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Die Gred

Georg Ebers: Die Gred - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Gred, I. Buch
authorGeorg Ebers
year1889
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart, Leipzig, Berlin, Wien
titleDie Gred
pages1-9
created20021107
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Neuntes Kapitel.

Zu der Wartung des siechen Mägdeleins, das sich selbst gar lieblich »Klein-Kathrey« nannte, drängten sich alle. Was den Herdegen anging, so mußt' ich ihm einstweilen noch vorenthalten, was die Ann von ihm heischte; denn er lag in heftigem Fieber.

Seine Wartung versah sein Diener, der Eppelein, ein Sohn des treuen Knechtes unseres Vaters selig, der bei der Pflege des pestkranken Herren das Leben gelassen.

Was den Eppelein selbst angeht, so war er in unserem Hause bei den Rossen erwachsen, hatte dem Herdegen allbereit als Bub bald beim Spiel geholfen, bald ihm Dienste geleistet und sich ihm alleweil in viel wärmerer als Knechtesliebe gewärtig erwiesen.

Da geschah es eines Tages, daß durch seine Schuld meines Aeltesten bestes Roß zu Schaden gekommen, und weil selbiger ihn deswegen etliche Tage keines Wortes gewürdiget, war dem Stallbuben solches dergestalt zu Herzen gegangen, daß er unser Haus heimlich verließ und wir, da er nirgends zu finden, lange Zeit wähnten, er habe sich ein Leides gethan.

Dannocht war er immerdar frisch und wohlauf gewesen und hatte das Leben in gar wechselnder Weise gefristet, erst als eines fahrenden Quacksalbers Ausschreier, und endlich, maßen er ein schmucker und gelenker Bursche, indem er als Aufwärter in der fürnehmsten Herberge zu Würzburg die Gäste bedienet. Wie nun ebendaselbst der hochwürdige Kardinal Branda, seiner Heiligkeit des Papstes Nuntius, Quartier genommen, hatte er ihn als Leibknecht mit sich gen Welschland geführet, und ihn wohl gehalten, bis den unruhigen Burschen plötzlich das Heimweh beschlichen und er seinem gütigen Herrn entlaufen war wie vormals unserem Hause. Vielleicht hatte ihn zu selbiger Flucht auch ein Liebeshandel getrieben. Gewiß ist, daß er in der Fremde zu einem des Lebens kundigen, anstelligen Gesellen geworden, dem männiglich gut, da er bei aller Schalkheit das treue Nürnberger Herz wohl zu wahren gewußt.

Nachdem er die Heimfahrt glücklich bestanden, schlüpfte er eines Tages unversehens in den Schopperhof, wo sein alt Mütterlein im Hofgaden das Gnadenbrot aß, stellte sich ihr gegenüber und zählte, obzwar sie ihn nicht erkannte, einen Goldguldein nach dem andern von dem Ersparten vor sie hin auf den Nähtisch. Da wußte das graue Weiblein sich nicht zu lassen vor eitel Staunen, doch erkannte sie ihn erst, wie er ob ihres sonderbaren Entsetzens in sein alt unbändig Lachen ausbrach.

Daß selbiges aber, sagte sie hienach, noch so hell und fröhlich getönet, solches habe ihr anmutiger in die Seele geläutet, denn der Klang der güldenen Münzen.

Uns anderen rief die Sus in den Hofrait, und da uns dort ein schmucker Gesell, halb welsch, halb deutsch gekleidet, entgegentrat, wußte keiner, wohin ihn versetzen, bis er dem Herdegen ins Auge schaute und selbiger ausrief: »Der Eppelein ist es!«

Da schoß ihm ein Strom von Thränen aus beiden Augen, mein Aeltester aber zog ihn an sich und gab ihm einen rechtschaffenen Kuß auf beide Wangen.

Solches kam mir in den Sinn, wie ich denselben Eppelein seinem Herr nach Vorschrift der Muhme die nassen Tücher behutsam und baz bekümmert auf die schwere Kopfwunde legen sah, und ich dachte bei mir, wie herrlich es doch gewesen, als der Herdegen noch so frei und brav dem Zuge des Herzens gefolgt war, und was jetzund sich wohl ereignen möchte, wenn ein arm entlaufen Knechtlein zu dem feinen Junker mit dem duftenden Kräuselgelock zurückkehren werde. Weil ich nun bald wahrnahm, daß ich an diesem Lager, bei dem des Eppelein treue Sorge Wacht hielt, ein überflüssiger Gast und des Ritters Siechenkammer mir verschlossen, ging ich hinab in den Soler; denn ich hatte vernommen, daß sie auch den braunen Buben, der gestern die Flöte geblasen, auf die Folter ziehen wollten. Solches aber hätt' ich fast gern verhindert, maßen mir aus mancherlei Zeichen deutlich geworden, daß selbiger schöne Knabe mit nichten zu der Buberei gehöre und wahrscheinlich, wie Klein-Kathrey, ein Kind war, so einem guten Hause entführet.

Wie ich nun hinunterkam, stieß der Forstknecht Balzer den Buben eben in den Soler, und so unwirsch grau und feucht es draußen aussah, so heimlich war es hier drinnen; denn in dem großen Kamin knisterte ein mächtig Feuer. Die Muhme wärmte sich daran, und ihrer Gesellschaft genossen die Ann, der Waldohm, der Jost Tetzel, mein Pathe Kristan Pfinzing, sowie etliche Gäste.

Da drängte ich mich zu den andern, kündete ihnen leis, was ich wahrgenommen, und hub sodann herfür, daß der Bub sich sicherlich eines guten Gewissens erfreue; denn er hatte, obzwar man ihn nicht mit ins Loch, sondern, um des Kameeltieres und Aeffleins zu warten, in einen besondern Schuppen gesperret, mit nichten das Weite gesuchet, obzwar ihm solches leicht möglich gewesen.

Selbige Erwägung sagte etlichen zu, und sintemal der Bub nur wenige Worte deutsch, wohl aber ein wenig italienisch verstund, ließ ich mich mit ihm auf ein Gespräch ein, und da ergab es sich denn, daß er allerdings ein gestohlen Kind sei; denn die Landstreicher hatten ihn in Welschland gegen eine weiße Maged vertauscht, die sie damals mit sich geführet; er aber war von gar fürnehmer Herkunft und erst zwei Jahre früher in die Sklaverei geraten, nachdem die große Galeere, die sein leiblicher Vater, ein Emir oder Fürst aus Aegyptenland, regieret, mit einer andern von Jenw, oder wie die Welschen sagen, Genua, aneinandergeraten.

Nachdem ich nun den anderen solches verdolmetscht, nannte es der Jost Tetzel, der Ursula Vater, eitel Lug und Geflunker, und auch den Waldohm wollte es wenig glaubhaft bedünken, maßen er der Meinung, daß wenn der Bub vornehmer Emire aus Aegyptenland Kind, der Bärenführer sich seiner wohl bedient haben würde, um Lösegeld für ihn zu erpressen.

Wie ich nun dem Knaben solches verdolmetscht, schlug er die großen Augen bescheidentlich zu mir auf, und es lag gewißlich etwas Fürnehmes in seiner Haltung und Stimme, da er mich fragte: »Sollt' ich die Meinen, so mir viel Gutes erwiesen, in Armut bringen, um die schlechteste Brut mit Reichtum zu segnen? Nie und nimmer hätte die böse Buberei durch mich erfahren, was ich Dir, die Du schön und gut, freiwillig vermelde.«

Selbige Rede ging mir zu Herzen, und es gab nichts Aufrichtiges in der weiten Welt, wenn sie nicht treu gemeint war. Da ich nun wiederum den Dolmetsch gespielet, und der Tetzel dannocht fortfuhr die Achseln zu zucken, verdroß mich solches so sehr, daß ich an mich halten mußte, um die ziemliche Ruhe zu wahren.

Daß der Ohm Kristan mein Zutrauen teile, hatte ich ihm längst aus den Augen gelesen; doch vermocht' ich nicht zu ermessen, was er im Schilde führte, da er der Ann mit der armen, lallenden Zunge ein Geheiß zuraunte, so – ihr Antlitz verriet es – von gar wunderlicher Art sein mußte.

Wie sie mir aber eröffnet, was der Herr Pathe heische, war ich ihm mit nichten hurtig zu willen, sintemal mich jungfräuliche Scheu und Barmherzigkeit davon zurückhielt. Wie mir aber der wackere alte Herr mit dem schweren Haupte, auf dessen Scheitel immer noch nasse Linnentücher lagen, ermunternd zunickte, riß sein alter meinen jungen Uebermut mit sich fort, ich faßte mir ein Herz, und eh' sich der Bube des recht versah, hatt' ich ihm einen Streich auf die Wange gegeben.

Wenn selbiger nun auch nicht sonderlich hart gewesen, schaute der junge Bursch hienach dannocht drein, als habe sich der Boden vor ihm eröffnet. Seine bräunlichen Wangen waren aschgrau geworden und seine großen Augen blickten mich feucht und fragend und dabei so leidvoll an, daß ich meine verwegene That allbereit beklagte. Doch gar bald sollt' ich mich ihrer erfreuen; denn des Knaben Verhalten wandte seine Sache zum Besten.

Der Ohm Kristan hatte ihn zu versuchen gewünscht, und weil er die Menschen kannte, war ihm bewußt, daß verschiedener Stände Kinder einen Backenstreich in verschiedener Weise hinnehmen; des Emiren Sohn aber hatte sich wie ein solcher gehalten und die Probe bestanden.

Solches kündete ihm die Muhme Jacoba, die des Ohm Kristan Meinung schnell durchschaut, und bald mußte auch der Jost Tetzel, wenn auch unwillig und mürrisch, seinen Irrtum bekennen. Denn nachdem man dem Buben eröffnet, daß er von jeder weiteren Unbill verschont bleiben werde, löste er das Futter des Käppleins und wies uns ein Kleinod, so ihm die Mutter daheim an den Hals gethan, und selbiges bestund aus einem Täfelein von köstlichem himmelblauem Türkis, so groß wie eine ansehnliche Plune; auch war auf selbigem ein Sprüchlein in wunderlicher Schnörkelschrift zu schauen, die später auch von dem jüdischen Rabbi Hillel als arabisch erkannt ward.

Der Bärenführer hatte den Buben Beppo geheißen, doch führte er in Wahrheit einen überlangen, mehrgliederigen Namen, aus dem der Waldohm denjenigen erwählte, der seiner Weidmannszunge besonders geläufig, und selbiger lautete »Akusch«.

Mit der Base Metz Zustimmung ward der Bub als »Knappe« in meine Dienste gegeben, weil ich es ja gewesen, die ihn »zum Ritter geschlagen«, und wie ihm solches vermeldet worden, wußt' er sich nicht zu lassen vor Freude, und von Stund an hat er sich als ein flinker, mir allezeit gewärtiger und dankbarer Diener erwiesen; ja das Wenige, das mir für selbigen armen Knaben zu thun vergönnt war, hat mir und den Meinen später mehr denn tausendfältige Frucht getragen.

Am Nachmittag desselbigen Tages vermeldete mir die Ann, sie gedenke mit dem Meister Ulsenius noch am nämlichen Abende heimzufahren, und wie sie meinen Bitten fest widerstanden, so erklärte sie auch der Base Metz, sie habe die Ihren allbereit viel zu lange allein und sonder Beistand gelassen.

Die Muhme Jacoba war in ihrer Kemenate, und wie sie den raschen Entschluß der Ann hinnehmen werde, das stund zu erwarten.

Es war ein so düsterer Tag, daß man kaum gewahrte, wie die Dämmerung hereinbrach. Graue Nebelmassen hingen über den Wipfeln, ein dünner Regen sank mit leisem, einförmigem Rauschen und als woll' er nimmer enden, auf den Forst nieder; sonst aber vernahm man keinen Laut, maßen, um der Wunden zu schonen, weder Hörnerschall, noch Wächterruf, noch Glockenton erklang, und selbst die Hunde zu spüren schienen, daß der tägliche Lauf der Dinge eine Störung erfahren.

Die Ann war gegangen, um unter der Sus Beistand die Sachen zu packen, mich aber hatten sie zu dem wunden Kinde beschieden. Es ging mit ihm zum Besten; denn es trieb allbereit mit dem Püpplein, so ihm die Muhme gesandt, gar herzige Kurzweil; auch gereichte es mir anfänglich zu fröhlichem Genügen, Klein-Kathreys Wunsch zu willfahren und das Spiel als guter Gesell mit ihr zu teilen. Doch indes ich ihr zu lieb lachte, dem ledernen Balg die Jäcklein und Röcklein an- und auszog, ihr die Schulter blies, die sie schmerzte, oder ein Stücklein Zuckerwerk darauf legte, verging Viertelstunde auf Viertelstunde, und die Ann, die mir verheißen, mich, sobald sie das Packen vollendet, bei dem Kinde aufzusuchen, wollte nicht kommen.

Da ergriff mich allgemach neue Unruh', und wie die Schaffnerin kam, ging ich auf unsere Kammer, um die Ann zu suchen. Dort stund ihr ganzes Ding so sauber verpackt, wie nur sie es vermochte; von der Sus aber erfuhr ich, sie habe sich allbereit vor geraumer Zeit zu der Muhme Jacoba begeben.

Da gedachte ich denn, sie dort aufzusuchen und trat in das Gemach, wo der Schreibtisch und die Bücher der Siechen stunden, und das an die Kemenate grenzte.

Leisen Schrittes war ich gegangen, sintemal des Ritters Quartier niederseit dieses Raumes gelegen, und so hörte mich niemand; ich aber sah aus dem dunklen Gemach in die Kemenate, wo an einem Doppelleuchter etliche Kerzen brannten, und da lag die Ann zu Füßen der bresthaften Frau, dem Lindenbaume vergleichbar, den der Sturmwind in der letzten Nacht zu Boden geworfen, und verbarg das Antlitz in ihrem Schoß und schluchzte so heftig, daß der zarte Leib ihr flog, wie von Fieberschauern geschüttelt; Muhme Jacoba aber hatte ihr beide Hände aufs Haupt gelegt wie zum Segen. Und ich sah auch eine volle Thräne, und dann ihrer viele auf der Wange dieser Frau, die doch das einzige liebe und wackere Kind in die Fremde gestoßen. An ihrem kleinen Finger hatt' ich oft einen Ring bemerket, der außen ein weiß Dinglein umschloß; doch war es kein Splitter von eines hohen Heiligen Gebein, sondern das erste Zahnlein, so ihr landesfremder Sohn gewechselt. Und während sie wähnte, daß keiner es gewahre, hob sie die Linke an die Lippen und küßte das Zähnlein mit aller Inbrunst. Nun die Minne einmal wieder in ihrem Herzen entsprungen, mußte auch derjenige sein Teil daran haben, den sie, obzwar keiner seinen Namen vor ihr aussprechen durfte, immer noch wie ihren Augapfel liebte.

Und ob ich auch nie eine Lauscherin gewesen, konnt' ich doch das Ohr nicht verschließen und mußte hören, wie die sieche Alte der minnekranken Jungen zusprach und ihr gebot, auf Gott zu bauen und des Herdegen Treue. Sodann vernahm ich, wie sie meines Aeltesten Sinn und Wesen als hochgemut und aufrecht lobte und der Ann verhieß, ihr beizustehen nach bestem Vermögen.

Mit einem herzlichen Kuß und tröstlichen Worten bot sie dem Liebling das Valet, mir aber kam alsbald eine über die Maßen holdselige junge Maged in den Sinn, des Rotschmiedes Pernhart Tochter, die Groß und Klein in Nürnberg »Schön-Trudlein« geheißen, die mir, so oft ich sie in der letzten Zeit in der Kirche angeschaut, immer trauriger und bleicher erschienen, und der ich nie wieder begegnen sollte; denn der Ohm Kristan hatte gestern feuchten Auges berichtet, man habe selbe aller Anmut volle Jungfrau, die an der Zehrung verstorben, vor etlichen Tagen mit stattlichem Gepräng zur Ruhe geleitet. Und Muhme Jacoba war Zeuge selbigen Berichtes gewesen, hatte den Kopf schweigend geschüttelt und sodann die Hände gefaltet und den Blick zu Boden geheftet.

Der Vetter Götz und der Herdegen, Schön-Trudlein und die Ann, – was unterschied sie so weit von einander, daß die Muhme es über sich brachte, ihren Minnebund mit so gar verschiedenem Maße zu messen?

Zugleich mit der Freundin verließ ich die dunkle Kammer, draußen aber schloß ich sie in die Arme, und in der letzten Stunde, die uns noch auf der Forstmeisterei zu teilen vergönnt war, trug sie mir Grüße an den Herzliebsten auf und gab mir für ihn das letzte, späte Oktoberröslein, so der Waldohm für sie als Abschiedsgabe gebrochen; doch auf ihrer Forderung blieb sie bestehen.

Nach der Abendmahlzeit brach sie auf im Geleit des Meisters Ulsenius. Mit den singenden Lerchen war sie an einem sonnigen Morgen gekommen, und im tiefsten Dunkel zog sie von dannen.

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