinen ließ sich vielleicht kommen, wenn alles verkäuflich, doch unser Anerstorbenes lag auf dem Vormundschaftsamte, und selbiges war, wie ihr sicher bewußt, kein Pfund Heller auszuliefern berechtigt, ohne des Herdegen und Kunz eigener und wohlbeglaubigter Erlaubnis. Mit dem Meinen stund es nicht besser, maßen das Unsere noch nicht zur Teilung gekommen, und man Häuser und Gründe noch nicht geschätzet. So konnt' ich auf die Auslieferung des Meinen lange Zeit warten, zumal die Herren vom Vormundschaftsamt für das Waisengut in ihrer Hand mit dem Eigenen haftbar.

Da kamen wir denn wieder auf den Großohm zurück, und nachdem sie beteuert, selbiger werde gewißlich bereit sein, die Hälfte des verlangten Sündengeldes für einen Gott so wohlgefälligen Zweck zu steuern, während das andere sich mit unserem und der Freunde Beistand schon aufbringen lasse, begann sie an die Zukunft zu denken. Je länger sie es aber that, und auch noch nachdem die Ann sich zu uns gesellet und alles erfahren, desto fröhlicheren Mutes zeigte sich die Base; ja hätte man ihr glauben mögen, wär' es ein weit gemächlicher und ergötzlicher Ding gewesen, in ärmlicher Beschränkung denn im Ueberfluß zu leben, und dabei erinnerte sie mich, wie sie und ich uns so manchmal, wenn die Mannsbilder auswärts gespeiset, aus eitel Leckerei mit einem süßen Brei und dergleichen begnüget, und uns willig des teueren Fleisches enthalten. Von den vielen Knechten und Maiden habe man nichts denn Aergernis, und da sie neulich die Brigitt aus dem Hause gewiesen, sei sie vor lauter Verdruß mit knapper Not einem Fieber entronnen. Das Suslein bleibe uns schon treu; es werde die Armut getrost mit uns teilen, und das Treppauf-Treppab gereiche ihren eigenen alten Füßen schon längst zum Untrost.

Der Magister sei ein wohlbehaltener Mann, und fall' es ihm sauer, sich von uns zu trennen, so könnten wir ihn gern, wenn er es sich mit uns in ihrem kleinen Haus am Gras-Plätzlein, so dem Roßmüller vermietet, genügen lasse, als Kostgänger behalten. An gutem heimischem Tuch sei kein Mangel in Nürnberg, und geb' es nicht immerfort an neuen Putz zu denken, so sei das für unserer armen Seelen Heil ein wahrer Gewinn. Was mich angehe, würden vielleicht der Werber weniger werden, aber wer einmal anbeiße, der denke dafür nur an die Gred, wie sie stehe und gehe. Alles in allem meine sie, seien wir der Ursula und dem verruchten heidnischen Sultanus zu Dank verpflichtet, wenn wir um ihretwillen aus dem schädlichen Ueberfluß in gottgefällige Dürftigkeit gerieten.

Die Ann war von der gräßlichen Höhe des Lösegeldes weit weniger denn wir in Entsetzen geraten, weil die Gewißheit sie immerfort felsenfest beseelte, der Himmel habe sie und den Herdegen für einander bestimmt und werde sie endlich doch zusammenführen. Dazu hatte sie guten Grund, auf den Ohm und seine Hilfe zuversichtlich zu bauen; denn ein Brief des Herrn Kardinals besagte, daß er ihr wie früher so auch jetzt nur raten könne, der Stimme ihres Innern zu folgen, und so werde er unserer Fahrt in die Ferne kein Hindernis bereiten, wohl aber wünsche er dringend, wir möchten den Aufbruch bis zu seiner baldigen Rückkehr verschieben. Dem Freiherrn Im Hoff dürfe sie vermelden, daß er bereit sei, seinen Wunsch zu erfüllen, wenn er auch hoffe, ihn bei seiner Ankunft in besserem Wohlsein zu finden.

Mit solcher frohen Botschaft war sie alsbald zu dem Großohm gekommen, und sie hatte ihn so hoch gehoben und tief innerlich getröstet, daß es wirklich den Anschein gewann als solle sich des Herrn Kardinals Hoffnung bewähren. Wie sie nun in der Frühe des heutigen Tages wiederum bei ihm vorgesprochen, schien ein gar seltsam Wesen über ihn gekommen; denn er hatte sie mit großer Aufmerksamkeit und als hinge daran für ihn das Höchste, ausgeforschet, was sie über des Herrn Kardinals Lebensweise, seines Amtes einzelne Pflichten und dergleichen mehr in Erfahrung gebracht, und wie sie ihm hienach berichtet, ihr sei von alledem zwar wenig bewußt, doch habe sie aus seinem Munde vernommen, er sei dem heiligen Vater zu besonderem Danke verpflichtet, weil er ihn zum Vorsteher der Almosenkasse erhoben und ihm dadurch Gelegenheit geboten, manches gute Werk zu verrichten, war solches dem Großohm absonderlich genehm erschienen.

Wie sie sich endlich zum Aufbruch gerüstet, hatte er seinem Leibknecht geboten, den Herrn Notarius Holzschuher vom Rat zu ihm zu bescheiden und dabei zu vermerken, daß er zween zum Schweigen vereidete Zeugen mit sich führen möge. Beim Abschied hatt' er gar gelacht und geschmunzelt und ihr zugeraunt, seine Eminenz der Herr Kardinal werde mit dem alten Im Hoff zufrieden sein, und sie auch und ihr Herzliebster.

Das alles gab uns zu denken und war geschickt, uns den guten Mut zu stärken; nur lastete es auf uns beiden, daß der Aufbruch um etliche Wochen hinausgeschoben werden sollte.

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