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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Achtes Kapitel.

Der Herr Kardinal hatte Nürnberg wieder verlassen, und zwar auf lange Zeit, maßen er mit Aufträgen von seiten Seiner Heiligkeit des Papstes betraut war, die ihn über Köln und Flandern bis nach England führten. Weil es ihm nun nicht vergönnet, die Ann in eigener Person mit sich zu führen, hegte er den Wunsch, sie wenigstens im Bild zu besitzen, und so verschrieb er dazu einen wohlberufenen Meister der Malerzunft von Venedig.

Selbigem Künstler sollten wir nun manche gute Stunde verdanken; denn der Giacomo Bellini war ein gar frohgemuter, vieler italienischen Lieder kundiger Jüngling, der uns die Zeit wohl zu vertreiben verstund, indessen wir ihm still zu halten hatten; denn auch ich mußte ihm sitzen, sintemal Base Metz es also begehrte und dazu dem Maler mein Blondhaar arg in die Augen gestochen.

Weil selbiger nun keines Wörtleins der deutschen Sprache mächtig, mußten wir auf italienisch mit ihm verkehren, und solche Uebung gereichte mir zu großem Genügen; es konnte aber auch schwerlich einen besseren Lehrmeister geben als den Giacomo Bellini; denn er legte es kecklich darauf ab, mir Kopf und Herz zu verdrehen, und es wär' ihm solches auch baz geglücket, wenn er nicht gleich anfangs verraten, daß er daheim ein lieb jung Weiblein gelassen, und mir der Sinn allbereit nach neuer Minne gestanden.

Immerhin sollt' ich durch ihn erfahren, eines wie leichten Anstoßes es bedarf, um der Männer Treue zu Fall zu bringen, ja wenn ich der Ann und des Herdegen, des Giacomo, der doch auch ein gottbegnadeter, wackerer Gesell, und seiner jungen Frau Liebsten gedachte, wollt' es mich dünken, als habe das Weib, dem die Minne eines Mannes mit beflügeltem Geiste zu teil wird, solch hohes Glück bisweilen mit großer Seelennot und Herzenspein zu erkaufen.

Dannocht denk' ich herzlich gern des frohen, an schalkhaftem Spiel und mancher Neckerei überreichen Verkehres mit dem welschen Maler, und nachdem ich ihm einmal deutlich und kräftig gewiesen, daß das Herz einer Nürnberger Jungfrau kein Tand oder Spielzeug, und daß selbst ihre Lippen ein Heiligtum, so sie dem künftigen Gemahl rein zu bewahren schuldig, ging zwischen uns alles aufs beste.

Das Bildnis der Ann, das der Giacomo zuerst vollbrachte, stellt sie dar als heilige Cäcilie, die der Musika lauschet, welche von droben her an ihr Ohr dringt. Auf lichtem Gewölk ihr zu Häupten schweben nämlich zwei liebreizende Engelein, so zum Klange der Mandoline und Geige Loblieder singen. Also hatte der Herr Kardinal es verordnet, und das Werk gelang so fürtrefflich, daß, wenn es die Heilige von ihrer himmlischen Höhe des Anschauens gewürdigt, es ihrem Herzen sicherlich genehm war.

Was mein Bildnis angehet, hatt' ich zuerst beschlossen, mich in dem pfirsichfarbenen Brokatgewand mit den silbernen Delphinen darstellen zu lassen, weil ich selbiges zu jener frühen Stunde getragen, da mir der Hans auf unseres Hauses Schwelle das letzte traute Lebewohl geboten. Wie ich aber an einem kalten Morgen mit einer roten Pelzkappe und dem mit Zobel verbrämten grünen Mantel von gleichem Stoffe in die Werkstatt kam, bestund der Herr Giacomo darauf, mich so und nicht anders zu malen.

Erst dacht' er mich als Kirchengängerin zu schildern, dann aber fand er, daß er meine Besonderheit nicht recht zu treffen vermöge, wenn er mich mit gesenktem Haupte und Blick darzustellen habe. So gab er mir denn den Falken auf die Hand, den mir mein Bräutigam weiland verehret. Den Blick hielt ich in die Ferne gerichtet, als harre ich des Reihers, also daß ich einer Jägerin gleichsah; »der keuschen Diana«, sagte der Maler und gedachte dabei der Abweisungen, so er oft genug erfahren. Es ließ sich aber auch schwer beschreiben, in wie verschiedentlicher Art und Weise der erfinderische Künstler solche herfürrief. Da mein Bildnis allbereit halb vollendet, hatte er zum Exempel dem Falken auf meiner Hand sein eigen froh Antlitz gegeben, so mit zärtlich schmachtendem Blick zu mir aufsah.

Nachdem ich nun hienach, wie er sich von ungefähr entfernet, auf einem leeren Fleckchen vor seinem Antlitz den Namen seiner Hausfrau daheim mit dem Rotstift geschrieben und darunter eine Rute gezeichnet, brachte er mir am nächsten Tage ein gar sauber gestellt Sonettlein, das ihm nicht so leicht verziehen worden wäre, hätt' er es nicht so bescheidentlich überreicht und mit gar so wohllautender Stimme verlesen. Es ging aber also:

»Auf dem Olympus, wo die Götter wohnen.
Die Erd' und Himmel allgewaltig leiten,
Seh' ich die höchste Gottheit aller Zeiten,
Den Jupiter an Junos Seite thronen.

Ein hohes Liebespaar! In allen Zonen
Begegnet wohl das Auge keinem zweiten;
Zu seinem Heiligtum die Völker schreiten,
Und Fürsten neigen stumm vor ihm die Kronen.

Doch ewig kann auch sie kein Band vereinen;
Der Gott enteilt der Göttin, und als Schwan
Wird er der Schönheit Ledas unterthan.

Und ich, seh' ich dein lichtes Auge scheinen,
Ade, mein Heim. Und auf des Gottes Bahn
Treibt es zu dir, Erhabenste, mich Kleinen.«

Ob ich nun auch selbigem Sonett sonder Auflehnung bis ans Ende gelauschet, hab' ich dem Giacomo doch hienach ein gar erzürnt Antlitz gewiesen, und das Blatt, worauf es stund, in zwei Stücke gerissen und hinter den Ofen geworfen. Auch ließ ich nicht von meinem gekränkten und aufgebrachten Ansehen, bis er mich gar demütiglich um Vergebung gebeten. Doch nachdem ich ihm solche erteilet und er die Werkstatt verlassen, hab ich – daß ich's gestehe – die Fetzen des Papieres gesammelt und in der Gürteltasche verborgen. Auch will mich's bedünken, als hätt' ich es damals geflissentlich nur in zwei Stücke gerissen, damit mir später das Zusammenfügen besser gelinge. Heute noch liegt es bei anderen Angedenken in meiner Truhe; dagegen aber mein' ich, daß der Giacomo das Sonett, so er am folgenden Morgen auf der Staffelei fand, mit geringerer Sorgfalt verwahrte. Es ging aber also:

»Das war der Hans, – ihm wollt's behagen
Wie weiland Jupiter mit klugen Tücken
Holdsel'ge Menschentöchter zu berücken;
Der süße Lohn ließ ihn das Schwerste wagen.

›Ade,‹ so rief er, ›Weib! beginnt's zu tagen,
Sind überschritten schon die ersten Brücken.
Beglückt sein will auch ich, will hoch beglücken,
Als Schwan wie Jupiter nach Liebe jagen.‹

Ein Zauber wandelt ihn, – und da ein Kranz
Das Haupt ihm zierte, wähnt' er, daß ihm fehle
Nichts, was bestricken mag des Weibes Seele, –

Und zu der schönen Leda flog der Hans.
Die sah ihn an und lacht aus voller Kehle:
›Du wirst ein Brätlein geben, hübsche Gans!‹«

Aber völlig unerwidert lassen konnte der Giacomo selbige Verse nicht, und heute noch nimmt man, wenn man näher hinschaut, auf meinem Bildnis einen Gänsekopf wahr, der aus dem Gebüsch im Hintergrunde tief beschattet, aber doch kenntlich herfürschaut.

Trotz vieler kleiner Fehden solcher Art blieben wir einander dannocht hold; auch will ich bemerken, daß wie ihm im folgenden, das ist im vierzehnhundertsechsundzwanzigsten Jahre nach des Herren Geburt, ein Knäblein geboren ward, so sich später unter dem Namen Giambellini, das ist Hans oder Giovanni Bellini, als ausbündiger Maler herfürthat, ich, die Gred Schopperin, berufen ward, es über die heilige Taufe zu halten. Und ich bin ihm alleweil eine treue Pathin verblieben, also daß selbiger Künstler es nicht am wenigsten dem Einfluß der Meinen danket, wenn er am Fondaco der Deutschen zu Venedig mit einem Amte betraut ward, des andere walten, das ihm aber heute noch jährlich etliche hundert Dukaten abwirft.

So wurden besagte Bildnisse vollendet, und seh' ich das meine an, wie es so gar frohgemut und doch sehnsüchtiglich aus dem breiten Rahmen hinausschaut, so mein' ich, der Giacomo habe in dem Buch meiner Seele gelesen und, was er darin gefunden, gar trefflich wiederzugeben verstanden; denn ich war in der That zu jener Zeit ein glückselig jung Menschenkind, und das Bangen und Sehnen, so mir bisweilen um der Verlorenen willen und ich weiß selbst nicht, um was sonst noch, das Herz befiel, war nur der Schatten, an dem es ja nirgends fehlt, wo es Licht gibt. Auch hatt' ich alle Ursach', mich froh und dankbar zu fühlen; denn ich war gesund wie die Forelle im Bach und fand Gelegenheit genug, die bescheidenen Gaben und Kräfte zu brauchen, so mir zu eigen.

Was den Herdegen angeht, so gereichte es uns zu großem Trost, daß der Herr Kardinal Bernhardi seine Sache nunmehr zu der eigenen gemacht und von Rom aus der Geistlichkeit in der Levante geboten, Erkundigungen nach ihm einzuziehen.

Neun Monde waren zu des hohen Prälaten Fahrten bestimmt gewesen, und weil allbereit fünf davon verronnen, freuten wir uns herzlich auf seine Rückkehr; doch es gab einen zu Nürnberg, der solche noch eifriger denn wir ersehnte, und das war mein Großohm, der alte Herr Im Hoff.

Wohl hatte selbiger, wie vermeldet, als Vormund uns zum Danke verpflichtet, doch an meiner Liebe war ihm nimmer viel gelegen gewesen, ich aber konnte seiner lange Zeit kaum anders denn mit stillem Groll gedenken. Jetzund war es indes so grausam elend um ihn bestellt, daß ein steinern Herz durch seinen Anblick erweicht worden wäre.

Da führte mich denn die Barmherzigkeit zu ihm, obzwar es eine Pönitenz war, bei ihm zu verweilen.

Der alte Freiherr, – denn selbigen Titels freute er sich in der That, seitdem er dem Schatz des Kaisers eine beträchtliche Summe vorgeschossen, – der Greis, welcher früher ein freventlich, augenfällig Spiel mit falscher Buße getrieben, also daß er auch armen Almosenempfängern, die sich zuvor gar sorglich gesäubert, an etlichen Feiertagen die Füße gewaschen, war nun, da ihn Siechtum und Tod in vollem, schrecklichem Ernst antraten, redlicher bedacht, sich durch fromme Uebungen das Himmelsthor zu erschließen. Den Sarg, dessen er sich vormals als Lager bedienet, hatt' er freilich auf des Meisters Ulsenius Geheiß mit einer gemeinen hölzernen Bettstatt vertauschet, doch es duldete ihn nicht in derselben, und gewöhnlich mußte er die schlaflosen Nächte im Sorgenstuhle verbringen und von ihm aus die wunden Füße in einer Wanne bergen, der er in einem letzten Reste von Eitelkeit einer Perlmuschel Gestalt und Farbe gegeben. Doch das Ruhen im Sarge und das Spiel mit dem Tode gingen ihm nach; denn war er immerdar bleich gewesen, so bot er jetzt den Anblick eines Verstorbenen. Das Blut schien ihm erstarrt in den Adern, und es fror ihn immerdar so hart, daß der große Apostelofen sowie der weite Kamin ihm gegenüber Tag und Nacht mit gewaltigen Scheiten gespeist werden mußten.

In solcher grausamen Hitze begann mir allbereit auf der Schwelle die Stirn zu perlen, und blieb ich länger, so verging mir der Odem. Des Siechen Sprache war zum Lallen geworden, und was uns der Meister Ulsenius von dem Herd seiner Leiden und wie es ihn langsam zu Tode nage, berichtet, des will ich lieber geschweigen. Statt des Faschingspieles der Fußwaschung nahm er jetzund schmerzliche Kasteiungen auf sich, und es gab wenige Heilige im Kalender, denen er nicht allbereit bei Lebzeiten Gaben gestiftet.

Ein Dominikanerbruder war immerfort bei ihm, um den Schapel für ihn abzubeten und ihm andere geistliche Dienste zu leisten, und dannocht quälte ihn besonders bei Nacht eine grausame innere Unruh'.

Gegen solche nun schützte ihn am besten die Gegenwart freundlicher Frauen; doch von allen denen, die er an manchem Christabend so reichlich beschenket, kehrten wenige wieder, nachdem sie einmal in seine glühende Marterkammer geschaut, und thaten sie es dannocht, so geschah es nur auf Kommen und Gehen.

Am längsten von allen hielt Base Metz bei ihm stand, wenn sie auch nach jedem Besuch manchen Gläsleins herzstärkenden Liquoris bedurfte.

Was mich betrifft, so untersagte sie mir immer, wenn ich mit fahlen Wangen von dem Großohm heimkam, des Alten Schwelle zum andernmal zu übertreten; kam aber seine Ladung wiederum an mich, dann ward auch in ihr die Barmherzigkeit mächtig, und sonder Widerrede ließ sie mich ziehen.

Aber hätt' ich nicht, dank den Heiligen, zu den Stärksten gehöret, wären mir die häufigen langen Besuche bei diesem Kranken sicher zum Schaden gediehen; denn Leib und Seele hatten gleich schwer bei selbigen zu dulden. Es war nämlich, als hätte dem sonst so schweigsamen Greise das Leid die regungslose Zunge geschmolzen, und wie er sich früher über jedermann erhoben, machte er sich jetzund klein vor dem Geringsten. Jeden, des er habhaft werden konnte, berief er zum Vertrauten seines Elends und schilderte ihm, was er an Leib und Seele ertrage. Zwar hatte ihm der Beichtiger verboten, über das Leid zu murren, womit der Himmel ihn strafte, doch wehrte ihm keiner, das zu beklagen, was sein sündhafter und eitler Sinn vormals verschuldet. Ach, und diese Selbstanklagen waren so zahlreich und schrecklich, daß man seiner Versicherung glauben mußte, was er Gutes gethan und erfahren, sei wie begraben, und nur das Böse, so er vollführt und erlitten, wohlauf und mächtig über ihn verblieben. Der Totschlag, den er unversehens in hastiger Selbstvergessenheit begangen, falle ihm bei Nacht auf die Seele wie die verruchteste Blutthat, und jeden Augenblick, den ihm seines Weibes Falschheit verbittert, bis zu der Stunde, da er erfahren, daß sie ihn auf dem Sterbebette verwünschet, er durchlebe ihn Nacht für Nacht zum andernmal. Dabei schlug er die abgezehrten Hände, durch die das Licht schien, vor das von Thränen triefende Antlitz, und nur wenn ich dann nicht zu bergen vermochte, wie gewaltig mich der Jammer erfaßte, ward er stiller und gewann ein zufriedenes Ansehen.

Doch nachdem ich wieder und wieder das Gleiche vernommen, hörte es auf, seine volle Wirkung zu üben, also daß ich zuletzt statt der großen Barmherzigkeit nur noch dumpfe Trübnis und, daß ich's bekenne, unsägliche Langeweile verspürte. Damit versagten mir denn auch die Thränen, und das Tüchlein fuhr nur noch an das Antlitz, um den gähnenden Mund und das Fläschlein zu bergen.

Dadurch verloren denn meine Besuche an Wert für den alten Büßer, und endlich ließ er oft Wochen vergehen, ohne mich zu sich zu entbieten.

Wie nun die Gemälde vollendet und er vernommen, daß sie gar köstlich gelungen, und er des weiteren erfraget, der Herr Kardinal gedenke in nicht zu ferner Zeit heimzukehren, geriet er in sonderbare Bewegung und begehrte die Bildnisse zu schauen, und zwar auch das der Ann. Solches aber nahm mich nicht wunder, maßen er schon längst des Töchterleins des Ratsherren Ulman Pernhart in allem Glimpf gedachte, ja mich sogar aufgerufen, Vergessen und Vergeben für einen alten Sterbenden von ihr zu erwirken.

Wie wir, so waren auch die Pernharts wohl geneigt, ihm den Willen zu thun, und nachdem man an einem Mittwoch die Bildnisse zu ihm getragen, suchte ich ihn am Donnerstag auf, um zu sehen, wie sie ihm behagten. Da fand ich denn mein Konterfei in einer Ecke, also daß es seinem Blick kaum erreichbar; das der Ann aber stund ihm grad gegenüber, und wie ich die Schwelle betrat, hingen ihm die Augen daran, als schwelgten sie im Anblick einer Heiligen des Himmels. Auch schien er so versunken, daß er erst von dem Bildnisse fortsah, wie der Dominikanerbruder ihn anrief.

Da warf er mir einen kurzen Gruß zu und fragte, ob ich mich wohl noch erinnere, daß wir ihm als einem getreuen Vormund zu Dank verpflichtet? Weil ich nun solches bejahet, raunte er mir mit einem scheuen Blick auf den Dominikaner zu, der Herr Kardinal sei der Ann sicherlich recht inniglich hold, da er, um ihres Bildnisses teilhaftig zu werden, einen so ansehnlichen Malermeister gen Nürnberg berufen.

Weil mir nun noch nicht bewußt, wohin er mich mit solchen Fragen zu leiten gedachte, bestätigte ich nur seine Vermutung mit aller Fürsicht; er aber schaute abermals, doch noch scheuer und mißmutiger denn vorhin, auf den Mönch und flüsterte mir schnell und kaum vernehmbar ins Ohr: »Der da hinten trinket mir heimlich den alten Malvasier und Cyperwein aus. Und die anderen hier, selbst die Herren Plebani, – weißt Du, wie weltlich sie gesonnen und niedrig? Statt das Kreuz auf sich zu nehmen und in heiliger Askese den Leib verdorren zu lassen, pflegen und hegen sie ihn wie verlorene Heiden. Sind das heilige, in des Gekreuzigten Nachfolge wandelnde Priester? Was sie mir zuführet, sind meine Gelübde und Gaben! O, ich kenn' sie, kenne sie alle, so viel ihrer sind hier in Nürnberg. Wie die Stadt, so die Pfaffen! Wer kasteiet sich hier? Blüht hier ein glänzender Hofhalt? Um eines wahrhaft hohen Prälaten Segen teilhaftig zu werden, gilt es nach Bamberg fahren oder nach Würzburg. Was können unsere rotwangigen Priesterlein der Jungfrau und den hohen Heiligen gelten? Der Fleischmann, der Hellfeld, selbst der Prior der Dominikaner, wer sind sie? Hinter dem Bischof von Chiemsee und Eichstädt hatten sie herzugehen auf dem Reichstag! Bei den Privilegien, Bündnissen und Händeln der Stadt, da freilich haben sie die Hand mit im Spiele. Nichts Lieberes wissen sie sich – und der Fleischmann allen voran – denn die Politika, und als Botschafter lassen sie sich übergern versenden. Mir, dem Handelsherrn, sind sie baz nützlich gewesen, wo es galt, das Geleit der Fürsten und Ritterschaft mir zu sichern; doch meiner Seele letztes Geleit, meines ewigen Teiles Wohl und Weh ihnen allein in die Hände geben; – nein, nein, und abermals nein! Denn, Gred, ein großer Sünder bin ich gewesen. Zu meiner Lösung und Rettung bedarf es stärkerer Kräfte, eines mächtigeren Fürspruchs, und da, meine Gred, ist es mir – Du hörst doch? – ist es mir wie des Himmels eigenste Fügung erschienen, daß . . . Wann, sagst Du, daß sie Seine Eminenz den Kardinal Bernhardi zurückerwarten aus England?«

Da begriff ich denn wohl, worauf es hinausging, und weil ich erwidert, daß er in drei oder vier Monden hier anzulangen gedenke, seufzte er enttäuschet: »Erst – erst in drei Monden, sagst Du?«

»Vielleicht auch noch später,« unterbrach ich ihn eifrig; doch er rief, des Dominikaners vergessend, als sei er besser unterrichtet: »Nein, nein, in dreien! Du hast es gesagt!«

Dann senkte er wiederum die Stimme und fuhr zuversichtlich fort: »So lang muß es, wird es auch halten mit der Heiligen Hilfe, wenn ich . . . O, es bleibt mir genug, um Großes zu stiften. Mein Besitz, Gred, das Gut, so mir eignet . . . Es ahnet ja keiner, was ein klug geleiteter Handel in einem halben Jahrhundert . . . Ja, Gred, ja, ich sage Dir, ich halte aus und kann warten. Zwei, drei Monde längstens, wie schnell sie vergehen! Je älter man wird und je einförmiger man lebt, desto rascher entfliehen die Tage.«

Da hatt' ich nicht mehr das Herz, zu wiederholen, daß er auch noch länger zu warten haben könne, und weil ich bemerkte, wie schwer es ihm fiel, frei herfürzutreten mit seinem Gewerbe, leistete ich ihm Beistand, und da kam es denn zu Tage, daß er nichts Sehnlicheres wünsche, als aus der Hand des Kardinals die letzte Oelung und Absolution zu empfangen.

Es war, als sei er der Meinung, Seiner Eminenz Gnadengesuch werde ihm droben um so viel besser frommen denn das unserer schlichten Plebani, die nicht einmal das bischöfliche Pallium erworben, wie eines Kurfürsten Fürwort des Kaisers Ohr offener findet denn das eines bescheidenen Rates. Auch schmeichelte es wohl seiner Hoffart, unter dem Geleit eines Prälaten in Purpur dieser Welt den Rücken zu kehren.

Da verhieß ich ihm denn, seine Sache durch die Ann bei dem Herrn Kardinal führen zu lassen, er aber gab mir den Wunsch zu erkennen, selbige bei sich zu begrüßen; denn schon ihres Bildnisses Anschauen habe ihm besseren Trost gespendet als des Meisters Ulsenius kräftigste Tränke. – Er könne nicht hingehen ohne ihre Vergebung und ohne sie mit Mund und Hand gesegnet zu haben.

Zuletzt wies er auch auf mein Bildnis und sagte, so wohl es auch gelungen, könne er seinen Anblick doch nicht lange ertragen; denn es schaue so kerngesund und hoffnungsfroh in die Weite, daß es ihm dabei sei, als spotte es seines Elends. Dann legte er mir ans Herz, ihm die Ann bald zu senden. Für jede Stunde, die sie früher komme, sollten ihr die Heiligen eine Gnade gewähren.

Damit schieden wir von einander; und die Ann war dem sterbenden Greise gern zu Willen, und wie ich sie hienach zu ihm geführet, erging es ihm mit ihr selbst wie mit ihrem Bildnis; denn er schien wie bezaubert von ihrem Sein und Wesen, und blieb sie ihm hienach auch nur wenige Tage fern, ließ er sie mit Bitten und Flehen zu sich entbieten.

Wie mir, so verstund er auch ihr die Seele zu rühren, doch während ich seines Jammerns bald müde geworden, dauerte der Ann Barmherzigkeit aus, und statt wie ich zu gähnen und als Trösterin zu erlahmen, suchte sie ihn mit großer Kunst abzuwenden von sich selbst und seinen Gebresten.

Von dem Herdegen und wie seine Spur endlich zu finden, redeten sie häufig, und während der alte Herr dergleichen vormals anderen anheimgegeben, bot er jetzt den klugen, erfahrenen Geist auf, um die rechten Mittel und Wege zu finden. Bis dahin hatte er auf der Ursula Aussagen gebauet und uns zu dem nämlichen Zutrauen beredet; nun aber kam ihm plötzlich in den Sinn, wie feindlich sie dem Verlorenen gesonnen, und weil die Zeit befürstund, in der die Handelsflotte von Venedig gen Alexandria im Aegypterlande ausbrach, sandte er einen Boten an den Kunz mit dem Auftrag, sich alsbald dorthin zu begeben und in eigener Person nach dem Bruder zu forschen. Solches erfüllte die Ann und auch uns mit neuer Hoffnung und aufrichtigem Danke. Was aber den Großohm angehet, so war er der Ann für mancherlei verpflichtet; denn ihr bloßes Dasein fiel ihm wie Tau auf das dürre Herz, und die Hoffnung, die sie in ihm wach hielt, ihr Ohm, der Herr Kardinal, werde, sobald es angehe, heimkehren und seinen Wunsch mit Freuden erfüllen, stärkte ihm die Kraft und den Willen, sich aufrecht und das schwache Lebensflämmlein in Brand zu erhalten.

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