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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Elftes Kapitel.

Des Herdegen Brief hatte das Feuer verzehret, der des Akusch aber war an mich gerichtet und enthielt nicht viel anderes denn Danksagungen und Versicherungen der Treue, die mir galten, seiner »vielteueren Herrin«, sowie Grüße an die Base, die ihn stets mit gerechter Strenge zum Guten angehalten, und jedes Mitglied des Hauses.

Nur die Nachschrift brachte eine Kunde von größerem Belang; denn sie lautete also:

»Versichert und geschworen sei noch meiner gnädigen Herrin, daß die Meinen des Herrn Kunz warten als sei er daheim im eigenen Hause zu Nürnberg. Seine Wunden sind schwer, doch treue Pflege und Gottes des Barmherzigen Beistand werden sie heilen. Es gebricht ihm an nichts. Was des Herrn Herdegen Lösung angeht, so stellet sich ihr vieles entgegen. Hätte Gott der Allgütige meinen geehrten Vater nur noch wenige Wochen auf seiner großen Höhe erhalten, wäre ihm eines jeglichen Sklaven Lösung ein Kleines gewesen, nun aber haben ihn Feinde und ungerechter Argwohn in den Kerker gestoßen. O, daß Gott der Allweise auch so arge und übele Menschenkinder geschaffen wie seine Widersacher und das schändliche Weibsbild, so euch unter dem Namen der Ursula Tetzelin vielfach begegnet. Doch durch des Herren Herdegen Brief habt ihr allbereit das Nähere erfahren, und so werdet ihr wohl verstehen, daß eueres gehorsamen Dieners täglich Gebet von dem Höchsten erflehet, es möge euch glücken, einen weisen und mächtigen Herren hieher zu senden, auf daß er uns helfe; denn die Arglist und Wut der Feinde ist so groß wie ihre Macht. Sie sind Leuen und zugleich giftige Schlangen!«

Selbiges Schreiben, so ich von Fehlern gesäubert, maßen es mir, der Lehrerin des Briefstellers, zu geringer Ehre gereichet, war mit dem Namen Akusch gezeichnet; dahinter aber stund zu lesen: Ibn Tagri Verdi al-Mahmudi, was so viel besaget wie: Akusch, Sohn des Tagri Verdi al-Mahmudi.

Vor Sonnenaufgang waren wir wieder auf der Forstmeisterei und fanden dort die Muhme Jacoba weit ruhiger denn wir erwartet, sintemal ihr nicht nur der Hausherr kurze Nachricht gesandt, sondern ihr auch alles genau mitgeteilt worden war, was uns zurückgehalten; denn Jung-Kubbeling hatte sich, obzwar ihn die Frau Aebtissin zur Tafel geladen, heimlich davongemacht, um Botendienst zu verrichten, maßen ihm der Gedanke an die schwer besorgte Frau keine Ruhe unter den Schmausenden gelassen.

Mit dem Eppelein stund es weder besser noch schlechter; doch an seiner Statt wußte uns der mit allen Händeln der Welt vertraute kaiserliche Rat Herr Windecke, der in unserer Abwesenheit die anderen Weibsbilder und voran die Base Metz durch weidliche Unterhaltung baz für sich gewonnen, etwas, so uns in des Akusch Briefe unverständlich gewesen, aufs beste zu deuten; denn da ich ihm selbigen wies, fuhr er erstaunt in die Höhe und versicherte, der Tagri Verdi al-Mahmudi, der meines Knappen Vater, sei der fürnehmste Feldhauptmann des Heeres gewesen, das die Streitmacht von Cypern geschlagen und den König Janus dem Sultanus zu Altkair als Gefangenen eingebracht habe. Ja, er wußte uns auch zu vermelden, was es mit dem Sturz jenes Tagri Verdi auf sich habe; denn durch einen zyprischen Edelmann, der an den Hof des Kaisers gekommen, um selbigen anzugehen, für die Lösung des gefangenen Königs Janus zu sorgen, hatte er Folgendes vernommen: Als es des Akusch ruhmreicher Vater zugleich mit dem jetzigen Sultanus Burs Be zum Rang eines Mamlukenführers gebracht, waren beide während eines Krieges in Gefangenschaft und in den nämlichen Kerker geraten. Dort hatte Tagri Verdi eines Nachts geträumet, sein Genoß Burs Be werde später auf den Thron erhoben werden, und ihm solches gekündigt. Als selbige Wahrsagung sich dann erfüllet und Burs Be Sultanus geworden, war Tagri Verdi schnell von Stufe zu Stufe gestiegen und hatte als großer Emir und Feldhauptmann seines Gebieters herrliche Siege erfochten. Sein Gebieter überhäufte ihn auch mit Ehren und Schätzen, bis er erfuhr, der frühere Genoß habe zum andernmale geträumet, und diesmal, daß es ihm selbst beschieden, den Thron zu besteigen. Da war großes Bangen über den Sultanus Burs Be gekommen, also daß er den siegreichen Feldhauptmann in den Kerker geworfen und manche besorgten, er werde auch seines Lebens nicht schonen.

Doch der Herr Windecke wußte noch mehr zu berichten, und wie wir durch ihn erfuhren, daß der Kaiser Sigismund wegen seines leeren Schatzes nichts für die Lösung des Königs Janus zu thun vermöge und die von Venedig selbige in die Hand nehmen würden, überkam uns neues Bangen; denn solches mußte dem hohen Ansehen, dessen die Republik allbereit längst im Aegypterland genoß, und damit auch dem des Giustiniani, ihres Konsuls, neuen Vorschub leisten; damit aber ward es auch der Ursula, seiner Hausfrau, gegeben, alles Uebele, so sie gegen den Herdegen im Sinn trug, mit größerer Sicherheit ins Werk zu setzen.

Still und niedergeschlagen begaben wir uns zur Ruhe, und nachdem wir lange keinen Schlaf gefunden, rang es sich mir über die Lippen: »Mein arm, lieb Kunzlein! Im heißen Mohrenlande wund und verlassen darniederliegen, o Ann, das muß hart sein!«

»Hart!« wiederholte sie leise. »Doch ein freiem Mann, und noch dazu ein so hochgemuter wie der Herdegen, als Sklav eines ungläubigen Heiden, fern von allem, was ihm lieb, für jeden widerspenstigen Blick gestäubt und gescholten; o Gred, Gred, dergleichen auch nur zu denken!« – Dabei erstickte ihr die Stimme, ich aber sprach ihr zu und zeigte ihr, daß wir des Dankes voll zu sein hätten, weil wir doch endlich wüßten, daß unsere Liebsten am Leben.

Hienach ward es still in der Kammer; mir aber kam wiederum in den Sinn, daß des Akusch Gebete erflehten, ein weiser und gewaltiger Herr möge von Nürnberg kommen, um den Feind zu bewältigen, und nun zermarterte ich mir das Hirn, wen wir aussenden könnten, um der Brüder Sache zu führen, doch immer vergebens; denn keiner, der mir in den Sinn kam, mochte Nürnberg auf so lange Frist verlassen oder war geschickt für solche Sendung.

Wer von uns zuerst den Schlaf fand, weiß ich nicht zu vermelden, doch als ich am Morgen erwachte, hatte die Ann allbereit die Kammer verlassen, und während die Sus mir beim Zöpfen half, gewann das, was ich bei Nacht geplanet, festere Formen, und mit einem großen Entschluß, der mir das Herz schneller bewegte, begab ich mich hinunter.

Wie ich den Soler betrat, bot sich mir wach ein ähnlicher Anblick wie gestern morgen im Halbschlaf; denn statt auf den Uhlwurm hatte die Ann es diesmal auf Jung-Kubbeling gemünzet. Wie jenem stund sie jetzt diesem gegenüber, blickte ihm traut in die Augen und hielt seine große Hand in der ihren; ja, auch da sie mich wahrnahm, ließ sie ihn nicht los und rief mit heller, von Dank erfüllter Stimme: »So bleibt's denn dabei, Vater Seyfried, und thut Ihr mir den Willen, dann kommen wir zum Ziele, und Euer Leben lang werdet Ihr solchen guten Werkes fröhlich gedenken.«

»Hat sich was mit dem ›fröhlich‹,« versetzte der andere. »Wenn ich nicht der größte Narr bin von Venedig bis Island, will ich nicht Kubbeling heißen. Kenne mich selbst kaum wieder! Doch unbesorgt! Mein Wort bleibet stehen, wenn mich auch während der winterlichen Fahrt das grausame Reißen . . .«

»Vor dergleichen wahren Euch die Heiligen bei solcher Gutthat,« versicherte die Ann; »und faßt es Euch dannocht, mein lieb Vaterlein, so wart' ich Eurer wie die leibliche Tochter. Und nun nochmals die Hand und tausend und abertausend Dank!«

Da reichte ihr der Kubbeling mit trübseligem Gebrumm und dannocht schmunzelnd die Rechte, und die Ann hielt sie fest und rief mir zu: »Du bist Zeuge, Gred, daß er mir den Willen zu thun verheißen. O Gred, fortfliegen möcht' ich!«

Und wirklich hätte man meinen mögen, es seien ihr Flügel gewachsen, und aus den Augen leuchtete es ihr gar fröhlich und dankbar; ich aber hatte allbereit bei ihren ersten Worten erkannt, wozu sie Jung-Kubbeling geworben, und solches mußte mich wie ein Wunder dünken, sintemal ich allbereit in der Nacht ganz Aehnliches im Schilde geführet und während des Zöpfens beschlossen, den nämlichen Seyfried Kubbeling anzugehen, mir in das Aegypterland das Geleit zu geben; denn wem wäre wohl der Weg dahin besser vertraut gewesen! Doch die Ann war mir zuvorgekommen, und weil ich es auf der Treppe laut werden hörte, fand ich nur noch Zeit, ihr zuzurufen: »Wir reisen, Ann, es ist beschlossene Sache!«

Da schaute sie mir erst verwundert und dann mit einem zustimmenden, glückseligen Lächeln ins Aug' und versetzte: »Du hast auch auf dergleichen gesonnen, ich weiß es. Ja, Gred, wir reisen.«

Weil nun die anderen eben herbeigeströmt kamen, behielt ich nur Zeit, ihr schnell die Hand zu drücken; nachdem aber die meisten in den Rebenter gedrungen, wo die Morgensuppe allbereit auf der Tafel dampfte, blieben außer der Base Metz nur der Waldohm und der Ohm Kristan mit uns zurück.

Da fragte jener den Braunschweiger, ob er in der That heute aufzubrechen gedenke, und selbiger versetzte, nein, wenn anders der Herr Reichsforstmeister ihm noch Herberge vergönne und in einen Anschlag willige, zu dem man ihn soeben geworben.

Da reichte ihm der Ohm die Rechte und rief, je länger er es sich bei ihm gefallen lasse, um so besser.

Hienach begann er mit einiger Neubegier nach dem Anschlag zu fragen; ich aber nahm die Erklärung auf mich und berichtete kurz, wir hätten bei Nacht überlegt, wen wir wohl den Brüdern zu Hilfe senden möchten, und mit der Morgensonne sei uns das rechte Licht aufgegangen, und da wir auch einen treuen und erfahrenen Geleitsmann gefunden, hätten wir beschlossen . . .

Hier unterbrach mich Base Metz, die sich mir mit offenen Ohren genähert, mit einem lauten und banglichen »Was?« Ich aber schaute ihr fest in die Augen und fuhr unbeirrt fort: »Was wir beschlossen, Base, das stehet, – damit Du und ihr es im voraus wisset, – das stehet so fest wie die Burg auf dem Felsen. Und es sei Dir und euch anderen mit Gunst vermeldet, daß ich diesmal keinem gestatten will, mir die Wege zu kreuzen. Kurz denn und bündig: Ich, die Gred, und mit mir die Ann, wir fahren unter des Kubbeling Geleit ins Aegypterland und gen Altkair!«

Da fuhr die wackere Alte mit einem Aufschrei zusammen, und indes der Braunschweiger des Rebenters Thür anzog, damit uns die anderen nicht hörten, brach sie mit glühenden Augen schier außer sich los: »Das, das also habt ihr beschlossen! Der Jungfrau Dank, daß Beschließen und Vollbringen nichts weniger denn eins sind. Meinet ihr, ihr hättet die Liebe für die beiden da drunten in Pacht oder zu Lehen? Als wären andere nicht ebenso willig bereit, das Beste für sie zu opfern! Doch, Kopf durch die Wand hat den Schädel zerrannt! Was einer Maged nicht ziemt, davon laß sie die Finger! Ein gar zu aberwitziger Einfall! Daß er Dir durch den Schopperkopf geflogen, ist ja kein Wunder, doch die Ann, die bedachtsame Ann! Ob man von dergleichen zu unserer Zeit auch nur geträumt haben würde, Herr Vetter? Da stehen sie, zwei ehrbare Nürnberger Jungfrauen, die man nach dem Ave Maria nicht allein ins Nachbarhaus gehen läßt! Und das will aufs Meer in die aschgraue Fremde, mitten hinein in den Rachen der gräßlichen Christenschinder und Heiden!«

Dabei schlug sie laut in die Hände und schalt nach einem hellen Gelächter, so ihr doch nicht vom Herzen kam, weiter: »Neu wenigstens wär' es und das erstemal, daß dergleichen jung würde in Nürnberg!«

Doch des ganzen heiligen römischen Reiches Widerstand und Spott hätten die Ann so wenig wie mich zum Weichen gebracht, und so versetzte ich laut und entschieden: »Alles, was gut und recht ist in Nürnberg, herzliebe Base, das hat sich daselbst immerdar einmal zum erstenmal begeben, und daß wir fahren, ist recht und gut, und so bleibt es dabei!«

Da wich Base Metz verdutzt von mir zurück und maß uns eine nach der andern mit einem fragenden Blicke und so nachdenklichem Wesen, als mühe sie sich ab, ein dunkeles Rätsel zu lösen.

Dann begann ihr die gewaltige Brust auf und nieder zu steigen, und wer sie kannte, dem mochte es mit nichten entgehen, daß etwas Großes und Besonderes in ihr vorging. Wie sie aber hienach das schwere Haupt hin und her wiegte und die Fäuste hart auf die Hüften stemmte, da hielt ich mich eines jachen und erschrecklichen Sturmes gewärtig, und auch der Waldohm schaute ihr mit bänglicher Erwartung ins Antlitz; doch es dauere lang, bis er herfürstob.

Wie aber ward mir, als sie endlich die Hände von den Seiten löste und indem sie mit der rechten in die linke schlug, daß es dröhnte, aufbegehrend und dabei dannocht mit schalkhaftem Frohmut und feuchten Augen herfürstieß: »Wenn denn alles Gute und Rechte immerdar einmal zum erstenmal geschehen muß in Nürnberg, dann soll man in dieser guten Stadt gewahren, daß eine grauköpfige Alte mit dem Zipperlein im Zeh von der Pegnitz über das Meer fährt und zu den greulichen Heiden in Altkair! Euere Hand her, Jung-Kubbeling, und die eueren, ihr Mägede. Wir sind Wandergenossen. Abgemacht! Punktum und Streusand darüber!«

Da schrie die stille Ann laut auf und warf sich erst der Base um den Hals und dann auch mir und dem Waldohm; selbiger aber stund da wie vor den Kopf geschlagen, und ebenso mein Herr Pathe Kristan. Beiden widerstund es, unsere Freude zu trüben, doch der Ohm Pfinzing brummte alsbald, unser Anschlag sei eitel jugendlicher Fürwitz, Narretei und dergleichen.

»Jedenfalls ein ungelegt Ei, so lange meine Hausfrau nicht den Senf zu der gepfefferten Brühe gegeben,« versicherte der Waldohm und verließ uns, um der Muhme unwillig zu künden, was die Weiberköpfe da drunten für närrisch Zeug zusammengebraut.

Auch der Kubbeling schüttelte in aller Stille den schweren Kopf; denn er wußte, daß gegen die Gestrenge droben schlecht aufzukommen.

Er und Base Metz hatten immerdar mit dem Ohm Kristan in gutem und fröhlichem Einvernehmen gestanden, heute aber war ihm ein Hase über den Weg gelaufen; denn weder gönnte er jenen einen Blick noch fand er ein Wort für sein Herzblatt, die Ann, und wie er sich endlich einigermaßen zurecht gefunden, polterte er mit so rotem Haupt und so voller Ingrimm herfür, daß wir besorgten, ein neuer Schwindel könne ihn treffen: der Kubbeling wie die Base sollten sich schämen, maßen sie nicht wie besonnene Alte, sondern wie ein Paar junger Obenhinaus zu handeln gedächten. So ging es weiter, bis es dem Braunschweiger zu viel ward, und er plötzlich in großem Unmute ausrief, was er uns verheißen, sei sicherlich nichts weniger denn weise, ja es werde ihm nichts daraus erwachsen denn Schaden, doch selbiger treffe ihn allein, und er nehme ihn auf sich, und wenn der Herr Pfinzing noch fragen könne, aus was Ursach' und Absicht, möcht' es ihm leid thun; denn seines Wissens stünden auch ihm die unglückseligen jungen Herren Schopper um ein weniges näher denn der Mann im Monde. Er hüte sich sonst klüglich, für andere die Haut zu Markte zu tragen, bei diesem Handel aber scheine selbige ihm keineswegs zu teuer; denn gegen die Arglist der Tetzelin, der fürnehmen Hexe im Aegypterland, vermöge weder der beste Wille noch die stärkste Faust etwas auszurichten, vielmehr bedürfe es dazu eines feineren Kopfes als des groben Dinges, so ihm der Herrgott auf des Halses Stümpflein gefüget. Er habe sich aber gelobet, der Teufelin das Spiel zu verderben. Unsere treufeste Minne und klugen Häuptlein würden ihm den Bestand schon leisten, des er bedürfe. Auf die Base setze er das Zutrauen, mit dem Leibhaftigen selbst ein Tänzlein zu wagen, wenn die Not es erheische. Uns allesamt wohl zu schützen, dazu fühle er sich Mannes genug. Nun kenne der Herr Pfinzing seine Meinung, und wenn er noch ein Mehreres zu erfahren begehre, werde er ihn bei den Pagelunen finden, mit denen der Uhlwurm heute noch ohne ihn aufbrechen solle.

Damit kehrte er den anderen den Rücken und verließ mit harten Tritten das Zimmer; auf der Schwelle aber wandte er sich noch einmal um und rief: »Doch was Ihr auch im Sinn führet, Herr Pfinzing, reinen Mund gehalten, auch gegen die dort beim Frühmahl, schon wegen der Tetzelin-Natter; denn der Wind fliegt schneller als wir über die Pfütze!«

Bei selbiger Rede hatte der Ohm Kristan die Gelassenheit wiedergefunden und folgte dem Kubbeling so schnell wie es ihm seines Leibes große Fülle erlaubte, und zwar mit nichten, um weiter mit ihm zu grollen.

Die anderen, so beim Frühmahl saßen, hatten zum guten Glück nichts von unserem Handel vernommen, maßen der Herr Windecke so viel Neues zu berichten wußte, daß aller Ohren an seinem Munde hingen, der wiederum über dem Reden des Speisens vergaß.

In der Base Metz waren zwar bei den ungestümen Worten meines Herrn Pathen etliche Bedenken erwacht, doch selbst ein gewaltsamer Einspruch wäre nicht im stande gewesen, sie von etwas, so ihr als gut und recht eingeleuchtet, abwendig zu machen; nur überließ sie es uns mehr als gern, mit der Muhme Jacoba selbigen Handel ins reine zu bringen.

So stiegen wir denn zu ihr hinauf, doch vor der Kemenate wollte der Mut uns schier sinken; denn durch die Thür vernahmen wir des Ohms unwillige Rede und dazwischen jenes Lachen der Muhme, dessen sie sich gern bediente, wenn ihr etwas zu Ohren kam, so sie als widersinnig zurückwies.

»Und wenn sie nun Nein sagt?« fragt' ich die Ann.

Da breitete sich selbiger ein gar trüber und schmerzlicher Schleier über das Antlitz, und es klang kleinmütig genug, wie sie versetzte, dann freilich sei alles vorbei und eine schöne Hoffnung verdorret; denn sie schulde der Frau Waldstromerin weit mehr als sie ihr je heimzahlen könne, und was sie wider ihr Verbot unternehme, das werde gewiß nicht zum Guten gedeihen.

Da hörten wir die Muhme abermals lachen, und nun faßt' ich mir ein Herz, drückte auf die Klinke und schritt der Ann voraus in die Kemenate.

Doch wenn wir allbereit draußen geringe Hoffnung geheget, so ging sie uns drinnen völlig verloren; denn der Ohm stund bei unserem Eintritt hart vor der Muhme, also daß er uns den Rücken kehrte und unsern Eintritt nicht wahrnahm, und schon seiner Haltung merkte man an, daß er baz aufgebracht und verdrossen; auch zitterte ihm die Stimme wie er mit heftigem Achselzucken und hochgehobener Hand ausrief: »Hirnverbrannt und unziemlich zugleich ist solcher Anschlag!«

Weil ich aber jetzund unsere Anwesenheit zum drittenmal durch lautes Husten kenntlich machte, nahm er uns wahr, wandte uns das hochgerötete Antlitz entgegen und rief uns ärgerlich zu: »Da seid ihr ja selber, und wie es auch kommt, das wenigstens soll noch gesagt sein: wenn das Elend hereinbricht, ich wasche die Hände in Unschuld!«

Damit schritt er hastig der Thür zu und hatte den Arm schon erhoben, um sie mit aller Macht zuzuwerfen, als ihm das Siechtum der Frau Liebsten in den Sinn kam und er den offenen Flügel behutsam an sich zog, und die Klinke leis aus der Hand ließ.

Nun stunden wir der Muhme Jacoba gegenüber und trauten weder Augen noch Ohren, da sie uns beide Arme weit öffnete und mit strahlenden Augen und froh erregter Stimme ausrief: »Hieher, her zu mir, Kinder! O, Ihr lieben, Ihr guten, Ihr prächtigen Mägede! Warum bin ich ein so alt, gefesselt, bresthaft Weibsbild! Warum kann ich nicht mit Euch!«

Schon auf ihren ersten Ruf hatten wir uns beide neben sie auf die Kniee geworfen, und nun drückte sie unsere Häupter inniglich an sich, küßte uns Mund und Stirn und rief dann mit überströmenden Augen: »Ja, Kinder, ja, so ist's brav und das Rechte! Mut und Treue sind doch nicht erstorben in der Nürnberger Weibsbilder Herzen. Wie so tausendfach oft hab' ich selbst den Anschlag geschmiedet, auf und davon zu ziehen, dem schlimmen, dem lieben, dem trutzigen Flüchtlinge, meinem Götz, nach, wohin es auch sei, über Berge und Meere ans Ende der Welt. Aber ich, ich elendes Jammergerippe! Doch was der Alten versagt war, das erfüllt jetzt die Jugend, und die Jungfrau und alle Heiligen werden Euch schützen! Und der Kubbeling, Jung-Kubbeling, der wackere, treufeste Seyfried! Daß Ihr mir ihn alsbald heraufführt! So rauh und so gut! Auch mein Alter muß poltern und toben, und zuletzt wickelt ihn sein schwach und bresthaft Nichts von einem Weiblein doch um den Finger. Laßt mich nur machen, und haltet euch getrost seines Segens versichert!«

Am Nachmittag zog der Uhlwurm mit dem Wagen voller Pagelune von dannen, um sie gen Frankfurt zu führen, wo des Kubbeling Aeltester mit neuen Falken des Vaters harren sollte. Doch bevor der grämliche Graukopf aufs Roß stieg, raunte er der Ann zu: »Schaffet, trauteste Maged, daß der Seyfried mir gestattet, mich Euerem Geleit ins Aegypterland zu gesellen, und ich wirke Euch einen Zauber, der Euch den Herzliebsten sicher zurückgibt, dafern er noch nicht . . .« Hier wollt' er sein altes »Hin!« rufen; doch er bezwang sich und hielt es zurück.

Jung-Kubbeling blieb auf der Forstmeisterei zurück, und was den Waldohm angeht, so erwies sich bald, wie sehr die Muhme mit der Meinung über ihn im Rechte; denn da wir in die Stadt zurückkehrten, hatt' es ganz das Ansehen, als ob er und seine Hausfrau von Anfang an der gleichen Meinung gewesen; ja, unser Entschluß ward ihm immer genehmer, je fester sich die Ansicht in ihm bestärkte, unseren klugen Frauenköpflein werde es glücken, seinen landfremden Sohn wiederzufinden und ihn heim zu locken in den väterlichen Forst.

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