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Die Gräfin Charny

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Gräfin Charny - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDie Gräfin Charny
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9cf140ca
created20070410
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Zweiundvierzigstes Kapitel

Der Abzug aus den Tuilerien war ebenso still und traurig, wie der Einzug lärmend und gefahrdrohend gewesen war.

Es war ganz anders gekommen, als man sich gedacht hatte. Der König war noch nie so ruhig und gefaßt, ja nie so groß gewesen.

Die revolutionäre Idee hatte in den Tuilerien nur den bleichen, zitternden Schatten des Königtums zu finden geglaubt, nun fand sie es zu ihrem größten Erstaunen mutig, stark und von dem Glauben des Mittelalters erfüllt.

Die Royalisten frohlockten; am Ende war ihnen doch der Sieg geblieben. Der König war im Gefühl seiner Abhängigkeit von der Nationalversammlung bereit gewesen, das eine der beiden Dekrete zu bestätigen; jetzt aber wußte er, daß beide Dekrete ihn keiner größeren Gefahr aussetzten als das eine und hatte gegen beide sein Veto eingelegt.

Das Königtum war ja an dem verhängnisvollen 20. Juni so tief gesunken, daß es den Boden des Abgrundes berührt zu haben schien; es konnte von jetzt an nur mehr wieder aufsteigen.

So schien's auch wirklich zu kommen. Am 21. Juni erklärte die Nationalversammlung, daß sich keine bewaffnete Schar von Bürgern mehr an den Schranken zeigen dürfe.

Die Royalisten gingen damit um, die Verkündigung des Kriegsgesetzes zu verlangen.

Pétion begab sich eilends in die Nationalversammlung. Dieses Verlangen, hieß es, sei begründet durch die eben erfolgten Unruhen. Pétion versicherte, daß ei von Zusammenrottungen durchaus nichts wisse, und bürgte für die Ruhe von Paris. Der Antrag wurde verworfen, das Kriegsgesetz nicht verkündet.

Am folgenden Tage schrieb Ludwig XVI. an die Nationalversammlung, um sich über die Entweihung des Schlosses, des Königtums und des Königs zu beschweren.

Am 24. Juni musterten der König und die Königin die Nationalgarde und wurden mit Jubel empfangen.

An demselben Tage stellte das Direktorium von Paris die Amtsverrichtungen des Bürgermeisters ein. Wer gab ihm eine solche Vermessenheit? – Drei Tage später klärte sich die Sache auf. Lafayette, der mit einem einzigen Offizier sein Lager verlassen hatte, kam am 27. in Paris an und stieg bei seinem Freunde Larochefoucault ab.

Am folgenden Tage erschien der General in der Nationalversammlung. Er wurde mit drei rauschenden Beifallssalven empfangen, aber jede war von dem Murren der Girondisten begleitet. – Es war eine höchst stürmische Sitzung zu erwarten.

Der General Lafayette war einer der mutigsten Männer, die es gab; aber Mut ist nicht Tollkühnheit; es ist sogar selten, daß ein wirklich mutiger Mann zugleich tollkühn ist.

Lafayette sah die drohende Gefahr. Er stand allein gegen alle, der letzte Rest seiner Popularität stand auf dem Spiel. Wenn er sie verlor, so mußte er mit ihr zugrunde gehen. Wenn er gewann, konnte er den König retten.

Unter lautem Applaus der einen Partei, unter Murren und Drohungen der andern bestieg er die Tribüne.

»Meine Herren,« sagte er, »die Gewalttaten die am zwanzigsten Juni verübt worden sind, haben den Unwillen aller gutgesinnten Bürger und zumal der Armee erregt; unter den Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten gibt es darüber nur eine Stimme. Es ist Zeit, die Verfassung festzulegen, die Freiheit der Nationalversammlung, die Würde des Königs zu wahren. Ich bitte daher die Nationalversammlung dringend, den Beschluß zu fassen, daß die Gewalttaten, die am zwanzigsten Juni stattgefunden haben, als Verbrechen der Majestätsbeleidigung behandelt werden. Ich wünsche endlich, der Armee die Versicherung zu geben, daß die Verfassung im Innern unverletzt bleiben wird, während die braven Franzosen zur Verteidigung der Grenze ihr Blut vergießen.«

Gegen das Ende dieser mit lautem Beifall begleiteten Worte hatte sich Guadet langsam von seinem Sitze erhoben. Der herbe Redner der Gironde streckte die Hand aus zum Zeichen, daß er sprechen wollte. Wenn die Gironde den Pfeil der Ironie abdrücken wollte, so reichte sie Guadet den Bogen.

»In dem Augenblick, als ich Herrn von Lafayette erblickte,« sagte er, »kam mir ein sehr beruhigender Gedanke: wir haben keinen auswärtigen Feind mehr, dachte ich; die Österreicher werden aufs Haupt geschlagen sein, und Lafayette bringt uns die Nachricht von seinem Siege und von ihrer Vernichtung! Diese Täuschung dauerte aber nicht lange; unsere Feinde sind noch dieselben, und gleichwohl ist Herr von Lafayette in Paris. Kann uns Herr von Lafayette seine Urlaubsbescheinigung vorweisen?«

Ein Deputierter steht auf und sagt: »Meine Herren, Sie vergessen, mit wem Sie sprechen und von wem die Rede ist. Lafayette ist der erstgeborene Sohn der französischen Freiheit, Lafayette hat der Revolution sein Vermögen, seinen Adel, sein Leben geopfert!«

»Sie halten ihm ja die Leichenrede!« ruft eine Stimme.

»Meine Herren,« sagt Ducos, »durch die Anwesenheit eines Generals, der nicht Mitglied unserer Versammlung ist, wird die Freiheit der Diskussion unterdrückt.«

»Das ist noch nicht alles«, setzt Vergniaud hinzu; »dieser General hat seinen Posten vor dem Feinde verlassen. Es fragt sich nur, ob er die Armee ohne Urlaub verlassen hat; ist dies der Fall, so soll man ihn als Ausreißer verhaften und in den Anklagestand versetzen.«

»Dasselbe wollte ich fragen,« sagt Guadet, »und ich unterstütze den Antrag.«

»Ich unterstütze ihn!« rief die ganze Gironde.

Eine Abstimmung gab den Freunden Lafayettes eine Mehrheit von zehn Stimmen.

Lafayette hatte noch eine letzte Hoffnung, von der er seinen Souveränen Mitteilung machte. Am folgenden Tage wollte er mit dem König die Nationalgarde mustern. Es war nicht zu bezweifeln, daß die Gegenwart des Königs und des vormaligen Generalkommandanten eine große Begeisterung hervorrufen würde. Diese günstige Stimmung wollte Lafayette benutzen, die Nationalversammlung zu umzingeln und dem Treiben der Gironde ein Ende zu machen. Während des Tumultes sollte der König eilends abreisen und sich in das Lager bei Maubeuge flüchten.

Es war ein kühner Handstreich, der aber bei der damaligen Stimmung der Gemüter kaum fehlschlagen konnte. – Unglücklicherweise kam Danton um drei Uhr früh zu Pétion, um ihn von dem Anschlage in Kenntnis zu setzen.

Sobald der Tag angebrochen war, ließ Pétion die Musterung absagen.

Wer hatte den König und Lafayette verraten? – Die Königin. – Hatte sie doch laut und offen erklärt, sie wollte lieber durch einen andern umkommen, als durch Lafayette gerettet werden. Ihre Ahnung hatte sie nicht betrogen; sie sollte durch Danton umkommen.

Zu der Stunde, wo die Musterung hätte stattfinden sollen, verließ Lafayette die Hauptstadt und begab sich wieder zu seiner Armee.

Die Zustände im Innern wurden immer schlimmer. Jedermann wartete auf eine Explosion, sie lag in der Luft. In der Nationalversammlung sah man sich nach einem Mann um, der das Rad ins Rollen bringen konnte. Vergniaud, der sich bisher zurückgehalten hatte, wurde herangezogen.

Am dritten Tage war alles in atemloser Spannung, kein Deputierter fehlte auf seiner Bank, die Tribünen waren zum Erdrücken voll, Vergniaud war der letzte, der erschien.

Die ganze Versammlung harrte in gespannter Erwartung; jedermann begriff die Bedeutung dieses Moments.

Vergniaud war damals kaum dreiunddreißig Jahre alt. Er war eine sorglose und träge Natur, sein träumerisches Genie ließ sich gern gehen. Wenn er in der Nationalversammlung sprechen wollte, so arbeitete er drei bis vier Tage zuvor seine Rede aus, feilte, polierte und schliff sie; man ließ ihn daher nur in großen Gefahren, in entscheidenden Momenten sprechen. Er war kein Alltagsmensch, er war nur bei großen Gelegenheiten sichtbar.

»Bürger,« begann Vergniaud mit anfangs kaum vernehmbarer, aber bald laut und eindringlich werdender Stimme, »ich komme zu euch und frage: In welcher seltsamen Lage befindet sich die Nationalversammlung? Welches Verhängnis verfolgt uns und kennzeichnet jeden Tag durch Ereignisse, die uns in unserer Arbeit stören und uns unaufhörlich zwischen Furcht, Hoffnung und Leidenschaft hin und her werfen? Welches Verhängnis versetzt Frankreich in den Zustand der furchtbaren Gärung, in dem man nicht recht weiß, ob die Revolution zurückschreitet oder beharrlich ihr Ziel verfolgt? Kaum scheint unsere Nordarmee in Belgien vorzurücken, so sehen wir sie plötzlich vor dem Feinde zurückweichen. Man zieht den Krieg auf unser Gebiet herüber. Wie kommt es, daß gerade in einem für das Bestehen der Nation so entscheidenden Augenblick die Bewegung unserer Heere eingestellt wird? Sollte es wahr sein, daß man unsere Triumphe fürchtet? Welche Absicht haben diejenigen, die sich der Sanktion unserer Dekrete mit unbezwinglicher Hartnäckigkeit widersetzen? Wollen sie über verödete Städte, über verwüstete Felder herrschen? Wie viele Tränen, wieviel Elend und Blut brauchen sie, um ihre Rache zu befriedigen? Wohin sind wir gekommen? ... Die inneren Unruhen und Zerwürfnisse haben zwei Ursachen: die geheimen Anschläge der Aristokratie und die Umtriebe des Klerus; beide haben ein und dasselbe Ziel: die Gegenrevolution.

Der König hat unserm Dekret über die religiösen Unruhen die Sanktion verweigert. Ich schließe daraus folgendes: Wenn er unsere Dekrete verwirft, so hält er sich ohne die von uns gebotenen Mittel für mächtig genug, den Landfrieden zu erhalten. Wenn daher der Landfriede nicht erhalten wird, wenn die Fackel des Bürgerkrieges das Königreich in Brand zu stecken droht, so sind die Vollstrecker des königlichen Willens selbst die Ursache alles Unglücks.

Im Namen des Königs wiegeln die französischen Prinzen die europäischen Höfe gegen uns auf; um den König zu verteidigen, scharen sich in Deutschland die alten Leibgardisten um die Fahne des Aufruhrs; um dem König zu Hilfe zu kommen, treten die Emigranten in das österreichische Heer ein und schicken, sich an gegen ihr Vaterland zu ziehen. Kurz, der Name des Königs wird bei allen Umtrieben und allem Unglück genannt.

In der Verfassungsurkunde aber steht: Wenn sich der König an die Spitze einer Armee stellt, und die Soldaten gegen die Nation führt, oder wenn er sich einem solchen in seinem Namen ausgeführten Unternehmen nicht durch einen förmlichen Akt widersetzt, so wird angenommen, er habe der königlichen Würde entsagt.

Da erwiesen ist, daß die falschen Freunde, die den König umgeben, vor Begierde brennen, den König ins Verderben zu stürzen, um seine Krone einem ihrer Führer aufs Haupt zu setzen; da es für seine persönliche Sicherheit wie für die Sicherheit des Reiches von der größten Wichtigkeit ist, daß sein Verhalten kein Gegenstand des Argwohns mehr sei, so beantrage ich eine Adresse, die ihm die eben angedeuteten Wahrheiten ins Gedächtnis rufe.

Ich beantrage ferner, daß die Nationalversammlung erkläre, das Vaterland sei in Gefahr. Auf diesen warnenden Ruf werden sich alle Bürger zusammenscharen und die Wunder der Tapferkeit und Aufopferung erneuern, welche die Völker des Altertums mit Ruhm bedeckt haben. Die feindlichen Scharen stehen an unserer Grenze, der Verrat lauert. Der gesetzgebende Körper setzt diesen Anschlägen strenge, aber notwendige Dekrete entgegen; die Hand des Königs zerreißt sie. Rufen Sie, noch ist es Zeit, rufen Sie alle Franzosen zur Rettung des Vaterlandes herbei! Wir haben nicht nötig zu wünschen, daß aus unserer Asche Rächer hervorgehen mögen: an dem Tage, wo unser Blut die Erde rötet, wird die Tyrannei mit ihrem Hochmut und ihren Palästen auf immer vor der nationalen Allgewalt verschwinden.«

Die Wirkung dieser Rede war ungeheuer, die ganze Versammlung wurde von dem gewaltigen Ozean fortgerissen, alles brach in laute Begeisterung aus.

Am 11. Juli hatte die Nationalversammlung erklärt, das Vaterland sei in Gefahr. Aber um diese Erklärung kundzumachen, bedurfte es der Ermächtigung des Königs.

Der König erteilte diese Ermächtigung erst am 21. abends. Die Erklärung, daß das Vaterland in Gefahr sei, war im Grunde ein Geständnis der Ohnmacht, das die Staatsgewalt ablegte; es war ein Aufruf an die Nation, sich selbst zu retten, weil es der König nicht mehr könne oder nicht mehr wollte.

In der Zwischenzeit vom 11. bis zum 21. Juni hatte ein großer Schrecken die Tuilerien in Bewegung gesetzt. Der Hof erwartete auf den 14. Juli einen Anschlag gegen das Leben des Königs. Eine von Robespierre verfaßte Adresse der Jakobiner hatte sie in diesem Glauben bestärkt. Das Fest des 14. Juli begann. – Für die Revolution handelte es sich nicht um die Ermordung Ludwigs XVI., wahrscheinlich dachte man gar nicht daran, sondern um den Triumph Pétions über den König.

Pétion war, wie bereits erwähnt, infolge der Ereignisse des 20. Juni durch das Direktorium von Paris seines Amtes entsetzt worden. Ohne die Zustimmung des Königs wäre diese Maßregel wirkungslos gewesen, aber der König hatte diese Absetzung durch eine an die Nationalversammlung geschickte Proklamation bestätigt.

Am 13., nämlich am Tage vor der Jahresfeier der Erstürmung der Bastille, hatte die Nationalversammlung aus eigener Machtvollkommenheit diese Absetzung aufgehoben.

Am 14. um elf Uhr kam der König mit der Königin und seinen Kindern die große Treppe herunter. Drei- bis viertausend Mann unschlüssiger Truppen begleiteten ihn. Über die Stimmung des Volkes konnte man sich nicht täuschen. Überall rief man: »Es lebe Pétion!«

Der Königin war entsetzlich bange; sie fuhr jeden Augenblick erschrocken auf, denn sie glaubte ein Messer oder den Lauf einer Pistole blitzen zu sehen.

Auf dem Marsfelde stieg der König aus dem Wagen und ging an der linken Seite des Präsidenten auf den Altar des Vaterlandes zu.

Hier mußte sich die Königin von dem König trennen, um mit ihren Kindern die für sie bestimmte Tribüne zu besteigen.

Sie stand still und wollte nicht hinaufsteigen, bis der König den Altar erreicht hätte.

Am Fuße des Altars entstand plötzlich ein Wogen und Drängen. Der König verschwand, als ob er untergegangen wäre.

Die Königin, die ihm nachgeschaut hatte, schrie laut auf und wollte ihm nacheilen; aber er kam wieder zum Vorschein und stieg die Stufen des Altars hinauf.

Unter den gewöhnlichen Sinnbildern, die in feierlichen Aufzügen nie fehlten, wie die der Gerechtigkeit, der Kraft, der Freiheit, war ein schwarzgekleideter, mit Zypressen bekränzter Mann zu sehen, der unter einem Flor einen geheimnisvollen, glänzenden Gegenstand trug.

Dieses entsetzliche Sinnbild zog die Blicke der Königin ganz besonders auf sich. Sie stand wie auf ihren Platz festgebannt, und über den König, der inzwischen den Altar des Vaterlandes bestiegen hatte, ziemlich beruhigt, konnte sie die Augen von der düstern Statue nicht abwenden.

»Wer ist jener schwarzgekleidete, mit Zypressen bekränzte Mann?« fragte sie, ohne sich an eine bestimmte Person zu wenden.

Eine Stimme, die Marie Antoinette mit Schrecken erfüllte, antwortete: »Der Scharfrichter.«

»Und was trägt er unter dem Flor?« fragte die Königin weiter.

»Das Beil Karls I.«

Die Königin sah sich erblassend um; sie glaubte die Stimme schon gehört zu haben. Es war die Stimme Cagliostros.

Ein Schrei des Entsetzens erstarb auf ihren bleichen Lippen und sie sank ohnmächtig in die Arme der Prinzessin Elisabeth.

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