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Die Gräfin Charny

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Gräfin Charny - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDie Gräfin Charny
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9cf140ca
created20070410
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Neunundvierzigstes Kapitel

Die Ereignisse folgten nun mit reißender Schnelligkeit aufeinander.

Am 17. August hatte Lafayette einen Aufruf an die Armee erlassen und sie aufgefordert, die Verfassung wieder einzusetzen und dem König seine Freiheit und seine Rechte wiederzugeben.

Am 18. ging Lafayette über die Grenze; am 21. wurde Longwy von den Österreichern angegriffen.

Nach einem vierundzwanzigstündigen Bombardement ergab sich die Stadt; am andern Ende Frankreichs begann der Aufstand der Vendée, angeblich wegen der Eidesleistung der Priester.

Zugleich erließ die Nationalversammlung ein Gesetz, das alle nicht vereideten Priester aus Frankreich verbannte.

Amtliche Personen wurden zu Haussuchungen ermächtigt, die Güter der Ausgewanderten zum Verkauf ausgeboten. Der Gemeinderat hatte auf dem Karussellplatze eine Guillotine errichtet, die er bereits arbeiten ließ. Man bewilligte ihm täglich einen Kopf.

Unter dem Volke verbreitete sich das Gerücht von der Vereinigung der preußischen und österreichischen Heere und von der Einnahme der Stadt Longwy. Der vom Könige, von dem Adel und der Priesterschaft herbeigerufene Feind zog also gegen Paris und konnte, wenn er auf keine Hindernisse stieß, in sechs Tagemärschen da sein.

Der ungestüme, leidenschaftliche Danton erschien vor Wut schäumend in der Nationalversammlung. Er besteigt die Tribüne und verkündet mit Donnerstimme:

»Die Nation muß sich zu gemeinsamer, ungeheurer Anstrengung vereinigen, um die Despoten über unsere Grenzen zurückzutreiben; das Volk muß sich in Massen auf die Feinde stürzen, um sie mit einem einzigen Schlage, zu vernichten: wir müssen alle Feinde der Nation zugleich in Fesseln legen, wir müssen sie unschädlich machen.«

Nie zuvor war ein Volk auf der Bahn des Todes so weit vorgerückt. Frankreich war aufgelöst, zerrüttet, verraten, verkauft, an die Schlachtbank ausgeliefert.

Aber endlich, als sie die Berührung der kalten Todeshand fühlte, scharte sich die französische Nation mit gewaltsamer Anstrengung zusammen und bildete einen Leben und Feuer sprühenden Vulkan. Die Flamme, die aus diesem Vulkan emporstieg, hat ein halbes Jahrhundert lang ihren hellen Schein über die Welt verbreitet.

Trotzdem wurde in Paris der Kampf immer heftiger. Der Gemeinderat griff in die Wirksamkeit der Nationalversammlung über. Er verhing die Todesstrafe und maßte sich zugleich das Begnadigungsrecht an, denn er hatte Chaumette ermächtigt, die Gefängnisse zu öffnen und die Gefangenen auf freien Fuß zu setzen.

Huguenin, der Präsident des Gemeinderats, sollte zur Verantwortung gezogen werden.

Zwei Stunden, nachdem dieser Beschluß gefaßt worden war, stellte Tallien, ein unbedeutender Schreiber, in der Sektion der Thermen den Antrag, gegen die Sektion der Lombards zu ziehen.

Das war in der Tat der Bürgerkrieg; denn hier war nicht das Volk gegen den Monarchen, nicht der Handels- und Gewerbestand gegen den Adel, nicht die Strohhütte gegen das prächtige Schloß, sondern eine Sektion gegen die andere, Pike gegen Pike, Bürger gegen Bürger.

Zugleich nahmen Marat und Robespierre das Wort; Marat verlangte die Niedermetzelung der ganzen Nationalversammlung. Dieses Verlangen überraschte nicht; man war schon gewöhnt, derlei Anträge aus seinem Munde zu hören.

Der schlaue, arglistige Robespierre hingegen verlangte, man solle zu den Waffen greifen und sich nicht nur verteidigen, sondern sogar angreifen.

Robespierre mußte den Gemeinderat für sehr stark halten, um einen solchen Antrag zu wagen.

Er täuschte sich nicht; der Gemeinderat besaß große Gewalt, denn der Gemeindeschreiber Taillen begab sich in derselben Nacht mit dreitausend Bewaffneten in die Nationalversammlung.

»Nur die Stadt Paris«, sagte er, »hat die Versammlung zum Range von Repräsentanten eines freien Volkes erhoben; der Gemeinderat hat das Dekret gegen die widerspenstigen Priester erwirkt, er hat die Männer verhaftet, an die niemand Hand anzulegen wagte; der Gemeinderat«, setzte er hinzu, »wird in kurzem den Boden der Freiheit ganz von ihnen befreien.«

Die Nationalversammlung setzte sich zur Wehr; Manuel, der Prokurator des Gemeinderats, sah ein, daß man zu weit ging; er ließ Tallien verhaften und verlangte, daß Huguenin der Nationalversammlung Genugtuung gebe.

Gegen sechs Uhr erhielt die Nationalversammlung die Kunde von einer großen Bewegung in den Umgebungen der Abbaye. Man hatte einen Herrn von Montmorin freigesprochen. Das Volk glaubte, er hätte die Pässe unterzeichnet, mit denen Ludwig XVI. den Fluchtversuch gemacht hatte, und begab sich in Massen vor das Gefängnis; es drohte, selbst Justiz zu üben, wenn man Herrn von Montmorin nicht mit dem Tode bestrafe. Die ganze Nacht hindurch war in den Straßen von Paris eine furchtbare Gärung. Man ahnte, daß das unbedeutendste Ereignis, das am folgenden Tage diese Gärung vermehren würde, eine ungeheure Ausdehnung bekommen müsse.

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