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Die Gränz-Kommission

Carl Gottlieb Samuel Heun: Die Gränz-Kommission - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Gränz-Kommission
authorH. Clauren
year1824
publisherAnton v. Haykul
addressWien
titleDie Gränz-Kommission
pages1-94
created20051128
sendergerd.bouillon
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Die Gränz-Kommission.

Eine Erzählung

von

H. Clauren.


1.

»Der schwarze Mohr, der wird nicht weiß,
Die goldne Kron' behält den Preis,

las ich beim Oeffnen meines Fensters, auf dem Schilde des gegenüber befindlichen Wirthshauses, und rief lachend meinen alten Justizdirector herbei, der, mir im Rücken, sich seine Reisepfeife stopfte, und mich trieb, das Frühstück einzunehmen und mich anzukleiden, weil die Pferde gleich kommen würden, und wir heute noch einen weiten Weg zu machen hätten; »am Ende« setzte ich hinzu, »ist das ein Stich auf mich, denn auf unserer langen Kommissionsreise, und bei den ewigen Gränzzügen, hat mich die Maisonne doch wahrhaftig so zum Mohren verbrannt, daß, wenn ich zu Hause komme, die Leute in der Residenz denken werden, ich komme direkte aus dem Mono Emugi der Mambo's und Zimbo's.«

»Werden darum doch eine Frau bekommen,« erwiederte tröstend der Director, »im Gegentheile, die Mädchen lieben ein männlich braunes Gesicht in der Regel allemal mehr, als so ein käseweiße Milchvisage unserer gewöhnlichen Stadtzierlinge; bei Blondins mag ich den Sonnenbrand selbst nicht gern leiden; da kontrastirt in der Regel das schwarze Gesicht zum hellen Haupthaar auf eine fast widrige Weise; aber bei einem solchen Rabenhaar, wie z. B. das Ihrige, läßt eine mäßige Bräune viel besser als eine gar zu sehr in das Weiße fallende Gesichtsfarbe; doch, liebster Assessor, machen Sie, daß Sie in die Kleider kommen; je später hier, je später dort, und ich denke, es soll Ihnen heute Abend bei meinem alten Floßinspector nicht mißfallen; ist seine Tochter so hübsch als die Mutter zu ihrer Zeit war; so wird Ihnen heute Abend die Zeit nicht lang werden.«

»Gleich,« entgegnete ich, ohne auf sein Geschwätz von der Floßschönen dieses Abends viel zu hören, mit dem Kopfe weit aus dem Fenster, denn drüben, vor der goldenen Krone stand eine junge Reisende an einem englischen Sechsspänner, zwei Pappschachteln unterm linken Arm, und einen Kanarienvogel frei auf der rechten Hand, und empfahl einem im Wagen mit Packen beschäftigten Bedienten die möglichste Eile. Der fatale hohe Wagen verbarg mir die Hälfte ihrer Gestalt, und ihr feiner italienischer Strohhut war so grob, mir fast ihr ganzes Gesicht zu verstecken, so daß ich eigentlich beinahe nichts von ihr sah, und dennoch fühlte ich mich von dem Wenigen, was ich mit dem neugierigen Blicke erwischen konnte, so angezogen, daß ich aus dem kleinen Flügel meines Fensterchens den Kopf noch weiter hinaussteckte.

»Aber, Herr Assessor, Ihr Kaffee wird ja zu Eis!« rief der Justizdirector hinter mir. »Die Cichorie muß hier trefflich gerathen,« setzte er sarkastisch hinzu, »das Tränkchen ist so dick, daß man es fast kauen muß, um es nur verschlucken zu können; nein, da sollen Sie morgen früh bei meinem alten Floßinspector einen andern Kaffee –«

Was ging mich der Kaffee, die Cichorie und die Floßwirthschaft an, ich hörte kaum mit halbem Ohre von dem allen, denn meine junge Pilgerin drüben stand, nachdem sie sich ihrer Pappschachteln entledigt, und den kleinen gelben Liebling in seinen, an der Wagendecke befindlichen blanken Käfig hatte schlüpfen lassen, mir jetzt völlig sichtbar, an der Hausthür der goldenen Krone, nahm ihren großen Strohhut ab, antwortete der vorbeigehenden Wirthin auf die Frage, ob sie so früh schon ausgeschlafen, freundlich lachend »noch nicht zur Hälfte,« und heftete zu meinem freudigen Schreck – ja, ich bildete es mir nicht etwa aus Eitelkeit ein, ich sah es ganz bestimmt und deutlich, – und heftete den Blick ihres klaren, großen, kohlschwarzen Auges, gerade auf mich, sah eine ganze lange Weile unverwandt herüber, schüttelte lächelnd das kleine Engelsköpfchen, schlug das Auge einige Spannen höher, und drehte sich, als erschrecke sie über etwas, blitzschnell herum. In dem Augenblick kam eine etwas ältliche Dame, grilligen Angesicht, auf dem einen Arme einen dicken Bologneser, auf dem andern einen Nachtigall-Affen, hinter sich einen Bedienten, mit einem Berge von Betten, Mänteln und Pelzen; die Dame nahm mit ihren Hüllen, Kissen und Decken, sechs Siebentel des Wagens ein, in das restirende Siebentel schmiegte sich das junge reizende Mädchen; sämmtliche Scheibenfenster des Wagens wurden zugezogen, die beiden Bedienten kletterten auf den Bock, die sechs flüchtigen Klepper zogen an, der eine Postillon blies einen kurzen Akkord, und verschwunden war der brittische Riesenwagen, der kleine Gelbschnabel, der pfeifende Affe, der Mastbologneser, die grämliche Alte, und die entzückende, schöne Erscheinung, das anmuthige Kind.

2.

»Wo sind unsere Pferde,« rief ich, mich aus dem Fenster jetzt schnell zurückziehend, mit einer Angst, als stände auf jede Minute Versäumniß Tod und Leben, denn der Wagen war in derselben Richtung abgefahren, welche wir zu nehmen hatten, wir konnten, wir mußten ihn einholen, wir –

»Nu, nu, Gott bewahre« versetzte der Justizdirector, seine endlich in Stand gesetzte Pfeife anzündend, »die werden nicht ausbleiben! Wie die liebe Jugend heut zu Tage doch ist! Erst trödelt der junge Herr, als hätten wir Wunder wie viel Zeit, und nun soll es über Hals und Kopf fortgehen. Ziehen Sie sich gefälligst nur an, unterdessen rauche ich mein Pfeifchen und wart dessen Wirkung ab; Sie frühstücken geneigtest, berichtigen beliebigst an den Herrn Mohrenwirth unsere Rechnung, und ein, zwei, drei, sitzen wir im Wagen und fahren in einem Zuge bis zum dürren Fuchs, wo wir, wie ich hoffe, ein recht leidliches Mittagbrod finden werden.«

Pfeifchen, Wirkung, Mohrenwirth! ich stand auf Kohlen; im dürren Fuchse hätten wir den vierrädrigen Engländer einholen können, wir hätten dort zusammen gegessen! aber da mußten wir gleich fort und auf Tod und Leben fahren – und statt alles dessen pumpelte der alte dicke Justizdirector mit einer Gemächlichkeit im Zimmer herum, und hatte noch so viele und zum Theil so langwierige Sachen abzumachen, daß ich vor heimlichem Unmuthe hätte aus der Haut fahren mögen. Ein leidliches Mittagessen nannte er das heutige im dürren Fuchse! Ein göttliches war es, wenn mein kleiner italienischer Strohhut noch da war, ein völlig ungenießbares, wenn dieser fehlte. – Dürrer Fuchs! ein omineuser Name! ich sah mich im Voraus schon um meine süßen Hoffnungen betrogen und geprellt; ich kam mir bereits selber wie ein verschmachteter, abgemagerter, dürrer Fuchs vor.

Doch, unsere Vorspannpferde kamen in den Hof getrappelt; mein wackerer Director absentirte sich, die Wirksamkeit seiner Morgenpfeife laut belobend, in dringender Eile, ich lief zum Wirth, machte unsere Schuld ab und schlüpfte dann hinüber in die Krone, um nach dem Namen der Herrschaft im großen Sechsspänner zu fragen.

Auf dem Hinwege suchte ich – man ist zuweilen recht lächerlich, und ich schämte mich meiner fast selbst – ich suchte die Steine auf, auf denen sie gestanden hatte. Hier auf diesem hatte sie mit ihren kleinen Fußspitzchen gezickelt, als sie den goldgelben Liebling in den Käfig that; auf diesem hatte sie gestanden, als sie den Hut abnahm, im Glauben, bei dem stillen, frühen Morgen ganz ungesehen zu seyn, ihre kleine Toillette im Spiegellack des Wagens machte, und die aus dem niedlichen Reisehäubchen hervorquellenden Rabenlocken sorglich ordnete; von diesem aus hatte sie herüber gesehen nach mir – nach mir nun wohl eigentlich nicht, den sie war ja sichtbar erschrocken, als sie später meiner gewahr worden war, sondern nur nach meinem Wirthshause; ich folgte der Richtung ihres Blicks, und da fiel der meinige auf das Schild meines Mohren, auf dem ich die hochpoetische Inschrift fand:

Wird auch nicht weiß der schwarze Mohr,
Geht er der gold'nen Kron' doch vor.

Wohl mochte ihr es komisch vorgekommen seyn, gerade über dem Schilde, den leibhaftigen Mohren in meiner werthen Person zu finden, und das schneeweiße Nachtjäckchen, in dem ich zum Fenster hinaus paradirt hatte, mochte die Monomotapanische Schwärze meines Gränz-Kommissionsgesichts noch mehr gehoben haben, darum hatte sie gelacht, und ich eiteler Mensch hatte dieses Lächeln, im Wahne meiner Selbstliebe, für ein wohlwollendes, für ein beifälliges gehalten!

Die goldene Kronwirthin stand mir auf meine Erkundigung nach dem Reisesechser nicht Rede, und ihr Hausmädchen war schnöde genug, mir kurz und unumwunden zu erklären, daß, wenn mich die Leute, die hier logirt hätten, so sehr interessirten, ich besser gethan haben würde, in der goldnen Krone statt im schwarzen Mohren zu nächtigen, und so setzte ich mich über die Verfehlung meines Zweckes, etwas Näheres in Betreff unserer vorangeeilten Reisegesellschaft auszukundschaften, sehr verstimmt in unsere schwerfällige Kommißchaise, ein dem Justizdirector gehöriges Erbstück aus dem verwichenen Jahrhundert.

3.

Drei Bauern und vier Futtersäcke hatten sich, nach dem leidigen Vorspannrituale, hinten auf das Packbrett des letztwilligen Vermächtnisses mit aufgehangen, und saßen und lagen meinem heimlichen Plane, die reizende Reisegefährtin einzuholen, feindselig im Wege; der Director schrie, noch ehe wir das Städtchen im Rücken hatten, dreimal laut auf, denn der kutschirende Pferdebändiger ließ sein buntes Viergespann dergestalt auftreten, daß ich auf dem heillosen Pflaster des Städtchens fast selbst für das letzte Stündlein der emeritirten Erbchaise zu fürchten anfing. Der alte Herr, dem in seiner langen Dienstzeit eine solche kourirmäßige Vorspannhast noch nicht vorgekommen seyn mochte, bat, aus einer Ecke des Wagens in die andere geworfen, flehentlich, seiner morschen Gebeine und der wandelbaren Chaise zu schonen, aber da war kein Hören und kein Halten; unser Vorspänner hieb toll und thöricht zwischen die vier Gaule; das Sattelpferd vorn, ein lederner Fliegenschimmel, schlug hinten immer ellenhoch aus, die braun und weißgefleckte Schecke zur Hand galloppirte, wie eine wilde Katze; das rechte Stangenpferd, ein bocksteifer Falbe, machte lauter viereckige Bogensätze, und der Harttraber, der tückische Mohrenkopf, auf dem der Kutschirende ritt, zog die ganze Hochlöbliche Gränz-Kommission allein, und warf nebenbei seinen Reiter dermaßen in die Lüfte, daß die Gewandheit, mit welcher der dicke Bauerbengel den Sattel glücklich immer wieder gewann, meine laute Bewunderung erregte. Als ich die ersten Minuten hinter mir hatte und sah, was man dem, noch aus der alten, guten Schmiede- und Stellmacherzeit herrührenden soliden Wagen bieten konnte, kam mir unsere kommissarische Höllenfahrt höchst spashaft vor, denn ging das so fort, so hatten wir in einem Stündchen den hohen Sechsspänner eingeholt. Der Justizdirector, der in der Regel den ganzen Tag rauchte, und mich, wenn ich unter dem Winde saß, so einqualmte, daß ich mir jeden Abend wie ein Pickling vorkam, konnte keinen vernünftigen Zug thun, denn bei dem rasenden Schüttern und Stoßen des beständig aus einem Loche in das andere fliegenden Wagens, war es ihm nicht immer möglich, die ihm unaufhörlich vor dem Gesichte hin- und herspringende Pfeifenspitze mit dem Munde zu erhaschen, und auf die radikale Motion sollte uns, meinte ich, das leidliche Mittagsessen im dürren Fuchse recht gut schmecken. Der Director glaubte fast im Ernste, der Teufel sei in Pferde und Kerl lebendig gefahren; ich – ich hatte sie besessen. Auf drei blanken Thalern beruhte das ganze Zaubermittel, mein mit den Vorspännern heimlich geschlossener Akkord lautete dagegen, daß wir in funfzig Minuten eine deutsche Meile fahren müßten; die Gaule, jetzt erst warm geworden, fingen nun an zu galloppiren, und wenn das so fortging, so überholten wir noch vordem dürren Fuchse den Sechssp – Ruck – da krachte es hinter und unter uns und that einen so heftigen Stoß, daß unsere beiden Kommissionsköpfe hart an einander prasselten, und die Schirmmütze dem Director von der Perücke flog; hinter uns aber lag rechts der eine der Vorspänner der Länge lang im Graben, der zweite links streckte alle Viere auf einem Haselstrauch von sich, und der dritte war mit seinem Futtersacke quer über den Weg gefallen. Der rechte und linke Flügel schrien Zeter, das Centrum auf dem Sacke konnte vor Schreck keinen Laut von sich geben, und in der Mitte einer tiefen Pfütze lag die Director-Mütze! Zehn Minuten gingen hin, ehe alles wieder in Ordnung war; mir dauerten sie länger als zehn Dezennien, »Eile mit Weile« sagte mein Alter und stülpte sich lachend den kothdurchtränkten Sammetdeckel auf die verschobene Atzel, und wenn gleich unser vielfarbiges Viergespann jetzt wieder fortbraus'te, als wolle es den Sonnenball einholen, so riß an dem morschen Geschirre doch bald ein Strick, bald ein Riemen, so daß es alle Augenblicke etwas zu knüpfen und zu binden gab, und wir, trotz meines schönen Dukatens, nicht um ein Haar schneller befördert wurden, als wenn wir nach dem gewöhnlichen Vorspannschlendrian von Haus aus gefahren wären.

Um meinen immer lauter werdenden Unmuth über den ewigen Aufenthalt zu beschwichtigen, wies der Director auf einmal, als wir aus einem Wäldchen kamen, mit dem Pfeifenrohre nach der vor uns liegenden Höhe, sagte, daß dort der aus dem Gebüsche hervorragende rothe Giebel der dürre Fuchs sey, prophezeite, daß wir dort ein Stück delikates Rindfleisch mit Reis und einen vortrefflichen Schweinebraten mit sauern Gurken finden würden, zwei Gerichte, die seit den neunzig Jahren, daß das Haus stehe, tagtäglich darin bereitet würden, und warnte vor dem Landkrätzer, den der Wirth für feinen Würzburger verkaufe.

Ochsen, Schweine, sauere Gurken, Landkrätzer, – – schlechte Vorbedeutungen für die omineuse Dürre unsers da oben vor uns liegenden Fuchses! und doch fuhr ich mit einer Ungeduld die Anhöhe hinauf, als läge mein Paradies da oben.

Das Gasthaus hatte einen großen Hof, und dieser zwei Thore; zu dem einen fuhr unser Pastoralchaischen hinein, zum andern, im nämlichen Augenblicke, der englische Prachtwagen heraus.

Ich hätte verzweifeln mögen!

4.

Meine Hoffnung, das Himmelskind mit dem Strohhütchen noch einmal zu sehen, hier in seiner Gesellschaft zu speisen, es dabei näher kennen zu lernen, war nun auf immer und ewig verschwunden, denn der Floßinspector, bei dem wir diese Nacht zubringen wollten, wohnte zwei Stunden rechts von der Hauptstraße entfernt.

»Nicht wahr, das heißt gefahren?« sagte unser Vorspannkutscher, auf mich freundlich zutretend und wies, in heimlichem Bezug auf die versprochenen drei blanken Thaler, mit dem Hute seitwärts auf die dermaßen mit Schaum und Göscht bedeckten Pferde, daß man sie alle vier zum Schimmelgeschlechte zu rechnen in Versuchung kommen konnte; ich verstand den Mahnwink, und zahlte; der arme Kerl war wie gekocht; den Pferden schlugen die Lungenflügel sichtbar, des Directors schuldlose Karrete war halb bocklahm und fast in Grund und Boden gefahren, ich um drei Thaler ärmer, und alles vergeblich, alles umsonst.

Die neuen Vorspannpferde standen bereit; wären wir gleich wieder weiter gefahren, hätte es uns vielleicht geglückt, den Sechsspänner noch vor der Trennung unserer beiderseitigen Wege einzuholen, aber der Director! der hätte ja sein dürres Fuchsdiner um keinen Preis aufgegeben, und welchen Vorwand hätte ich erfinden können; ihn zur Aufopferung seiner erwarteten Horn und Schweineviehherrlichkeiten zu vermögen!

Höchst verstimmt trat ich in das Wirthshaus; in der Gaststube stand noch das Tischchen gedeckt, an dem beide Damen gespeis't hatten. Bei jedem Kouvert ein Glas Burgunder, das eine halb geleert, das andere fast noch ganz voll. Ohne Zweifel hatte die Alte oben an gesessen, wo das volle Glas stand; ich griff, unter dem Vorwande unerträglichen Durstes, nach dem Restchen des unten befindlichen Kouverts – aus ihrem Glase zu trinken, die Stelle vielleicht zu treffen, an der ihre frischen Purpurlippen genippt, den Feuerwein zu genießen, der ihr Rosenmündchen umspüllt – hatte ich doch einigen Ersatz für meine unermeßliche Einbuße.

»Wenn Sie so durstig sind, lieber Herr,« sagte das Dienstmädchen, welches den Tisch abräumte, um ihn für uns zu decken, »so trinken Sie doch lieber dies Glas hier; das ist noch voll, und dann hat dort aus dem eine alte häßliche Frau getrunken, aus diesem hier aber ein hübsches, junges Mädchen; das wird Ihnen viel besser schmecken.«

Hatte mir denn das verschmitzte Ding in der Seele gelesen? Aber war das nicht, so klein auch der Zug an sich war, ein wahrhaft himmlischer von dem Mädchen? ich trinke ihm den Wein, der ihm von Gott und Rechtswegen gehörte, vor dem Munde weg, und statt darüber mit mir zu schmollen, empfiehlt es mir das volle Glas, und streicht noch obenein dessen Preiswürdigkeit vor dem andern halbleeren heraus! Bestimmt liebte das Mädchen selbst, und wußte, wie köstlich der Labetrank schmecke, von dem der Geliebte genossen. Ich griff nach dem empfohlenen Glase freundlich dankend, sagte mit herzlicher Fröhlichkeit:

Dein Schatz soll leben!

und schlürfte, als das Mädchen mit leichtem Knixchen erwiederte:

der Ihrige daneben!

den köstlichem Chateau la Roze, auf Strohhütchens Wohl, in einem Zuge hinab.

»Habt Ihr mehr von diesem Landkrätzer?« fragte ich, das feurige Burgunderblut mit beifälliger Miene belobend, und den menschenfreundlichen Vorsatz in der Brust, dem Mädchen sein weggetrunkenes Opferglas mit einer ganzen Bouteille zu vergüten; allein dieses entgegnete, daß in ihrem Keller dergleichen nicht zu finden, sondern daß die fremde Herrschaft ihn mitgebracht, und obgleich nur noch ein Paar Tropfen in der Flasche gewesen, die Alte doch befohlen, diese wieder in den Wagen zu packen; bey dieser Gelegenheit brach es in lauten Aerger aus über die Härte, mit der die alte Madam die junge hübsche Mamsell behandelt; diese habe sich unten hinsetzen wollen, aber sie habe ihren Platz an die Alte abtreten müssen, weil auf den Platz oben die Sonne geschienen; dann wären der Hund und der garstige Affe zu füttern gewesen, so, daß sich die Mamsell kaum halb satt habe essen können, und des Brummens und Zankens sey kein Ende gewesen; die junge Mamsell sey aber immer freundlich geblieben; beim Einsteigen habe der eine Bediente, der alle Hände voll gehabt, ein leeres Arzeneiglas fallen lassen, was natürlich entzwei gegangen sey; darüber habe sich die Alte so erboßt, daß sie den armen Menschen, vor allen Leuten, auf das Gröblichste ausgeschimpft, und als dieser sich höflich verantwortet, ihn auf dem Flecke verabschiedet habe. »Da trat« fuhr die beredete Sprecherin fort, »die junge Mamsell heran, und nahm – wahrhaftig unschuldig, wie das Lamm Gottes selber, denn ich habe dabei gestanden und habe alles von Anfang an mit angesehen, – und nahm die Schuld auf sich und sagte, sie habe den Bedienten unversehens gestoßen und müsse und wolle daher auch das Glas gern bezahlen, und besänftigte dann den leidigen Drachen, daß von dem Verabschieden des Bedienten weiter keine Rede war. Unserm Hausknecht, der am Wagen mit unsern eigenen Stricken etwas fest zubinden gehabt hatte, gab der Geizteufel einen Groschen! natürlich wollte der darüber ein loses Maul haben, aber die junge Mamsell stopfte es ihm durch einen heimlich bittenden Wink; gab ihm von der Alten ungesehen, aus eigenen Börschen, in dem nicht viel Vorrath zu seyn schien, das Achtfache und schob die vorige kleine Gabe auf ein bloßes Versehen.«

Unterdessen hatte das Mädchen unsern Tisch gedeckt, der Director, der mittlerweile mit der Wirthin vom dürren Fuchse in der Küche conversirt hatte, kam mit dem prophezeihten Rindfleisch zugleich anspaziert, hieb in das kräftige Essen ein, wie ein Türke, knorpelte an der darauf folgenden braungebratenen Schweineschwarte, daß die Stücke davon rechts und links herum flogen, und schalt mich ein verwöhntes Leckermaul, daß ich nicht Gefallen finde an den ländlichen Saft- und Kraftgerichten des ehrenwerthen dürren Fuchses.

Die eben erhaltenen Mittheilungen hatten mir den Appetit verdorben. Wie konnte mir auf demselben Platze, an dem das engelhübsche Mädchen gesessen –– denn unter dem Vorwande wegen der Sonne hatte ich dem guten Director den schattigen Sitz abgetreten – ein Bissen schmecken!

5.

Ich gab, als wir wieder einstiegen, dem Hausmädchen unvermerkt einen Dukaten, und beschwichtigte die Vorwürfe, die mir meine Oekonomie über das verschwenderische Geschenk machte, mit der kalkulatorischen Auseinandersetzung, daß es ein Drittel für das eingebüßte Glas Chateau la Roze, ein zweites für die Aufwartung, und ein drittes und noch vielmehr für seinen Antheil an Strohhütchen, und für die mitgetheilten Nachrichten verdient hatte. Wie mancher Spion, wie mancher Gesandter wird weit reichlicher bezahlt, und ihre Berichte sind oft halb so viel werth, als – ja, eigentlich – viel Tröstliches hatte mir der dienstbare Geist des dürren Fuchses wohl auch nicht berichtet, aber es hatte mir doch gut gethan, von Strohhütchen sprechen zu hören. Mislaunig über die Ungerechtigkeit des Schicksals, setzte ich mich in meines Directors Erbchaise, und sah es gern, daß dieser, das dürre Fuchsdiner im Leibe, bald einschlief; war ich doch nun ungestört, um mit dem Himmel zu hadern, der tausend solcher armen unglücklicher Mädchen geboren werden läßt. um die schönsten Tage ihrer Jugend unter dem Eigensinne und dem grillenhaften Egoismus solcher alten, vom Glücke verwöhnten Xantippen zu verlieren. An der Seite dieser sechsspännigen Kreuzspinne konnte das holde Engelskind ja keine frohe Stunde haben. Wie einfach war die Skizze des Charakterbildes gewesen, die mir das Hausmädchen leicht hingeworfen, und welche rührende Züge hatten sich nicht darin verrathen! Strohhütchen setzt sich in die Sonne, und überläßt den kühlern Platz der Alten; Kindliche Liebe, – es vergißt den eigenen Hunger und füttert die Lieblinge der Gebieterin, des Gerechten Erbarmen gegen das arme Thier; wohlgefällige Hindeutung auf das, was es einst als Mutter den Kindern seyn werde. Es trägt fremdes Versehen. Selbstaufopferung. Es verwendet sich für den Schuldlosen; freundliche Milde. Es verhüllt den Fehler Anderer und giebt aus eigenen Mitteln, um die Ehre der Herrin nicht bloß zu stellen. Zartgefühl, Anstrengung selbst über die Gränze der Pflicht; Takt für das Schickliche! Bedurfte es denn noch eines Pinselstrichs, um das Ideal der lieblichsten Weiblichkeit zu vollenden? Doch, was half mir meine ganze Analyse, ich sah ja das Mädchen, das mich so wunderbar und ausschließlich beschäftigte, vielleicht in meinem ganzen Leben nie wieder! Unwillkührlich schloß ich die Augen, um mir vor dem Innern das reizende Bild mit unauslöschlichen Farben zu malen, als wolle ich es mir aufheben, um das Original wieder zu erkennen, auch wenn ich ihm nach Jahrzehenden wieder einmal auf meinem Lebenswege begegnete. O, ich hatte noch alles behalten, und zeichnete mir in das geheime Stammbuch meines Herzens den Schattenriß, wie das Mädchen leibte und lebte. Das Gesichtchen, – Titian hatte in allen seinen Meisterwerken kein schöneres Oval geliefert! Das sanftschmachtende Feuer in den großen himmelreinen Liebessternen; die feingewölbten Augenbraunen, das rosige Grübchen in der Lilienwange, der Perlenschmelz der kleinen blendend weißen Zähne, der Purpur der frischen Lippen, – das Reisehäubchen, das viel zu klein war, um die Ringelpracht des überall hervorquellenden seidenen Rabenhaars zu fassen und zusammen zu halten; der leichte übergeworfene Shawl, der viel zu schmal war, um den Elfenbein dieses Halses und die Fülle dieser weich gerundeten Achseln ganz zu verhüllen. Der schwarzseidene Mantel, der sich beim Abnehmen des Hutes, im schönsten Faltenwurf auseinanderschlug, so daß sich das Edle ihrer Figur, die schlanken Umrisse von Hüfte, Schooß und Taille, und den Schneeglanz der Schwanenbrust, auf einen Augenblick, verrätherisch enthüllten; die kleine Lilienhand, auf welcher der Kanarische Liebling schaukelnd sich wiegte, der wunderniedliche Fuß, dessen Spitze, während der andere auf dem Wagentritte stand, die Erde kaum berührte, das blüthenweiße Strümpfchen, das zierliche Knieband, dessen Zipfel von schäkernden Morgenlüftchen bewegt, die fein geformte Wade umspielten. – Ein ungeheurer Rippenstoß schob mich von meinem Zauberbilde weg; die schnarchende Justiz hatte das Gleichgewicht verloren und war mir so heftig auf den Hals gefallen, daß Mütze und Atzel mir zu Füßen purzelten. Ueber sich selbst lachend, brachte der alte Director seine Toilette wieder in Ordnung, lobte das Erquickliche eines solchen Nachmittagsschlafs, und die Vernünftigkeit unserer Vorspanner, die Schritt vor Schritt gefahren waren, und ihm das bischen Ruhe gegönnt hatten, stopfte sich seinen meerschaumenen Riesenkopf, und stellte mir, wie es schien, nicht unabsichtlich, nun eine kleine Bildergallerie des ihm befreundeten Floßinspectorhauses auf, in das er mich diesen Abend einzuführen gedachte. Das Haupt dieses achtbaren Familienkreises war die Frau: im Frühlinge ihres genußreichen Lebens Silberwäscherin bei Hofe, in der ganzen Residenz unter dem Namen der schönen Silberchristel bekannt, hatte sie, nachdem ihr Sommer verflogen und ihre Reize zu herbsteln begonnen, ihre Hand des Directors vertrautesten Jugendfreunde, dem ersten Leiblakai gegeben, und dieser war, in dankbarer Freude, die leichtlöthige Silbermamsell mit Ehren unter die Haube gebracht zu sehen, mit dem Floßinspectorposten begnadigt worden. »Assessorchen« fuhr der Director, am Glücke seines heutigen Wirthes neidlos theilnehmend fort, »unsere heilige Justiz bringt uns im ganzen Jahre nicht so viel ein, als diesem sein Floßkanal in einem Monate; die Stelle trägt, außer freier Wohnung, Garten und Holz, jährlich achthundert Thaler; das ist aber das Wenigste. Der Kanal, der Kanal ist die Goldquelle. Sehen Sie; erstlich hat er mit die Aufsicht über die Schleuse; jeder Schiffer, der durch will, muß bluten, und das thun sie gerne, denn er kann sie chikaniren nach Noten, und warten lassen, so lange er will; um also bald durch die Schleuse befördert zu werden, bringt einer ein halb Ankerchen Wein, der andere ein Paar Fläschchen Syrup, der dritte ein Paar Pfündchen Kaffee, und die Schlingel können das auch, denn es kostet ihnen nichts, das praktiziren sie alles aus den Fässern und Kollis, die sie auf ihren Fahrzeugen geladen haben; die Kaufleute, denen die Waare gehört, büßen aber auch nichts dabei ein, denn die wissen schon, daß das nun einmal nicht anders ist, und schlagen daher dergleichen kleine Verluste auf den Verkaufspreis – Sehen Sie, Freundchen, so wäscht eine Hand die andere.«

Ein schreckliches Händewaschen, dachte ich im Stillen, und wollte den Werth eines landesherrlichen Dieners mit reiner Hand, im Kopf und Herzen, meine Misbilligung solcher Ansichten und solchen Treibens, laut werden lassen, aber der Director ließ sich nicht unterbrechen; »zweitens« fuhr er fort, »und das ist die Hauptsache, zweitens macht er nebenbei ein ungeheures Holzgeschäft. Auf dem Kanal darf kein Mensch flößen, als der Staat. Das Etatsquantum des jährlich nach der Residenz zu flößenden Holzes beträgt 100,000 Klaftern; hier in den unermeßlichen Wäldern kostet die Klafter bis zur Ablage, anderthalb Thaler; in der Residenz, dreie. Er kauft hier für sich, jährlich 5,000 Klaftern, die schwimmen neben den Staatsklaftern sachtchen mit in die Residenz, dort hat er seine Abnehmer, die ihm, damit sie in seinem Interesse bleiben und das Maul halten, nur zwei Thaler zwölf Groschen bezahlen; folglich hat er jährlich eine kleine Nebenrevenüe von 5000 Thalern; seit zwanzig Jahren sitzt er hier an seinem Kanälchen; facit 100,000 Thaler, das stimmt wie Kirchenrechnung: und das erbt einmal Christinchen, das einzige Kind; hundert haben sich schon die Beine nach dem Mädchen abgelaufen, und funfzig davon mögen vielleicht diesem wohl allenfalls angestanden haben, aber die Mutter hat das Regiment, die hat die Welt kennen gelernt und alle Schulen durchgemacht; das junge Volk ist ihr alles zu windig, zu brausig und gesetzlos. Sie sieht es den jungen Leuten gleich an den Augen an, weß Geistes Kind sie sind, und da ist ihr für ihr Hunderttausendthaler-Christinchen keiner gut genug; er soll seyn douse und ernsthaft, kein Spieler und kein Säufer, sein auskömmliches Brod haben und ein Mann bei der Stadt seyn, das heißt, in Amt und Würden stehen. Wenn die Fants, die so die letzten Jahre her, seit Christinchen mannbar geworden, ein- und ausgeflogen sind, dem Mädchen die Kour gemacht, haben sie es bei der Mutter gleich verschüttet; sie sollen, meint sie, dem jungen Dinge kein dummes Zeug in den Kopf setzen, und vor allem verlangt sie, nicht gleich mit der Thür in das Haus zu fallen, sondern dem Mädchen im Anfange gar nicht meinen zu lassen, daß man Absichten auf dasselbe habe, damit die Eltern und die Tochter dem jungen Mann erst hinreichend kennen lernen; wer also einmal da sein Glück machen will, muß vor Allem die Mutter zu gewinnen suchen, dieser alle Aufmerksamkeit widmen und für Christinchen keine Augen haben.

6.

Da hatte ich ja meinen vollständigen Wegweiser in das Holz. Mein alter Director mogte es recht gut mit mir meinen, aber Strohhütchen steckte mir im Kopfe, und daher hatte ich in diesem für seine Zaunpfählchen, mit denen er mir winkte, keinen Platz.

»Das liebe Geld« sagte ich fast empfindlich, daß der Director dieses für das Hauptgewicht in der Waagschaale der Liebe halten könne, »das liebe Geld allein macht nicht glücklich, und wenn es noch dazu, wie hier der Fall ist, auf unrechtem Wege erwuchert ist, bringt es gar keinen Segen, obenein wohl noch Unglück!«

»Auf unrechtem Wege?« fiel mir der Director in das Wort, »da sehe ich so gar entsetzliches Unrecht wahrhaftig nicht; dem Kanale wird kein Härchen gekrümmt, ob jährlich 5,000 Klaftern mehr oder weniger verflößt werden, oder nicht; die Scheiter schwimmen still und ruhig neben einander, und keins fragt das andere, ob es dem Staate oder meinem guten Floßinspector gehöre. Der Generalfloßdirector weiß auch bestimmt darum, sieht der Sache aber stillschweigend durch die Finger, weil, sobald er das Wespennest aufrühren wollte, ihm bestimmt die Angegriffenen gerichtlich erweisen würden, daß er es, so lange er früher Floßinspector gewesen, nicht besser gemacht habe; und wer blos aus Ungewißheit über die Rechtlichkeit des Gelderwerbes und aus Furcht vor der Ungedeihlichkeit solches Vermögens kein reiches Mädchen heirathen wollte, müßte auf das Glück, ein Goldfischchen dieser Art in seinem Liebesnetze zu fangen, für sein ganzes Leben verzichten und sich vor allem Bäcker, Brauer, Schlächter, Armeelieferanten, Magaziniers, Fabrikherren, Gutsbesitzer, Kaufleute, und manche Klassen von Bankiers, als Schwiegerväter verbitten; dann wären unsere Brode nicht zu klein, unser Bier nicht zu dünn, unser Fleisch nicht zu theuer, hätten im Kriege nicht Pferde und Menschen gehungert, fielen nicht aus manchen Magazinvorräthen zehn Prozent in die Tasche der Verwalter, würden die Fabrikarbeiter und Bauern für ihre centnerschwere Arbeit nicht mit federleichtem Lohne abgefunden, würde nicht an manchen Waaren über die Gebühr verdient, und an manchen Geldgeschäften nicht unchristlicher Zins gewonnen; so könnten alle diese Menschen ihren Töchtern eben so wenig einen Pfennig mitgeben, als wir arme Hungerleider von Justizbedienten, die wir, ein Rindchen trocknen Brodes im Munde, strengheiligen Tugendengeln gleich, für allen Reiz irdischer Glücksgüter unempfänglich seyn, und Recht sprechen sollen über Menschen, die in der Regel viel weltklüger sind, als wir arme Teufel der pauvren Kirchenmaus Justitia. Nein, Herzensassessorchen, Ihre Ansichten mögen für einen Romanenhelden recht acceptabel seyn, für die Welt taugen sie keinen Pfifferling. Eine solche Ultramoral paßt in das idyllische Paradiesleben; in das wirkliche nimmermehr. Ihr seliger Vater war akkurat so, und was hat er hinterlassen? Nichts! Seine Domainenpachtung konnte ihn zum reichen Manne machen, aber wie er es anfing, hatte er kaum selbst das liebe Brod. Wer hieß ihn, den dummen Bauern die Frohndienste für ein Spottgeld erlassen? Kein Mensch. Anno 16, als der Scheffel Korn fünf Thaler galt, konnte er mit seinem Zinsgetreide einen ungeheuern Schlag machen; statt dessen gab er den Bauern Brot- und Saatkorn als Vorschuß, den sie bei der nächsten Erndte ihm in Natura wieder erstatten sollten, was hat er von der damaligen schönen Hungersnoth? Nichts! Was hat er auf Sie vererbt? Auch nichts!«

»Die Unbescholtenheit seines Namens,« entgegnete ich, die doch gar zu weltlichen Ansichten des Directors misbilligend, »die Liebe, die Achtung, die er sich bei allen seinen Gemeinden erworben, rechnen Sie die für Nichts? Die stillen Thränen, die ihm aus dem dankbaren Herzen aller derer in das Grab nachflossen, die er mit Gutthaten überhäuft hatte, hatten denn die im Getreibe der heutigen Welt allen Preis verloren? Ist denn die Freude der Menschen, die ihnen im nassen Auge glänzt, wenn sie von meinem Vater sprechen, der auch der ihrige war, nicht mehr werth, als ein kaltes, weit leuchtendes Marmormonument? Ist nicht schon das stolze Gefühl, der Sohn eines solchen allgemein geachteten Vaters zu seyn, für mich ein unschätzbares Erbth –?«

»Da muß doch das Donnerwetter zehnmahl dreinschlagen,« rief, als wir in diesem Augenblicke von der Chaussee rechts abbogen und den Feldweg einschlugen, der zur Wohnung des Floßinspectors führte, der kutschirende Vorspänner seinem hinten auf dem Packbrette klebenden Pflichtgenossen verdrüßlich zu, »da hat der große Reisewagen, der vorhin aus dem dürren Fuchse wegfuhr, auch hier den Weg eingeschlagen und uns mit seiner breiten Spur das ganze Geleise verdorben.«

Ich horchte hoch auf! Wohltönender hatte mir in meinem Leben kein Fluch geklungen, als der des bitterbösen Vorspänners; unsere alte Chaise fiel durch das zerwühlte Gleis aus einem Loch in das andere; ich segnete im Stillen jedes und schämte mich meines frühern blödsichtigen Verdrusses über den Seitensprung zum Floßinspectorat, der mich, wie ich gewähnt hatte, des Glücks beraubte, Strohhütchen in meinem Leben je wieder zu sehen und der mich jetzt ihr gerade auf dem Fuße nachführte. Was aber wollte die Alte am Floßkanale? Wie kam sie hierher? Doch, das werde sich schon alles heute Abend noch aufklären, meinte ich, nahm mir vor, mit meinem Geschick nie wieder zu zürnen, sprang, als nach ächter Vorspannsweise einmal wieder an Strick und Riemen geknüpft und geflickt wurde, aus dem Wagen, versprach den Vorspänner heimlich ein Königliches Biergeld, wenn er die vier Gaule recht wacker auftreten ließe, und mußte mir ein Paarmal auf die Lippen beißen, wenn der Director, von der zartesten Liebe zu seinem vierrädrigen Erbstück befangen, mit dummen Vorspanneseln um sich warf, die auf der platten Chaussee gefahren wären, wie die Schnecken, und hier in dem Mordwege loslegten, als müsse der Wagen in tausend Stücke gehen. Wurzeln, Steine, Löcher, über alles flog die Kommissionskarrete prasselnd weg, im Gallopp jagten wir über die hohe Kanalbrücke und in gestreckter Karriere ging es jetzt bis zur Inspectorwohnung aus der uns Papa, Mama und Christinchen mit kreischendem Freudengeschrei und offenen Armen entgegen kamen.

Strohhütchen war nicht da!

Die rechte Hinterachse hatte einen Knacks bekommen, der Reifen am linken Vorderrade war gesprungen, der Langbaum war gespalten, der Vorspänner hatte dem Kamm aus den Haaren und dem Tabacksbeutel aus der Tasche verloren, alle vier Pferde keuchten, daß ich dachte, sie würden während des Ausspannens umfallen, ich war wieder um ein Paar Thaler ärmer geworden und Strohhütchen war nicht da!

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