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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Zehntes Kapitel.

»Beim heiligen Bacchus, wenn es einen solchen nur im Kalender gäbe, mein Waldknab, aus dem Jungen wird was!« rief der dicke Ohm Kristan Pfinzing, und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Becher klirrten. Seine Zunge lallte dabei noch ein wenig; doch die drei Wochen, so nach dem Abgang der Ann verflossen, hatten ihm gar wohl gethan, und es hielt schon wieder schwer, ihn vom Trinktisch zu lösen.

Was er eben gerufen, hatt' er im Rebenter der Forstmeisterei an den Ohm Konrad und den Jost Tetzel, der Ursula Vater, gerichtet, und dabei auf meinen Herdegen-Bruder gewiesen.

Selbigem waren die Wunden wohl ausgeheilt, und geschmeidiger hatten sich seine schlanken Glieder nimmer gereget; nur den linken Arm trug er noch in der Schlinge, da, wie er selbst vorgab, der Huf des Rosses ihn dorthin getroffen. Wohin solches geraten, war nimmer kund geworden, und es fragte auch keiner darnach, maßen es nur des Eppelein Gaul gewesen, den der Großohm durch einen besseren ersetzet.

Meinem armen Kopf hatt' es freilich von Anfang an zu denken gegeben, warum mein Aeltester just diesen erwählet, um des Vormunds Ladung zu folgen, der auf Rosse mehr hielt denn ein anderer.

Ich bin auch allbereit dazumal nicht weitab von der rechten Fährte gewesen, und jetzund will ich berichten, wo das Roß meines lieben Bruders verblieben, und auf was Art und Weise er in so schweren Leibesschaden geraten.

Er war der jungen Freiheit auf dem Wege von Padua gen Nürnberg bei Dachau begegnet und hatte allbereit dort das Spiel mit ihr begonnen und ihr bedeutet, sie werde ihn im Lorenzerwald auf der Forstmeisterei finden. Wie nun die Sache mit dem Gesindel eine übele Wendung genommen, hatt' er ihr zugesichert, sie aus dem Kerkerloch zu erlösen. Darum war er denn zum Schein in die Stadt geritten, nachdem er sich des Schlüssels zum Loche bemächtigt und ein gering Gewand des Eppelein und Brot genug in dem Felleisen hinter dem Sattel geborgen. Eine Zeit lang hatt' er hienach im Walde verzogen, um, sobald es völlig dunkel geworden, zu Fuß und heimlich in die Forstmeisterei zurückzuschleichen. Sein Anschlag war so kühn wie klüglich ersonnen, und dannocht hätt' er leicht ein twersch Ende nehmen können; denn wenn ihm die Rüden, so ihn allesamt kannten, auch willig Einlaß gewähret, war er doch in dem Loche selbst einem so grimmen Angriff begegnet, daß es seiner ganzen Kraft und Beherztheit bedurfte, um ihm zu widerstehen. Die argen Sackmänner und Schelme hatten nämlich einen Anschlag wider ihn gezettelt, und es darauf abgesehen, wenn auch über seine Leiche, zugleich mit der jungen Freiheit aus dem Loch zu entwischen.

Dem einen Bärenführer war es gelungen, die Bande von den Händen zu streifen, und wie mein Bruder nun in das enge Gemach trat, worin die Gefangenen hausten, fielen sie über ihn her, um ihn niederzuschlagen. Doch der Herdegen hatte allbereit auf der Schwelle ihren Anschlag durchschaut, und nachdem er das Thor hinter sich zugeschlagen, den Hirschfänger gezogen.

Die Alte war ihm alsbald an die Kehle gesprungen und hatte ihm grausam zugesetzt mit Zahn und Nagel, der erste Sackmann mit einem Brett aus der Pritsche so ungeschlacht auf ihn eingehauen, daß er mehr als ein Glied gequetscht oder gebrochen wähnte, der zweite aber, dem die Hände gebunden, hatte versucht, sich zwischen ihn und die Pforte zu drängen, und es wäre um ihn geschehen gewesen, hätt' ihm die junge Freiheit nicht mit eigener Gefahr das Leben gerettet; denn da der der Fesseln ledige Mann den schweren irdenen Gefangenenkrug erhoben, um ihn dem Herdegen auf den Schädel zu schmettern, war das beherzte junge Weibsbild dem Mordgesellen in den Arm gefallen und hatte sich an ihn geklammert, bis ihn meines Bruders Klinge getroffen.

Da war der erste Bärenführer zusammengesunken, mein Bruder aber hatte seine Retterin vom Boden erhoben und sie bis zur Thüre sich nachgezogen. Wie er selbige hienach geöffnet und die Alte und ihr gebundener Gesell die letzte Kraft aufgeboten, um sich ihm nachzudrängen, war es seinem starken Arme gelungen, sie zurückzustoßen und des Kerkers Pforte fest zu verschließen.

Endlich führte er das junge Geschöpf, so er doch für besser erkannt, als er nach selbigem Ueberfall gefürchtet, ins Freie, um sein Manneswort an ihr zu halten.

Draußen im Wald ließ er sie bei Donner und Blitz des Eppelein Gewand anthun und sodann das Rößlein besteigen. Hienach führte er sie zu dem Bache, der durch den Wald in die Felder rinnet, und hieß sie in selbigem fortreiten, so lang es gehe, um den Rüden die Witterung zu entziehen. Das Brot in der zweiten Satteltasche konnte sie etliche Tage nähren, und so lag es denn nur an ihrer Klugheit, den Häschern zu entrinnen. Der verlorenen Maged aber hat die Gutthat, die mein Bruder ihr erwiesen, in die Seele gegriffen; denn wie er das Roß eine Weile geleitet, war er nach dem Verlust so vielen Blutes auf den nassen Waldgrund gesunken, und wie er dann die Augen wiederum aufschlug, fand er sein Haupt in ihrem Schoß, und ihre Lippen auf seiner Stirn. Trotz der Gefahr, die ihr dräute, hatte sie ihn nicht im Stich gelassen, sondern alles aufgewandt, ihn ins Leben zurückzurufen, also daß sie sogar beim Schein der Blitze Blätter gesammelt, um damit das Blut zu stillen, so sich aus der tiefsten Wunde reichlich ergossen. Auch war sie nicht zu bewegen gewesen, ihres Weges zu reiten, bis er ihr gezeigt, daß er wieder zu schreiten vermöge.

So ist's denn gekommen, daß ich ihrer längst im Guten gedenke, und sie ist auch nicht völlig verderbt gewesen, wie ja jedwedes Menschenherz etwas Gutes birgt, dem es noch gegeben, sich der Minne zu öffnen, sintemal die Minne, die alles verkläret, sicherlich hell, und was hell, auch gut, und das Licht nicht früher erloschen ist, bis das letzte Fünklein verglommen.

Was den Herdegen selbst angeht, so hat es mir nimmer eingehen wollen, wie er zur nämlichen Stunde, in der er der reinsten und holdseligsten Herzliebsten die Treue brach, sich in große Fährnis begeben mochte, um einer verlorenen Landfahrerin Wort zu halten; am höchsten angerechnet hab' ich ihm aber, daß er Ehre und Leben einsetzte, um diejenigen dem Arme der Gerechtigkeit nicht entrinnen zu lassen, die ihm um schwerer Missethaten willen verfallen, und solches Heilighalten des Rechtes erhebet wohl die Mannsbilder höher über uns Weiber, denn alles andere.

An jenem Abend nun, da der Ohm Kristan meinem Aeltesten zutrank, war selbiger wieder an Leib und Seele der Alte. Anfänglich war es gewesen, als habe sich eine Schranke zwischen uns erhoben, nachdem ich ihn aber vergewissert, daß ich vor seiner Herzliebsten geheim gehalten, was mir bei der Mooshütte zu Gesicht gekommen, erwies er sich mir wieder so hold und zutraulich wie in früheren Tagen, auch zeigte er sich weit schneller gewillt, der Ann zu geloben, was sie begehrte, als ich es von seinem steifen Nacken erwartet. Auch hörte er gelassen hin, da ich ihm das Wort der Ann wiederholte, sie sei bereit, ihm in den Tod zu folgen, doch nicht in die Schande.

Dergleichen, versicherte er, habe sie von einem wackeren Gesellen, – und für einen solchen dürfe er sich trotz all seiner Ruchlosigkeit halten – nie und nimmer zu befahren. Dann streckte er seines Leibes ganze Länge gewaltsam auf dem Sorgenstuhle aus, schlug die Arme hoch empor und rief: »O Gred! Wenn Du doch einmal nur ein arm halb Stündlein in Deines tollen Bruders Haut schlüpfen könntest! In Deiner eigenen, die so gar tugendlich weiß ist, wirst Du mich nimmer, und bis auf den jüngsten Tag nicht, begreifen. Hab' ich mir einmal eines Müden Ansehen gegeben, so geschah's der leidigen Fürnehmheit zu Gefallen; in Wahrheit möcht' ich zehnmal des Tages vor lauter wilder Lebenslust losplatzen und aufwärts schießen wie die Pulverraketen. Packt es mich so, dann gibt's kein Halten, und schwören könnt' ich, die ganze schöne Welt sei nur gemacht und geschaffen zu meinem besonderen freien Gebrauche, samt allem, was in ihr, und der übrigen Kreatur weit voran ihr holdseligen Evastöchter alle! Und die Weiber – glaub es mir, Gred – sie geben mir recht. Wenn ich die Arme nur öffne, fliegen sie mir willig hinein, und sie sodann nicht zuklappen, Gred, das fällt sauer, wenn es auch nur eine Seligkeit gibt und eine Ann, und es von allen Wonnen die höchste bleibet, sie ans Herz zu ziehen und ihre Lippen zu finden. Ich will ihr Treue halten, will nichts von den anderen allen; doch wie weis' ich sie von mir? Sollt' ich wohl wünschen, die Buberei hätte mir das Auge geblendet, mir das Bein lahm geschlagen, kurz, mich zur Vogelscheuche gemacht, auf daß die Weiblein mich mieden? Und käm' es dahin, das heiße Schopperblut würde doch kein Wolkenbruch kühlen, und das wilde Verlangen hier drinnen schlägt keine Eichenplanke und kein Steinkrug zu Tode! Es bliebe noch übrig, mich wie der heilige Franz in die Dornen zu werfen. Aber was möcht' es wohl frommen? Du siehst ja, wie hurtig an dieser Haut auch schwerere Wunden genesen!«

Wie ich ihn hienach ernstlich auf seine Pflicht gegen diejenige hinwies, die sich ihm ganz zu eigen gegeben und mit der er die Ringe gewechselt, rief er: »Meinst Du, ich sagte mir nicht stündlich, daß sie tausendfach höheren Wertes, denn die anderen alle zusammen? So hold wie ihr von Kindesbeinen an war ich noch keiner, kann ich keiner je werden, und verlör' ich sie, ich ging' sicherlich rettungslos zu Grunde; denn nur aus ihr schöpf' ich alles, was an mir Halbverlorenem das Beste!«

Dergleichen bekam ich fast häufig von ihm zu hören, und wenn ihm dabei die großen blauen Augen erglühten und er sich das wallende Goldgelock jählings von der Stirn strich, dann stellte er ein so einzig schön Jünglingsbild dar, daß man die Evastöchter wohl begriff, die sich so willig zeigten, ihm in die Arme zu fliegen.

Gerade heute fehlte die Muhme Jacoba nur ungern unter den Gästen, maßen wir morgen heimzukehren gedachten, und die Herren beim Abschiedstrunk saßen. Der Base Metz war die Aufgabe geworden, den Ohm Kristan vor allzu reichlichem Trunk zu hüten; doch macht' er es ihr an selbigem Abend fast schwer, ihre Pflicht zu erfüllen, ja da sie ihm den dritten Becher beharrlich versagte, wußte er sie zu überlisten und seiner dannocht habhaft zu werden; auch gelang es ihr nicht, ihn zur Herausgabe des unrechten Gutes zu bewegen.

Wie er vorher dem Herdegen geweissagt, es werde aus ihm etwas werden, hatte sich solches auf die Wahrnehmung bezogen, daß selbigem allbereit der vierzehnte Becher gefüllt ward, und nachdem mein Bruder selbigen geleeret, rief der Alte vergnügt:

»Der Eppela Gaila von Dramaus
Reit' allezeit zu vierzeht aus.Alter Reimspruch des Nürnberger Volkes auf den Hauptplacker (Raubritter) Apollonius von Gailingen, der der Stadt des Schadens und Schabernackes viel zufügte. Aus dem Namen seiner einen Burg Drameysel bei Muggendorf in der fränkischem Schweiz wurde im Volksmunde »Dramaus«. [Vgl. »Eppela Gaila« in Grimms Sagen sowie »Epple von Geilingen« und folgende in Schöppners Bayrischen Sagen]

Bringt es der Bub auf dreimal die heilige Sieben, so erreicht er, was ich in seinen Jahren geleistet.«

Hienach bracht' es der Herdegen wirklich auf den einundzwanzigsten Becher, und da er zuletzt dem Ohm zu Gefallen den langen Rebenter auf der Dielenritze durchmaß, verehrte ihm selbiger den köstlichen Eberbecher, den er sich vormals bei einem Wetttrinken erzechet.

Uns übrigen gewährte das alles fröhliches Genügen, nur nicht dem Jost Tetzel, der selbst nur ein gar mäßiger Herr; auch hab' ich mich später oftmals gefragt, da ich zu Venedig reiche und fürnehme Herren sich des Rebensaftes sparsam bedienen sah, worin es denn liege, daß wir Deutschen uns des Mannes freuen, der dem Weine wacker zuzusprechen vermag, und denjenigen leichtlich über die Achsel anschauen, der sich vor einem wackeren Trunke scheuet. Wenn mir aber die Antwort immerdar schnell zur Hand war, so dankte ich solches dem Ohm Kristan Pfinzing; denn da ich am selbigen Abend dem Herdegen wehren wollte, weiter zu trinken, fiel selbiger mir ins Wort und sagte, es sei des rechten Mannes Pflicht, es Sankt Georg, dem Drachentöter, in allen Stücken gleich zu thun und jedwedes Ungeheuer, heiße es, wie es wolle, rüstig zu bestehen. Auch im Wein hause ein Drache, Rausch genannt, und deutscher Kraft und Art komme es zu, mit solchem nicht nur fertig zu werden, sondern ihn sich dienstbar zu machen. Wie der Lindwurm des Heiligen, so habe auch der des Rebensaftes zwei mächtige Fittiche, und der echte deutsche Zecher vermöge sich ihrer zu bedienen, um sich auswärts bis in den siebenten Himmel zu schwingen.

Was meinen Herdegen angeht, so muß ich bekennen, daß er im Rausche hochgemuter wurde, geistesheller und sangesfroher, und solches wird nur den bevorzugten Drachenbändigern zu teil, die ein liebenswert Gemüt und wuchtig Hirn von Mutter und Vater ererbet.

Dergleichen muntere Händel hatt' es jeglichen Abend beim Weine gegeben; doch immer ohne den Ritter Franz. Selbiger mußte sich noch sein still auf der Kammer halten, obzwar Meister Ulsenius des Lebens Gefahr für gehoben erklärte. Einen Schaden an der Lunge sollt' er freilich zurückbehalten, und erst nach etlichen Wochen konnt' er uns folgen. An die Fahrt auf sein Schloß im Böhmerland war in der kommenden Winterszeit zunächst nicht zu denken, und so wurde denn beim Abschiedstrunk beratschlagt, unter wessen Dach er Herberge finden möge. Am liebsten hätt' er wohl in unserem Hause Einkehr gehalten, doch des weigerte sich Base Metz, und mit gutem Grunde, maßen ich ihr frei gekündet, ich werde sein Werben in alle Ewigkeit nicht erhören.

Endlich ging sie den Jost Tetzel geradeaus an, ihm in seinem großen Hause Quartier zu bieten, und selbiger weigerte sich des mit nichten, sintemal der Ritter Franz von Welemisl ein reicher, fürnehmer Herr und seine böhmische und ungarische Freundschaft das meiste galt am Hofhalt des Kaisers.

Am folgenden Morgen beim Johannistrunk wurden die Augen nur feucht, und bewegten Herzens nahm ich Abschied vom Walde, dem Ohm und der Muhme Jacoba, die ich diesmal erst recht wertschätzen gelernet.

Wie die Ann, so zog auch ich ernster heim, als ich gekommen; denn ich war kein Kind mehr, und mit dem Frohmut jederzeit hatt' es ein Ende.

Mein neuer Knapp Akusch ritt hinter mir her, und also gelangten wir lachend und wohlbehalten an einem schönen Novembertag gen Nürnberg. Im Hallergarten, den nunmehr die Stadt als ihr Eigentum erworben, wurden das Kameeltier, der Bär und das Aefflein gepfleget, so sie der Landstreichersippe abgenommen, die man gerichtet hatte, und der Gott gnädig sein möge.

Der Ann war unsere Ankunft vermeldet worden, doch fand ich sie nicht, und da ich sie bis zum Abend vergeblich erwartet, sucht' ich sie auf in ihrem venetianischen Hause; doch schon auf dem Soler nahm ich wahr, daß nicht alles stund, wie es sollte, maßen es hier, wo sonst ein Dutzend kleiner Füßlein hurtig treppauf treppab sprang, und das Singen und Klingen kein Ende fand von früh bis zum Abend, eine sonderbar tiefe Stille herrschte.

Da stund ich und lauschte, und jetzt erst fiel mir bei, daß ich das Messingtäfelein, darauf der Klopfer fiel, mit Filz bekleidet gefunden.

Nun begann mir Uebles zu schwanen, und vor meinem innern Auge sah ich plötzlich zwei Schreine; auf dem einen aber lag die Ann totenbleich und still, und auf dem andern des Vetters Götz entschlafene Herzliebste, des Rotschmiedes Tochter, die sie Schön-Trudlein geheißen.

Aber da ließen sich Tritte auf der Treppe vernehmen, und alsbald schwand das Gesicht, und ich atmete freier; denn der Ann Großvater, der alte Lautenist Gottlieb Spieß, trat mir entgegen, kündete mir mit tiefen Sorgenfalten auf dem freundlichen Gesicht und dem Finger am Munde, sein Sohn liege hart an einem hitzigen Gehirnfieber darnieder, und Meister Ulsenius habe gestern abend das Schlimmste befürchtet.

Hier schnitt ihm das schwere Herzeleid die Stimme ab, und doch trug ihm sein jung Knechtlein die Laute nach, und da er mir zum »Valet« die Hand bot, kündete er mir, die Ann sei droben und warte des Vaters.

»Und ich,« fuhr er fort, und es klang zwar bekümmert, doch mit nichten bitter, »und ich – es gibt hier so vieles, was notthut, und doch keinem in den Schoß fällt – ich muß an die Arbeit! Zuerst zu den Tetzels, um dem jungen Volk den Festreigen einzulernen für den fünfzigsten Geburtstag des Hausherren. Sie rechnen dabei auch auf Dich und Deinen Bruder, lieb Gredlein. Freuet euch, Kinder, so lang es noch Zeit ist!«

Dabei fuhr er mit der Hand an die Augen, schaute nochmals nach dem Oberstocke hinauf, wo seines Sohnes Haupt im Fieber brannte, und ging aus, um leichtherzige junge Menschenkinder den heiteren Festreigen singen zu lehren.

Gleich darauf hielt ich die Ann in den Armen und sie sah so anmutig und frisch aus denn je. Die strenge Pflicht, die ihr zu erfüllen oblag, war ihr heilsam gewesen, und doch hatte sie guten Grund, sich schwer um die Zukunft zu sorgen; denn mit dem Vater starb dem Haus an der Pegnitz auch der Ernährer.

Da that es mir denn unsäglich wohl, sie der treuen Minne des Herdegen getrösten und ihr die mancherlei guten Worte wiederholen zu dürfen, mit denen er ihrer gedacht. Solche vernahm sie fast gern, und sintemal echte Minne eine Blume, die, wenn sie das Haupt senkt, nur eines Tröpfleins frischen Taues bedarf, um es wiederum zu erheben, hatte sich ihrer schon nach meinem letzten Schreiben neue Zuversicht bemächtigt.

In der trübsten Leidenszeit war ihr zudem noch etwas anderes Herzerfreuendes widerfahren; denn der Meister Ulsenius und seine wackere Hausfrau hatten sie, seitdem sie bei der Heimkehr aus dem Forst in ihrem Haus übernachtet, fast liebgewonnen, und der wohlgesinnte Arzt, der ein vielbelesener Herr, war bedacht gewesen, ihr auch seine reiche Bücherei zu erschließen.

So fand ich denn die Ann, trotz der schwersten Trübsal, aufrecht und mutvoll, und wenn herzinnigliche und warme Fürbitte einem Siechen aufzuhelfen vermag, hat es nicht an mir gelegen, wenn ihr Herr Vater dannocht am fünften Tage nach meiner Heimkunft eines schweren und schmerzlichen Todes verblich. Wie man mir aber solches vermeldet, war es, als greife mir eine harte Hand an den freudigen Glauben, und dem armen, kurzsichtigen Menschengeiste mußt' es wohl schwer fallen, eine Antwort auf die Frage zu finden, zu was Zweck und Nutzen dieser Mann auf der Höhe der Manneskraft dem Leben entrissen.

Um die große Zahl der Seinen schicklich durchzubringen, sein Häuslein von Schulden zu befreien und für üble Zeiten einen Sparpfennig zu sammeln, hatte er außer den Geschäften seines Amts die Verwaltung fremden Gutes übernommen, also daß er oft die Nacht in den Tag verwandelt und endlich, obschon er ein kernfester Mann gewesen, war er von dem Gehirnfieber ergriffen worden, so ihn von hinnen geraffet.

Da lag es denn nahe, zu wähnen, der redlichste Fleiß und das wackerste Streben habe die schwerste Strafe geerntet, die einem Mann in seiner Lage auferlegt werden mag, das ist, von den Lieben zu scheiden, bevor es möglich geworden, ihre Zukunft sicher zu stellen.

Wir alle gaben der Leiche des Dahingegangenen das Geleit, und neben dem offenen Sarge dieses wackern Mannes war es, wo der Herdegen die Herzliebe zum erstenmal wieder begrüßte.

Es hatten sich auch viele andere dort eingefunden, und so konnte er ihr nur die Hand still und inniglich drücken; doch schaute er ihr dabei so treu in die Augen, daß man in seinem Blick eine Verheißung, die einem Eidschwure gleichkam, zu lesen vermeinte.

Der Herr von Hellfeld, Plebanus von Sankt Lorenz, hielt den Leichensermon, und er that es in gar auferbauender Weise, und wie er herfürhob, es werde jeglicher unseren Erlöser und Heiland selbst zu Gaste laden und ihn zu seinem Schuldner machen, der denen treue Liebe erweise, für die das Vaterherz nimmer schlage, drückte mir mein Aeltester verstohlen und dannocht kräftig die Rechte.

Auch der Kunz hatte sich eingestellt, und vor der Leiche des Mannes, der ihm vor uns Geschwistern allen den Vorzug gegeben, weinte er so bitterlich, als sei ihm der leibliche Vater gestorben.

Die Herren vom Rat waren sämtlich gekommen, dem Manne die letzte Ehre zu erweisen, dessen Wirken sich doch eng an das ihre geschlossen, und mehr denn einen sah ich den andern anstoßen und ihn hinweisen auf die wundersame Schöne der Ann, die in den schwarzen Trauergewändern unter den kleinen Geschwistern dem Schutzengel gleichsah, der mit den Bekümmerten weint und die Klagenden tröstet. Und so hört' ich auch manchen Vater eigener anmutiger Töchter bei jenem Anlaß bekennen, dieser holdseligen Jungfrau Liebreiz habe nicht seinesgleichen in Nürnberg. Auch dem Herdegen kam solches zu Ohren, und ich nahm wahr, wie es ihm das Herz hob und ihn in guten Vorsätzen stärkte.

Hienach gab er auch bald durch die That zu erkennen, wie er gesonnen; denn da der Herr Notarius Holzschuher vom Rat, den der Verstorbene zum Vormund seiner Kinder bestellet, der Base Metz, der er als lieber Vetter und Ratsfreund nahe stund, in unserem Hause mitteilte, daß es doch besser um die Witwe und Waisen stehe, denn er besorget, so daß sie ihr Häuslein behaupten könnten, wenn man an die Taschen der Ehrbaren klopfe und sie bewege, die Schuld, die darauf laste, zu tilgen, fuhr mein Aeltester auf und erklärte, daß den Hinterbliebenen eines aufrechten und ehrenfesten Bediensteten der Stadt, so des Schopperhauses Freunde, das Leben anders und ehrenhafter denn mit Hilfe erbettelter Heller gefristet werden solle. Er sei noch nicht volljährig, doch habe er im Sinn, den Ritter Im Hoff, unseren Vormund, zu ersuchen, ihm so viel von dem Seinen vorzustrecken, als nötig, um die auf dem Häuslein lastende Schuld zu tilgen; und obzwar der Herr Holzschuher den Kopf dazu schüttelte und solches für den Herdegen kein leichter Gang war, begab er sich dannocht ungesäumt zu dem Großohm.

Bei selbigem fand er freilich einen andern Empfang, als er gehoffet; denn der alte Herr setzte eine Ehre darein, des ihm anvertrauten Mündelgutes mit allem Fleiß zu walten, um, wenn es vor der gesamten Stadt zur Auszahlung kommen werde, durch hohe Ziffern zu zeigen, mit wie weiser und glücklicher Hand er unsere Habe gemehret. Was mein Bruder Bettelei hieß, nannte er nur eine wohlverdiente Steuer, die des Verstorbenen Leuten mit nichten zur Schande, sondern zur Ehre gereiche; er selbst aber sei willens, sich mit einem Dritteil der gesamten Summe zu beschatzen. Was uns Dreien von unseren Eltern selig anerstorben, davon gebe er keinen schlechten Heller heraus.

Außerdem hatte der Großohm von der Ann seltenem Liebreiz vernommen, und so hätte er wenig hellsehend sein müssen, wenn er nicht auf des Herdegen wahre Beweggründe gekommen; solche aber waren ihm die ungenehmsten von allen, maßen es bei ihm feststund, die Ursula Tetzelin mit dem Herdegen zusammen zu geben, sobald selbiger den Doktorhut erworben.

Also kam es, daß der Großohm und sein bevorzugter Liebling zum erstenmal in Unfrieden von einander schieden, und wie der Herdegen mit glühenden Wangen und seiner selbst kaum mächtig heim kam, vertraute er mir, daß er zwar einstweilen noch unterlassen, dem Alten anzuvertrauen, wie eng er allbereit mit der Ann verbunden, sonst aber ihm sonder Scheu reinen Wein eingeschenkt habe.

Beim Abendmahl rührte der Herdegen kaum an, was man auftrug; denn er konnte es nicht verwinden, seine Braut zu einer Almosenempfängerin herabsinken zu sehen. Trüb und unwirsch erhob er sich von der Tafel, und weil es der Base gar zu nah' ging, den Liebling so unfroh zur Ruh' gehen zu sehen, zog sie ihn beiseite, und da sie auch allbereit mit stillem Bangen erraten, wie es mit ihm und der Ann bestellt sei, gab sie ihm gute Worte und erklärte sich bereit, das Spießsche Häuslein ohne fremder Leute Beistand schuldenfrei zu machen. Um ihn heiter zu sehen und ihrem lieben Annelein zu Gefallen, sei sie zu noch ganz anderen Opfern bereit; sie wisse ja ohnehin nicht immer, wohin mit dem Ihren.

Allbereit am folgenden Morgen ward nun durch den Herrn Notarius selbiger Handel in aller Stille bereinigt, und obzwar der Herr Holzschuher das Ding solcherstalt darzustellen wußte, als hätten sich in des Verstorbenen Nachlaß Mittel gefunden, die Schuld abzulösen, sah die Ann doch das Rechte, während ihr schön Mütterlein sich solcher günstigen Wendung sorglos freute.

Von jetzt an war es der Ann kleine Hand, die das vaterlose Häuslein fest und sicher regierte, während Frau Giovanna nach wie vor für die zierliche und saubere Kleidung der Kinder Sorge trug und den Blumen am Fenster, dem kunstreichen Nadelwerk und dem Kosen mit den Kleinen lebte, sobald sie den leichten Dienst in der Küche verrichtet.

Es war ihr und den Ihren vergönnt, für alle Zukunft an der Pegnitz wohnen zu bleiben, auch vermochten sie zwar bescheidentlich, doch ehrbar und sonder fremden Beistand zu leben.

Nur ein Almosen ward ihnen kurz nach Beginn geglichen Mondes zu teil, und zwar in geheimnisvoller Weise; denn kam selbige Zeit, so fand sich regelmäßig auf dem Bord im Soler ein Päcklein, darin zwei ungarische Dukaten lagen; und es wäre sicherlich in alle Ewigkeit verborgen geblieben, wer dieser freundlichen Liebung Spender gewesen, wenn die Sus nicht von ungefähr, und zu seinem Verdruß, meinen Bruder Kunz als solchen verraten. Von den drei Dukaten, so ihm sein Geschäftsherr, der Großohm Im Hoff, seitdem er die Lehrzeit vollendet, monatlich zusprach, spendete er heimlich deren zwei dem von der Ann geleiteten Hausstand. Unsere alte Sus war dabei die Helferin, und wenn er selbst sich verhindert sah, das Päcklein auf den Bord niederzulegen, mußte sie sich unter einem Vorwand in das Häuslein am Wasser begeben.

Der ehrbare Rat und mancher Freund, dessen Erkenntlichkeit sich der Verschiedene erworben, eröffneten den Waislein die besten Schulen der Stadt, und was die Ann bei der Karthäuserin als unser Princeps erworben, solches übertrug sie nunmehr in ernsten Lehrstunden auf die kleineren Schwestern; auch widmete sie dem taubstummem Brüderlein nach wie vor die allerliebreichste Sorge.

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