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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Drittes Kapitel.

Das Bangen und trübe Ahnen war ganz und gar von mir gewichen, da ich in der tief verdunkelten Kemenate das Lager bestieg. Der Schlaf schloß mir ungesäumt die Augen, und traumlos schlummerte ich fort, bis Base Metz mich erweckte. Da wandte ich mich, weil ich noch schläfrig; sie aber blieb neben mir stehen, und kaum war die Hälfte eines Viertelstündleins verronnen, als ich abermals ihre Hand auf der Schulter fühlte und zitternd und mit perlender Stirn erwachte. Mir hatte geträumt, ich sei mit dem Hans, dem Großohm und anderen in den Lorenzerwald geritten, doch es war langsam fürbaz gegangen; denn all unsere Rosse hatten gelahmet. An der nämlichen Stelle aber, wo die Ann dem Herzliebsten beim Dohnenstieg in die Arme geflogen, hatt' ich einen hohen gelben Leichenstein gewahret, auf dem mit großen schwarzen Lettern deutlich zu lesen: »Hans Haller«.

Da war ich mit einem jähen Schrei aufgefahren und bedurfte langer Zeit, bis ich mich im wachen Leben zurechtfand. Base Metz lachte der Schlaftrunkenheit, die sie sonst nie an mir gewahret, und konnte doch nicht leugnen, daß mein Traum ihr mit nichten behage.

Hienach fuhr sie indessen auf und versicherte, daß es kein Wunder sei, wenn solches Heiden- und Türkenleben im Hirn einer jungen Maged dergleichen tolle Ausgeburten erwecke. Sie habe mich geflissentlich in den Tag hinein schlafen lassen, damit ich mich stärke. Der Herdegen sei schon zweimal dagewesen, um nach mir zu fragen, und der Hans und die Ann sodann gleichfalls; es fehlten nur noch anderthalb Stunden an Mittag.

Solches machte denn auch mich lachen; doch gleich darauf fiel mir auf die Seele, was sich gestern abend an der Hausthür der Pernharts und im Fechthause begeben, und ferner, daß wir zu den Tetzels zur Tafel geladen, und daß selbige sowie der Großohm des Glaubens lebten, des Herdegen und der Ursula Verlöbnis könne heute der Freundschaft kundgethan werden.

Bang und hastig begann ich mich zu kleiden, und während die Sus mich noch zopfte, stürmte die Base herein und meldete, Königin Barbara habe die eigene Sänfte gesandt, um mich zu ihr zu führen.

Da galt's denn sich tummeln!

Auf der Burg war das Quartier für das hohe Paar vom ehrbaren Rat auf Wunsch des Königs Sigismund neu hergerichtet worden, und es bot einen gar prächtigen Anblick, doch hatte mich dergleichen nimmer weniger ergötzet.

Des Papstes Legat, die fürnehmen Abgesandten des griechischen Kaisers, der Herr Kurfürst Konrad von Mainz und etliche Edelleute warteten der Königin auf. Sie hatte sich zu behaupten vermessen, daß zur Stund deutsche Jungfrauen des Sanges Kunst nicht minder artig zu üben vermöchten denn die im Welschland und mich so eilfertig zu sich beschieden, um die großen Herren etliche Lieder hören zu lassen.

Es ging nicht an, dem fürstlichen Willen zu widerstreben, und wohl oder übel mußt' ich die Laute ergreifen und erst allein, dann mit dem Herrn Conte di Puppi singen und wiederum singen. Unsere Stimmen hatten auch den König herbeigezogen, und es gab des Rühmens genug, doch mich lüstete nicht nach dergleichen.

Zum erstenmal ward der Sang mir zur Folter, und da sich die großen Herren verabschiedet hatten und ich wieder allein mit der Königin und ihren Frauen, überkam es mich, ich wußte nicht wie, und ich brach in Thränen aus, in heiße, bittere Thränen.

Mit echter Frauenhuld faßte die gnädige Fürstin mich da in die Arme, und indes sie mir das Riechfläschlein bot und mir tröstend zusprach, fuhr ich jäh zusammen, sintemal sich hinter mir ein gar jämmerlich Stöhnen und Schluchzen, wie aus einer Frauenbrust, erhob. Da wandte ich mich und gewahrte den Schalksnarren Porro, der sich auf ein Ruhebett geworfen und indes er mir nachahmte, sein glatt und ohnehin sonderbar schmal und hoch Antlitz so lang zog, als seien aus dem einen zwei hagere Antlitze geworden. Solches aber gewährte einen so drolligen Anblick, daß ich ins Lachen geriet. Wie er indes mit dem Jammern nicht nachließ, mahnte ihn die Königin ernstlich, die Narretei nicht auf die Spitze zu treiben.

Da schluckste er weiter: »O wie irrest Du doch, hohe und holdselige Base! Nie und nimmer hab' ich meines Narrenamtes schmählicher vergessen denn eben jetzt. Ach das Leben, das Leben! Wären wir nicht samt und sonders als Narren geboren und würdigten es, wie es ist und immerdar sein wird, mit dem hellen Geiste des Weisen, wir hörten nicht auf zu klagen von der Rute der Wärterin an bis zur Sichel des Todes.«

Ob es dem Porro ernst, vermochte ich nicht zu ermessen, glich doch sein Antlitz den Rätselsprüchen, die mehrfacher Deutung fähig; selbige Rede aber griff mir ans Herz, und ob mir das Leben bis dahin auch hundertfach mehr Grund zum Dank denn zur Klage gegeben, ahnte mir doch, daß es des Leides viel mit sich bringe, da die Königin ernstlich versetzte: »Vielleicht bist Du im Rechte, doch magst Du mit nichten vergessen, daß Du keineswegs als Weiser in unserem Dienste stehest; übrigens versteh' ich als gute Ungarin Latein, und der einzige Horatius Flaccus macht Deine grämliche Lehre zu schanden, wenngleich wir als Christin bekennen, daß es weiser und löblicher ist, die eigenen Sünden und die der Welt zu beweinen und des Jenseits zu denken, denn den Freuden der Gegenwart zu leben. Was Dich betrifft, teueres Kind, so fahre noch lange fort, Dich der Purpurblumen im Garten zu freuen, ob auch Gift in ihren Kelchen verborgen.«

»Man braucht sie ja nicht zu essen,« versetzte der Narr, »und ich habe mich oft gefragt, warum der flüchtige Schmetterling sich so lustiger bunter Flügel bedienet, während alles, was tief gräbt, grau ist und braun und von garstigem Ansehen.«

Dabei brach er in ein helles Gelächter aus, und solches in so unbändig ergötzlicher Weise, daß nun das Weinen vor eitel Fröhlichkeit an uns kam, und die Frau Königin ihm endlich gebieten mußte, innezuhalten.

Beim Ausbruch hatt' ich das Empfangsgemach des Königs zu durchschreiten. Dort verabschiedete er eben meinen Hans gar huldvoll, und mit den Herren Tucher, Stromer und Schürstab vom Rate trat ich auf den Burghof. Ich höre noch, wie sie ihm Dank sagten für die furchtlose Mannhaftigkeit, mit der er dem Kaiser dargethan, daß der Schatz fortfahren werde, Mangel zu leiden, wenn es bei der alten Unordnung bleibe. Auch rühmten sie den wohldurchdachten Plan, den er zum Zwecke der Besserung selbiger Dinge ausgearbeitet, und das Herz schlug mir froh und stolz, da ich die hohe Wertschätzung gewahrte, die so ansehnliche Häupter der Stadt dem jungen Amtsgenossen zollten.

Der Hans konnte sich von den anderen nicht sondern; doch wie ich die Sänfte bestieg, raunte er mir zu: »Keine Besorgnis! Der Herdegen und der Märker – Du weißt schon! Auf nachher bei den Tetzels!«

Daheim hörte ich wiederum, daß mein Bruder, die Ann und endlich auch der Eppelein, des Herdegen Knecht, nach mir gefraget; doch ich hatte mich für das Fest neu zu kleiden, und wie bang mir das Herz dabei pochte! Der kecke und mannhafte Märker und mein Bruder kreuzten vielleicht jetzt schon die Klingen!

Die Base, die nun alles wußte, und ich stiegen vor dem Tetzelhof aus den Sänften. An dem großen Thor stund der Eppelein gestiefelt und gespornt und hielt zwei Rosse am Zügel. Der Herr, der mit ihm redete, war mein Herzliebster.

Mitsammen traten wir in den Soler, und aus den ersten Blick ward uns bewußt, daß etwas Schlimmes im Werke. Der Brief in des Liebsten Hand rief ihn sogleich nach Altenperg hinaus.

Der Junker Henning und mein Aeltester gedachten einen Waffengang mit scharfen Schwertern zu thun; dergleichen aber konnte nur mit übeler Gefahr auf der Stadt eigenem Weichbild geschehen, sintemal selbiges unter des Reiches Frieden gestellt war, und der Kaiser in einer scharfen Botschaft Ritter und Knappen, Herren und Knecht, kurz jedermann mit Acht und Bann bedroht hatte, der sich erkühne, so weit das Nürnberger Land reichet und so lang der Reichstag währe, einem anderen abzusagen, Fehde zu beginnen oder eine Waffe in feindlicher Absicht gegen wen auch immer zu brauchen. Darum wollten sie sich bei Altenperg treffen, maßen kein jenseits der Grenzen des reichsstädtischen Gebietes gelegenes Dorf schneller erreichbar.

Dies alles war meinem Bräutigam schon diesen Morgen kund gewesen, doch hatte der Herdegen ihm den jungen Herrn Schlebitzer und einen österreichischen Ritter als Waffenwart bezeichnet; beide aber waren, wie der Brief erwies, ihm abtrünnig geworden, der erstere auf seines Herrn Vaters, des Ratsherren, strenges Geheiß, der andere, weil er von seinem Herzog zum Dienste befohlen. Jetzt forderte des Herdegen Brief meinen Hans auf, an der Ausbleibenden Stelle zu treten und ungesäumt gen Altenperg zu traben.

Doch noch anderes stund in dem Briefe. Mein Bruder erklärte darin, daß er sich mit der Ann ernstlich und unauflöslich mit ihrer Eltern Einwilligung versprochen, und stellte sodann an meinen Bräutigam das Gesuch, den Tetzels und dem Großohm zu künden, daß er der Ursula ganz und auf immer entsage. Näheres werde er dem Hans auf der Wahlstatt berichten.

Nun hielt Base Metz, mein Verlobter und ich kurzen Rat, und wir beschlossen, selbige Botschaft den Tetzels erst nach dem Festmahl und des Waffenganges Ausgang zu vermelden.

Alles drängte mich, den Herzliebsten zu mahnen, sich dieses Rittes zu begeben; und ich sehe mich noch, wie ich die Hände flehentlich erhob und spüre, wie er sie erfaßte, um sie mit sanfter Gewalt niederzudrücken.

Wie er mich dabei versicherte, daß, wenn einem, es ihm gelingen werde, die Gegner auszusöhnen, bevor es zum Blutvergießen komme, schaute ich ihm in das treufeste, mannhaft ernste und doch gütige Antlitz und dachte mir, daß, wo dieser hintrete, alles zum besten ausschlagen werde, und mit neuer Zuversicht rief ich: »So reite!«

Jedes Wort von damals steht mir, wie in Erz gegraben, fest im Gedächtnis.

Wieder klatschte des Eppelein Peitsche an die Lederschäfte der Stiefel, von der Treppe her frug des alten Tetzels blecherne Stimme, wo wir nur blieben, und eine Seidenschleppe rauschte die Stufen hernieder. Da warf mir der Herzliebste eine Kußhand zu, und ich folgte ihm über die Schwelle.

Draußen machte ihm der wilde Hengst so viel zu schaffen, daß er meine Abschiedsgrüße nicht wahrnahm. Da flog es mir plötzlich durch den Sinn, daß dies Roß dem Herdegen von dem Großohm verehret worden, und auch darin schien mir ein übeles Vorzeichen gelegen. Endlich nahm ich wahr, daß der Hans in seidenem Strumpfwerk, sonder Sporn und Reitstiefel aufsaß; doch der Hallerstall war voller Rosse, schon als Knabe hatt' er das seine gerüstet und ungerüstet getummelt und war ein Reiter, der sich auch beim Lanzenstechen als sattelfest bewähret.

Jetzt hatte er den Hengst gezwungen und trabte gelassen dem Eppelein voran aus dem Pflaster fürbaz, und wie er hienach hinter dem Eckhause verschwand, war es mir plötzlich, als wandle sich der Prellstein, an dem er vorbeigeritten, in das gelbe Grabmal, das ich im Traume erschaut, und als blicke mir zum andernmale von selbigem in großen schwarzen Lettern der Name »Hans Haller« entgegen.

Da mußt' ich mit der Hand über die Augen streichen, um mich von dem argen Gesicht zu befreien, und doch war ich jung und rüstig genug, um aufrecht und ohne daß die Kniee mir wankten, der Ursula Gruß zu erwidern.

Indes die Base uns nun auf der Treppe voranstieg, prustete und schnaufte sie wie ein siedender Kessel, und auch unter den anderen, so auf den Ruf zur Tafel warteten, wußte sie keine Ruhe zu finden. Männiglich nahm wahr, daß sie etwas Außerordentliches quäle, mir aber glückte es gut genug, mich zu bemeistern, auch da ich des Bruders und Bräutigams Ausbleiben mit wichtigen Geschäften entschuldigte.

Doch dem Großohm schwante das Rechte, und wie ich seinen leisen und kurzen Fragen der Wahrheit getreu Antwort erteilet, stieß er ingrimmig herfür, das also sei sein Dank! Wie er sich uns bisher als Wohlthäter erwiesen, so werde er hinfort zeigen, wie er denjenigen begegne, die sich seiner zu spotten erfrechten.

Da bat ich ihn, mir erst auf wenige Worte Gehör zu schenken; er aber schwenkte nur unwillig die Rechte und winkte hienach der Ursula, die sich ihm an den Arm hing und die Lippen fester schloß, nachdem er ihr mit einem strengen Blicke auf uns etliches zugeflüstert, dessen Meinung ich wohl zu erraten glaubte.

Ja, wie sie den Ritter Franz von Welemisl zu sich heranrief, ihm die Hand bot und ihm ein kurzes Wort zuraunte, sah ich ihr an, daß sie von allem unterrichtet.

Endlich zog sie den Vater beiseite, um ihm etliches zu künden, so sein graues Antlitz mit Blut füllte und ihn zu kräftiger Gegenrede reizte. Aber wie immer, wußte sie ihrem Willen Geltung zu schaffen, und er zuckte zwar ungehalten, doch überwältigt die Achseln.

Während selbiger kurzen Zwiegespräche hatten sich des Rebenters breite Thore geöffnet, und wie der Tetzel endlich, mit seiner alten Mutter am Arm, die Gäste ersuchet, ihm zu folgen, flüsterte mir der Ohm Kristan, der Ann vielgetreuer Gönner, fröhlich zu, der Herdegen habe ihm vorhin vertraut, daß er mit seinem»lieben Türmerlein« einig, und was mit ihm und dem Junker von Beust im Werke. Ich möge mir's getrost schmecken lassen; der Brandenburger aber werde ein bitter Stück Nürnberger Stahl zu kosten bekommen, des sei er sicher.

Mit einem hellen: »Kopf oben, Gredlein!« schloß seine Rede. Bald darauf saßen wir an der reichen Tafel, an deren Spitze die alte Frau Clar thronte und dabei gar mürrisch und unfestlich dreinsah.

Die Ursula hatte sich den Ritter Franz zum Nachbar erkoren. Der Stuhl zu ihrer Linken, der für den Herdegen bestimmet, war leer; doch gebot sie, wie zum Scherz, ihrem weißen Brabanter Hündlein, sich darauf niederzulassen. Das Mahl nahm seinen Lauf, und es ging dabei so still und dumpf her, daß der Herr Muffel vom Rate, den sie den Gallen-Muffel nannten, sich gemüßiget sah, den Ohm Kristan über den Tisch hin flüsternd zu fragen, ob es nicht ein sonderbar Ding sei um solchen Leichenschmaus ohne Toten?

Da überlief es mich abermals, doch der behäbige Ohm Kristan hatte allbereit den Glaskelch gehoben, und indes er sich wohlig dehnte, winkte und trank er mir zu und rief sodann für jedermann vernehmlich: »Auf den jüngsten Verspruch und das allertrauteste Brautpaar!«

Da nickte ich ihm verständnisvoll zu und that ihm redlich Bescheid; die Ursula aber, die uns mit Ohr und Auge gefolgt war, gab jetzt ihrem Herrn Vater ein dringlich Zeichen, und selbiger erhob sich langsam, schlug an das Glas, und da männiglich seines Spruches gewärtig, that er den Gästen kund, daß er sie nicht nur zur Feier des Namenstages seiner Frau Mutter geladen, die der Herr Tucher vorhin in preiswürdiger Rede gefeiert, sondern vielmehr auch, um sich mit ihnen des Verspruches seiner Tochter Ursula mit dem hochedelen Ritter und Freiherrn Franz von Welemisl zu freuen.

Da ging es denn an ein weidlich Hochrufen, Anstoßen und Becherleeren, indes die alte Frau Clar Tetzelin, die taub war und der darum die rechte Meinung der Rede ihres Sohnes entgangen, laut ausrief: »So ist der junge Schopper also dannocht gekommen?«

Bei diesen Worten entfärbte sich der Ritter, der der Alten mit dem Glase in der Hand an der Ursula Seite genaht war, und selbige unterbrach die Großmutter und flüsterte ihr ins Ohr, um was es sich handele.

Da schaute die Greisin ihren Sohn und dann auch den alten Herrn Im Hoff kopfschüttelnd an, doch wußte sie gute Miene zum bösen Spiel zu machen, reichte dem Ritter die Rechte zum Handkuß und ließ sich von der Ursula umarmen; hienach aber wiegte sie das alte Haupt auf und nieder, und solches immer stärker und schneller, je öfter den Bräutigam das Husten ankam.

Wohl stund Herren und Frauen das Staunen auf dem Antlitz geschrieben, doch war das Eis nun gebrochen, und aus der stummen und bedrückten ward eine ausbündig heitere Tafelrunde. Am fröhlichsten schaute Base Metz drein. Der Ursula Verspruch hatte eine große Gefahr von ihrem Liebling genommen, und von nun ab gewann auch ihr Federaufsatz die verlorene Ruhe zurück.

Rings um mich her ward geschwatzt und gelacht, klangen Becher, erhoben sich Stimmen zu wohlgesetzten Reden und manchem schallenden Lebehoch. Wo ein Verspruch gefeiert wird, meint man ja immerdar, das Glück am Leitseil zu haben, und hätten sich auch Blöd und Taubstumm zusammengefunden.

Der Platz zu meiner Linken, der meinem Trauten zukam, blieb leer, zu meiner Rechten aber saß der hochwürdige Herr Sebald Schürstab, der Minoriten Prediger und Guardian, der, sobald er einen Trinkspruch ausgebracht hatte, den Teller mit den Augen durchbohrte und allbereit auf den folgenden sann. So hinderte mich unter all den frohen Gästen nur wenig, mein Bangen und Hoffen die eigenen Wege wandeln zu lassen.

Wenn die Gläser klangen und ein neues Hoch erscholl, stieß ich mit an und stimmte ein, ohne doch recht zu wissen, wem es wohl gelte. Dazu ward es immer heißer im Saal, die Luft immer schwerer zu atmen.

Wie gestern, so zog auch heute ein Gewitter herauf. Obzwar die Sonne noch nicht untergegangen, war es so dunkel geworden, daß man Licht gebracht hatte, und die fünfzig brennenden Kerzen auf den silbernen Armleuchtern steigerten die Hitze.

Ueber die verhängten Fenster hin flackerte der Glanz der Blitze wie ein flüchtiger Lichtschein, und des Donners Grollen erschütterte die Butzen, daß sie in der Bleifassung klirrten und klingelten.

Der Herr Guardian gedachte der hohen Heiligen, deren absonderlichen Schutz sich zu sichern dies Haus nimmer vergessen, und bekreuzigte sich. Wir thaten desgleichen, und bald war des Gewitters vergessen.

Wiederum klangen die Gläser, ich sah gebratene Pfauen mit weitausgespreizten schillernden Schweifen und trutziglich erhobenen Häuptlein, sah Eberköpfe mit Zitronen im Maul und zierlichem Schmuck, sah große Lachse, die blaue Forellen umlagerten und scharlachrote Krebse umkletterten, Pastetenschüsseln und kunstvoll geschichtetes Kuchengebäu herein und hinaus tragen, ja, ich griff bisweilen mit eigener Hand zu und führte auch manchen Bissen unwillkürlich zum Munde; doch ob es Brot oder Ingwer, meine Zunge unterschied es mit nichten.

Silberköpfe und venetianische Gläser wurden aus Flaschen und Krügen gefüllt; ich hörte den Fürstenberger und Bacharacher, den Malvasier und Cyperwein loben und nahm die Wirkung wahr, die der edle und feurige Rebensaft übte, ja bisweilen vertrat ich bei dem Ohm Kristan seines »Türmerleins« Stelle; doch es war, als hebe nur ein fremder Wille oder alte Gewohnheit den mahnenden Finger.

Nahm ich teil an einem Festmahl, oder träumte mir nur, als Gast an eines reichen Hauses Tafel zu sitzen?

Was mir sicher bewußt, das war, daß des Gewitters Ungestüm gebrochen, und weder Hagel noch Regen fürder die Scheiben berührten.

Wie durchnäßt mußte mein Hans sein, der sonder Mantel in höfischer Kleidung hinausgeritten!

Nach dem Gebahren und den Stimmen der Mannsbilder konnte des endlosen Mahles Schluß nimmer fern sein; und da kamen auch allbereit die Schüsseln mit den eingemachten Gewürzen und Früchten, die Törtlein und Näschereien für die Kinder daheim.

Ich atmete hoch auf, und sehr bald, dacht' ich, würden sich wohl auch die anderen erheben; denn der Jost Tetzel war von seinem Platze verschwunden.

Jetzt schaut sein fahl Antlitz durch den Vorhang, und seine hagere Hand winkt dem Großohm.

Selbiger erhebt sich nun gleichfalls, und die Ursula folgt ihm.

Von draußen her läßt sich ein gar sonderbar Hinundher von Schritten und Stimmen vernehmen.

Nun rufet ein Knecht auch den Herrn Ebner und den Ohm Tucher, und das Geflüster und Gerede hinter der Thür wird lauter und lauter.

Die Gäste sind ganz still geworden und fragen einander mit Blicken und Worten.

Es hat sich etwas Ungewöhnliches, sicher nichts Gutes, begeben.

Wie der Klöppel beim Sturmgeläut an die Glocke, schlägt mir das Herz an das Mieder.

Was da draußen vorgeht und einen nach dem anderen hinauszieht, gilt mir, muß mir, mir allein gelten.

Es drängt mich von meinem Platze fort, und schon rück' ich den Stuhl, da seh' ich den Ohm Tucher neben der Base Metz, und sein immer noch vom Wein gerötet gut und würdig Antlitz ist ein Herold des Entsetzens und Kummers.

Jetzt neigt er sich dem Ohr der Base entgegen.

Mein Auge hängt an seinem Munde, und jetzt – jetzt schnellt sie, die meine zweite Mutter, rasch wie die Jüngste empor, und indes sie die Hand auf die Brust preßt, schrillt es ihr von den Lippen: »Jesus Maria, die Gred!«

Da wird es mir dunkel vor den Augen, ein veilchenblauer Schimmer verdeckt die Tafel, die Gäste und alles ringsum, ich schließe die Augen, und wie ich sie alsbald wieder öffne, erhebet sich vor mir nah und greifbar deutlich der gelbe Leichenstein mit der schwarzen Schrift, von dem mir geträumet, und ob ich die Lider auch wiederum schließe, der Name »Hans Haller« bleibet mir vor dem inneren Blick stehen, und statt zu weichen, wachsen die Lettern, sie kommen mir näher und näher, einer Reihe gieriger Werwölfe vergleichbar.

An der hohen Lehne des festgefügten Stuhles halt' ich mich fest, um nicht in die Kniee zu sinken; doch da stößt eine traute Hand ihn zur Seite, und statt seiner stützen mich zwei alte und doch kräftige Arme, und sie ziehen mich an eine treue Brust, und wie der Base Metz von Thränen halb erstickter Ruf: »Mein arm, arm, lieb, gut Gredlein!« an mein Ohr klingt, da ist es mir, als schmelze und löse sich mir etwas in der Brust und quille mir auf bis an die Augen, und, ob es mir auch keiner gesagt hat, ist es mir doch sicher bewußt, daß ich allbereit vor der Hochzeit zur Witib geworden, daß der Base Thränen und meine eigenen nicht dem Herdegen fließen, sondern ihm, ihm . . .

Aber dort, mir gegenüber!

Was ist das?

Da steht die Ursula, und ihre blauen Augen fließen über von Zähren, und selbige gelten mir und lehren mich, daß mein Leid groß und herb genug ist, um auch der Feindin ungut Herz zu bekümmern.

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