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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Sechstes Kapitel.

Soll ich nun schildern, wie die Ann und ich den Herdegen in seinem Versteck, einem kleinen Zeidlerhofe an der verborgensten, für Reiter völlig unwegsamen Stelle des Lorenzerwaldes, fanden, wie mein Aeltester auch in der schlichten Bauerntracht ein gar weidlicher Bursch, die Herzliebste just so stürmisch in die Arme schloß, wie dazumal am Dohnenstieg bei der Heimkehr aus Welschland, – wie der liebe, vielgequälte Gesell, da er mich im Trauergewand wahrnahm, der Schwester an seiner Brust das Plätzlein einräumte, so die Braut eben verlassen?

Ach, auch ihm war der Hans teuer gewesen, und seine Liebe zu mir hatte nimmer gewanket!

Wie wir dann endlich in größerer Ruhe der Wonne, uns wieder zu haben, genossen, fand ich, daß sein Blick stetiger, seine Stimme ernster und gehaltener geworden; ja, richtete er die Rede an mich, so gewann sie einen sanften, herzbewegenden Klang, aus dem mir seiner Seele tiefes Mitgefühl wohlthuend zusprach. Und wie lieb und doch ernst wußt' er die Ann mit dem traurigen Wiedersehen zu versöhnen, bei dem Willkommen und Lebewohl einander so nahe berührten.

Auf der Forstmeisterei freute ich mich des hohen Schwunges, der dieses Jünglings ganzes Wesen über alles hinaushob, was alltäglich und nüchtern; seiner Liebsten Augen aber ruhten wie auferbaut auf ihm, wenn er mit dem Ohm oder dem Herrn Schultheiß sprach, der uns hierher begleitet. – Ob selbiger nun auch gehalten war, seines Herrn, des Kaisers, Befehl zu erfüllen, verhieß er uns dannocht, die Verkündigung des Urteils bis zu unserem Eintritt in die Stadt am nächsten Morgen hinauszuschieben, auf daß er unser Beisammensein auch mit der Base Metz verlängere, so weit es nur anging.

Der Waldmuhme leuchtete die helle Lust aus den Augen, wenn sie den Liebling an des Herdegen Seite trafen, und im stillen sagte sie sich wohl, diese beiden, die nach ihrer Meinung zu einander gehörten, hätten sich ohne ihren Beistand schwerlich wiedergefunden.

Vor dem Ausbruch in der Frühe des folgenden Morgens berief sie den Herdegen noch einmal, um ihm in aller Stille ans Herz zu legen, daß, wenn ihm auf seiner Wanderung einer begegne – er wisse schon, wer – er ihm künden möge, daheim im Lorenzerwalde schlage ein Mutterherz, so nicht zur Ruhe komme, bis es noch einmal seiner Nähe genossen.

Der Ohm gab uns das Geleit in die Stadt. Vor dem Thore verkündete der Herr Schultheiß dem Herdegen das Urteil, das ihm Nürnberg am folgenden Morgen zur selbigen Stunde zu verlassen gebot, und des Mahles, so wir alsdann mit unseren Nächsten und Liebsten genossen, will ich mein Lebtag in froher Rührung gedenken.

Base Metz nannte es ihres Herzblattes Henkerschmaus. Jeglichen Gerichtes hatte sie in der Küche selber gewartet und aus allen Weinen des Kellers die edelsten erlesen. Doch wäre als Speise auch nur Hafermus und statt der Edelweine Dünnbier aufgetragen worden, es hätte das nichts an unserer hohen und doch wehmutsvollen Herzensfreude geändert.

Es konnte aber auch niemand das nach so vielen Fährnissen neu und inniglich vereinte Paar anschauen, ohne daß ihm das Herz aufgegangen wäre.

O, wie lieb waren mir doch diese beiden!

Sie hatten erfahren, daß das Dasein dem einen wertlos sei ohne das andere, und ihre Herzen schienen nunmehr so fest zusammengehörig, wie zwei Flüsse, die sich zu einem Strome verbunden, und deren Wasser keine Macht der Welt zu sondern vermag.

Hinter großen Blumensträußen saßen sie mitten unter uns wie auf einer glücklichen Insel, und dannocht blieben sie mit uns verbunden und zeigten, daß es sie freue, von so viel treuer Liebe umgeben zu sein.

Die Ann vergaß, trotz ihrer Seele Bewegung, mit nichten ihres Türmeramtes und drohte dem Ohm Kristan, wenn er des Guten zu viel zu thun begehrte; der aber versicherte, dieses Tages walte aller Heiligen Gunst, und es könne ihm darum heute nichts Uebeles widerfahren.

Der Waldohm und der Meister Pernhart hatten sich zusammengefunden, und was sie auch miteinander sprachen, alles betraf den Vetter Götz, den landfremden Sohn des alten Weidmannes. Und wie wohl that es dem Vater, von dem Fernen zu reden, zumal wenn des Pernhart Lippen überströmten vom Lobe des Jünglings, der doch seines einzigen Kindes frühes Ende verschuldet.

Am sonderbarsten erwies sich wohl der Magister.

Die Vereinigung des Herdegen mit der Herzliebsten raubte ihm die letzte Hoffnung auf ihren Besitz; und dannocht hatten seine Augen nie so zärtlich und entzückt an ihr gehangen. Gewißlich wärmte ihm das Glück, so sie wie eine Glorie umstrahlte, das treue Herz, und mit etlichem Bangen sah ich den sonst so nüchternen Mann den Becher wieder und wieder heben, um der Ann, mochte sie es wahrnehmen oder nicht, zuzutrinken und ihr die Nagelprobe zu weisen.

Auch der Ohm Kristan hob den Pokal gar fleißig, und wie ich ihn so frisch und frohgemut zechen sah, bangte mir, er werde uns bis in die Nacht bei der Tafel erhalten, indes dem Bruder und der Ann die Zeit zu traulichem Gespräch doch so kurz zugemessen. Aber dieser wackere Mann vergaß nirgends, auch nicht beim Weine, was anderen willkommen, und so war er, der sich doch schwer von einer frohen Tafelrunde trennte, der allererste, der zum Aufbruch drängte.

Bevor die Sonne zur Rüste ging, waren wir wieder allein. Den Magister hatte man auf das Bett getragen, woselbst er erst am Nachmittag des folgenden Tages erwachte.

In dem Erker, der es in glücklicheren Tagen so oft aufgenommen, saß unser trautes Pärlein bald wieder beisammen, und da ich es in der wachsenden Dunkelheit plaudern und kosen hörte, war es mir bisweilen, als sei jener wonnesame Winter zurückgekehrt, in dem diese beiden der Minne echten Frühling genossen.

So vergingen etliche Stunden, und wie ich eben fragte, ob es nicht endlich an der Zeit, die Lampe zu bringen, ward es laut auf der Treppe, und die Base meldete, der Ritter Franz sei in das Haus gedrungen, und da er beteure, in des Herdegen Hand liege seines Lebens Wohl und Weh, habe sie es nicht über das Herz gebracht, ihm den Einlaß zu weigern.

Da brauste der Bruder auf, doch schon ging die Thür, und zugleich mit der Maid, die uns Lampen brachte, trat der Böhme über die Schwelle. Nun wollten wir Jungfrauen uns rasch entfernen; doch der Ritter hielt uns zurück und sagte, indem sein Blick mein Auge demütiglich suchte, ich möge vielmehr verbleiben, um ihm Fürsprache zu leisten.

Wie ihn der Herdegen hienach, ohne ihm die Hand zu bieten, zum Reden nötigte, bat ihn der andere, ihm zu vergönnen, seiner Pilgerfahrt Genosse zu werden. Weil aber dem Herdegen solch trüber Geselle mit nichten genehm, und er dem Böhmen dies sonder Rückhalt zu wissen that, gemahnte ihn selbiger ihrer früheren Freundschaft; auch flehte er ihn an, sich an seine Stelle zu denken und nicht zu vergessen, daß er als gesunder Mann die Schmach, die ihm von dem Rochow vor vielen zugefüget worden, sicherlich mit dem guten Schwerte statt mit dem Dolche gestraft haben würde. Sie seien zur gleichen Buße verurteilt, und wenn der Herdegen es ablehne, sich seine Begleitung gefallen zu lassen, werde solches seiner geschädigten Ehre den Todesstoß geben.

Da ging ich denn den Bruder recht warm und inniglich an, mir zu liebe den früheren Freund nicht zurückzustoßen. Und da an selbigem Tage die Minne des Herdegen ganzes Wesen erfüllte, schmolz seine Härte, und wie froh und dankbar schlug mir das Herz, da ich ihn dem Mann die Hand reichen sah, der um meinetwillen so Schweres erfahren.

Indes die beiden hienach noch etliches wegen des Aufbruches besprachen, wurde es draußen abermals laut, und ob ich dem eigenen Ohr auch nicht traute, vernahm ich dannocht deutlich genug der Ursula Tetzelin Stimme. Auch die Ann hatte sie erkannt, und mit dem Rufe: »Diese Stunden soll keiner mir trüben, und die Ursel am letzten!« das Zimmer verlassen.

Der englische Gruß war schon längst geläutet, und es mußte etwas Wichtiges sein, was den seltenen Gast so spät zu uns führte. Die Base, die der Ursula den Zutritt verwehret, hielt sie noch immer am Arme, sie aber strebte vergebens, sich von der Alten schwerer Hand zu befreien, bis sie des Herdegen ansichtig wurde. Da gelang es ihr, und ob ihr der Odem auch flog, klang es doch schier siegesfroh, wie sie ausrief: »Ich mußte hierher, und da bin ich!«

»Doch wenn Du als Störenfried kommst, weis' ich Dir sicherlich beizeiten den Ausgang!« keuchte die Base; die andere aber achtete ihrer mit nichten, sondern trat gerade auf den Herdegen zu und hub an: »Ich mußte Dich noch einmal sehen vor dem Aufbruch, ich mußt' es! Der alte Jörg gibt mir das Geleit, und wenn ich fort bin, wird Frau Metz für die Nachrede sorgen. Schaut sie nur an! Doch mir ist alles eins. Weis' mir ein Plätzchen, Herdegen, wo ich mit Dir und der Anna Spießin allein reden kann. Ich bringe Dir eine Botschaft!«

Hier unterbrach sie die Base mit einem so höhnischen Gelächter, wie ich es bei ihrer Seele Schlichtheit und Güte nie für möglich gehalten, mein Bruder aber sagte kurz und ernst, er habe nichts mehr mit ihr zu teilen.

Da versetzte sie, daran zu zweifeln sei Sünde, dieweil er ja nun ein frommer Pilgrim und ehrbarer Bräutigam geworden, und verlangte abermals die Ann zu sehen; doch es ward ihr geweigert, und nun zuckte sie die Achseln und wandte sich dem Böhmen zu, der ihr näher getreten, um ihn mit eisiger Hoffart zu heißen, sich fortzuheben, da ihr seine Gegenwart lästig.

Da sah ich den letzten Blutstropfen aus des siechen Ritters Wange weichen, und es griff mir baz ans Herz, wie er die Hände gegen sie aufhob und mit leiser Stimme flehentlich ausrief: »Ihr wißt, Ursula, was um Euretwillen aus mir geworden, und wie Schweres mir jetzund bevorsteht. Dreimal bin ich bei Euch, meiner verlobten Braut, vorgesprochen und ebenso oft abgewiesen worden . . .«

»Damit Ihr Euch das viertemal sparet, weil ja aller guten Dinge nur drei sind!« fiel sie ihm hier spöttisch ins Wort. »Ihr habt mir die Lust benommen, Eure Freifrau zu werden, Herr Ritter. Und da heute einmal der Tag der offenen Aussprache sein soll, bekenn' ich hier frei, daß selbige Lust mir allezeit und auch schon in unseres Verlöbnisses Stunde himmelweit fern lag. 's ist ein sonderbar Ding um die Minne! ›Es lebe die Gred!‹ heißt es heute bei euch edelen Herren, und morgen: ›Die Ursula lebe!‹ Etlichen wächst sie dagegen ins Innerste ein wie ein Polyp, und auch mich durfte man leider zu selbigen zählen. Die Minne, wenn Ihr es wissen wollt, die ich nur einmal vergeben, diesem da, mein Herr Freiherr von Welemisl, dem Herdegen Schopper dort gehörte sie allbereit, wie ich noch im kurzen Kleidchen das Schreiben erlernte, und so ist es fortgegangen bis zu der Stunde, da die wackere Henneleinlein, des trutzigen Junkers Schopper neue Frau Base – es ist, um sich tot zu lachen – da dies vieledele Weibsbild mir der Wahrheit gemäß ins Ohr blies, ihr einstiger Neffe habe mich samt des alten Im Hoff Erbe preisgegeben um einer Schreiberdirne willen! Und doch hat er mir als Bub Sträußlein gebracht und meine Farbe getragen. Dannocht ist mir später manch heißer Blick von ihm zu teil geworden. Jüngst noch hat er seinem Herrn Vormund aus Paris geschrieben, daß er willens sei, mich zu der Seinen zu machen. Reißet nur die Augen auf, Ihr, höchst achtbare Allerweltsbase Metz, und Du, ehrenfeste Jungfrau Gred! Bekreuziget euch in aller Heiligen Namen. Des toten Wolfes Zähne beißen nicht mehr, und von meines Herzens Minne zu dem da darf ich jetzund getrost versichern, daß sie eingesargt ward und begraben. Doch,« und dabei schlug sie sich auf den hoch wogenden Busen, »doch etwas anderes hat dafür hier drinnen mit Pauken und Trompeten den fröhlichsten Einzug gehalten: der Haß! – Ich hasse Dich, Herdegen, hasse Dich wie den Tod, die Pest und die Hölle, und hasse Dich doppelt, seitdem Deine Fechterkünste dem Spiel, in das ich Dich mit dem Märker verwickelt, ein so grundverkehrt Ende bereitet!«

Da faßte die Base sie, außer sich vor Empörung, wiederum am Arme, um sie aus dem Zimmer zu führen, sie aber sprach in begütigendem Ton:

»Nur noch etliche Augenblicke, mit Gunst, bitt' ich mir zu gewähren; denn bei der Jungfrau und allen Heiligen schwör' ich's, daß ich in Wahrheit zu so später Stunde gekommen, um mich einer Botschaft zu entledigen, die den Herdegen angeht.«

Hienach gab die Base sie frei, sie aber zog ein Brieflein herfür und fragte zum anderenmale nach der Ann; doch mein Bruder versicherte gelassen, er gedenke sie keineswegs zu rufen und ersuche sie um das Schreiben, wenn anders es für ihn bestimmt sei.

Da versetzte sie, solches werde er alsbald erfahren, da sie es vorzulesen gedenke, nur sei es ihr leid, seine liebe Braut unter den Zuhörern zu missen. Indes erfreue sie sich, dank den Heiligen, einer hellen Stimme, und die Thüren im Schopperhofe seien kaum dichter denn in anderen Häusern. Das Schreiben hier habe ihr des Kurfürsten und Erzbischofs von Trier neuer Adjunktus, der im Tetzelhof Herberge gefunden, für den Herdegen anvertraut, da er ihn ebensowenig wie des Kaisers Häscher aufzufinden vermocht, und es sei ihr dabei ans Herz gelegt worden, es dem Junker Schopper eigenhändig zu übergeben. Aber sie wolle mehr thun und ihm das Lesen erleichtern.

Da gebot ihr mein Bruder in dräuendem Ton, ihm, was sein eigen, nicht länger vorzuenthalten, sie aber weigerte sich dessen, und da der Herdegen nach ihrer Hand griff, um ihr den Brief zu entwinden, kreischte sie dem Böhmen zu: »Gebet dem Buben sein Teil, dem Schelm und Jungfrauenkränker, um derentwillen ich Euch verschmäht und verachtet. Mir zu Hilfe, wenn Ihr kein Wicht seid!«

Doch mein Bruder hatte ihr den Brief allbereit unversehens entrissen, und der Böhme, der schon nach dem Dolche gegriffen, sich schnell eines Besseren besonnen, da er meinem mahnenden Blicke begegnet.

Es war ein grauser, Entsetzen erregender Augenblick, und die Ursula, der sich die Zöpfe gelöst und deren blaue, blitzende Augen dräuend und voller Haß von einem zum anderen schweiften, hielt sich nun an dem schweren Gestell fest, auf dem unser silbern und gläsern Ziergerät prangte, und rief mit heller Stimme, so laut sie vermochte: »Von seiner Buhle zu Padua, der Marchesa Bianca Zorzi, stammet dies Schreiben. Das Schwert des Fechters dort hat sie zur Witib gemacht, und sie lädt ihn zurück in ihre Arme. Gen Venedig ist das brünstige Weibsbild gezogen und gedenkt dort mit des alten Eheherrn Mörder in eitel Lust und Wonne zu schwelgen. Und er – ob er der geringen Schreiberdirne auch tausend Schwüre geleistet, er wird der welschen Circe den Willen thun, und entrinnt er ihren Netzen, so fällt er in die einer anderen. O, ich kenn' ihn, und hier drinnen gewahr' ich, daß er von dieser zu jener taumeln wird, jubeln und schwärmen, bis die Heiligen meines Herzens heißes Flehen erhören und er in Verzweiflung, in Leid und Armut verkommet, und der Schreiberdirne unter meinen Augen vor Schimpf und Kummer das Herz bricht. Fort, fort denn auf die Wanderung, Herdegen Schopper, fort in die Luft und das Elend. Fort mit dem schwarzen, blassen Reisekumpan. Schwelge und taumele, bis Du, der Du dieses Herzens echte Minne mit Füßen getreten, klein wirst und den Menschen ein Abscheu wie ein aussätziger Bettler!«

Damit schüttelte sie an dem Gestell, daß der kostbare Glaskelch, den die deutschen Kaufherren im Fondaco zu Venedig dem Vater zum Abschied verehret, zu Boden stürzte und mit lautem Geklirr auf der Diele zerschellte.

Wie gebannt und erstarrt hatten wir die Rasende gewähren lassen; doch da wir uns endlich ermannten, um ihrem tollen Gebahren ein Ende zu machen, war sie allbereit entronnen und eilte mit langen Sätzen die Treppe hinunter.

Der Herdegen rang bleich und außer sich nach Fassung. Die Base, der der Odem ausgegangen, brach endlich in lautes Weinen aus; denn der wahnwitzigen Thörin Fluch war ihr schwer auf die Seele gefallen. Ich allein bewahrte Besinnung genug, um ans Licht zu treten und ihr nachzuschauen. Da sah ich, wie sie, von dem Knechte geleitet, der ihr die Laterne vorantrug, gesenkten Hauptes dahinschritt, während der Böhme dringlich in sie hineinsprach.

Wie ich endlich wieder ins Zimmer zurücktrat, hatte Base Metz den Arm um den Herdegen geschlungen und versicherte ihm unter Thränen, der Fluch der Bosheit habe keine Macht über einen frommen, treufesten Christen; er aber entwand sich ihr, um nach der Ann zu schauen, die gewiß im Nebenzimmer verblieben war und nun vielleicht des Beistandes bedurfte.

Doch da ging allbereit die Thür, und wir sollten kaum den leiblichen Augen trauen; denn froh und mit dem nämlichen schalkhaften Lächeln, so ihr eigen gewesen, wenn es ihr beim Versteckspiel gelungen, an dem Sucher vorbei zum Anschlag zu kommen, rief sie uns entgegen: »Der Jungfrau Dank, daß die Luft nieder rein ist! Lacht mich nur aus! Bis droben unters Dach bin ich aus eitel Furcht vor der Tetzelin entwichen! War sie gekommen, um sich den Bräutigam zu holen?«

Bei solcher Frage konnte der Herdegen einem Lächeln nicht wehren, und gleich ihm erging es auch uns, ja selbst Base Metz, die bis dahin wie vernichtet auf der Ruhebank gesessen und die Füße weit in das Zimmer gestreckt hatte, verzog das Antlitz und rief: »Holen! Die Ursula, die sich den Böhmen holt! Der Unhold! Hat man dergleichen in dieser guten Stadt schon jemals erlebt und gesehen? Und ihre Mutter selig war ein so ehrbar, verständig Weibsbild! Neunzehn Jahre zählt das ganze Ding! – Himmlischer Vater, was soll daraus in den Vierzigen und Fünfzigen werden, da bei den meisten die Bosheit erst angeht!«

So fuhr sie noch ein gut Weilchen fort, doch bald war die Tetzelin und der ganze böse Zwischenfall vergessen, und wir verlebten traute und köstliche Stunden, bis nach Mitternacht die Pernharts bei uns fürsprachen, um die Ann heimzugeleiten.

Auch ich und der Herdegen gingen mit, und nachdem es einen gar beweglichen und doch hoffnungsfrohen ersten Abschied gegeben, schritt ich an des Bruders Arm durch die kühle Herbstnacht nach Hause.

Wie ich nun auf selbigem Gange den Herdegen wegen der schönen Marchesa und ihres Schreibens vermahnet, beteuerte er, in den bösen Wochen, die er als Knecht auf des Zeidlers Hofe in bitterer Sehnsucht verbracht, sei er seiner selbst sicher geworden. Weder die Marchesa, die er aus tiefstem Herzensgrunde verachte, da sie bei aller Leibesschöne der Lügen und Ränke voll, noch Frau Venus selbst werde ihn hinfort der Minne und Treu', die er der Ann geschworen, abwendig machen; ja er würde sich statt zu Venedig in Genua einschiffen, wenn er sich solcher Furcht vor der eigenen Schwäche nicht schäme und er sich nicht so innig sehne, unseren lieben Bruder Kunz wiederzusehen, dessen er so lange entbehret.

Da fiel es mir denn schwer, das Rechte zu finden; doch wollt' es mir in keinem Fall rätlich erscheinen, ihm die erste Gelegenheit zu rauben, sich als treu und brav zu bewähren; auch hielt ich des jüngeren Bruders Nähe für einen festen Schild gegen die Versuchung.

Vor den Bildnissen der Eltern wünschte ich ihm gute Ruhe für die wenigen Stunden, so uns noch vom Aufbruche trennten, und wie ich zu selbigen hinaufwies, verstund er mich und schloß mich mit einem: »Unbesorgt, Mütterlein Gred!« inniglich in die Arme.

Bevor es dämmerte, waren wir wieder mit dem Herdegen vereinigt. Während unserer Rast hatte er in einem liebreichen Schreiben den Großohm, der ihn gestern nicht vor sich gelassen, seines Gehorsams und seiner Dankbarkeit versichert.

Die Hähne krähten noch auf den Höfen, und mit Esel und Gespann zogen die Landleute zu Markte, da ich in den Sattel stieg, um dem Bruder das Geleit zu geben. Er selbst hatte noch mit dem neuen Herrenknecht, den er gedungen, im Hofe zu thun; denn der Eppelein, dem es um des Verfolgten Sicherheit willen nicht gestattet gewesen, ihn in den Versteck zu begleiten, war wie von der Erde geschwunden. Wir wußten auch, aus was Grund und Ursach; denn die Henneleinlein hatte den Häschern des Kaisers geraten, nach ihm zu fahnden, um ihn auf der Folter zu zwingen, Auskunft über seines Herren Verbleib zu erteilen. Hätten sie ihn ergriffen, wär' es um seine gesunden Glieder geschehen gewesen; doch der frohgemute Bursch war auch den Knechten und Maiden vom Hoflager ein gar willkommener Gesell bei Wein und Kurzweil gewesen, und so hatten sie ihm gesteckt, was ihm dräue. Indes wir nun voller Sorge von einem Tag in den andern lebten, zeigte sich jede Woche zu zweien- oder dreienmalen ein alt Köhlerweib aus dem Walde und bot der Küchenmaid Holzkohlen zum Kaufe, und so oft es auch Abweisung erfuhr, kehrt' es doch immer wieder und fragte nach mancherlei Dingen.

Während wir nun noch des Herdegen harrten, kam es abermals mit dem Karren gefahren, und sobald es das Nötige erfraget, riß es das Kopftuch ab, lachte laut auf, und was da im Weiberrocke vor uns stund, war der Eppelein und kein anderer.

Da gab es denn große Freude, und in kurzer Zeit hatte sich der durchtriebene Gesell wiederum in einen stattlichen, wenn auch bartlosen Herrenknecht verwandelt.

Der Base Metz half des Eppeleins Rückkehr trefflich des Abschieds Weh überwinden, doch da wir endlich zum Aufbruch kamen, faßte es sie dannocht hart genug an.

Vor dem Thore fanden wir die Pernharts mit der Ann und den Ohm Kristan. Auch der Herr Schultheiß war erschienen, um Kenntnis von des Herdegen Aufbruch zu nehmen, und endlich auch der Heinrich Trardorf, sein liebster Schulgenoß, der ihm allzeit gewärtig verblieben.

Wie die Mauern und Gräben der Stadt längst hinter uns lagen, folgte uns schneller Hufschlag, und der Ritter Franz gesellte sich mit zween Knechten dem Wandergenossen. Mein Bruder hatte bald den Platz an der Ann Seite gefunden, und so trabten wir fürbaz, und wenn die beiden gewillt, die Lippen vom Sattel aus zu vermählen, brauchten sie keine Zeugen zu fürchten; denn der Herbstnebel war so dicht, daß er sie den Blicken auch der Näheren entzog.

So ging es fort bis Lichtenhof, und weil wir dort hielten, um einander das letzte Lebewohl zu bieten, war es, als wolle der Himmel uns ein freundlich Vorzeichen senden; denn der Nebel stob wie auf den Wink eines Zauberers jach auseinander, und vor uns lag im leuchtenden Sonnenschein die Stadt mit Mauern und Türmen und blinkenden Dächern, hoch überragt von der ehrwürdigen Burg.

So schieden wir froher denn wir erwartet, und den getrennten Liebesleuten war es noch lange vergönnt, Tuch und Hut zu erkennen, womit sie einander winkten.

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