Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
Schließen

Navigation:

Elftes Kapitel.

Vor der Marterwoche sollte der Herdegen nach Padua zurück, und der wenigen Monde, so zwischen dem Begräbnis des wackeren Veit Spieß und meines Aeltesten Abschied lagen, ihrer will ich ewiglich dankbar gedenken.

Da verging kein Tag, der uns nicht zusammengeführt hätte, und nachdem das Herz mir geboten, die Base ins Vertrauen zu ziehen, und der Herdegen darein gewilligt, wurden wir auch der Heimlichkeiten ledig, so unserer Seelen Ruhe anfangs getrübet.

Wohl war es der wackeren Frau nicht leicht worden, sich in dies frühe und unherkömmliche Verlöbnis zu fügen, doch ihm ernstlich zu widerstreben, dazu mangelte ihr dannocht Mut und Vermögen. Wer zwei liebe Menschen der höchsten Glückseligkeit übervoll sieht, der muß anders beschaffen sein denn unsere Base Metz, um sie aus dem Edengärtlein zu verjagen und ihnen die gegenwärtigen Wonnen vorzuenthalten aus Furcht vor künftigem Leide. Solches sah die Base freilich in mancher bangen Tages- und schlaflosen Nachtstunde voraus, sonderlich weil sie vor dem Großohm eine schier ehrfürchtige Scheu hegte; auch mangelte es ihr mit nichten an dem alten Geschlechterstolze, der jedem Nürnberger Kinde eigen, dem allbereit in der Wiege ein ritterlich Wappen zukommt.

Daß die Ann ein arm Mägdelein, kümmerte sie wenig; doch daß sie nicht zu den Geschlechtern gehörte, war ihr zuwider und gab ihr zu denken. Wenn sie dann aber ihres Herzblattes Herdegen Augen so glückselig strahlen und die Ann in züchtiger Wonne an ihn geschmiegt sah, dann war es aus mit Aergernis und Sorge.

Hab' ich nun vorher dem Walde in seiner Lenzes- und Herbstschöne ein lautes Lob gesungen, und ist mir solches gewiß aus der vollen Seele geflossen, vermag ich dannocht nicht minder freudig die Winterszeit in der Stadt zu preisen, zumal wenn dem Menschen ein so warm und fest gefügt Heim bescheret wie unser alter Schopperhof.

Da im vorigen Saeculo, zur Zeit des Regierungsantrittes Kaisers Caroli, die Zünfte unter der Führung des Gaisbartes und Pfauentrittes sich gegen die Geschlechter und den ehrbaren Rat erhoben, warfen sie jenen vor, ihre Häuser seien keine bürgerlichen Gebäu, sondern adelige Sitze und Schlösser, ihre Haushalten keine bürgerlichen Haushalten, sondern fürstlichen Hofhaltungen vergleichbar, – und solches wich nicht weit ab von der Wahrheit; auch hab' ich vernommen, daß wie jüngst etliche Kaufleute aus den skandinavischen Landen Nürnberg besuchten, sie geäußert hätten, ein Nürnberger Geschlechterhaus könne sich in jeder Rücksicht mit dem Palatium ihres Königes messen.

Was nun unser Schopperhaus angeht, so war es vierstöckig mit sieben Fenstern in jeder Reihe, zierlichen Erkern an der Seite und spitzen Türmlein auf dem Dache. Der Giebel wandte sich in drei Stufen der Straße zu, ob dem hohen Hausthor prangte unser Wappen mit dem Schopperkettlein und dem Narren auf der Helmzier. Das Mittelfenster des ersten und zweiten Stockes war von stattlicher Breite; auch blinkten darin helle und ansehnliche Scheiben von venedigschem Glas, während die anderen Lichter nur mit kleinen runden Butzen in bleierner Fassung verschlossen.

So bot es schon von außen einen gar stattlichen Anblick, doch etwas Wärmeres, Dichteres, Behaglicheres denn die Wohnräume, so uns im Winter Herberge boten, wüßte ich mir nimmer zu wünschen, obzwar ich zu Venedig die Säle und Hallen in den Palazzos der Herren von der Signoria um vieles höher, luftiger, weiter und majestätischer gefunden. Wenn mich aber unter dem sonnigen blauen Himmel der welschen Lande Sehnsucht befiel, so war es zunächst nach dem saftigen, frischen Laub und den vollen Brunnen daheim; doch gleich darauf nach unserem trauten Wohnraum im Schopperhause, mit dem warmen grünen Apostelofen und dem Erker, wo ich so manche Strähne feinen Garns gesponnen, und der geradezu mein eigen, wenn ich auch das Anrecht daran froh genug aufgab, sobald es den Herdegen verlangte, in seiner traulichen Enge mit der Herzliebsten zu kosen,

Die Wände dieses Raumes waren mit flandrischen Tapeten behangen, und die Bilder, so künstlich in sie eingewoben, stehen mir heute noch vor Augen. Das liebste war mir von klein an die Geburt des Heilandes, mit Mutter und Kind, Eselein und Oechslein und den heiligen drei Königen aus dem Morgenlande, von denen der fürnehmste ein rabenschwarzer Mohr war, auf dessen Gewand ein goldigblonder Rauschebart herabhing. Auf der andern Tapete war ein Turnierbild zu schauen, und ich weiß noch recht wohl, daß ich, wie ich noch klein, dem Herold, der in die Trompete stieß, ängstlich auf die hochgedunsenen Wangen schaute, so doch endlich platzen mußten, maßen er sie immerfort so ungestüm ausblies.

Selbige Tapeten waren mit den Wänden durch eine leichte Wölbung verbunden, die mit Eichenholz bekleidet, in das mein Herr Vater selig manch Sprüchlein hatte schneiden lassen, so er selber gesetzet. Da hieß es:

»Unser Dasein ist wie ein Angesicht,
Die Minne aber sein Augenlicht.«

Oder:

»Der Herrgott läßt sich weder schauen noch fassen,
Auf daß ihn zu suchen wir nimmer lassen.«

Oder:

»Wie Gott meiner waltet, ich hatte still,
Des Meinen nach eig'ner Macht walten will.«

Weil nun der Vater selbst des Sanges froh gewesen, hieß es an einer andern Stelle:

»Das Leben schaut sich wie ein Dornenstrauch an,
Der Sang sind die Knospen und Blüten dran.«

Manches Reimlein stammte auch von dem Großvater selig, und zum Exempel auch dieses:

»Mich trug durch die Welt manch Roß und manch Rad,
Doch fand ich nur eine Nürnbergstadt.«

Unter unser Wappen hatt' er geschrieben:

»Die Kett' hier im Schilde hält treu und fest,
Der Narr auf dem Helm sich's nicht grämen läßt.«

Von dem schön geschnitzten Gestühl und dem Polsterwerk, so mit buntem levantinischem Dibakgewebe von gar lustigem Ansehen überzogen, von all dem artigen Kunstgerät auf den Borden, von dem venedigschen Spiegelein und dem Messingkäfig mit dem grauen Pagelun, den der Falkenhändler Jordan Kubbeling von Braunschweig schon der Mutter selig mitgebracht hatte, will ich geschweigen; doch das sei noch berichtet, daß alles gar blink und blank war, kunstreich und sinnig, fest und warm.

Wäre nun solches auch weit weniger köstlich und anmutig anzuschauen gewesen, so wehte darin doch eine gar so traute heimliche Luft, daß es jedermann wohl behagen mußte; denn da gab es nichts von gestern und heute, vielmehr hatte sich an allem, was schön darin war, schon gar mancher gefreut, an dem unser Herz hing, und unser Wohlbehagen an selbigem Raum war nur wie die Fortsetzung des nämlichen Wohlgefallens, so allbereit Eltern und Großeltern genossen.

Doch wer diese Schrift lesen wird, weiß ja, wie ein Nürnberger Geschlechterhaus beschaffen, und wer selbst in einem solchen die Kindheit verlebte, dem ist auch bewußt, wie herrlich es sich in dem großen, weiten Soler Versteck spielt, und was Kurzweil verschiedener Art sich in dem dämmerigen Festsaal mit den verhängten Lichtern und dem mächtigen Balkenwerk des Daches treiben läßt; wir aber haben davon sicherlich nichts Nennenswertes unterlassen.

Doch damit war es allbereit lange vorbei; nur die Freude am Sang mochte im Hause des Mannes nimmer erlöschen, der es gern gehöret, wenn seine Mitbürger ihn den Sänger-Schopper hießen.

O wie wundervoll klangen meines Bruders und der Ann Stimmen zusammen, wenn sie zur Laute oder Mandoline deutsche Lieder sangen oder auch die welschen, so ihnen bewußt. Eines aber war dabei, das ich nimmer genug hören mochte, und von dem ich vermeinte, daß es auf des Herdegen Flatterherz wirken müsse wie gute Arznei. Meister Walther von der Vogelweide hatt' es vollbracht, und es lautete also:

»Die Minn' ist weder Mann noch Weib,
Sie hat nicht Seele, hat nicht Leib,
Irdisch Bildnis ward ihr nicht beschieden,
Ihr Nam' ist kund, sie selber fremd hienieden.
Und es kann doch niemand ohne sie
Des Himmels Gnad' und Gunst gewinnen:
Vertraue denen, so da minnen,
In falsche Herzen kam sie nie.
«

Wenn dieser Endreim nun anhub, dann stimmte der Kunz oft mit ein, indem er den aushaltenden Brummbaß zur Melodie auf sich nahm. Sonst hielt er sich bescheidentlich zurück; denn seitdem er wußte, daß der Herdegen mit der Ann einig, erwies er sich ihr gewärtig wie ein vielgetreuer Dienstmann, während er sonst stiller geworden war und in unseres Aeltesten Gegenwart geradezu mundfaul; doch sah ich leicht darüber hinweg, sintemal ich auch sonst wahrgenommen, daß Brüder miteinander wenig gesprächig und unter Freunden der eine gern schweigt, wenn der andere das Wort führt.

Uebrigens sollte auch der Kunz uns um Ostern verlassen und auf des Großohms Im Hoff Geheiß gen Venedig ziehen. Des Herdegen brüderliche Liebe hatte gewiß keinen Abbruch erlitten; doch wie mancher andere Jünger Minervas, war auch dieser geneigt, auf den des Mercurius hoffärtig niederzuschauen.

Trotzdem hielten des Schopperkettleins Ringe, zu denen die Ann als das vierte gekommen, in festester Innigkeit zusammen, und wenn wir nicht sangen, sondern uns nur geselliger Gespräche erfreuten, so drehten sich selbige fast selten um nichtige Dinge, sintemal der Herdegen zu denen gehörte, die gern und anmutig mitzuteilen wissen, was sie Wissenswertes erworben, und es der Ann gegeben war, scharf zu hören und klüglich zu fragen.

Und was hatte mein Aeltester nicht alles von dem großen Guarino und desselbigen ausnehmenden Humanisten ebenbürtigem Schüler Vittorino von Feltre erlernet, der damals zu Padua lehrte! Woher er aber bei seinem schier ausschweifenden Leben Zeit gefunden, außer der Rechtsgelehrsamkeit sich auch des Griechischen so emsig zu befleißigen, daß der Magister voll seines Rühmens, solches ist mir oft wie ein Rätsel erschienen. Und wie lauschten wir, wenn er uns von dem großen Plato erzählte und uns wissen ließ, aus was Grund und Ursach' ihm seine Lehre trauter und fürnehmer scheine denn die des Aristoteles, von dem er allbereit zu Nürnberg aus der Schule mancherlei erfahren. Wenn mir aber vordem gebanget, die Werke der Heiden möchten ihn abwenden vom rechten Glauben, so beruhigte sich nun meine Seele, da mein Aeltester uns zeigte, daß ein so ausbündig Kirchenlicht wie der heilige Augustinus ihnen manche Strecke Weges gefolgt sei. Auch aus des Homerus Gesängen hatte der Herdegen viele Verse aus einer köstlichen Handschrift kopiret und sie nach Anweisung des Meisters von Feltre wohl zu erfassen gelernet. Es war die Stelle, darin ein großer Kriegsheld, bevor er in den Streit zieht, seiner Hausfrau und ihrem Büblein »Valet« sagt, und selbig Stück erschien der Ann und mir so groß und dazu doch so herzig, daß wir wohl begriffen, wie der edle Petrarca zu schreiben vermocht, er freue sich schon des bloßen Anblickes des Homerus, und es lüste ihn, den Großen in die Arme zu schließen.

Aber noch höheres Ergötzen denn die griechischen und römischen Heiden gewährten uns des Petrarca Poesien und Schriften.

Meister Ulsenius hatte sie allbereit der Ann geliehen, und wie die Biene aus der Blume, sog sie sich täglich aus ihnen ihr Tröpflein Honig. Doch ein Bekenntnis des Petrarca, der sich wohl von allen Liebenden als der treuste bewähret, war ihr vor anderen lieb geworden. In der furchtbaren Zeit des schwarzen Todes, der in Mitten des vorigen Saeculi die Welt und fürnehmiglich auch Welschland heimsuchte, war ihm nämlich das Weib, dem er die heißeste und reinste Minne gewidmet, als Engel des Himmels an einem schönen Frühlingsmorgen im Traume erschienen. Da hatte er sie gefragt, ob sie lebe, und war der Antwort teilhaftig geworden: »Erkenne mich; denn ich bin es, ich, die Dich fortzog von dem Weg des Gemeinen, da Dein junges Herz sich an mich knüpfte.« Und an selbigem sechsten April, der ihm solchen Morgentraum bescheret, einundzwanzig Jahre, nachdem er der Geliebten zum erstenmal begegnet, war Laura eines seligen Todes entschlafen.

Mit bittend erhobenen Augen wiederholte sie dem Herzliebsten, da sie im Erker beisammen saßen, wie die Laura den Petrarca abgewandt vom Gemeinen, und es griff auch mir ans Herz, als sie ihn bang und dannocht warm und inniglich anging, ihr zu vergönnen, ihm eine zweite Laura zu werden, damit auch er von dem ausgetretenen Pfade weiche, der für seinen beflügelten Geist viel zu gering sei und niedrig.

Während sie nun solches sprach, gewannen ihre großen Augen einen sonderbar lichten, verklärten Glanz, und da ich in ihr lieb Antlitz schaute, das der Trauerschleier umrahmte, ward mir so andächtig zu Sinne wie in der Kirche. Und der Herdegen mochte das Gleiche empfinden, sintemal er das Knie vor ihr neigte, das Haupt in ihrem Schoß barg und ihr die Hände wieder und immer wieder küßte.

Doch solcher Weihestunden gab es nicht viele.

Im ganzen war es eine schöne, gelassene, mit Ernst vermischte Heiterkeit, die uns vereinte, und nachdem Wochen über den Tod des Vaters der Ann dahingegangen, stellte sich auch der alte Frohsinn wieder ein, und wenn der Herdegen sie lange angeschaut, griff er wohl plötzlich in die Saiten und sang das alte Tanzlied:

»Komm doch, Liebchen, komm zu mir,
Ach, wie sehn' ich mich nach dir,
Ach, wie sehn' ich mich nach dir,
Komm doch, Liebchen, komm zu mir.

Süßer, rosenfarb'ner Mund,
Komm und mache mich gesund,
Komm und mache mich gesund,
Süßer, rosenfarb'ner Mund!«

Da stimmten wir denn alle mit ein, auch Base Metz; und selbige wandte sich wohl um oder verließ hinter dem Kunz her und mit dem Finger dräuend das Zimmer, wenn sie wahrnahm, wie mächtig es des Herdegen Lippen zu dem rosenfarbenen Munde der Liebsten hinzog. Es gab aber noch gar viel anderes Schönes zu singen, und oft, wenn wir uns ganz besonders frohgemut fühlten, stimmten wir wunderlich Völklein die allerleidvollsten Sänge an, wie das von den zwei Wassern, und es ward uns dabei nur wohler.

Der Herdegen konnte auch in dieser Zeit nicht umhin, der ausgedehnten Freundschaft unseres Geschlechtes aufzuwarten, doch hielt er sich gern von Festlichkeiten und Tänzen fern; wo er sich aber genötigt sah, dem Gastgebot zu folgen, war ich meist an seiner Seite und hatte meine Freude, wie gefällig und dannocht zurückhaltend er sich gegen die anderen Weibsbilder erwies.

Bei den Tetzels war des Hausherren fünfzigster Geburtstag gefeiert worden, und er hatte sich schon um des Großohms willen dem Gesuch, bei Sang und Tanz das Seine zu thun, nicht entziehen können; auch sich bequemen müssen, beim Ehren- und Bräutigamstanz die Ursula, des Hauses Tochter, als Partnerin auszuführen.

Dabei hatt' er immerfort die nämliche fröhliche Gelassenheit bewahret, obzwar sie nicht von ihm gewichen und ihn sich für den »Schmoller« zum Tänzer erkoren, bei dem man sich zuerst den Rücken wendet und sich endlich mit einem Kuß wiederum versöhnet. Wie es aber dazu kam, trieb mir die jungfräuliche Verschämtheit das Blut in die Wangen; denn beim Schall der rauschenden Musika und vor aller Augen fiel sie ihm wie von ungefähr fest in die Arme, und es geschah ihr fast recht, daß er ihren Mund mied, den sie ihm frei dargeboten, und ihr nur die Stirn mit den Lippen berührte.

Weil sie nun beim Ehrentanz seine Partnerin gewesen, lag es ihm ob, sie auch am Schlusse des Festes zum Kehraus oder GroßvatertanzDer auch uns noch wohlbekannte Kehraustanz »der Großvater«:

»Und als der Großvater die Großmutter nahm,
Da war der Großvater ein Bräutigam,
Und die Großmutter war eine Braut;
Da wurden sie beide zusammengetraut.«
auszufordern; und nun ließ sie ihn den Verdruß fühlen, den sie empfunden, und wandte ihm den Rücken; er aber that ihr mit nichten den Willen, sondern faßte sie, bevor sie sich des versah, bei der Hand und zog sie sich nach. Da half kein Widerstreben, und bald ward ihr der Zwang zum Genügen, und ihr Antlitz strahlte wieder gar fröhlich, nachdem er, wie es selbiger Tanz gebeut, mit ihr, den anderen voran, durch Zimmer und Soler, Küche und Hof, Thür und Fenster, ja auch durch die Ställe gerast war.

Wie noch heute beim Kehraus, so führte schon damals jedes ein Hausgerät mit sich; – nur keinen Besen, der Unheil herbeifegt – die Ursula aber hatte ein Löffelein ergriffen und schlug ihm, wie das Rasen zu Ende und er die Hand aus der ihren gelöst, mit selbigem derb auf den Arm und rief ihm zu: »Wenigstens beim Tanz bist Du der Alte verblieben!« Mein Bruder aber erwiderte gelassen: »So werd' ich mich auch bei solchem zu ändern versuchen.«

Bei dem Christbaum und der Bescherung, die Base Metz am Weihnachtsheiligabend bereitet, war es gar traulich und herzerfreulich bei uns gewesen. Auch die Ann hatte den Weg zu uns gefunden, nachdem sie die Kleinen zur Ruhe gebracht.

Der Herdegen hatte sie selbst als das schönste Geschenk bezeichnet, so er dem Christkindlein danke und ihr als ein köstlich Angebinde des großen Petrarca berühmtes Heldengedicht »Afrika«, darin die Thaten des edlen Scipionis gefeiert werden, sowie desselben Poeten kleinere Dichtwerke in zierlicher Abschrift bescheret. Es waren der sauberen Volumina drei, und auf ihre ledernen Deckel hatte der Buchbindermeister nach des Herdegen eigener Angabe die Worte Anna-Laura und um sie her einen Kranz von vollen Gartenrosen gepreßt. Und sie verstund flugs, worauf solches ziele, und es hob ihr Herz mit so froher und hoffnungsreicher Wonne, daß der heilige Christ an jenem Weihnachtsabend sicherlich keinem glückseligeren und dankbareren Menschenkinde in ganz Nürnberg begegnet.

Die mannigfachen Pflichten, so ihre Tage erfüllten, hatten ihr selbst nur knapp Zeit gelassen, für ihn die Hände zu regen, doch war ihr das Brieftäfelein gar artig geglücket, darauf sie das Schopperwappen mit bunter Seide und die Worte Agape und Pistis, so Liebe und Treue bedeuten, in griechischen Lettern mit Goldfäden gesticket. Base Metz hatte tief in den Beutel und sogar in den Linnenschrank gegriffen, also daß das Plätzlein unter dem Christbaum mancherlei Ding aufwies, so zum Zuschatz eines fürnehmen Bräutleins gehören, und wenn die Ann solche Gabe auch um ihrer selbst willen erfreuen mußte, that sie ihr leicht noch wohler, weil sie doch verriet, daß die Base ihrem Bunde günstig gesonnen.

Auch wir anderen alle waren gar dankbar und heiter; nur der Magister schaute unfroh und sauer drein und wußte sich keinen Rat, sintemal er für die Ann viele Verse und Sätzlein, so meistens auf die Minne bezüglich, aus griechischen und lateinischen Poesien säuberlich ausgezogen hatte, und all sein Trachten, sie der Ann vorzutragen, vergebens geblieben, maßen selbige wieder und wieder durch den Herdegen und mich abgezogen worden, nachdem sie ihn mit Rede und Handschlag ihrer Erkenntlichkeit versichert.

Beim Nachtmahl war er so stumm wie die Karpfen, die aufgetragen wurden, und bei selbigem Mahl ging es ihm zum erstenmal auf, daß mein Herdegen-Bruder zwischen ihn und seines Herzens Abgott getreten; ach, und wie leid that er mir, da er sich nach Tisch gesenkten Hauptes auf seine Kammer zurückzog!

Wir andern gingen in die Sankt Sebaldkirche, allwo man an selbigem Abend stets um die Mitternachtsstunde eine Metten hielt, und unter der Metten eine Meß, genannt die Christmeß. Base Metz und der Kunz zogen mit uns, ganz wie in der frohen Kinderzeit, da wir dort nimmer gefehlet, und wie uns auf der Gassen allerlei Volk aufstieß, das fröhlich sang:

Puer natus in Bethlehem,
Des freuet sich Jerusalem;

oder das Christlied:

Congaudeat turba fidelium!
Natus est rex, Salvator omnium,
In Bethlehem
Zur Freude, Schar der Treuen, sei gesellt;
Der König, unser Heiland, kam zur Welt
In Bethlehem.

stimmten wir frisch mit ein und geleiteten endlich allesamt die Ann heimwärts.

Am folgenden Abend gab es glänzendere Gaben, doch da wiederum das »Puer natus« auf der Gasse erscholl, war uns die Lust vergangen, mit einzustimmen.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.