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Die Gräfin Charny

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Gräfin Charny - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDie Gräfin Charny
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9cf140ca
created20070410
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Dreiundvierzigstes Kapitel

Am 22. Juli, um sechs Uhr morgens, acht Tage nach dem Feste auf dem Marsfelde, dröhnte durch ganz Paris ein Kanonenschuß.

Von Stunde zu Stunde und den ganzen Tag hindurch sollte sich der Geschützdonner wiederholen.

Die sechs Legionen der Nationalgarde waren seit dem Anbruch des Tages vor dem Stadthause versammelt. Von hier aus sollten zwei Züge abgehen, um die Proklamation »Das Vaterland ist in Gefahr!« in den Straßen von Paris zu verbreiten. Auf jedem Platze, auf jedem Kreuzwege, auf jeder Brücke hielt der Zug an. Ein Trommelwirbel gebot Schweigen. Dann wurden die Fahnen geschwenkt, und wenn alles still war, begann ein Munizipalbeamter die Proklamation des gesetzgebenden Körpers mit ernster, feierlicher Stimme abzulesen. Die Proklamation schloß mit den verhängnisvollen Worten: »Das Vaterland ist in Gefahr!«

Diese Mahnung fand Widerhall in allen Herzen. Es war der einstimmige Ruf der Nation, des Vaterlandes, Frankreichs.

Auf allen Hauptplätzen von Paris hatte man Zelte für freiwillige Werbungen errichtet. Der Hauptwerbeplatz war vor der Notre-Dame-Kirche. Die patriotische Begeisterung war allgemein und steigerte sich bis zur Trunkenheit. Wer Waffen tragen konnte, eilte herbei, um sich einschreiben zu lassen; die Schildwachen vermochten die Andrängenden nicht abzuwehren. Jeder drängte sich zu dem Werbetische.

Es war die Verlobung des französischen Volkes mit dem zweiundzwanzigjährigen Kriege, der die Welt aus den Angeln gehoben hat und dessen Folgen noch in ferner Zukunft in dem Leben der Völker sichtbar sein werden.

Unter denen, die sich zu den Werbetischen drängten, waren alternde Männer, die von der Begeisterung ergriffen, den Jugendlichen spielten, um jünger zu erscheinen; blutjunge Knaben waren darunter, die sich auf die Fußspitzen stellten, um größer zu erscheinen und die antworteten: Sechzehn Jahre, wenn sie erst vierzehn alt waren.

Bis Mitternacht krachten von Stunde zu Stunde die beiden Geschütze; bis Mitternacht waren die Werbeplätze von einer dichtgedrängten Menge umgeben. Viele Angeworbene blieben da und hielten vor dem Altar des Vaterlandes ihre erste Beiwacht.

Jeder Kanonenschuß war bis in das Herz der Tuilerien gedrungen.

Die königliche Familie trennte sich erst nach Mitternacht, nachdem man erfahren hatte, daß die Kanonen schweigen würden.

Madame Campan schlief mit der Königin in einem Zimmer. Marie Antoinette hatte erst nach folgendem Anlasse ihre Einwilligung dazu gegeben. Sie hatte sich einst um ein Uhr nachts zur Ruhe begeben. Madame Campan stand vor dem Bett und sprach mit der Königin. Da hörte man plötzlich Fußtritte im Korridor, dann ein Geräusch, wie wenn zwei Männer handgemein würden.

Madame Campan wollte nachsehen, was vorging, aber die Königin wollte ihre Kammerfrau nicht fortlassen.

»Verlassen Sie mich nicht, Campan«, sagte sie.

Während dieser Zeit rief eine Stimme im Korridor: »Fürchten Sie nichts, Madame; ein Bösewicht wollte sich zu Ihnen schleichen und Sie umbringen, aber ich halte ihn fest.«

Es war die Stimme des Kammerdieners.

»Mein Gott!« sagte die Königin, die Hände zum Himmel erhebend, »welch ein Leben! ... Schmähungen am Tage, Mordanschläge in der Nacht!«

»Lassen Sie den Mann los,« rief sie dem Kammerdiener zu, »öffnen Sie ihm die Tür.«

Darauf ließ man den Meuchler los, der zur Dienerschaft des Königs gehörte.

In der Nacht nach dem pomphaften Umzuge erwachte Madame Campan gegen zwei Uhr morgens; der Mond schien auf das Bett der Königin und Madame Campan hörte die Königin seufzen.

»Sind Eure Majestät leidend?« fragte sie halblaut.

»Ich bin immer leidend,« antwortete Marie Antoinette, »aber ich hoffe, daß meine Leiden bald ein Ende nehmen werden.«

Dann streckte sie ihre bleiche Hand, die im Mondlichte noch bleicher aussah, aus dem Bett und sagte mit tiefer Wehmut: »In einem Monat, wenn der Mond wieder scheint, weiden wir frei und aller Fesseln ledig sein.«

Madame Campan war ganz erfreut über diese Worte. »Haben Sie den Beistand des Herrn von Lafayette angenommen?« fragte sie. »Wollen Ew. Majestät fliehen?«

»Den Beistand des Herrn von Lafayette?« sagte die Königin mit unverkennbarem Widerwillen.

»Nein, Gott sei Dank! ... Aber in einem Monat wird mein Neffe Franz in Paris sein. Österreich und Preußen sind verbündet; die beiden vereinten Mächte rücken gegen Paris an.«

»Und an welchem Tage hoffen die verbündeten Souveräne in Paris zu sein?« fragte Madame Campan.

»Am 15. bis 20. August«, antwortete die Königin.

»Gott erhöre Sie!« sagte die Kammerfrau.

Gott erhörte diesen Wunsch jedoch nicht; er schickte vielmehr dem bedrängten Frankreich eine unerwartete Hilfe: die Marseillaise. Sie kam von Straßburg, wo sie der zweiundzwanzigjährige Rouget de Lisle auf einer patriotischen Feier in einer halben Stunde gedichtet und in Musik gesetzt hatte. In wenigen Tagen war sie in ganz Frankreich bekannt.

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