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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Vierzehntes Kapitel.

Die Hochzeit des Meisters Pernhart war am Eritag gewesen. Am Mittwoch pflegte die Ann in der Frühe bei uns einzukehren. Schon lange war uns dies Zusammensein gar traut und genehm, und wir hießen es das italienische Spinnstüblein, sintemal, so lang es währte, die eine das Rad schnurren ließ und den Faden zog, indes die andere aus den Werken der großen italienischen Poeten vorlas.

Auch an diesem Mittwoch nach der Hochzeit blieb die Ann nicht aus, ich aber hatte des Herdegen Brief in den Brustausschnitt des Mieders geschoben und erwartete sie beklommenen Herzens.

Ihr war die Seele ebenfalls bedrücket, und ihren Augen sah ich an, daß sie geweinet; auch füllten sich selbige auf meine erste Frage hin mit frischen Thränen; denn da ihr die Mutter heut in der Frühe strahlend vor Glückseligkeit entgegengeeilt war, hatte sie mit erneutem Herzeleid des Mannes gedacht, der erst vor einem Jahre verschieden, und dessen Bildnis jetzt schon in seiner treu geliebten Hälfte erloschen zu sein schien.

Wie ich ihr nun zu erkennen gab, daß ich ihre Kümmernis wohl begreife und dannocht mit etwas anderem hervortreten müsse, so sie gar grausam betrüben werde, wußte sie alsbald, daß solches von dem Herdegen ausgehe, und während ich nun, bevor ich zu reden anhob, sie nur an mich zu ziehen und kein deutlich Wort hervorzubringen vermochte, löste sie sich von mir und rief: »Der Herdegen? Sprich! Es hat ihn Schweres betroffen! Gred, wie Du weinest! Gnadenreiche Jungfrau! Tot! Ist er tot?«

Wie sie solches herfürstieß, waren ihre Wangen tief erblichen, und da ich das Haupt verneinend schüttelte, ergriff sie meine Rechte und fragte dumpf: »Schlecht? So hat er wiederum der Treue vergessen?«

Da war es mir, als müßt' ich auf immer verstummen, und doch durft' ich nicht schweigen, und aus der bedrängten Brust rang sich's mir auf die Lippen: »O noch übeler, noch ärger, noch unfaßbarer, Ann! Hier ruhet sein Schreiben. Es soll nunmehr – der Großohm, das reiche Erbe – es soll mit Dir und ihm alles aus und vorbei sein. Und ich, o daß er gerade mich zum Boten erwählet!«

Da stund sie mir wie angewurzelt gegenüber, und eine geraume Weile verging, bevor sie das erste Wort fand. Dann fragte sie heiser: »Wo ist der Brief?« Und wie ich dabei an die Brust faßte und das Schreiben herfürzog, um es zu zerreißen und dem Kamine zuschritt, trat sie mir in den Weg, griff mit jähem Ungestüm nach dem Schreiben und rief: »Wenn denn alles hin ist, will ich wenigstens klar sehen. Kein falscher Trost, kein zach Bemänteln!«

Damit suchte sie mir des Herdegen Schreiben mit Gewalt zu entringen, meine Kraft aber war der ihren weit überlegen, und für eine Maged fast groß; doch mir sagte das Herz, daß ich in ihrem Falle das Nämliche begehrt haben würde, und so widerstrebte ich ihr denn nicht länger und überließ ihr den Brief.

Da stund sie denn und las, und obzwar sie totenbleich, und ich wohl merkte, wie die Lippen ihr zuckten und jeder Nerv in ihr bebte, blieben ihr die Augen doch trocken, und weil sie den Brief endlich zusammengefaltet und ihn mir wiederum darbot, sagte sie mit leisem Hohn, der mir ins Herz schnitt: »So, so ist's also gekommen! Die Minne und die Herzliebste verhandelt! Nur ihr Antlitz kam nicht mit in den Kauf; denn dessen bedarf er, um auch seiner Heiligen die Heiligkeit zu rauben. Nun ist er frei, und des Lebens rauschende Lust in jeder Gestalt ersetzt ihm die Minne, und dannocht, dannocht, Gred! Bete Du, daß er nicht einst in Kümmernis ende!«

Aus diesen letzten Worten hatte leise Barmherzigkeit geklungen, und so faßte ich denn ihre Hand und bat recht inniglich: »Und Du, Ann, bete Du mit mir!« Sie aber schüttelte den Kopf und versetzte: »Nein, Gred, es muß alles aus sein zwischen ihm und mir, auch das Gedenken und Wünschen. Ich kenn' ihn nicht mehr, und jetzt laß mich!«

Damit nahm sie das Mäntelein um, und schon war sie der Thür nahe, wie Base Metz mit den Näschereien hereintrat, so sie jedesmal brachte, wenn wir das Spinnstüblein hielten, und nachdem sie niedergesetzet, was sie trug, öffnete sie die Arme der Verstoßenen entgegen, um sie an sich zu ziehen und sie mit guten Worten zu trösten; doch die Ann ergriff nur ihre Rechte, zog sie stumm an die Lippen und eilte sodann die Treppe hinunter.

Bei dem Mittagsmahl, so nun folgte, wären die Schüsseln just so voll hinaus wie herein getragen worden, wenn der Herr Magister nicht das Seine gethan, es zu hindern; mich aber duldete es nach dem letzten Bissen nicht länger im Hause, und geradenwegs begab ich mich zu den Pernharts.

Da wehte eine fast warme und trauliche Luft, und die neuvermählte Frau Giovanna empfing mich gar glückselig und froh des neuen Bundes; doch zu der Ann ward mir der Eintritt geweigert, maßen sie ausbündige Kopfpein dulde und jeden, auch meinen Besuch, abzuweisen geboten. Aber es zog mich mächtig zu ihr, und da der jungen Frau wohl bewußt, wie ich Eins mit ihrer Tochter, wehrte sie mir mit nichten den Gang in den oberen Stock, wo der Pernhart die Kammer des Trudlein selig neu und artig für die Ann hatte richten lassen. Weil ich nun wußte, daß ihr, wenn das Haupt sie schmerzte, jedwedes Lärmen weh that, stieg ich die Treppe fein behutsam hinan und öffnete auch die Thür leis und ohne zu klopfen. So nahm sie denn meinen Eintritt nicht wahr; ich aber wäre gern wieder ungesehen von dannen geschlichen oder hätte mich noch lieber vor sie hin auf die Kniee geworfen und sie um Vergebung gebeten ob des großen Unrechtes, so mein Bruder an ihr verbrochen; denn da lag sie auf dem Lager und hielt das Antlitz in den Kissen vergraben, ihr schlanker junger Leib aber flog, wie vom Frost geschüttelt, auf und nieder, und dabei schluchzte sie leis und dannocht so schmerzlich. Auch nahm sie meiner nicht wahr, bis ich vor ihrem Lager niedersank, ihren Namen rief und sie mit den Armen umfing.

Da erhob sie sich jäh in den Kissen, fuhr schnell mit der Hand an die nassen Augen und bat mich leise, sie zu verlassen. Doch ich folgte ihr nicht, und weil sie wahrnahm, wie nah' mir ihr Leid ging, erhob sie sich vom Lager, darauf sie sich in den Kleidern geworfen, und bat mich nur, es das letztemal sein und bleiben zu lassen, daß ich mit ihr von dem Herdegen rede.

Hienach führte sie mich an den Putztisch und wies mir die Dinge, so da lagen: lauter kleine Gaben, die ihr mein Bruder verehret, nur nicht des Petrarca Gedichte mit der goldenen Schrift »Anna–Laura«. Dabei bat sie mich, solches alles an mich zu nehmen und es dem Herdegen zu gelegener Zeit zurückzuerstatten.

Wie ich ihr nun beistimmend und traurig zunickte, mochte sie aus meinem Blicke gelesen haben, daß ich das Fehlen der Handschrift bemerket, und eh' ich mich des versah, hatte sie der Truhe die drei Bändlein entnommen und sie zu dem anderen geworfen.

Dann rief sie mit veränderter Stimme: »Auch das, nein, auch das nicht! Weil es das Beste war, so er mir gab, und da er sich so hold erwies, wie er mir's reichte – o Du, o Du weißt nicht – wollt' ich das Büchlein bewahren. Aber fort, fort auch damit!«

Hienach that sie alles auf ihr seiden Halstuch, knüpfte es mit harten Griffen zusammen, schob mir das Bündel in die Hand und bat mich dringend, mich heim zu begeben.

Mit meinem Bündel in der frierenden Hand gelangte ich voll Herzeleid und Trübnis nach Hause, und da mir mein Akusch, der arme Wicht, dem unser kalter fränkischer Winter gar weh that, die Thür öffnete, hörte ich droben ein laut und fast munter Lachen und Hägen, und ich erkannte die Stimme der Base Metz, die in eitel Fröhlichkeit schwelgte. Da ergriff mich wieder ungestüme Entrüstung; denn unser Haus war heut sicherlich eines der letzten, dem solche Heiterkeit ziemte.

Der Schneesturm hatte meine Wangen gerötet, doch der Unwillen ließ sie noch lichter erglühen, und so eilte ich mit langen Schritten die Treppe hinan. Doch bevor ich noch das erste Wort gefunden, rief die Base, die mit dem Magister und dem alten Konsulenten Pirkheimer vom Rate herabkam, mir schon von weitem entgegen: »Stell Dir nur für, Gred, was der Herr Gevatter soeben für Wunderdinge gebracht hat!« Und nun berichtete sie mit freudestrahlendem Antlitz, während der Herr Konsulent dies und jenes ergänzte: der Magister sei über Nacht zum reichen Manne geworden, maßen ihm von seiner Pathin, der alten Oelhafin, ein gar stattlich Gut anerstorben.

Solches war nun freilich eine so sonderbare wie erfreuliche Kunde; denn männiglich hatte die Erblasserin für ein dürftig Weiblein gehalten, so die Pfragnerei ihres Hausherrn selig zwar fortbetrieben, doch sich dabei nur der Hilfe eines wohlfeilen Ladenknechtleins bedienet, das wie eine der mageren Aehren aus dem Traume Pharaonis aussah und dazu noch auf einem Auge blind war.

Dannocht erinnerte ich mich wohl, daß ihr Lädlein, so nicht viel größer denn ein stattlicher Schrank, immer voll gewesen von Käufern, wenn wir uns verbotenerweise hineingeschlichen hatten, um für ein Hellerlein getrocknete Feigen zu kaufen. Ich sehe das lahme, kleine Weibsbild noch vor nur, wie es durch den Laden oder die Gasse hinkte, und wie sie die Buben ingrimmig ankeifte, wenn sie ihr »Klipp, klapp, Hinkebein, Schampelein!« nachriefen; denn ganz Nürnberg kannte sie weit besser bei dem Ekelnamen »Schampelin«, als bei dem ihres Hausherren selig.

Daß selbiges Weiblein das Zeitliche gesegnet, hatten wir allbereit gestern vernommen; doch war selbst der Magister der Meinung gewesen, ihre Hinterlassenschaft werde den Gang auf das Rathaus kaum lohnen. Nun aber berichtete der Herr Konsulent, sie habe in einem zierlichen und rechtsgiltigen Testament dem Magister ihr gesamtes Gut anerstorben, und solches als dem einzigen Kinde, das man sie je als Pathin über die Taufe zu halten gewürdigt.

Bei der gerichtlichen Durchsuchung ihres Quartierleins sei dann im Bettstroh und an anderen verborgenen Orten eine ansehnliche Zahl von abgetragenen Strümpfen gefunden worden, und in selbigen statt ihres dürren Beinleins goldene Guldein und ungarische Dukaten die Fülle. Ferner hatte sie zu Nördlingen ein Haus, zu Schwabach eine Mühle besessen, und so war das Gut, das sie dem Magister gelassen, in der That von ansehnlicher Bedeutung.

Auf dergleichen hatte der bescheidene Mann nimmer gehofft, und es schaute sich nun ergötzlich genug an, wie er seiner Würde völlig vergaß, bald auf den einen, bald auf den andern Fuß sprang und fortwährend ausrief: »Nein, nein, nein! Es ist ja nicht möglich! So wäre denn aus dem armen Irus ein Krösus geworden!«

Also ging es fort, bis er sich mit dem Herrn Pirkheimer entfernte. Da lachte ich denn mit der Base, und wie ich wieder allein war, erwog ich, wie freundlich es doch von der gütigen Vorsehung geordnet, daß es schon einer kleineren Herzenslust glückt, großes Leid, wenn auch nur auf kurze Zeit, in Vergessenheit zu bringen.

Bei Nacht mußte ich freilich des Geschehenen mit neuer Kümmernis denken, doch am nächsten Morgen sah ich den Magister wieder und dachte mich seines Glückes zum andernmale zu freuen; er aber war nun wieder still und gelassen geworden, und beim ersten schicklichen Anlaß nahm er mich beiseite und sagte bescheidentlich und mit niedergeschlagenen Augen: »Denket nicht übel von mir, Jungfrau Gred, wenn ich mir gestern die Freude über irdisches Gut zu Kopfe steigen ließ; doch es war gewißlich nicht der blendende Mammon, der es mir anthat, sondern etwas ganz anderes, Ihr dürft es mir glauben!« Und nun bekannte er, daß er die Ann allbereit, da sie noch in die Schule gegangen, im Herzen getragen und seinem Leben das Ziel gesetzet, sie sich zu gewinnen und mit ihr einen eigenen Hausstand zu gründen. Dazu seien freilich einige Mittel erforderlich gewesen, und so habe er denn jeden Heller beiseite gelegt, den er durch Unterricht bei uns und in der Lateinschule erworben, und sich deswegen auch manch schön und lehrreich Buch zu kaufen oder ein Krüglein Wein unter Geistesgenossen zu trinken versaget. Auch seien allbereit etliche hundert Pfund Heller beisammen gewesen; ja er habe sich dem hohen Ziele nahe gewähnet, als er am Weihnachtsabend vor des Herdegen Aufbruch wahrgenommen, daß der mächtige Herr ihm das einzige Schäflein geraubet. Da sei ihm denn nichts übrig geblieben, als sich, wenn auch gramvoll, so doch still zu bescheiden, bis in den letzten Tagen der Himmel seine Gnade über ihn ergossen. Der mächtige Herr – und damit wies er im Geiste abermals auf meinen Herdegen-Bruder – habe sich des Lämmleins wiederum begeben, und er selbst sei zu einem geworden, der recht wohl einen Hausstand zu erhalten vermöge.

Hienach ging er mich bescheidentlich an, ihm bei der Erwählten das Wort zu reden, und ich brachte es nicht übers Herz, seinen lieblichen und treugenährten Hoffnungen auf einmal den Todesstoß zu geben, obzwar ich nur zu gewiß wußte, daß sie völlig vergebens. So ersuchte ich ihn denn, sich nur noch bis Weihnacht zu gedulden, maßen er der Ann Zeit lassen müsse, sich den Herdegen mehr aus dem Sinn zu schlagen; er aber willigte mit freundlicher Demut in den Verzug, obzwar er sich auch in den letzten Jahren zum Vorteil geändert und sich nunmehr sogar eines ziemlichen Ansehens unter den gelehrten Herren der Stadt erfreute, also daß er, zumal er nunmehr ein reichbegüterter Mann, trotz seiner vorgeschrittenen Jahre von mancher Mutter als willkommener Schwiegersohn begrüßt worden wäre.

Aber der Magister, der so lange gewartet, drängte auch jetzt nicht. Eine Woche folgte der andern in aller Stille, der dritte Adventsonntag ging vorüber, und die heilige Weihnachtszeit, mit der die Frist ablief, die mir der geduldige Freier bewilliget, stund vor der Thür. Ich hatte die Ann weniger oft denn früher gesehen. Gewöhnlich gab es für sie in dem großen Haushalt des Meisters alle Hände voll zu schaffen, und ich fühlte auch wohl, daß sie für mich eine andere geworden. Etwas Scheues, so ihr früher völlig fremd, war über sie gekommen, also daß es schien, als lebe sie in steter Sorge vor neuer Unbill und Kränkung; auch hatte sie jedes Gastgebot, das von der Els Ebnerin und etlichen anderen von den Geschlechtern an sie ergangen, bescheidentlich, doch mit aller Festigkeit, abgelehnet; ja vor etlichen Tagen, und gestern zum andernmale, des Ohm Kristan herzliche Einladung, auf dem Tanz zu erscheinen, der heut, an seinem Namenstage, in seinem Quartier aus der Burg stattfinden sollte. Auch ich war zu selbigem Feste geladen und hatte dem Herrn Pathen zusagen müssen; doch war meinem scheuen Versuch, die Ann zu bewegen, ihrem besten und liebsten alten Freunde den Willen zu thun, nur die wehmütige Antwort gefolgt, ich müsse mir selber sagen, wie wenig ihr dergleichen anstehen könne.

So hatte der Verkehr mit ihr, der mir sonst das höchste Genügen bereitet, die Unbefangenheit verloren, ohne die er doch des rechten Zaubers entbehret; doch darum war sie mir nicht minder teuer, nur daß ich ihr jetzt zu begegnen hatte wie einem lieben Kinde, das nicht ohne unsere Schuld erkrankt ist.

An jenem Tage nun, der als meines Herrn Pathen Namensfest der 20. Dezember, fand ich sie nicht bei den anderen, sondern allein auf der Kammer und in der heftigsten Erregung. Die Wangen glühten ihr, und es arbeitete in ihr so mächtig, als sei sie eben einer schlimmen Verfolgung entronnen.

So gab es denn alsbald ein schnelles und banges Fragen, dem ein scheues Erwidern folgte, bis sie plötzlich mit einem lauten und wehen: »Es richtet mich zu Grund, und ich trag' es nicht länger!« das Antlitz in den Händen verbarg. Da zog ich sie an mich und pries, um sie zu sänftigen, des Meisters Pernhart, ihres neuen Stiefvaters, Bravheit und Güte; sie aber schluchzte: »Das! Ja, wär' es doch das nur!«

Und plötzlich, bevor ich mich des versehen, hatte sie mich fest mit beiden Armen umschlungen und küßte mir sodann Mund und Wangen mit großem Ungestüm. Hienach rief sie: »O Gred, Gred, Du darfst mich nicht lassen! Auch von Dir wollt' ich mich wenden, und es wär' mir geglückt, und hätt' es mich auch noch so viel Herzblut gekostet. Aber heute, jetzt frag' ich: Ist es recht, daß ich mich selbst auf die Folterbank spanne, weil er mir so wehe gethan? Nein, nein, nein! Ich brauch' Deine treue Seele, sie ist mir vonnöten, um hineinzuschütten, was mich zu Boden drückt und erdrosselt. Hilf mir es tragen, sonst endet es schlimm, sonst folg' ich der, die in dieser Kammer dahinging.«

Ach, meine Seele hatte ihr ja immerdar offen gestanden, und solches vermeldete ich ihr fröhlichen Herzens, und nun wurde ihr Antlitz und Wesen ganz so wie früher; und war das, was sie mir zu künden gedachte, auch mit nichten tröstlich, so konnt' ich ihr doch aus gutem Herzen Mut einsprechen und fühlte ihr bald an, daß es ihr wohlthat wie ein Bad, sich von allem zu entlasten, was sie in den letzten Wochen gekränkt und geängstigt.

Es that ihr immer noch weh, die Mutter den neuen Eheherren wie ein Turteltäublein umgirren zu sehen. Wohl mußte sie seines Lobes voll sein; doch dieser gut unterrichtete und der feineren Sitten wohl kundige Mann hielt auf die alte Handwerkerart, wie sie auch seinem greisen Mütterlein genehm war, und selbst sein jung Weib hatte sich vergeblich bemüht, ihn selbiger zu entfremden. Da speisten denn Meister und Meisterin, Sohn und Tochter, Gesell und Lehrling, Knecht und Magd nach wie vor an der gleichen Tafel, und da die Mägede nach altem Brauch neben der Mutter Platz zu nehmen hatten, und zwar so, daß die jüngste ihr zunächst, die älteste am weitesten von ihr entfernt war, kam die Ann neben den Obergesellen zu sitzen, und das war der nämliche, der des jungen Waldstromers Anschlag dem Meister verraten, weil er selbst ein Auge auf das Trudlein selig geworfen. Dieses Gesellen minnesüchtig Herz hatte sich der Ann sehr bald zugewandt, und da er ein schmucker Bursch, eines wohlbehaltenen Meisters in Augsburg Sohn und Erbe und dazu ein Mädchenkränker und Herzensbrecher, hatt' er sich manchen glücklichen Liebeshandels unter den jungen Töchtern geringeren Standes zu rühmen. In ihrem Kreise war er, wie die Leute sagen, der Hahn im Korbe, und ich erinnerte mich gar wohl, ihn bei einem Gesellentanz am Maienfeste gesehen zu haben, wie er in rosenrotem Gewand und lichtem Strumpfwerk, ganz bekränzet und mit vielen Blumen und manchem frischen Reis auf der Kappe und im Gürtel, die Zunftmeisterstöchter als ein rechter Geck umschwänzelt hatte und mit ihnen umgesprungen war, als erweise er ihnen durch seine Huld hohe Gnade. Zwar hätt' es ihn zum Nachdenken bringen können, daß seines Meisters schöne Tochter sein Werben verachtet, doch focht ihn solches nicht an, maßen es ja um eines fürnehmen Junkers willen geschehen. Bei der Ann mocht' er wohl auf ein leichter Spiel hoffen; denn obzwar ihm selbige von Anbeginn scharf und kenntlich zu fühlen gegeben, daß er ihr zuwider, ließ er nicht von ihr, und heut in der Frühe, da er sie im Soler allein gefunden, hatt' er sich gar vermessen, die Hand nach ihr auszustrecken, um sie zu umfangen. Ob sie ihn nun auch alsbald übel heimgesandt, fühlte sie dannocht, daß ihr, um sich vor seiner Keckheit zu wahren, nichts übrig bleibe, denn eine Klage an den Meister zu bringen und also des Hauses Frieden zu stören.

Wohl stund sie fest genug auf den Füßen, um sich selbst vor der Freiheit des geringen Burschen zu schützen, doch ihr fürnehm Wesen fühlte sich wie beflecket von dem Gemeinen, so in der Art dieses Gesellen und manches anderen gelegen, das sie hier täglich berührte.

Jedes Mahl mit der großen Schüssel für alle, in die der Gesell den Löffel hart neben den ihren tauchte, ward ihr zur Pein, und da des Meisters alte Mutter solches bemerkt und auch bald genug wahrgenommen hatte, wie schwer sie sich in die neue Lage und Umgebung schicke, deutete sie solches samt den rotgeweinten Augen und bekümmerten Mienen der Ann in ihrer Weise und wähnte, ihre Hoffart trüge es nur schwer, eines Handwerkerhauses Leben zu teilen. So wandte sie denn das Herz von der Stieftochter des Sohnes, die sie doch gar liebreich willkommen geheißen, blickte über sie hinweg, und sprach sie ja einmal zu ihr, so geschah es in herber und unwilliger Weise. Solches aber that der Ann um so weher, je deutlicher sie wahrnahm, daß die neue Großmutter ein warmherzig, wacker und geradsinnig Weibsbild, aus dessen Mund manch weislich Wort kam, und das sich ihren jüngeren Geschwistern so hold erwies, als ob es ihre eigenen Eniklein wären. Ja, man brauchte sie nur anzuschauen, um zu wissen, daß sie aus kernhaftem Holze und Kopf und Herz auf dem rechten Fleck trug.

Vor wenigen Stunden hatte die Ann darum ihrem Beichtiger, dem Herrn Plebanus von Hellfeld, das Herz erschlossen und von selbigem den Rat erhalten, den Schleier zu nehmen und im Kloster als Christi Braut neue Glückseligkeit zu erwerben. Da sie nun selbst nichts dringender suchte, denn Frieden und Ruhe vor der Welt, in der sie so Trübes erfahren, hätte sie solchen wohlgemeinten Rat, der mir und der Base gleichfalls bisweilen als das Rechte für sie erschienen, fast gern befolget, wäre ihr Vater selig, der rastlose Arbeiter, dem klösterlichen Leben nicht eifrig entgegen gewesen. Die Selbstsucht, hatte er gesagt, sei der Quell alles Uebels, und wer sich der Welt und den Pflichten entfremde, die sie an ihn stelle, um in eines Klosters Mauern Glückseligkeit zu finden, – denn die Seligkeit, nach der Mönch und Nonne trachteten, sei nichts als eine höhere Glückseligkeit, ausgedehnt über den Tod bis ans Ende der Dinge – der meine wohl den allererhabensten Zielen zu folgen, doch was ihn diesen entgegentreibe, sei dannocht nur Eigennutz, wenn auch unter allen Arten des Eigennutzes der edelste und höchste. Und noch wenige Tage vor seinem Ende hatte er der Ann, in der er längst seiner Kinder vornehmste Erzieherin erkannt, zugerufen, sie möge die Kleinen auf nichts eifriger hinweisen, als sich der Selbstsucht zu begeben, wie es denn auch für ihn, nun der Tod ihm nahe, der beste Trost sei, in festem Glauben auf seines Erlösers Gnade rastlos geschafft zu haben für die Seinen und die verwaisten Kinder, gleichviel ob der Armen oder der Reichen.

Selbige Lehre war der Ann tief im Herzen verblieben und ihr auch gegenwärtig gewesen, wie sie den Herdegen zu einem höheren Streben ermuntert, und da sie nun vor der Thür des Herrn Plebanus ihrem alten Großohm, dem Organisten, begegnet war und ihm die Frage gestellet, was er davon denke, wenn eine unglückselige, verlassene Maged in der Stille des Klosters Frieden wiederzufinden suche, den sie verloren, hatte der schlichte Mann ihr tief in die Augen geschauet und hienach wehmütiglich vor sich hingemurmelt: »Also doch, so hat es sich dannocht erfüllet!« Dann war er ihr näher getreten, hatte ihr das gesenkte Haupt aufgerichtet und in ermunterndem Tone gerufen: »Ins Kloster? Du in ein Kloster! Du, unsere Ann, die allbereit in der Schule der Geschwister rüstige Mutter gewesen? Nein, Kind, dreimal nein! Höre vielmehr das Wort, so Dein alter Großohm aus eines weisen und guten Mannes Munde vernommen, da er selbst nach dem schwersten Weh seines Lebens bereit stund, an der Zisterzienser Pforte zu klopfen.«

Und selbiges Wort, es hatte gelautet: »Geht Dir verloren, was Du Dein Glück nennst, und gelingt Dir's, es in anderen zu wecken, so findest Du es wieder im eigenen Herzen.«

Später hab' ich dann durch den alten Heiden selber erfahren, daß er, der in fast jungen Jahren den Stadtpfeifern als Präfektus vorgestanden, wie ihm die vielgeliebte Hausfrau, sein Elslein, nach kaum anderthalbjähriger Ehe entrissen worden, dem Irrsinn nahe gewesen. Nachdem er hienach sich selbst wiedergefunden, habe er vermeinet, des Herzens Gleichgewicht und der Frieden mit seinem Gott sei nur im Kloster wiederzufinden; und zu jener Zeit war es gewesen, da der weise und fürtreffliche Ulman Stromer ihm jenen Satz zugerufen, der sodann seines Lebens Leuchte und Richtschnur geworden. So war er denn in der Welt verblieben; doch hatte er sich des ansehnlichen Amtes eines Präfektus der Stadtpfeifer begeben und dafür das bescheidene des Organisten auf sich genommen, bei dessen Uebung es ihm gegeben, sein hohes Vermögen in der Musika dem Himmel gleichsam zum Opfer zu bringen.

Jener Satz, der den redlichen Greis der Welt erhalten, war der Ann tief in die Seele gedrungen, und weil ich wahrnahm, wie willig sie die Lehre angenommen, das Glück darin zu suchen, es in anderen zu wecken, rief ich sie auf, selbige mit mir im Bunde auch für ihr künftig Leben als Leitstern zu wählen.

Solches gefiel ihr fast wohl, und mit dem seltenen Flug, den ihre Seele zu nehmen vermochte und auf dem ich ihr nur folgen konnte, wie das Kind dem Schmetterling oder Vöglein, malte sie nunmehr aus, wie wir fürderhin bestrebt sein wollten, dem Nächsten zu liebe uns selbst zu vergessen.

Wie ich sie endlich erhobenen Mutes vor mir dastehen sah, faßte ich mir ein Herz und machte mich scherzend und ihrer Weigerung gewiß zum Freiwerber für den Magister.

Solches aber geschah mitten während des Aufbruches, maßen ich mich und sie ohnehin überlange versäumet; denn ich hatte mich noch für das Fest bei dem Ohm Kristan zu kleiden. Wie ich aber eben desselbigen gedachte, erschien sein Knecht mit einem Schreiben, darin der vielgetreue Mann sein »lieb Türmerlein« in zierlichen und warmen Worten zum drittenmale vermahnte, ihm an seinem Ehrentage und beim Trunk auf sein eigen Wohl Glückwunsch und Mahnung nicht vorzuenthalten.

Mit selbigen gütigen Briefleins Beistand bracht' ich sie wahrlich zu einer zusagenden Antwort, doch erteilte sie solche in hastiger, beinah ungestümer Erregung.

Des Ohms Bote hatte der Werbung Beginn unterbrochen, und während wir gemeinsam und eilig einen Blick auf der Ann Festkleider warfen, brachte ich des Magisters Anliegen zu Ende, und was ich vermutet, das geschah nun auch wirklich; denn ohne sich im mindesten überrascht zu zeigen, wies sie den Antrag bündig zurück und nannte den abgewiesenen Freier ihr arm, brav, vielgetreu Magisterlein, so einer Hausfrau mit freierem Herzen wert sei.

Bei dem Ohm Kristan mochte, wenn ich etlicher gelehrter und geistlicher Herren geschweige, die Ann wohl die einzige unter den zahlreichen Gästen sein, die nicht zu den Geschlechtern gehörte. Doch als letzte erschien sie darum gewiß nicht, weder an Gewand noch an Haltung, und wie ich sie dort im Vorgemach beim Kerzenschein im azurfarbenen Festgewand vor mir sah, während sie dem alten Herren und seiner Schwester, die ihm den Hausstand leitete, für ihre Geneigtheit dankte und dabei die großen Augen liebreich und erkenntlich zu ihnen aufschlug, da hätt' ich sie gern vor aller Welt in die Arme geschlossen, und es stieg in mir die Frage auf, wie es denn möglich gewesen, daß mein Bruder solchen Schatz freventlich von sich gestoßen.

Da wir sodann den Saal gemeinsam betraten, schwiegen die Stadtpfeifer eben, und es gab eine Stille unter den Gästen, als habe eine Fanfare des Fürsten Nahen vermeldet; solches aber galt nur ihr und ihrer wundervollen Schöne.

Von den geladenen jungen Herren schien jeglicher gern an des Herdegen Stelle treten zu mögen, und der Tanz nahm sie so voll in Anspruch, daß sie es kaum wahrnehmen konnte, wie etliche von den geladenen Müttern und Jungfrauen geflissentlich über sie hinwegsahen. Die Ursula Tetzelin aber ließ es sich daran mit nichten genügen, sondern trat ihr näher und fragte sie höhnisch, wie es dem Junker Schopper in Paris ergehe.

Da richtete die Ann sich stolz in die Höhe und erwiderte schnell: wenn anders es sie nach solcher Wissenschaft gelüste, werde sie sich wohl besser an die Jungfer Tetzelin wenden, da selbige ja dem lieben Vetter fleißig genug nachzugehen getrachtet.

Da rief die Ursula: »Wie sorglich unser Princeps doch das Gelernte behalten; auch die Fabel vom Fuchs und den saueren Trauben!« – Dann wandte sie sich an mich, indem sie fortfuhr: »Und unseres Princeps Gelehrigkeit ist gleichfalls die alte verblieben. Sie weilt ja noch nicht so gar lange in ihres Herrn Stiefvaters Hause, und wie trefflich ist sie allbereit vertraut mit den kleinen Schlägen, wie der Rotschmied sie führet!«

Damit wandte sie uns beiden den Rücken, und wie sie hienach mit ihrem Tänzer der Kette, zu der die Ann gehörte, gegenüberstund, merkte ich wohl, daß sie ihn antrieb, sich und seine Genossen fern von der Handwerkerstochter zu halten; ich aber machte alsbald ihren Anschlag bei dem nämlichen Junker zu Schanden. Solcher Fürsprache hätt' es indes kaum bedurft; denn ihr Liebreiz machte sie bei den Mannsbildern ohnehin zu einer der gesuchtesten von allen. – Da sie der Ohm Kristan hienach beim Mahle in seine Nähe berief und recht frei und kenntlich zeigte, wie lieb sie seinem redlichen Herzen, durft' ich wohl hoffen, daß sie nunmehr das Spiel gewonnen, und unsere Freundschaft in Zukunft über ihren Stiefvater, den Rotschmied, hinwegsehen werde. Was brauchte sie nach den wenigen hoffärtigen Weibsbildern zu fragen, so ihr beim Aufbruch deutlich genug wiesen, daß es ihnen ungenehm, ihr hier zu begegnen.

Bei der Heimkehr zeigte sie indes ein sonderbar nachdenklich Wesen, und wie wir uns trennten, bat sie mich, morgen in der Frühe bei ihr fürzusprechen. Solches hätt' ich ohnehin nicht unterlassen, maßen ich mir wenig Ergötzlicheres wußte, denn nach einem Feste oder Tanz, den wir am Abend gemeinsam genossen, das Bemerkenswerte mit ihr auszutauschen, so uns beiden begegnet; doch auch damit sollt' es wohl anders werden.

Wie ich sie nämlich am nächsten Morgen begrüßte, hatte sie die heitere Miene von gestern Abend völlig verloren, ja man sah ihr an, daß sie wenig geschlafen, und bald erfuhr ich, sie habe nächtlicherweile erwogen, was das Leben von ihr heische, und wie sie wahr zu machen vermöge, was wir uns gestern im Stillen zu vollbringen gelobet. Je fleißiger sie den Sinn darauf gerichtet, desto besser und löblicher sei ihr unser Vorhaben erschienen, und der Tanz bei dem Ohm habe ihr deutlich erwiesen, daß unter den Geschlechtern wenige zu finden, denen ihre Nähe genehm, und keiner, dem ihr Beistand gefrommt haben würde.

Darin war sie vielleicht im Rechte; doch wie erschrak ich, da sie mir mit der Festigkeit, die ihr eigen, erklärte, daß sie nach reiflicher Erwägung mit sich einig geworden, dem Magister das Jawort zu geben.

Weil sie nun wahrnahm, wie mich solches ergriff, bat sie mich mit der nämlichen dringlichen Hast, die mich gestern an ihr befremdet, ihr wohlbedacht Vorhaben unangefochten zu lassen; denn der Magister sei ein braver Mann, den sie durch ihr Jawort wahrhaft zu beglücken vermöge. Sein neuer Wohlstand werde ihr außerdem die Mittel gewähren, vielen Armen aus Not und Elend zu helfen.

Da fragte ich sie ernstlich, wie es denn mit der Minne bestellt sei, und nun fuhr sie abermals ungestüm auf und rief, es müsse doch auch mir bewußt sein, daß sie, was Minne und Minneglück heiße, zu den Toten geworfen. Solches denke sie auch dem Magister offen zu künden, und sie sei gewiß, daß er sich an Freundschaft und gutem Willen ihrerseits genügen lassen werde.

Selbige Rede war ihr über die Lippen geflossen, als sei es ihr selbst ungenehm, sie zu hören, und weil eine innere Stimme mir sagte, daß sie doch allem voran zu solchem Entschlusse gekommen, um den Herdegen fühlen zu lassen, daß sie in alle Ewigkeit für ihn verloren, ich aber noch nicht abgelassen hatte, zu hoffen, diese beiden Menschenkinder möchten sich wiederfinden, und der Ann hochgemute Minne des Bruders besseren Teil vor völligem Untergang wahren, brachte mich ihr unselig Vorhaben solchergestalt auf, daß ich es einen tollen und frevelhaften Streich gegen ihren eigenen Frieden, ja auch gegen denjenigen schalt, der ihr doch einmal so wert gewesen wie das eigene Leben. Sie aber schnitt mir das Wort ab und gebot mir streng, den Herdegen, wie ich ihr verheißen, aus dem Spiele zu lassen.

Hienach trieb mich das heiße Blut auf die Thür zu, und ich hatt' auch allbereit die Klinke in der Hand, als sie auf mich zugestürzt kam, mich stürmisch zurückhielt und mich mit dringenden Bitten beschwor, ihr den Willen zu lassen; denn sie könne nicht anders. Es sei ihr heiliger Ernst, sich von nun an der Glückseligkeit anderer zu weihen, und da solches schwere Opfer heische, sei sie bereit, das ihre zu bringen. Bestünd' ich auf meiner Weigerung, dem Magister ihren Entschluß zu eröffnen, werde sie ihn durch den Stiefvater oder die Henneleinlein, die mit solchen Angelegenheiten vertraut, unterrichten und zu sich bescheiden lassen.

Da sah ich denn, daß hier nur noch wenig zu hoffen, und so nahm ich, wenn auch schweren Herzens und mit einem heimlichen Hintergedanken, die Botschaft auf mich; denn ich fühlte tief die Gefahr, meine Weigerung werde alles verderben.

Dabei dünkte es mich wie ein Glücksfall, daß der Magister sich neulich auf etliche Tage nach Nördlingen begeben, um das Haus, so ihm von der Frau Pate dort zugefallen, in Besitz zu nehmen; denn wo ein schwer Unheil bevorsteht, da begrüßt die hoffende Seele schon den Aufschub als Vorläufer der Rettung.

Der Kümmernis übervoll watete ich heimwärts und gewahrte vor unserem Hause etliche ledige Rosse des Waldohms.

Droben fand ich ihn bei der Base Metz und erfuhr bald, daß er gekommen, um mich und die Ann zu der großen Jagd zu laden, die auf Neujahr angesetzt worden. Es hatte der erlauchte Herzog Albrecht von Bayern nebst anderen Rittern und Herren an selbiger teilzunehmen verheißen, und nun begehrte er unseres Beistandes für seine sieche Hausfrau; auch war es ihm genehm, die Tafel »mit etlichen schmucken Weiblein« zu zieren. Da hatt' es denn zwischen der Base Metz und ihm ein lang Hinundher gegeben, ob es angehen werde, die Rotschmiedsstieftochter so fürnehmen Gästen zu gesellen, und bei ihm die Meinung den Ausschlag gegeben, daß dem Weidmann im Forste eine holdselige Maged, gleichviel welchen Standes, immerdar genehm sei.

Nur eines bereitete ihm Sorge, und das war, daß weder er selbst noch ein anderer bisher vor der Muhme Jacoba den Namen des Meisters Ulman Pernhart sich auszusprechen getraut, und daß selbige deswegen keinerlei Wissenschaft von dem Ehebündnis besaß, so ihrer lieben Ann Mutter geschlossen.

Aber einmal mußte die sieche Frau solches dannocht erfahren, und weil Base Metz ihrer Neigung kein Hehl hatte, dem Verlöbnis der Ann mit dem Magister Vorschub zu leisten, während ich mit gutem Grunde hoffte, die Waldmuhme werde mir willig beistehen, solches zu hintertreiben, faßte ich rasch den Entschluß, den Ohm zu begleiten, um seine kluge Hälfte um Rat anzugehen.

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