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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Siebenzehntes Kapitel.

Wer nachdenklichen Sinnes, der käme nicht vorwärts ob der Fülle des Wundersamen, so ihm auf Schritt und Tritt begegnet, wenn sich ihm nicht am Ende des Ueberlegens erwiese, daß die wundersamen Dinge nicht minder notwendige und häufige Glieder in der Kette der wechselnden Erscheinungen des Lebens, denn das Alltägliche und Gemeine; weswegen man also das Sichwundern den Unerfahrenen billig überlasset, den Kindern und Thoren.

Dannocht stieß mir manchmal die Frage auf, wie denn ein Weibsbild, dem das Herz so gerad am rechten Flecke schlug, wie der Muhme, den einzigen lieben Sohn um einer Mißheirat willen verloren geben und doch Leib und Leben aufs Spiel setzen mochte, um die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, so einer andern Mißheirat dräuten.

Es sollten mich dazumal übrigens noch andere Mirakel zum Nachdenken bringen. Wenn ich nämlich, nachdem die Ann wiederum daheim, das Haus der Pernharts betrat, fand ich sie häufig hart an der Seite der alten Meisterin, wie selbige ihr vielerlei, und auch das Allergeheimste, vertraute. – Einmal, wie ich die Alte mit der Ann, der sie vordem so fremd gewesen, im Erker beisammenfand, hatte jene den Arm um sie geschlungen und schaute ihr mit nassen Augen liebreich ins Antlitz. Sie war durch meinen Eintritt unterbrochen worden, da sie dem neuen Liebling mancherlei aus der Kindheit ihrer Söhne berichtet, und man sah ihr wohl an, wie es sie freute, in den alten Erinnerungen an die süßeste Zeit ihres Lebens zu schwelgen, da ihre beiden Prachtbuben in der Schule immer die ersten gewesen. Ja ihr ältester hatte sich damals also hervorgethan, daß der Herr Bischof von Bamberg in eigener Person ihrem Hausherrn selig ans Herz geleget, ihn geistlich zu machen. Daraufhin hatte selbiger den Ulman in die Lehre genommen und den Erstgeborenen, dem eigentlich Haus und Schmiede zugekommen wäre, der Kirche gewidmet, in deren Dienst er sodann zu so hohen Ehren gelangte.

Wohl verstund es die Ann aufs beste, dem allen offenen Ohres zu folgen, und sicherlich that es der alten Frau Madalen auch gut, sie nunmehr in allen Stücken zufrieden sich im Haushalt regen zu sehen; doch lag der Wandlung der Meisterin sicherlich noch anderes zu Grunde.

Die Waldmuhme hatte eine schöne That echter Menschlichkeit, wahrer und reiner christlicher Liebe vollbracht, und der Sonnenschein der Minne, der ihren siechen Leib hinaus in des Winters Kälte und des Feindes Haus geleitet, er erklärte mir die beiden Mirakel auf einmal. Er war es gewesen, der die fürnehme Frau all des Tandes und der Narretei, in der sie erwachsen, hatte vergessen lassen, um ein jung und bedrängt Menschenkind, dem sie wahrhaft hold, vor Unheil zu schirmen. Und selbiger Sonnenschein hatte ihr auch in des Rotschmiedes Haus vorangeleuchtet und seinen freundlichen Glanz auf die Ann geworfen, also daß sie der alten Meisterin nunmehr in ganz neuem Lichte erschien.

Wen einer der Höchsten und Gestrengsten eines großen Opfers aus reiner Liebe würdig erachtet, der wird dadurch gleichsam geadelt, und es öffnen sich ihm Thüren, die ihm vordem verschlossen, und zu selbigen gehörte auch die der Herzens der wackeren Frau Meisterin, die nun urplötzlich alles in ihr wiederzufinden vermeinte, was sie mit ihrem leiblichen Eniklein, der Trud selig, verloren.

Fester, denn in jenem Winter, hatt' ich nie mit der Ann zusammengehangen, und zu dem vielen, das uns verband, gesellte sich nun noch ein süß Geheimnis, so diesmal mein Herz anging und – wiederum wundersamerweise – uns nur noch fester vereinte.

So kamen die Faschingswochen; die Ann aber hielt sich von allen Ergötzlichkeiten fern, zu denen man sie willig lud, seitdem ihr Stiefvater zum ehrbaren Rat gehörte. Nur einmal gab sie meinem Drängen nach, mich auf den Geschlechtertanz zu begleiten; weil ich aber wahrnahm, daß es hienach, obzwar man sie weidlich herfürgezogen, wiederum um ihre ruhige Heiterkeit geschehen war, ließ ich sie gewähren und hielt mich ihr zu liebe selbst bis zu einem gewissen Zeitpunkt von dergleichen Lustbarkeiten zurück.

Nach Ostern, da der Lenz allbereit in herrlicher Blüte, lüstete es indes auch mich wiederum nach festlicher Freude, und nunmehr soll auch des Wunders gedacht sein, so sich an meinem Herzen vollzogen.

Ein Geschlechtertanz war angesagt worden und zwar zu Ehren etlicher Botschafter des Kaisers Sigismund, die gekommen, um mit dem Herrn Kurfürsten und dem Rate wegen des Reichstages zu verhandeln, der aus Anstiften des Erzbischofs Theodorich von Köln im Sommer zu Regensburg gehalten werden sollte.

Ihr fürnehm Haupt, der schlesische Herzog Rumpold von Glogau, hatte in einem Hause Herberge gefunden, in das der Lenz den ältesten Sohn heimgeführt hatte aus Padua und Paris, allwo er mit großem Ruhm sich die Doktorwürde des weltlichen und geistlichen Rechtes erworben, und er war es, der in meinem jungen Herzen die erste echte Minne erweckte.

Als Kind hatt' ich des Hans Haller, als eines viel Aelteren, der die kleine Gred übersah und sich mit nichten ihrer annahm wie der Vetter Götz, wenig geachtet, und so war er mir dazumal etwas ganz Neues und Fremdes.

Fünf Jahre hatt' er auswärts verweilet, und wie ich ihm nun zum erstenmale in die treuen Augen schaute, dacht' ich gleich im stillen, die Jungfrau, die der da sich zur Hausfrau erlese, die sei wohl geborgen.

Doch Aehnliches mochte wohl jede Mutter und Tochter aus den Geschlechtern vermeinen, und daß er mich, die vorschnelle, thörichte Gred, zu sich erheben werde, das wagte ich kaum zu erwarten. Doch im geheimen hofft' ich dannocht dergleichen; denn er hatte bei unserem ersten Wiederbegegnen sich gar so freudig überrascht gezeigt über mein Erblühen, und wenige Tage später, da doch viel junges Volk bei den Hallers vereinigt, just mit mir recht viel und huldreich geplaudert. Solches aber war nicht geschehen wie mit unreifen Kindern, als welche die jungen Herren uns Magede unter den Zwanzig dazumal gemeiniglich traktirten, nein, wie mit seinesgleichen. Auch war es ihm dabei wohl gelungen, aus meinem Inneren herauszulocken, was etwa darin verborgen. Frei und fröhlich hatt' ich ihm Bescheid gethan und war dabei dannocht auf der Hut gewesen, mir nichts Unbesonnenes entschlüpfen zu lassen; denn es wollte mich fast köstlich bedünken, dieses klaren und wissensreichen Mannes Wohlgefallen teilhaftig zu werden.

Ach, und wie er nun, weil es zum Abschiednehmen kam, mir die Hand so fest drückte und mir, während er mir in den Mantel half, leise vertraute, es falle ihm sauer, sich in der engen Vaterstadt wieder heimisch zu machen, doch wenn ich nur wolle, werde er dem wackeren Nürnberg bald wieder ebenso hold sein, ja noch viel holder denn je vorher – da rann es mir siedend heiß durch die Adern, und ich schaute flehentlich zu ihm auf und sagte leise, so dürfe er nicht mit mir scherzen.

Doch er erwiderte recht herzensinnig, es sei ihm heiliger Ernst, und wenn ich ihm die Heimat wieder wert und ein recht zufrieden Menschenkind aus ihm machen wolle, müßt' ich die Seine werden, weil er sich in allen Landen der Welt nichts Lieberes wisse, denn das Kind, das er als eine so holdselige Jungfrau wiedergefunden. Wenn ich ihm allbereit jetzt ein wenig gut sei, dann mög' ich ihm in aller Stille ein Zeichen geben.

Da blickt' ich ihm mit beiden Augen hell in die seinen, und aus dem übervollen Herzen wollte mir nichts über die Lippen denn sein Taufname »Hans«, indes ich ihn vorher immer nur Herr Haller gerufen. Und dabei war es mir, als stimmten alle Glocken der Stadt auf einmal ein hell und fröhlich Festgeläut an; er aber erkannte alsbald meiner kurzen Entgegnung Meinung und flüsterte mir gar traute Worte ins Ohr.

Hienach geleitete er die Base und mich heimwärts, und es wollte mich dünken, als hätten mir die ehrsamen Mütter von unserer Freundschaft, die das elternlose Kind doch so wacker wegen seines Alleinstehens beklaget, noch nie so wenig minniglich nachgeschaut denn an selbigem Abend, den doch die Minne gesegnet.

Allbereit am folgenden Morgen war es in aller Munde, daß sich ein neu Pärlein geeinigt, daß die drei Winkel des Hallerschen und die drei Ringe des Schoppenwappens sich zusammengefunden.

Die Ann war die erste gewesen, die von meinem Glück erfahren, und wenn sie auch vordem fest entschlossen gewesen, den Geschlechtertanz, so lang sie allein stund, zu meiden, war sie uns diesmal dannocht zu Willen, weil sie es nicht über sich brachte, meine Glückseligkeit durch ihr Ausbleiben zu schmälern.

So hatte die Minne denn auch bei mir Einzug gehalten, und sie glich einem schönen, stillen, blütenreichen Pfingstmorgen im Walde. Was in mir aufgegangen, das war ein reines, volles, ruhiges Genügen, ein Schauen, so jegliches weit und breit hold verklärte, ein frohgemut Danken, weil nun alles so gut geworden.

Wenn ich des Morgens gedachte, an dem die Ann dem Herdegen an die Brust geflogen, und an den Minnetaumel, von dem ich in manchem Liede und mancher Aventure gelesen, so kam mir wohl in den Sinn, daß ich mir des Herzens erstes volles Erblühen anders gedacht, daß ich heißer lohende Flammen, ein brennender Weh, ein wilder, stürmischer Drängen dabei zu verspüren erwartet. Doch wie es war und gekommen, wollt' es mich nur schöner bedünken; denn ging die Sonne meiner Minne auch nicht mit brennendem Scharlach auf, so war sie darum dannocht nicht klein und kühl, und das Bild meiner lieben Mutter selig kam mir nicht aus dem Sinn, und es war mir, als sei das, was ich empfand, so rein und herrlich, als ob es aus ihrer himmlischen Heimat gekommen.

Und wie lieb und herzlich mich die Eltern in ihrem stattlichen Hause empfingen und mich ihr traut Töchterlein nannten und mir all die Herrlichkeiten wiesen, so der Hallerhof barg!

In diesem reichen Heim, diesem weiten, schönen Garten, diesem echten Herrensitz, für den mancher Fürst seine Burg mitsamt der Wildbahn gern hergegeben hätte, sollt' ich als Hausfrau gebieten neben der Mutter meines Hans, deren lieb und würdig Antlitz mir so wohl gefiel, von deren freundlichem Mund ich, die elternlose Waise, mich so gerne »Kind« und »Töchterlein« rufen hörte.

Nicht weniger lieb denn sie wurde mir auch der ehrenfeste Vater, wurden mir die jüngeren Geschwister. Ich sollte das Glied, ja, als des Erstgeborenen Gemahl das weibliche Haupt eines Hauses werden, das allen anderen voranstund, dessen Söhne, so lange es einen Rat gab zu Nürnberg, des Regimentes der Stadt mitgewaltet.

Auch mein Verlobter war kurz nach seiner Heimkehr zugleich mit dem Meister Pernhart in den kleinen Rat gezogen worden, da er kein Knabe mehr und eben in die Dreißig getreten. Und selbigem Alter entsprach sein fürnehm und gemessen, aber doch freudiges und für alles, was sich über das Gemeine emporhebt, jugendlich empfängliches Wesen.

Wenn an eines Menschen Seite, konnt' ich an der seinen mich so gestalten, wie ich zu werden begehrte, und bracht' ich es dahin, von dem alten Ungestüm zu lassen, dann durft' ich wohl hoffen, auch seiner Mutter, die er über alles hoch hielt, ähnlich zu werden.

Der Geschlechtertanz, dessen ich allbereit gedacht und auf den die Ann uns zu folgen bewilligt, war das erste größere Fest, dem ich an des Herzliebsten Seite beiwohnen sollte, und der ehrbare Rat war besorgt gewesen, den Abgesandten des Kaisers zu größerer Ehre bei selbigem den höchsten Glanz zu entfalten; denn er hatte mit dem Herrn Burggrafen und Kurfürsten ausgemacht, alles aufzubieten, den Reichstag von Regensburg nach Nürnberg verlegen zu lassen, und dafür galt es nunmehr, auch die Herren Abgesandten zu gewinnen.

Was jung und fürnehm, war auf dem Rathaus versammelt, und der Anfang des Festes brachte uns eitel Genügen; auch zeigten sich die Herren Botschafter baz überrascht über die Pracht des Saales und des Gerätes der Stadt, sowie den Kleiderprunk und köstlichen Schmuck der Herren und Frauen.

Es waren der Abgesandten sechs, und an ihrer Spitze stund der Herr Herzog Rumpold von Glogau; unter denen aber, so ihm das Geleit gaben, nenn' ich nur den selbigen Ritter und Freiherrn Franz von Welemisl, der aus der Forstmeisterei um meinetwillen so beklagenswerte Wunden davongetragen, sowie einen altmärkischen Junker des Namens Henning von Beust, der zu einer der unbotmäßigen Sippen gehörte, die unserem Herrn Burggrafen, dem Kurfürsten, das Trachten, Gesetz und Recht in den Marken auszurichten, übel gekreuzet.

Der erstere war nunmehr Kämmerer des Kaisers, und wenn auch von seiner Wunde genesen, so doch immer noch von einem bösen Husten geplaget. Uebrigens freut' er sich wieder des aufrechten und ritterlichen Ansehens von früher, und das feine Antlitz, dessen Blässe jetzt noch schärfer denn vordem von dem schlichten Rabenhaar abstach, sowie der wehe Ton seiner leisen Stimme sprachen mancher Jungfrau zum Herzen; auch paßte die köstliche, mit funkelndem Edelgestein geschmückte schwarze Kleidung gar wohl zu seinem sonstigen Wesen.

Da er nun wahrgenommen, wie es mit mir und meinem Herrn Bräutigam stund, gab er sich das Ansehen, als sei seine Seele todeswund; doch sollt' ich bald erkennen, daß er sich trefflich zu trösten gewußt, und die Minne, die er mir weiland gestanden, auf die Ursula Tetzelin mit Zins und Zinseszins übertragen. Selbige ließ sich auch gern von ihm hofiren, und ich wünschte dem schwarzen Werber das beste Glück bei seiner Erwählten.

Ein Tanzsaal ist überall für die Herren vom Hofe ein voller Weiher, und so hatte sich auch der Junker Henning von Beust, sobald er den unseren betreten, auf den Fischfang begeben; doch war des Ritters Franz Köder Wehmut und Trauer, so suchte jener mit eitel Frohsinn und Keckheit die Herzen zu kirren.

Mein Herr Bräutigam, bei dessen Eltern er im Quartier lag, hatte ihn selbst meiner Gunst empfohlen und mit mir und der Ann an seiner lebenslustigen, treuherzigen Weise allbereit gestern und vorgestern Genügen empfunden. Man mochte sich aber auch nichts frohgemuteres denken, denn selbigen rotlockigen jungen Edelmann im bunten Gewand, daran die Zatteln am Hals und an den Aermeln lustig flatterten und viele Glöcklein mit hellem Klingklang zusammenschollen.

Licht und Leben lachte aus dem Blauaug' dieses frischen Gesellen. Die Schulbank freilich hatt' er nimmer gedrücket; denn während unsere Knaben noch hinter den Büchern sitzen, war er allbereit mit dem Vater zur Jagd und auf Fehden geritten oder hatte gar an der Straße den Lastwagen derselben städtischen Pfeffersäcke aufgelauert, deren guten Wein und junge Töchterlein er auf ihrem Rathause mit nichten verschmähte.

Die Ann hatt' es ihm allbereit im Hallerhof angethan, und er ließ nicht von ihr, obzwar ich, nachdem er etliche spitze Worte vernommen, mit denen die Ursula Tetzelin sie bei ihren Tänzern herabzusetzen getrachtet, ihm offen gekündet, wes Blutes und Herkunft sie sei.

Doch solches widerstand ihm mit nichten, ja es steigerte nur seine Lust, sie herfürzuziehen und ihrer Widersacherin das übele Spiel zu verderben. Es schien, als könne er des Tanzes mit der Ann nimmer genug finden, und sobald die Stadtpfeifer Zinken, Drommeten, Krummhörner und Schalmeien, Geigen, Poschen und Rebeben, den Dudelsack und das Trumscheit erklingen ließen, und die Schweizerpfeiflein den rasselnden Heerpaukenschall überschrieen, war es, als schnelle die Musika ihn in die Höhe und schwinge ihn fürbaz; auch riß sein keck und frohgemut Wesen alles mit fort, und da man wahrnahm, daß er es auch unseren flinkesten Herren vorausthat und ihm jeglicher Tanz wohl vertraut, der im Brandenburgischen, im Sächsischen, im Böhmischen oder an des Kaisers Sigismund ungarischem Hofhalt geschätzet, ging man ihn bald an, uns neue Tanzarten zu weisen, und er ließ sich nicht lange bitten.

So bracht' er es denn auch bald dahin, daß unsere fränkische und Nürnberger Ehrbarkeit das Antlitz verhüllte, und ein so rasend und ausgelassen Treiben begann, daß es selbst mir, trotz meiner jungen Jahre und frischen Lust am schnellsten Takte, zu viel ward.

Mein Hans, der junge Ratsherr, fand immer noch Genügen, mich im polnischen Tanze einherzuführen oder ehrbar mit mir zu schwäbeln, doch hielt er sich von dem wilden Aufundnieder des Zäuner- und des Taubentanzes schicklich zurück; fürnehmlich aber widerstund ihm, und mir mit ihm, der Totentanz, den sie im Brandenburgischen, Ungarischen und Schlesischen pflegen. Es hat sich aber bei selbigem einer tot zu stellen und, während er ausgestreckt daliegt, sich durch den Kuß eines anderen erwecken zu lassen. Da nun der Junker von Beust, wie die Märker sagen, »die Tanzleiche« war, verwickelte er sich mit der Ann in einen sonderbaren Handel. Selbige küßte nämlich statt ihn selbst nur die Luft dicht über seiner Wange, und der kecke Gesell, der sich solche minnigliche Gabe mit nichten entgehen lassen wollte, kündete ihr, nachdem der Tanz vorüber, daß sie in seiner Schuld sei und er nicht ablassen werde, bis ihm sein gut Recht widerfahren.

Doch die Ann bat ihn gar hold, ein gnädiger Gläubiger zu sein und ihr zu erlassen, was sie nun einmal, gewiß nicht aus übelem Willen, verabsäumt. Weil er sich indes mit nichten ergab, wurde der Streit von anderen wahrgenommen, und der Jörg Löffelholz that den Vorschlag, einen Minnehof zusammenzuberufen und die strittige Frage vor selbigen zu bringen.

Solches fand alsbald ungestümen Beifall, und obzwar ich und mein lieber Bräutigam, und andere mit uns, Einspruch erhoben, saßen die Tänzerinnen bald im Kreise beisammen, und der Jörg Löffelholz, den sie zum Regenten erkoren, fragte jeglicher den Spruch ab.

So kam denn auch an die Ursula Tetzelin die Reihe, und wie sie der Junker Henning, bevor sie das Wort genommen, fragend anschaute, warf sie die roten Lippen trutziglich auf und erklärte, sie werde sich des Urteils enthalten, maßen ihr nur bewußt sei, was sich adeligen Jungfrauen zieme.

Da versetzte der Altmärker mit so edeler und ernster Würde, wie ich sie dem lachenden Springer nimmer zugetraut hätte: »Den besten Adelsbrief, werte Dame, hat die Jungfrau empfangen, der der Herrgott die mildeste Güte und holdeste Anmut verliehen, und in diesem Saale fand ich keine, die er mit beiden reichlicher gesegnet, denn diejenige, gegen die ich im Scherz Klage erhoben. So fordere ich denn den Herrn Regenten des Minnehofes auf, Euch zum andernmale um Euren Spruch zu ersuchen.«

Solche Worte mochten der Ursula übel behagen, und dannocht wußte ihr kecker Geist ihnen wohl zu begegnen; denn mit einem hellen Gelächter, so frei und zwanglos genug klang, versetzte sie hurtig: »Ihr trutzigen Herren von der Mark entziehet also Seiner Majestät dem Kaiser auch das Recht, Adelsbriefe auszustellen und schreibet es von nun an dem Himmel zu! Ein keck Unterfangen! Doch die Politika kümmert mich wenig, und so vernehmet denn meinen Spruch: Hätte Euch die Gred Schopperin oder die Els Ebnerin oder eine andere von uns, deren Ahnen der Kaiser und nicht Euer märkischer Herrgott das Wappen verliehen, den Kuß geweigert, so würde ich sie verdammen, statt des einen Euch vorenthaltenen Kusses deren zween vor etlichen Zeugen von Euch hinzunehmen; der Jungfrau Spießin dagegen, die sich vermessen, einem adeligen Herrn und Gaste der Stadt die Liebung vorzuenthalten, die wir von den Geschlechtern ihm willig gewähret, ihr lege ich in Gnaden auf, Euch, Junker Henning von Beust, die ritterliche Hand zur Sühne bescheidentlich zu küssen.«

Selbige Worte klangen hell und frei durch die lautlose Stille, und ich will bekennen, daß ich die Ursula nie schöner gesehen, denn da sie dem Junker mit strahlenden Augen und zuckenden Lippen selbige Antwort erteilte. Dem stürmischen Wogen ihrer vollen Brust sah man wohl an, mit welcher Lust sie dem alten Hasse freien Lauf gelassen, und daß ihr das Vorhaben geglückt, die Feindin bis in der Seele Tiefe zu kränken, solches kündete das totenbleiche Antlitz der Ann deutlich genug.

Dannocht fand selbige kein Wort der Entgegnung, und während die Ursula sprach, war es mir in der Fülle des Grolles und Herzwehes nicht anders, als hebe sich vor mir ein Nebel; doch sobald sie schwieg, und der siegreiche Blick ihres Auges das meine nur streifte, wurde es flugs wieder hell in mir und um mich, und ohne der Vielen zu gedenken, so uns umstanden, trat ich einen Schritt vor und rief: »Wir danken Euch, Junker; Ihr habt Euch auf die rechte Seite geschlagen, die einzige, Ursula,« und dabei schaute ich ihr strafend ins Antlitz, »die einzige, zu der ich meinen Freund und jedwedes wackere Herz halten sehen möchte.«

Da verneigte sich der Märker und versetzte, indes er einen verweisenden Blick auf die Tetzelin warf: »Wollte Gott, ich käme nimmer vor eine schwerere Wahl!«

Hienach wandte er ihr den Rücken, um sich der Ann zuzuwenden, die Ursula aber lachte abermals hell auf und rief ihm trutziglich nach: »O, möcht' Euch doch der Himmel den Sinn beim Wählen immerdar schärfen, sonderlich aber beim Unterscheiden, was auf der märkischen Landstraße fremdes Gut, was das Eure.«

Da schoß das Blut dem Junker ins Antlitz, und wie er mit einem raschen Griff den kecken Schnurrbart zurückstrich, mochte er freilich einen ähnlichen Anblick gewähren, wie wenn er sich im Sattel hob, um sich auf das Geleit unserer Fuhrleute zu stürzen, und die Beust nebst ihren nächsten Blutsfreunden, den Alvensleben, waren es auch gewesen, so vor kaum einem Jahre die Frachtwagen der Muffel und Tetzel bei Jüterbock geworfen.

Aber so heiß es auch in ihm kochte, der Junker hielt dannocht an sich, maßen ihm die ritterliche Zucht wehrte, der Ursula mit gleicher Münze zu zahlen, und der Base Metz war es von ungefähr beschieden, ihm bei solcher löblichen Selbstbeherrschung Beistand zu leisten; denn mit langen Schritten kam sie heran, und dabei funkelten ihr die Augen in so dräuendem Glanz, daß sie es dem Edelgestein in dem hohen Federngebäu auf ihrem Scheitel zuvorzuthun schienen.

Das junge Volk, so den Minnehof umstund, schob sie beiseite wie ein schnelles Schiff den Laich auf dem Wasser. Unaufhaltsam steuerte sie fürbaz, und da sich die Ann, sobald sie ihrer ansichtig geworden, ihr an den Arm klammerte, streichelte sie ihr Haar und Wangen, warf der Ursula ein scharf: »Mit Dir red' ich später!« ins Antlitz und gebot mir hienach kurz, mit meinem Bräutigam zurück zu bleiben.

Während nun Base Metz die Ann mit sich fortzog, bat der Junker Henning selbige warm und demütiglich um Vergebung wegen der Unbill, die ihr um seinetwillen widerfahren; und sie gewährte ihm solche gern und ersuchte uns wie ihn nur, ihr nicht weiter zu folgen.

Als er sodann dem Kreis der anderen wiederum nahte, rief die Ursula, angestachelt durch die mißbilligenden Blicke, so sie von allen Seiten her trafen: »Schon zurück, mein Herr Junker? Hättet Ihr Euch des guten Rechtes auf meinen Kuß so willig begeben, Ihr dürftet gewiß sein, daß ich jedermann, der mir gewärtig, aufbieten würde, Rechenschaft wegen solchen Schimpfes von Euch zu fordern!«

Damit schaute sie dem Junker kecklich ins Antlitz, ohne zu ahnen, daß sie mit solcher Herausforderung bei dem Märker just das Rechte getroffen; denn frohen Blickes warf selbiger das Lockenhaupt zurück und rief: »So lasset Euch denn melden, daß ich Euern Kuß nicht annähme, auch wenn Ihr mir ihn bötet. Ich hab' es gesagt, und nun ruft Euere Kämpen!«

Hienach schwieg er, und während er die Umstehenden mit herausfordernden Blicken maß, rief er: »Wer von den Herren hier in der Runde den Kuß der Lippen, die meiner Dame mit böslichen Worten wehe gethan, höher schätzet denn ich, der Edle Henning Beust, Erbherr von Busta und Schadstett, der bücke sich nach meinem Handschuh . . . Da liegt er!«

Hiemit warf er selbigen zu Boden, und an die Ursula kam nunmehr das Erbleichen.

Suchenden Auges schaute sie von einem der jungen Herren, die ihr hofirten – und es waren ihrer viele – auf den andern, und je stiller es ringsumher blieb, desto rascher flog ihr der Odem, desto zornmütiger blitzte ihr Auge. Plötzlich aber gewann sie größere Ruhe; denn sie hatte den Ritter Franz von Welemisl wahrgenommen, und männiglich konnte erkennen, was ihr Blick von ihm heischte. Auch der Böhme verstund es, hob den Handschuh auf und raunte dem Junker mit leisem Zucken der Achseln zu: »Die Jungfrau Tetzelin gebeut es.«

Da zog es wie Kümmernis über des braven Altmärkers frohes Antlitz, maßen ihm der Böhme bis dahin ein guter Gesell gewesen, und so versetzte er rasch: »Nicht also, Herr Ritter! Gern hätt' ich auch mit Euch wacker geraufet, bevor Ihr das schwäbische Eisen gekostet; doch jetzund seid Ihr noch nicht wieder Ihr selbst, und mit dem siechen Freunde streiten, das geht wider märkische Art.«

Aus selbigen Worten klang die Gutheit eines aufrechten Herzens, und ich sah dem Böhmen wohl an, daß er ihre redliche Meinung erkannte; doch wie er allbereit die Hand hob, um sie dem Junker zu reichen, warf die Ursula das Haupt verächtlich zurück.

Da änderte der Ritter plötzlich die Haltung und rief: »So möget Ihr Euch entschließen gegen märkische Art, Euch dem Kämpen zu stellen, dessen Dame Ihr kränktet.«

Hier ward dem Streit ein Ende gemacht; denn der Herr Herzog Rumpold, der Botschaft Führer, war, da er des Märkers aufbegehrende Stimme vernommen, vom Spieltisch herbeigeeilet, um Ruhe zu stiften, und wie er den Junker beiseite gezogen, sah man wohl, daß er ihn streng ins Gebet nahm. Und es war auch eine fast frevelhafte Unthat für einen der kaiserlichen Gesandten, beim Tanz und als Gast einer friedfertigen Reichsstadt den Handschuh zu werfen, und wenn der Herr Herzog den Junker dannocht keiner schweren Buße unterzog, so hatte er solches den anwesenden Ehrbaren vom Rate zu danken, die sich wohl geneigt zeigten, eins gerade sein zu lassen; denn es kam ihnen viel darauf an, die Botschafter unserem Nürnberg wohlgesinnt zu entlassen.

So rauschte denn die Musika bald wieder hell durch das ernste Rathaus, und unter dem jungen Volke, das da so munter tanzte, lachte und koste, ließ es sich der Ursula am letzten ansehen, eine wie arge Trübung dieses Festes Lust durch sie erfahren. Das fröhlichste Genügen strahlte ihr aus den Augen, und dem Ritter Franz erwies sie sich so vertraut, daß man glauben mochte, sie würden als versprochen Pärlein das Rathaus verlassen.

So schritt das Fest dem Ende entgegen, und wie ich nach einem der letzten Tänze Umschau hielt, sah ich zu meinem Befremden die Tetzelin mit dem Junker Henning aufs eifrigste reden. Auf dem Heimwege aber berichtete mir selbiger, sie habe ihm zu wissen gethan, während des Reichstages werde er eines adeligen Herren Ansprache zu gewärtigen haben, der seinen Handschuh in ihrem Dienste aufheben und ihm zeigen solle, daß es auch andere als sieche Ritter freue, für sie zum Schwerte zu greifen.

Der Märker hätte nun gern gewußt, mit wem er es zu thun haben werde; ich aber verschwieg seinen Namen, obzwar ich mich aufs festeste versichert hielt, daß die Ursula auf keinen anderen hoffte, denn auf meinen Herdegen-Bruder.

Am folgenden Morgen ritten die Herren Botschafter an den Kaiserhof zurück, mich aber führte mein erster Gang zu den Pernharts, und dort fand ich, daß die Ann durch der Ursula schnöden Angriff weit mehr erschreckt worden war, denn verletzt und bekümmert; auch sollte ihr einige Genugtuung werden, sintemal mein lieber Pathe, der Ohm Kristan, nebst anderen Herren vom Rate den alten Tetzel nötigten, sie und ihren Stiefvater ob der unbesonnenen und hochfahrenden Rede seiner Tochter um Vergebung zu bitten. Zu solcher Demütigung mußte der trutzige und mürrische Mann sich sonder Widerrede entschließen, da ja der Pernhart seit Sankt Walpurgis in den Rat eingeführet und seitdem mit den Seinen auf den Geschlechtertanz gehörte; denn wenn auch Handwerker und Kleinkrämer von selbigem ausgeschlossen waren, galten doch die Ratsherren von den Zünften ebensowohl für tanzberechtigt wie diejenigen aus den Geschlechtern.

Nur von ungefähr war der Meister damals dem Rathause fern geblieben, und wie er seine Hausfrau bei dem nächsten Feste dort ausführte, gehörten sie zu den stattlichsten älteren Paaren. Wenn aber die Ann sich nicht bewegen ließ, sie zu begleiten, hielt sie weder Herzeleid noch Trübnis zu Hause, sintemal mein sonniges Glück sie gleichsam mit erwärmte und des Herdegen Heimkehr bald zu erwarten. Selbiger aber sah sie mit einer Zuversicht entgegen, vor der mir bangte, wenn ich der Briefe des Bruders gedachte; denn solche wußten von nichts zu berichten denn von eitel Lust und Kurzweil.

Mein Verspruch mit dem Hans Haller war ihm ganz nach dem Herzen; er hieß ihn einen Mann, der an Herkunft und Gaben meiner würdig, und fügte hinzu, daß er seinem Beispiele folgen und bei der Brautschau, da er der Minne doch einmal abgesagt, mehr dem Kopfe denn dem Herzen zu folgen und an unser altes Wappen ein nicht minder edeles zu fügen gedenke.

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