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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Viertes Kapitel.

Das Gewitter hatte die Luft von neuem geklärt. Wie blau lachte der Himmel, wie hell leuchtete die Sonne Tag für Tag von früh bis zum Abend; mir aber war es, als höhne mich ihr heiterer Glanz, und oft wähnte ich, daß ich meines Herzens Weh leichter und geduldiger tragen könnte, wenn es regnen, immerfort regnen wollte. Ach, und wie wohl hätte dem vom Weinen ermüdeten Auge ein grauer, glanzloser Tag gethan!

Nur in des armen, wunden Herzens Tiefen sah es finster genug aus, und doch wußt' ich längst gut und klar genug, wie das Schreckliche sich begeben.

Es war das einzige, wonach ich mit Eifer geforschet; denn was sonst des Lebens Lauf auch immer geben und nehmen mochte, wunsch- und widerstandslos ließ ich's geschehen. Das Leid war mir zum Zweck und Inhalt des Daseins geworden. Statt ihm zu wehren, hegte und hätschelte ich es wie ein lieb Kind, und ihm ungestört nachzuhängen, schien mir das Schönste.

Doch wie selten war es mir gestattet, dies Verlangen voll und ganz zu stillen; – ich aber haderte darob mit der harten, grausamen Welt, und dannocht ist es just selbige Welt und ihr erbarmungslos Drängen und Heischen gewesen, was mich dazumal vor noch Schlimmerem bewahrte. Einen jeden, der mich zu jener Zeit aus dem eigensüchtigen und dumpfen Trübsinn aufzuscheuchen unterfing, den möcht' ich jetzt segnen, von dem Schneider an, der mir das Trauergewand anmaß, bis zu der Ann, deren holder Trost mir doch weniger genehm war denn die Einsamkeit, in der ich mich still dem bittern Seelenleid hingab.

Nur denen zu lauschen, so seiner letzten Stunden und seines Hingangs Zeugen gewesen, lag mir am Herzen, und so gelang es, mich gleichsam zu seines Endes Zeugen zu machen.

Die alte Henneleinlein, die der Schalksnarr mir so aufsässig gemacht, war – also fass' ich das Gehörte zusammen – nachdem sie uns vor der Thür des Meisters Pernhart getroffen, ungesäumt in das Fechthaus geeilet, um der Tetzelin zu vermelden, daß mein Bruder wieder eins sei mit der verstoßenen Herzliebsten. Hienach hatte die Ursula dem Junker kecklich gekündet, der Herdegen werde als ihr Ritter den Handschuh aufnehmen, den er auf dem Geschlechtertanz hingeworfen; und doch treibe er ein doppelt Spiel und habe auch der Ann, um ihrer Gunst zu genießen, trüglich die Ehe versprochen. Da war der Märker in redlichem Unwillen aufgefahren, hatte der Ursula den Treuvergessenen zu züchtigen verheißen und meines Bruders Herausforderung nicht nur angenommen, sondern des Kampfes Weise zu schärfen begehret.

So war denn der Tetzelin Anschlag aufs beste gelungen; denn sie hatte, so lange sie auf den Herdegen gehofft, bangen Herzens gefürchtet, der Märker werde mit ihm in Händel geraten; nun sie aber in ihrer Seele Empörung den Treuvergessenen dem Schwerte des Junkers überantworten wollte, hielt sie es in ihrem großen und böslichen Ingrimm für geschickt, meinen Bruder zum Herausforderer zu stempeln, maßen ein solcher, sobald der Streit einen blutigen Ausgang nahm, schwerer Heimsuchung gewiß war. Auch hatte sie sich mit nichten verrechnet, da sie meinen Aeltesten, den sie nur zu gut kannte, dem Märker für ihren Ritter ausgab.

Am Morgen, der dem Tanz im Fechthause folgte, war sie nämlich den Herdegen in einem kurzen Schreiben angegangen, er möge, eingedenk der Freundschaft, die sie von Kind an verbunden, und weil sie keines Bruders sich freue, dem Junker von Beust weisen, daß eines Nürnberger Geschlechtes Tochter nicht schutzlos dastehe, wenn märkische Hoffart sich vermesse, sie vor aller Welt zu beschimpfen.

Selbigem Schreiben war meines Bruders Herausforderung auf dem Fuße gefolgt; doch hatt' er sich wohl nur so großer Eile beflissen, weil er längst darauf brannte, den kecken Edelmann zu züchtigen, der ihm der bangen Stunden genug bereitet.

Um der Ursula zu Willen zu sein, hätt' er das Schwert kaum gezogen, da er wohl durchschaute, daß es ihr vor allem am Herzen lag, den verlorenen Handel mit ihm vor den Leuten so zu wenden, als habe er, in dem die ganze Stadt ihren künftigen Gemahl gesehen, sich mit nichten von ihr abgewandt, sondern vielmehr in ihrem Dienst sein Herzblut vergossen.

In der That wähnte die Ursula ein sicheres Werkzeug für ihre Rache gefunden zu haben; denn sie hatte in Erfahrung gebracht, daß der Junker Henning von Beust zu den gefürchtetsten Kämpen in den Marken gehöre. Zwar war auch der Herdegen als weidlicher Fechter in Nürnberg bekannt, doch es ist nun einmal fränkische und deutsche Art, das fremde Mittelgut höher zu schätzen denn das eigene Beste. Außerdem war ihr durch den Großohm oft genug zu Ohren gekommen, unsere Herren von den Geschlechtern seien doch nur halbe Ritter, und so wähnte sie denn, den Herdegen dem Märker vor das Messer zu liefern.

Dannocht sollte sie sich übel verrechnen; denn da der Hans meinem Bruder zu Altenperg als Waffenwart diente, und sein redlich Bemühen, die feindlichen Gegner auszusöhnen, vergeblich geblieben, wurde er Zeuge, wie das Nürnberger Schwert, so freilich zu Erfurt, Padua und Paris die beste Schulung genossen, das märkische nicht nur bestand, sondern es an Kraft und Schnelligkeit so weit überbot, daß der Junker mit schweren Wunden an Haupt und Brust den Freunden in die Arme sank, während der Herdegen, wenn ich eines leichten Risses im Arm geschweige, unversehrt aus dem Streite herfürging.

Voller Staunen sahen die Zeugen, was er vermochte, und der Ritter Apitz von Rochow verschwor sich, allbereit nach meines Bruders erstem Streich das trübe Geschick des Vetters vorausgesehen zu haben; auch sei es während des Straußes gewesen, als wandele sich dieses feingeschniegelten Nürnberger Fantes geschmeidige Klinge in eine wütende Schlange, die überall züngele und selbst Stahl und Eisen durchbeiße. Später stellte er es als möglich hin, daß der Herr Schopper, von dem man sage, er sei noch vertrauter mit allerlei Geschrift denn mit den Waffen, sich eines Schwertzaubers bedienet, vor dem freilich ein frommer Ritter aus der Mark sein Kreuzlein schlage.

Weil nun der Junker von Beust in des Kaisers persönlichem Dienst stund, war das Geschehene nicht zu verbergen, und nachdem der wunde Mann im Pfarrhause von Altenperg Unterkunft und Wartung gefunden, galt es, seinen glücklicheren Gegner vor dem Zorn Seiner Majestät in Sicherheit zu bringen. Da bewährte sich denn der Rochow, sowie der von Muschwitz, der dem Junker als zweiter Waffenwart gedienet, als rechte Edelmänner, indem sie meinem Bruder, obzwar sie ihn unter sich geheimer Wissenschaft ziehen, in ihren Burgen Versteck und Unterkunft boten; doch derjenige, der bald nicht mehr sein sollte, riet ihm, zunächst beim Waldohm auf der Forstmeisterei abzuwarten, was er selbst, andere Freunde und ich für ihn an Gnade auszuwirken vermöchten.

Wie sich mein Verlobter endlich zum Aufbruch anschickte, war das Gewitter allbereit heraufgezogen, und darum rieten ihm die Märker, mit ihnen in des Pfarrers Haus zu verziehen, bis es ausgetobet; er aber weigerte sich dessen, weil seine Braut mit großem Bangen seiner harre, maßen sie von des Bruders Gefahr unterrichtet, und machte sich alsbald aus den Weg.

Der Herdegen gab dem Hans seinen Eppelein mit, damit er ihm nachführe, weß er bedürfe, und so ritt denn mein Herzliebster, von dem Knechte gefolget, der Stadt zu.

Zwar gab es bei strömendem Regen der Blitze und Donnerschläge genug, doch ging alles aufs beste, bis bei Sankt Linhart der Hagel mit schweren Schloßen niederfuhr. Zu gleicher Zeit zersplitterte ein zündender Blitz mit grausem Donnergekrach einen Baum hart neben der Straße, und nun geriet das gewaltige Tier in Raserei, bäumte sich kerzengerade auf, überschlug sich nach hinten und preßte den Reiter an den Stamm einer Pappel.

Dem Trauten, mit dem mich so feste Bande vereinet, ich hab' ihm nie wieder ins Antlitz geblickt, es sei denn im Traume, und ich dankte denen, so mir wehrten, sein zerschmettert Haupt mit Augen zu schauen; denn wenn er mir nun in stillen Gesichten begegnet, so erscheint er mir wie zu jener Stunde, da er vor unserem Hause im Glanz des jungen Morgenlichtes mit auferbauter Seele und in festlichem Kleide mir den Abschiedskuß schenkte. Nur die Lippen auf die Hände der teuren verhüllten Leiche zu drücken, ließ ich mir nicht wehren.

An einem hellen und festlichen Mariä-Himmelfahrtsmorgen ward der Ritter, Doktor und Ratsherr Hans Haller, seines alten Geschlechtes ältester Sohn, mein lieber Herr Bräutigam, auf den Friedhof getragen. Das Sammettuch, womit die Eltern ihres teuren Erstgeborenen Sarg bekleidet, war so kostbar, daß es einen armen Hausstand der Jahre mehrere leicht erhalten hätte. Wie viele Kerzen wurden für ihn verbrannt, wie viele Messen gelesen! Eine Fülle von Huld und Gnade strömte von allen Seiten auf mich ein, ja wo ich hinkam, ward mir hohe Ehrerbietung erwiesen. Auch zu Hause begegnete mir alles wie etwas Geweihtem, an dessen Nähe man sich auferbaut und wovon man gern jegliches fernhält, was das Leben Gemeines und Störendes mitbringt. Base Metz, die sonst weithin hallenden Trittes und mit lauter Stimme die Stufen hinanstieg, ging jetzt auf Schuhen leise schreitend einher, und wenn sie rief oder sprach, war es sanft und kaum hörbar.

Aber ich, ich hatte weder Auge noch Ohr für das alles. Es erweckte mit nichten meinen Dank und gereichte mir ebensowenig zum Troste.

Alles war mir eins, selbst der Königin Barbara gütiger Zuspruch. Die Besessenheit, mit der Groß und Klein mir schier demütiglich gewärtig, fröstelte mich an, ja es war mir bisweilen, als sollt' es mich höhnen.

Wenn einem, so stund meinem lieben Verstorbenen das Himmelreich offen, doch war er ohne das Sakrament von hinnen gegangen, und so mocht' ich nirgends fehlen, wo des Heiles seiner Seelen gedacht ward. Ich ging auch gern in Kirchen und Kapellen, weil ich dort sicher war vor der Ansprache der Menschen.

Was das Leben auch bot und heischte, war mir gleichgiltig geworden.

Hätte man von Anfang an mir vergönnet, mich hie und da zu stoßen und selbst zu bücken, es wäre vielleicht nie so weit mit mir gekommen; denn allbereit der erste Aufruf meiner Thatkraft wirkte auf mich wie ein Zauber. Die Pflicht, mich zu regen, gab mir die Kraft zurück, es zu thun, und so wurde die neue, schwere Fährnis, die über uns hereinbrach, zu stärkendem Wein, der dem müden und wunden Herzen den kräftigen Schlag zurückgab.

Es mußte schon etwas Großes sein, um mich aus dem schlaffen Halbschlaf aufzurütteln, und solches ließ nicht auf sich warten; denn meines Herdegen-Bruders Heil und Leben geriet in schwere Gefahr.

Das Unheil hatte es nämlich gefügt, daß man kurz vor dem Waffengang zu Altenperg, trotz des schärfsten Verbots, unter den Augen der kaiserlichen Majestäten des Reiches Frieden mehrfach durch blutige Zweikämpfe gebrochen, und nun war der Kurfürst Konrad von Mainz Hand in Hand mit dem Brandenburger bei dem Kaiser vorstellig geworden, ein streng Exempel zu statuiren. Von allen Kurfürsten aber übte keiner größeren Einfluß, wie denn auch der geistliche Herr an des Reichstages Ende zum Reichsvicarius, der von Brandenburg aber zum Oberbefehlshaber des Reichsheeres ernannt ward. Des letzteren Stimme fiel zu selbiger Zeit besonders schwer ins Gewicht, da die große Freundschaft, die ihn früher dem Kaiser verbunden, in kühle Entfremdung umgeschlagen, und es Seine Majestät vor und während des Reichstages deutlich empfunden, welche Macht dem Brandenburger innewohne, und was er seiner Sache im Reiche bedeute.

Wenn nun der Herr Kurfürst und Burggraf Friedrich darauf bestund, es möge in des Herdegen Sache des Gesetzes volle Strenge walten, so geschah solches mit nichten, wie doch etliche wähnten, weil er mit unserer guten Stadt und dem ehrbaren Rate nicht einig, und es ihm also genehm sein mochte, den Sohn eines städtischen Geschlechtes seinen Groll fühlen zu lassen, sondern vielmehr, weil er, dem alles Kleinliche fern, von des Herdegen blutigen Händeln zu Padua und seinem wilden Treiben zu Paris mancherlei vernommen. Auch war ihm zu Ohren gekommen, daß mein Aeltester mit zween Jungfrauen ein falsch Spiel getrieben. Ja, der Großohm hatte ihm vermeldet, daß die Ursula, die dem Herrn Kurfürsten von Kind an bekannt, durch des Verlobten Treubruch zum Aeußersten getrieben, dem bresthaften böhmischem Ritter von Welemisl die Hand geboten.

Außerdem war des Junkers Henning Herr Vater, der Ritter Johann von Beust, gen Nürnberg gezogen, um des Wunden zu warten, und nachdem der alte Herr am Siechenbett seines Sohnes mancherlei von dessen Freunden vernommen, ging er den Kurfürsten ernstlich an, dahin zu wirken, daß den Gegner seines Erstgeborenen die verdiente Strafe ereile.

Der Herr Kurfürst habe der märkischen Ritterschaft oftmals die Zähne gewiesen und sich auf Recht und Gerechtigkeit berufen, wenn er auf der Bürger Seite getreten und dem Adel Hoheit und Befugnis geschmälert. Nun sei es an ihm, zu zeigen, daß er auch ritterlich Blut nicht ungestraft durch die Satanskünste eines Städters vergießen lasse, und sei er dannocht dazu bereit, so werde man wissen, daß er des brandenburgischen Adels geschworener Feind und ihm den Daumen aufs Auge setze, nicht dem guten Rechte zu Gefallen, sondern aus Haß und üblem Willen.

Da ich nun in späterer Zeit den alten Ritter mit dem roten Eisenfresserantlitz und gewaltigen Schnurrbart mit eigenen Augen geschaut und erfahren, daß er, der in der Jugend einer der gefürchtetsten Raubritter und Placker gewesen, nunmehr durch seinen Reichtum und Einfluß eine der mächtigsten Stützen des Herrn Kurfürsten in der Altmark geworden, konnt' ich mir wohl vorstellen, wie seine dräuende Rede geklungen, und wie willig ihm jener das Ohr geliehen.

Dannocht vernahm der gerechte Mann, bevor er gegen den Herdegen einschritt, den von Rochow und die anderen Zeugen; sie aber sagten aus, daß zwar alles der Ordnung gemäß hergegangen, der Rochow aber von Anfang an der Meinung gewesen, der Satan selbst führe dem Herdegen die Klinge. Der Muschwitz versicherte gar, gesehen zu haben, daß des Nürnbergers Schwertrand Feuer gespieen.

Hienach drang der hohe Herr in des Kaisers Majestät. nach dem Herdegen zu fahnden, Acht und Bann über ihn zu verhängen, und ihn, wenn man seiner habhaft geworden, vor das Blutgericht zu stellen.

Doch von alledem sollt' ich erst später Kunde erlangen, weil männiglich sich scheute, meinen großen Schmerz durch neues Leid zu erhöhen.

Der Weg, den ich damals wandelte, war derjenige, welcher in Trübsinn oder in das Kloster leitet, und ich hatte mich so ganz an mich selbst verloren, daß ich schon das Meine für des Bruders Schicksal gethan zu haben wähnte, da ich den Majestäten bescheidentlich ans Herz geleget, ihm huldreich zu vergeben, und später etliche Bittschreiben zu des Gefährdeten Gunsten mit meiner Unterschrift versehen hatte.

Ich wußte ja auch nicht, wie übel es mit dem Herdegen stund und fragte nur noch selten darnach, seitdem mich der Waldohm versichert, er sei wohlgeborgen.

Oft war es mir freilich, als werde mir von der Ann und den anderen ein geheimes Etwas verborgen; doch hatte mich selbst die Neubegier verlassen, und lieb war mir nur, was mir fern blieb.

So ging es fort, bis jener Ruf erscholl, der mich aus dem bleiernen Schlafe schreckte.

Ganz für mich allein, und auch unsichtbar für unsere hohen Gäste, hatt' ich den Tag verbracht. Stumm vor mich hinbrütend, saß ich am Spinnrad, so sich längst nicht mehr drehte, doch unversehens drangen polternde Schritte und scheltende Stimmen die Treppe hinan. Die Thür des Erkerzimmers, wo ich weilte, flog auf, und über die Schwelle drangen, trotz des Widerstandes der alten Sus, etliche Büttel der Stadt mit zween Hatschieren des Kaisers.

Die Base war ausgegangen, wie es in jüngster Zeit fast häufig geschah, und gekränkt und verdrossen über solche widrige Störung, trat ich den Eindringlingen entgegen und fragte sie unwillig, was sie berechtige, eines Nürnberger Geschlechterhauses Frieden zu stören.

Da versetzte der Hauptmann sonder Umschweif, er komme im Auftrag Seiner Kaiserlichen Majestät und des Blutbannes der Stadt, um sich zu vergewissern, ob der landflüchtige Junker Herdegen Schopper, über den des Reiches Acht verhänget, sich nicht in seines Vaters Hause verberge.

Da galt es zunächst sich festhalten, um nicht in die Kniee zu sinken. Doch gleich darauf fand ich Mut und Besinnung wieder, und nachdem ich die Büttel versichert, sie würden vergeblich suchen, ihnen aber zugleich freigestellt, zu thun, was ihres Amtes, und nur zu bedenken, daß hohe Herren bei uns Herberge genommen, atmete ich, sobald ich den Schreck überwunden, hoch auf, und es war mir zu Sinne wie einem Kinde, so man in dem brennenden Hause vergessen und das den rettenden Vater zu sich eindringen sieht.

Sie hatten mir verschwiegen, was über den Bruder verhängt war, und nun es mir bewußt, ergänzte ich schnell manches Wort, das ich mit halbem Ohre vernommen. Der Base häufige Ausgänge in höfischem Staat, der Ann verweinte Augen, ihr seltsam Wesen und noch weit mehr fand alsbald volle Erklärung.

Der neu erwachte Geist und die auferstandene Thatkraft forderten wiederum ihr Recht, und jener wollte sich, wie in früheren Tagen, nicht zufrieden geben, bevor er nicht klar durchschaut, was ihn anging.

Indes die Sus und die anderen Ehalten, zu denen sich auch etliche aus dem Gefolge unserer Gäste gesellet, mit den Bütteln das Haus durchstöberten, hatte ich mich geschwind beschuhet und zum Ausgang gerüstet, und obzwar es schon dämmerte, eilt' ich von dannen. Als hätte der äußere mit dem innern Menschen eine Wandlung erfahren, mußt' ich beim Durchwandern der Gassen das Haupt wieder heben und mich aufrecht halten, während ich in den letzten Wochen gesenkten Kopfes und lässig dahingetrollt war. Ja, wie ich jetzt mit festen und langen Schritten auf des Pernhart Haus losging, mußte mich männiglich wieder dafür halten, was ich doch war: ein jung, gesund Menschenkind, vor dem sich noch ein langes Leben aufthat, und dem Kraft und Mut genug innewohnte, nicht allein sich selbst, sondern auch andern, und allen voran dem geliebtesten Bruder, zu helfen.

Und wie ich endlich mein Ziel erreicht hatte und der alten Meisterin gegenüberstund, die längst völlig genesen, wach und aufrecht, mit dem jüngsten Eniklein im Schoße auf dem Sorgenstuhl saß, da wußt' ich sogleich, daß ich an die rechte Schmiede gekommen.

Die wackere Frau hatte wohl bemerkt, woran es mir gemangelt, und hätte die Base sie nicht beschworen, meiner bekümmerten Seele zu schonen, sie wäre längst zur Verräterin dessen, was dem Herdegen dräute, an mir geworden. Ihr war mit nichten entgangen, wie mir die müde Hingabe an Dinge, so nicht zu ändern, Kraft und Willen gelähmet, das Gute zu vollbringen, wozu ich geschickt war. Und nun stund ich, der nachtwandelnden Willenlosigkeit ledig, vor ihr, begehrte alles der Wahrheit gemäß zu erfahren und erklärte mich bereit, was in und an mir, dem einen Zwecke zu weihen, den Bruder zu retten.

Da hörte ich von der Meisterin Lippen, daß ich nun wieder die alte Gred, was die Base doch noch jüngst mit gutem Grunde geleugnet, und jene behielt recht; denn als je furchtbarer und unüberwindlicher die Gefahr sich erwies, desto höher wuchs mir der Mut, desto mächtiger die Spannkraft. Jetzt erfuhr ich auch, daß das, was ich an der Ann für ein schwächlich Minnesehnen gehalten, nur zu gerechte Herzensangst gewesen; auch daß sie mit nichten müßig geblieben, sondern unter der Base Metz und ihres treuen Gönners, des Ohms Kristan, Beistand Himmel und Erde zu Gunsten des Herzliebsten in Bewegung gesetzet, doch bis dahin vergebens.

Ja, des Geächteten Sache war so gut wie verloren, und der Ohm Kristan, der sonst immer das Beste hoffte, verhehlte nicht, daß der Herdegen im günstigsten Falle als landfremder Mann in fernen Landen ein neues Leben zu beginnen haben werde. Doch weder ich noch die Ann waren gewillt, die Hoffnung sinken zu lassen, und in selbiger Zeit trieb unsere Freundschaft schöne neue Blüten. Als Bundesgenossen kämpften wir Schulter an Schulter, reich an Liebe zu einander, der Minne voll für meinen Bruder, und da ich sie verließ, und sie sich anschickte, mich heimzugeleiten, war es in des Rotschmiedes Hause allen zu Sinne wie den Verteidigern einer belagerten Stadt, die allbereit auf Uebergabe denken und plötzlich mit wehenden Bannern und schmetternden Trompeten den Entsatz heranrücken sehen.

Ein schwerer Kampf stund uns freilich bevor, und das Bollwerk, welches sich von Tag zu Tag unüberwindlicher erwies, war unser Herr Burggraf, der Kurfürst Friedrich, während sein Standesgenosse von Mainz alles auf ihn schob, wenn der Kardinal Branda, der Ann freundlicher Gönner, ihn um Gnade anging.

Bevor ich zu neuem Leben erwacht war, hatt' ich mich, trotz mancher gütigen Ladung der Frau Königin, fern vom Hofe gehalten. Meine Bittschriften waren unberücksichtigt geblieben, und da mir die Audienz bewilligt worden, um die ich ersuchet, empfing mich Königin Barbara zwar gnädig, doch ohne mich zu Ende zu hören. Sie helfe gern, aber dem Gesetze habe auch sie sich zu fügen, und endlich bekannte sie frei, daß ihr guter Wille an dem Einspruch des brandenburgischen Kurfürsten scheitere.

Am nämlichen Tage ward uns sodann das Ansehen selbigen weisen und gewaltigen Fürsten recht deutlich vor Augen geführet; denn in der Sankt Sebaldkirche empfing er als Oberbefehlshaber des Kreuzheeres, so gegen die hussitische Ketzerei aufgeboten werden sollte, des Kaisers eigen Schwert. Ehrwürdige Bischöfe umgürteten ihn mit selbigem, nachdem er es aus der Hand des päpstlichen Legaten samt dem Banner empfangen, das der heilige Vater selbst geweihet, und das ihm beim Ausgang aus der Kirche von dem Grafen von Hohenlohe vorangetragen ward.

Daß es nichts Leichtes war, zu solchem Herren in solcher Zeit fürzudringen, versteht sich, doch gelang es mir, wenigstens seinen Kämmerer zu sprechen, und durch selbigen ward mir kund, wie vieles meinem Bruder zum Schaden gediehen; maßen nicht nur des Junkers Henning Herr Vater auf seine strenge Bestrafung dringe, sondern auch eine ziemliche Zahl von Nürnberger Leuten, die weiland meines Aeltesten Hoffart verdrossen.

Wer ihn einmal mit einem Buche unter dem Arm auf der Gasse oder zu später Nachtstunde durch das erleuchtete Fenster hinter Schriften und Pergamenten gesehen, der hielt sich für einen Zeugen seiner schwarzen Künste. So sollte ihm selbst der Fleiß, den er bei all seiner Ausgelassenheit immerdar bewähret, zum Schaden gereichen, und in gleicher Weise ging es mit der Großmut und offenen Hand, die ihm allzeit eigen gewesen; denn der Arme, dem er statt eines dünnen Hellerleins einen vollwichtigen Dukaten in den Hut geworfen, sprach von der Satansliebung, so er empfangen und die ihm in der Hand gebrannt haben sollte. Außerdem hatte des Eppelein Prahlerei über das Gold, so sein Herr zu Paris hinausgeworfen und womit er ihm selbst die Taschen gefüllet, den übeln Leumund bestärket.

Wie viele hielten sich versichert, daß Satanas selbst als Schatzmeister in seinen Diensten gestanden!

Ein flüchtig Wort, so der Ritter von Rochow zuerst bildlich gebrauchet, war also zu einer Klage erwachsen, schwer genug, einen freundlosen Mann um Ehre und Freiheit, ja auf den Scheiterhaufen zu bringen, und es ist mir wohl bewußt, daß sich schon viele im voraus freuten, den schmucken, hoffärtigen Junker mit der spitzen Mütze auf dem Kopf und den Teufelszungen am Halse, von Flammen umlodert, verröcheln zu sehen.

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