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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Zweites Kapitel.

So verrann unsere Kindheit, wie ich allbereit vermeldet, in gar fröhlicher Weise, und während die Brüder die Schützen längst hinter sich gelassen und den Donatus traktirten, lehrte Base Metz mich lesen und schreiben, und das unter vielem Lachen und in gar ergötzlicher Weise. So buk sie zum Exempel von jedem Buchstaben deren vier aus süßem Honigteig, und wenn ich sie wohl behalten, gab sie mir die putzigen A-, B- und C-Küchlein, und einen davon aß ich selbst, die anderen aber gab ich den Brüdern, der Sus oder der Base. Oftmals steckte ich auch etliche zu mir, um sie mit in den Wald zu nehmen und sie dort dem Lieblingsrüden oder dem Kreuzschnabel meines Vetters Götz zu bieten, da er selbst das Süße verschmähte. Von ihm und dem Forste hab' ich noch mancherlei zu berichten, und schon früh war es mein bester Lohn, wenn es hieß, daß es in den Wald gehen werde; denn dort hausten von unseren Blutsfreunden die liebsten und treuesten, der Ohm Waldstromer mit den Seinen. Das Stattliche Weidmannshaus, so er als des Reiches und der Stadt Oberforstmeister im Lorenzerwalde bewohnte, bot mir der Freuden mehr denn jedes andere, maßen es dort nicht nur den Wald gab mit all seinem herrlichen Zauber, sondern auch, außer vielen Rüden, mancherlei selten Getier und andere Kurzweil, die den Stadtkindern fremd bleibt.

Aber was mir von alledem das Liebste, das war des Waldstromerpaares einziger Sohn, für dessen Hund ich meine süßen Lettern bewahrte; denn wenn Vetter Götz mir auch an Alter um elf volle Jahre überlegen, so übersah er mich dannocht mit nichten, und bat ich ihn nur, mir dies und das zu zeigen oder mich in den leichteren Künsten des Weidwerkes zu unterweisen, so ließ er um meinetwillen auch ältere stehen.

Seit ich im sechsten Jahre mit einem scharlachnen Sammetmützlein in den Forst gekommen, pflegte er mich sein »Rotkäpplein« zu rufen, und solches hörte ich fast gern, und von allen Knaben und Jünglingen, so mir unter des Bruders Freundschaft und sonst begegnet, schien mir keiner dem Götz nur das Wasser zu reichen; auch war mein unschuldig Kinderherz ihm so treulich zu eigen, daß ich ihn täglich mit einschloß in mein Gebetlein.

Bis dahin war es stets drei- oder viermal im Jahre auf etliche Wochen hinaus in den Forst gegangen; nachdem ich aber das neunte Jahr überschritten, wurde ich in die Schule gegeben, und weil es die Base ernst damit nahm, sintemal sie wußte, daß der Vater selig viel auf ein tüchtig Wissen gehalten, kam es seltener zu solchen Besuchen; auch hätte es die gestrenge Frau, die meinem Unterrichte fürstund, nimmer geduldet, einer Kurzweil zu liebe der Arbeit Ernst zu durchbrechen.

Schwester Margret, oder gemeinhin »die Karthäuserin«, hieß das seltene Weibsbild, so sie mir zur Lehrerin erlesen. Sie war der frömmsten und gelehrtesten eine, stund als Priorin dem Kloster der Karthäuserinnen vor, und hatte zehn große Choralbücher und anderes mehr geschrieben. Obzwar ihres Ordens Regel das Reden verbietet, war es ihr dannocht verstattet, Unterricht zu erteilen.

O, wie hab' ich gezittert, da mich Base Metz in ihr Kloster führte!

Gewöhnlich stund mir das Zünglein nicht still, es sei denn, daß der Herdegen sang oder mir vorträumte, wie er es zu halten gedenke, wenn er sich zum Kanzler oder zum Feldhauptmann des Reichsheeres aufgeschwungen und eines Grafen oder Fürsten Töchterlein in sein hohes Schloß geführt haben werde. Dazu war der freie Wald mir zur zweiten Heimat geworden, und nun führten sie mich in das Kloster, wo das Schweigen ringsum mich drückte wie ein allzu knapp Mieder. In dem weiten Vorsaal, wo ich verblieb, stunden mancherlei Sprüche auf Latein an den Wänden, und am häufigsten unter einem Totenschädel dieser: »So sauer es fällt, als Karthäuser zu leben, so süß ist's, als solcher zu sterben.«

In einer Nische stund der Gekreuzigte, dem so viel licht, scharlachrot Blut von der Dornenkrone und aus den Wunden niedertroff, daß sein heiliger Leib mehr denn zur Hälfte damit bedecket, und mir bei seinem Anblick so angst ward, o, ich kann's nicht beschreiben. Und dabei verblieb es, wie eine Nonne nach der andern durch den Saal huschte, stumm und gesenkten Hauptes, mit auf der Brust gekreuzten Armen, und ohne nur ein Auge auf mich zu werfen.

Es war im Mai, der Tag schön und freundlich, doch mich begann hier zu frieren, und mir wurde zu Sinn, als sei der ganze Lenz verblüht, und als habe ich plötzlich verlernt, zu lachen und mich zu freuen. Da schlich sich eine Katze heran, sprang hart neben mich auf die Bank, krümmte den Buckel und wollte sich an mir reiben; ich aber, die sonst gern mit den Tieren spielte, wich zurück, da sie mich mit den grünen Augen sonderbar anfunkelte, denn plötzlich packte mich die Angst, sie werde sich in einen Werwolf verwandeln und mir ein Leids thun.

Da öffnete sich die Thür, und an der Seite der Base trat eine Frau in Nonnentracht herein, die jene wohl um eines Hauptes Länge überragte. Ein so hoch Frauenbild hatt' ich nimmer geschaut; doch die Nonne war dabei ganz schmal, und ihre Schultern mochten kaum breiter sein denn die meinen. Auch fiel sie bald zusammen, und so, mit krummem Rücken und vorgebeugtem Haupte, hab' ich sie später gewöhnlich gesehen. Sie sagten, ihr Rückgrat sei siech, und beim Schreiben, das sie auch nächtlicherweile betrieb, habe sie die geneigte Haltung gewonnen.

Zuerst wagte ich es nicht, zu ihr auf und ihr ins Antlitz zu schauen; denn die Base hatte mir gesagt, bei ihr gelt' es fleißig sein, und Müßiggang bestehe nimmer vor dem scharfen Blick ihrer Augen; dem Vetter Götz Waldstromer aber war der lateinische Spruch bekannt gewesen, mit dem sie all ihre Schriften begann: »Sieh zu, daß der Satan dich nie müßig finde!« Dies Wort fuhr mir jetzt wieder durch den Sinn, ich fühlte, daß ihr Auge fest auf mir ruhte, und wie schrak ich zusammen, da ihre kalten, spitzen Finder sich wir plötzlich an die Stirn legten und mein gesenktes Haupt nicht unsanft, aber entschieden zwangen, sich in die Höhe zu richten.

Da schlug ich die Augen zu ihr auf, und wie ward mir, als ich in ihr mager und bleich Antlitz schaute und darin nichts fand, denn lauter freundliche Güte.

Und nun fragte sie mich mit einer leisen, fast klanglosen, doch gar sanften Stimme, wie alt ich sei, wie ich heiße und was ich allbereit vermöge. Das that sie in ganz kurzen Sätzen, in denen kein Wort zu wenig oder zu viel, und so hat sie es auch später beim Unterricht gehalten; denn obzwar ihr der Dispens das Reden gestattete, behielt sie doch stets im Gedächtnis, daß am Jüngsten Tage Rechenschaft gefordert werde von jedem Wort, so die Lippe gesprochen.

Zuletzt erwähnte sie auch meiner Eltern selig, aber sie sagte nur: »Vater und Mutter sehen Dich immer, drum sei brav in der Schule, auf daß sie sich an Dir freuen. Morgen und alle Tage um sieben Uhr früh.«

Damit gab sie mir einen ganz leisen Kuß aus den Scheitel, verneigte sich stumm vor der Base und wandte uns beiden den Rücken. Mir aber war es, da ich hienach draußen rüstig fürbaz schritt und den blauen Himmel und das Wiesengrün wieder sah, die Vögel singen und die Kinder jubeln hörte, als sei mir eine Last von der Brust genommen, aber auch als fühle ich noch immer den Kuß der hohen, stillen Nonne und als habe sie mir damit etwas verliehen, so mir zur Ehre gereiche.

Am folgenden Morgen that ich den ersten Schulgang, und während es sonst nur den Pathen obliegt, den Kindern, bevor sie solchen antreten, Zuckerdüten zu senden, bekam ich dergleichen von vielen Gevattern und anderen aus unserer Freundschaft, weil ich doch in ihren Augen nur ein unglücklich Waislein.

So dacht' ich denn mehr an meinen Reichtum und wie ihn verteilen, als an Schule und Lernen, und wie mir die Base, um mich vor Hoffart zu wahren, nur eine Düte ins Ränzlein legte, schob ich eine zweite, besonders kleine, die von der reichen Frau Großin kam und feinere Näscherei enthielt, denn alle anderen, heimlich in das Täschlein, so mir vom Gürtel herabhing.

Unterwegs schaute ich nach den Leuten aus, und ob sie auch bemerkten, wie weit ich schon gediehen, und das kleine Herz schlug mir schneller, da mir vor der Rotschmiede des Meisters Pernhart der Vetter Götz begegnete, der aus dem Forst in die Stadt verzogen, um hier in der Losungsstube das Rechnungswesen zu lernen. Nachdem er uns recht frohgemut begrüßet, zog er mich am Zopfe und ging seiner Wege; mir aber war es, als bedeute mir selbige Begegnung das Beste.

In der Schule sollt' ich freilich dergleichen Thorheit hurtig vergessen; denn unter den sechzehn Schülerinnen der Schwester Margret stund ich hinter vielen zurück, nicht an Wuchs, denn für mein Alter war ich von artiger Größe, wohl aber an Jahren und Wissen; und solches mußt' ich allbereit in der ersten Stunde erfahren.

Fünfzehn von uns gehörten zu den Geschlechtern, und heute am ersten Schultag waren wir alle sonntäglich und gar sauber angethan in seinem florentinischen oder flandrischen Wollstoff und mit schön gezwickelten farbigen Strümpfen. An den Handsäumen der engen Aermel und im viereckigen Ausschnitt am Halse trugen wir geklöppelte Spitzen; keiner fehlte das seidene Band an den Zöpfen, und bei fast allen glänzte im Ohr und an der Brust oder am Gürtel ein gülden Spänglein. Nur eine stach durch Schlichtheit scharf ab von den anderen; denn wenn an ihr auch alles sauber und zierlich, stak sie doch nur in einem Gewande von geringem, grauen heimischen Stoff.

Bei ihrem Anblick mußt' ich alsbald des Aschenbrödels gedenken, doch wie ich ihr dann ins Antlitz und auf die Füße schaute, ob die einen wohl sonderbar klein und das andere so anmutsvoll wie im Märchen, da nahm ich an gar feinen, zarten Knöcheln die artigsten Schühlein wahr, und ein so holdselig und dazu fremdartig Antlitz meint' ich nimmer gesehen zu haben. Ja, sie schien aus einer anderen Welt zu stammen wie wir Schülerinnen alle; denn wir waren sämtlich blonde und braune, blau- und grauäugige Mägede mit gesunden rot und weißen Gesichtern; das Aschenbrödel aber hatte gewaltig große dunkle Augen unter der schmalen Stirn mit sonderbar langen, seidig feinen Wimpern, und volles kohlschwarzes Haar fiel ihr in schweren Zöpfen auf den Rücken.

Die Ursula Tetzelin galt bei den Buben für die schmuckste von uns allen, und es war mir wohl bewußt, daß mein Bruder Herdegen es gewesen, der ihr das Sträußlein am Mieder heut in der Frühe zugesteckt hatte, weil er sie für seine »Dame« und die Schönste erklärte; doch wie ich sie neben der andern sah, wollt' es mich dünken, als sei sie von geringerem Stoffe.

Uebrigens war mir die Neue fremd, während ich die anderen allesamt kannte, und nun mußt' ich mich eine volle Stunde gedulden, bevor es zu fragen anging, wer das holdselige Aschenbrödel sei; denn Schwester Margret hielt uns scharf im Auge, und so lang ich ihre Schülerin war, durfte keine wagen, während des Unterrichts zu plaudern oder andere Kurzweil zu treiben.

Endlich in der Zwischenpause fragte ich die Ursula Tetzelin, die schon ein Jahr zu der Karthäuserin ging. Da warf selbige die rote, volle Unterlippe verächtlich auf und versetzte, die »Neue« sei uns aufgedrängt worden und gehöre mit nichten hieher. Schwester Margret, die doch selbst einem adeligen Hause entstamme, habe vergessen, was sie uns und unseren Sippen schulde, und die graue Fledermaus aus Barmherzigkeit zu uns gesellet. Ihr Vater sei nur Schreiber am Vormundschaftsamt und besorge das Rechnungswesen des Klosters umsonst oder für ein Geringes. Er heiße Veit Spieß, und sie, die Ursula, habe von ihrem Vater vernommen, der Schreiber sei nur eines Lautenisten Sohn und müsse sich kümmerlich nähren. Anfänglich sei er als Handelsknecht zu Venedig gewesen. Dort habe er ein welsches Weib gefreit, von der all die Schreiberskinder, und es seien ihrer viele, die schwarzen Teufelshaare und Augen bekommen. Um ein »Gott lohn's!« sei die Ann uns Töchtern adeliger Geschlechter aufgedrängt worden; »doch wir anderen,« schloß die Ursula, »beißen sie heraus; Du wirst es ja sehen!«

Solches erschreckte mich baz, und ich versetzte, das würde ja bös sein und könne mir nimmer gefallen; die Tetzelin aber erwiderte lachend, ich sei noch gar grün, und wandte sich dabei dem Fensterbrett zu, worauf alle Neuen ihre Düten ausgeschüttet hatten, wie es der Princeps oder die Erste geboten; denn das Zuckerwerk, so die Novizen am ersten Schultage mitbrachten, war an selbigem, gemäß einer alten Sitte, Gemeingut.

Die ganze Schar drängte sich dicht um den wachsenden Berg der Näschereien, und auch ich stund allbereit unter den anderen, wie ich bemerkte, daß des Schreibers Ann, das Aschenbrödel, ganz allein und gesenkten Hauptes neben dem großen Kachelofen im Hintergrunde des Zimmers stund.

Da eilte ich denn ungesäumt an ihre Seite, drückte das Dütlein der Frau Großin, so ich mir heimlich in die Tasche geschoben, ihr verstohlen in die Hand und raunte ihr zu: »Ich hatt' ihrer zwei, Annelein; rasch, rasch, und schütt es mit aus!«

Da schaute sie mich mit den großen Augen fragend an, und wie sie sah, daß ich's treulich meine, nickte sie mir zu, und in ihrem feuchten Blicke lag etwas, so ich nimmer vergesse, und auch das ist mir im Gedächtnis verblieben, daß es mir, wie die Düte aus meiner in ihre Hand überging, war, als sei nicht sie, sondern ich die Beschenkte.

Hienach überreichte sie der Ersten gelassen und schweigend, was sie von mir empfangen, und schien den Spott nicht zu merken, den die Kleinheit der Düte hervorrief. Aber bald ging der Hohn in Genügen und eitel Lobpreisung über; denn aus dem Dütlein des Aschenbrödels fielen so feine Näschereien auf den Haufen nieder, wie sie keine andere gebracht, und darunter sogar ein Fläschlein Rosenöl aus der Levante.

Erst mit einem besorgten Blick auf mich, dann aber völlig gelassen, hatte die Ann all diese Herrlichkeiten erscheinen sehen, wie aber das Rosenöl ans Licht kam, ergriff sie es mit sicherer Hand, um es mir zu reichen.

Da rief die Ursula: »Nein! Was die Neuen da bringen, wird zu gleichen Teilen verteilt!« Doch die Ann legte die Rechte auf meine Hand, die das Glas allbereit ergriffen, und versetzte bestimmt: »Dies Fläschlein geb' ich der Gred, und dem andern entsag' ich.«

Da war denn auch keine, die ihrem Verlangen widersprochen hätte; und wie die Ann sich sträubte, mitzuschmausen, war jede bestrebt, ihr aufzudrängen, was ihr doch zukam.

Wenn Schwester Margret in den Schulraum trat, verlangte sie uns in bester Ordnung und voller Ruhe zu finden, und während wir sie still erwarteten, flüsterte die Ann mir zu, als ob sie sich zu rechtfertigen wünsche: »Ich hatte auch eine Düte, doch bei uns daheim sind noch vier Kleine.«

Vor dem Kloster wartete die Base, um mich nach Haus zu geleiten, und da ich mich anschickte, Hand in Hand mit der neuen Freundin fürbaß zu schreiten, sah sie das schlicht gekleidete Kind von oben bis unten an, und zwar nicht eben freundlich. Hienach trennte sie meine Hand von der ihren, und solches ging vor sich, als ob es durch Zufall geschähe; denn sie trat zwischen uns, wie um mir das Käpplein gerade zu rücken. Endlich machte sie sich auch mit meiner Halskrause zu schaffen und flüsterte mir dabei fragend ins Ohr, wer das sei?

Da versetzte ich: »Das Annelein;« und wie sie weiter nach dem Vater forschte und ich erwiderte, sie sei eines Schreibers Tochter, und dann fortfahren wollte, sie weidlich zu preisen, unterbrach mich die Base, faßte mich bei der Hand, und indem sie der Ann zurief: »Grüß Gott, Kind; ich und die Gred haben Eile,« wollte sie sich rasch mit mir entfernen; ich aber suchte mich von ihr zu befreien und begehrte auf und rief mit dem ungestümen Trotz, der mir damals immerdar eigen, wenn ich glaubte, daß man nicht gelten lasse, was mich recht und billig dünkte: »Das Annelein soll mit uns!«

Doch das Schreiberkind hatte auch seinen Stolz und erwiderte fest: »Sei gehorsam, Gred; ich kann auch allein gehen.«

Da schaute die Base ihr näher ins Antlitz, und alsbald gewannen ihre Augen den schönen, milden Glanz wieder, der mir an ihnen so lieb war, und sie begann nun selbst die Ann nach ihren Leuten zu fragen.

Da erhielt sie denn schnelle und doch bescheidentliche Antwort, und als die Base erfuhr, ihr Vater sei der Schreiber des Vormundschaftsamts, von dem sie viel Rühmliches vernommen, ward sie immer gütiger und sanfter, und wie ich sodann der Ann Händlein von neuem ergriff, ließ sie's geschehen, und weil wir uns trennten, küßte sie ihr die Stirn und gab ihr auch einen Gruß mit an den wackeren Herrn Vater.

Wie ich endlich mit der Base allein war und ihr zu wissen that, ich sei dem Schreiberkind hold, und es verlange mich nach keiner lieberen Freundin, versetzte sie bedenklich: »Kleine Mägede dürfen nur Umgang haben mit solchen, deren Mütter einander in ihr Haus laden würden. Gedulde Dich, bis ich mit Schwester Margret geredet.«

So schwebte ich, wie die Base am Nachmittag ausging, in gar banger Erwartung; doch sie kehrte heim mit der rühmlichsten Auskunft, und hienach ward die Ann meine Freundin, an der ich bald so fest hing wie an den Brüdern. Wer aber von uns beiden das Beste dadurch gewann, wäre schwer zu sagen; denn wenn ich in ihr eine Vertraute fand, die ich jegliches teilen lassen konnte, was für der Base und der Brüder Ohren nicht taugte, und allem voran mein kindisch Wohlgefallen an dem Vetter Götz aus dem Forste, so bot ihr mein Herz und unser Haus eine friedliche Ruhestätte, wenn es sie nach den schweren Pflichten zu rasten verlegte, die sie allbereit in jungen Jahren auf sich genommen.

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