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Die Gräfin Charny

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Gräfin Charny - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDie Gräfin Charny
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9cf140ca
created20070410
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Sechsunddreißigstes Kapitel

In den Tuilerien erwartete Maria Antoinette Weber, den sie auf das Marsfeld geschickt, und der auf der Höhe von Chaillot alles gesehen hatte.

Inzwischen hatte das Königspaar allerhand zu leiden.

Nach der Verhaftung hatte das Volk nur noch einen Gedanken: da sie einmal entflohen waren, konnten sie zum zweiten Male entfliehen und das zweitemal die Grenze erreichen.

Die Wache im Schloß lehnte jede Verantwortung ab, wenn eine andere als Madame de Rochereul die Gemächer der Königin betrat. Madame de Rochereul war, wie oben erwähnt, die Geliebte Gourions und hatte dem Bürgermeister Bailly ihren Argwohn mitgeteilt.

Man hatte daher auf der zu den königlichen Appartements führenden Treppe das Porträt der Madame de Rochereul aufhängen lassen, damit die Schildwache keiner andern Kammerfrau den Eintritt gestatte.

Die Königin wurde von dieser Maßregel in Kenntnis gesetzt; sie ging sogleich zum Könige und beschwerte sich darüber.

Der König ließ Lafayette rufen und verlangte die Wegnahme des Bildes. – Das Bild wurde weggenommen und die Kammerfrauen der Königin traten ihren Dienst wieder an.

Aber an Stelle dieses demütigenden Befehls wurde ein anderer erlassen. Die Bataillonschefs, denen der neben dem Schlafgemach der Königin befindliche Salon angewiesen war, erhielten Befehl, die Tür beständig offenzuhalten, um die königliche Familie immer vor Augen zu haben; nur während sich die Königin auszog oder ankleidete, wurde sie angelehnt, aber nie völlig geschlossen. Sobald Marie Antoinette angekleidet oder im Bett war, wurde die Tür wieder geöffnet.

Es war eine unerträgliche Tyrannei.

Im Augenblick erwartete die Königin also ihren Kammerdiener Weber. – Die Tür ging auf; aber anstatt des gutmütigen breiten Gesichts ihres Dieners sah sie das ernste, kalte Gesicht Gilberts zum Vorschein kommen.

Sie erschrak, als sie ihn bemerkte. Sie hatte ihn seit dem Abende nach der Rückkehr von Varennes nicht wieder gesehen.

»Sie sind's, Doktor?« murmelte sie.

»Ja, Madame,« sagte er, »ich bin's ... Ich weiß, daß Sie Weber erwarteten; aber ich kann Ihnen bestimmtere, zuverlässigere Nachrichten bringen. Er war an der Seite der Seine, wo nicht gemordet wurde!«

»Gemordet!« erwiderte die Königin. »Was ist denn geschehen?«

»Ein großes Unglück, Madame! Die Hofpartei hat gesiegt!«

»Die Hofpartei hat gesiegt! Und das nennen Sie ein Unglück, Herr Gilbert?«

»Ja, weil sie durch eines jener furchtbaren Mittel gesiegt hat, die den Sieger entnerven und ihn zuweilen an die Stelle des Besiegten stellen!«

Aber was ist denn vorgegangen?«

»Lafayette und Bailly haben auf das Volk schießen lassen; beide sind daher unfähig, Ihnen fortan zu dienen.«

»Warum das?«

»Weil sie ihre Popularität verloren haben.«

»Und was machte das Volk, auf welches man geschossen hat?«

»Es unterzeichnete eine Petition, welche die Absetzung des Königs verlangte.«

»Und Sie finden, daß man unrecht tut, auf das Volk zu schießen?« fragte Marie Antoinette mit flammenden Blicken.

»Ich glaube, man würde besser getan haben, es zu überzeugen ...«

»Wovon zu überzeugen ...«

»Von der Aufrichtigkeit des Königs.«

»Aber der König ist ja aufrichtig!«

»Halten Sie zu Gnaden, Madame ... vor drei Tagen habe ich den König verlassen; ich bot meine ganze Kraft auf, um ihm begreiflich zu machen, daß seine wahren Feinde seine Brüder, der Prinz von Condé und die Ausgewanderten sind. Ich bat Se. Majestät auf den Knien, jede Verbindung mit ihnen abzubrechen und ganz offen die Verfassung anzunehmen. Der König schien überzeugt zu sein; er hatte die Gnade, mir zu versprechen, daß jeder Verkehr mit den Ausgewanderten aufhören solle ... und kaum hatte ich mich beurlaubt, so unterzeichnete der König ein Schreiben an seinen Bruder, in welchem er ihn ermächtigt, mit dem Kaiser von Österreich und dem Könige von Preußen in Unterhandlung zu treten. Auch Ew. Majestät haben dieses Schreiben unterzeichnet ...«

Marie Antoinette war entrüstet.

»Unsere Feinde haben also selbst im Kabinett des Königs ihre Kundschafter?«

»Ja, Madame,« antwortete Gilbert gelassen, »und eben dadurch wird jeder Fehlgriff des Königs so gefährlich.«

»Aber der Brief war ja von dem Könige eigenhändig geschrieben; und er wurde sogleich von mir unterzeichnet, von dem Könige gesiegelt und dem Kurier übergeben.«

»Der Brief ist gelesen worden.«

»Sind wir denn von Verrätern umgeben?«

»Nicht jeder ist ein Graf von Charny!«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Leider will ich damit sagen, daß es eine unglückliche Vorbedeutung ist, wenn sich die Könige von Männern abwenden, die sie mit den stärksten Banden an ihr Geschick fesseln sollten.«

»Ich habe mich nicht von dem Grafen Charny abgewendet,« erwiderte die Königin mit Bitterkeit; »er hat sich von uns abgewendet. Wenn die Könige unglücklich werden, sind keine Bande stark genug, um ihre Freunde an sie zu fesseln.«

Gilbert sah die Königin an und schüttelte den Kopf.

»Verleumden Sie den Grafen nicht, Madame, sonst werden seine beiden für Sie gefallenen Brüder aus dem Grabe rufen, daß die Königin von Frankreich undankbar ist!«

»Herr Gilbert!« sagte Marie Antoinette beleidigt.

»Ew. Majestät wissen wohl, daß ich die Wahrheit sage,« erwiderte Gilbert; »Sie wissen wohl, daß der Graf von Charny auf seinem Posten sein wird, sobald Ihnen eine wirkliche Gefahr droht.«

Die Königin sah vor sich nieder. – Nach einer Pause sagte sie mit Ungeduld:

»Sie sind doch gewiß nicht gekommen, um von dem Grafen von Charny zu sprechen? Was wollten Sie der Königin sagen?«

»Ich wollte ihr sagen: »Madame, Sie spielen ein gewagtes Spiel, in dem es sich um das Wohl oder Wehe von Millionen handelt; die erste Partie haben Sie am 6. Oktober verloren, die zweite haben Sie soeben gewonnen, wie wenigstens die Hofpartei glaubt. Morgen wird Trumpf ausgespielt; wenn Sie verlieren, so handelt es sich um den Thron, um die Freiheit, vielleicht um das Leben!«

»Glauben Sie denn,« erwiderte die Königin mit stolzer Gebärde, »daß wir vor einer solchen Furcht zurückschrecken werden?«

»Ich weiß, daß der König Mut hat; ich kenne den hohen Sinn der Königin; ich werde Ihnen gegenüber daher nur triftige Gründe geltend zu machen suchen; aber ich kann leider nicht hoffen, daß es mir jemals gelingen werde, Ihre Majestäten zu überzeugen.«

»Warum machen Sie sich denn eine solche Mühe, Herr Gilbert, wenn Sie sie für fruchtlos halten?«

»Es ist tröstendes Bewußtsein, wenn man sich bei jeder Bemühung sagen kann: Ich erfülle meine Pflicht!«

Die Königin sah Gilbert forschend an.

»Vor allen Dingen«, sagte sie, »beantworten Sie mir eine Frage: Glauben Sie, daß es noch möglich ist, den König zu retten?«

»Ich glaube es.«

»Das französische Volk ist unser Feind!« entgegnete Marie Antoinette.

»Weil Sie es gelehrt haben, an Ihnen zu zweifeln.«

»Das französische Volk kann gegen eine europäische Koalition nicht standhalten.«

»Denken Sie sich an seiner Spitze einen König, der die Verfassung aufrichtig will, und das französische Volk wird gegen Europa in die Schranken treten.«

»Herr Gilbert,« sagte die Königin, »warten Sie hier einen Augenblick ... Ich gehe zu dem Könige, ich bleibe nicht lange aus.«

Gilbert verneigte sich; die Königin ging an ihm vorüber und begab sich in die Gemächer des Königs.

Der Doktor wartete eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. Endlich ging eine Tür auf, aber nicht die, durch welche sich die Königin entfernt hatte.

Es war ein Türsteher, der sich nach allen Seiten umsah, dann auf Gilbert zutrat, ein Freimaurerzeichen machte, ihm einen Brief übergab und sich entfernte.

Gilbert las:

»Du verlierst Deine Zeit, Gilbert: in diesem Augenblicke hören der König und die Königin den Herrn von Breteuil, der soeben von Wien kommt und ihnen folgenden politischen Plan mitbringt:

»Gegen Barnave dasselbe Benehmen beobachten wie gegen Mirabeau; Zeit gewinnen, die Verfassung beschwören und buchstäblich ausführen, um zu zeigen, daß sie unausführbar ist. Frankreich wird lau werden und sich langweilen; die Franzosen sind leichtfertig, es wird eine neue Mode aufkommen, und die Freiheit vergessen werden. Wenn die Freiheit nicht vergessen wird, so kann wenigstens ein Jahr gewonnen werden, und in einem Jahre sind wir zum Kriege gerüstet.«

»Laß daher die beiden Verblendeten, die noch spottweise König und Königin genannt werden, und begib Dich in das Hospital am Gros-Caillou. Du wirft daselbst einen Sterbenden finden, der vielleicht noch zu retten ist; sie hingegen kannst Du nicht mehr retten, sie würden Dich in ihrem Sturz nur mit fortreißen!«

Das Billett war nicht unterzeichnet; aber Gilbert erkannte die Handschrift Cagliostros.

In diesem Augenblicke kam Madame Campan; Gilbert gab der Kammerfrau den Brief, den er eben erhalten hatte. Inzwischen kam der Tag, wo der König die Verfassung beschwören sollte.

England und die Ausgewanderten hatten dem König geschrieben: »Sterben Sie, wenn es sein muß; aber erniedrigen Sie sich nicht durch diesen Schwur!«

Leopold und Barnave sagten: »Schwören Sie immerhin; das weitere wird sich finden.«

Endlich entschied der König die Frage durch folgende Worte: »Ich erkläre, daß ich in der Verfassung keineswegs eine genügende Gewähr der Kraft und Einheit sehe; aber da die Meinungen so verschieden sind, so möge allein die Erfahrung entscheiden.«

Es fragte sich noch, an welchem Orte die Verfassung dem Könige zur Annahme vorgelegt werden sollte, ob in den Tuilerien oder in der Nationalversammlung.

Der König löste die Schwierigkeit durch die Erklärung, daß er die Verfassung da beschwören werde, wo sie votiert worden. – Er bestimmte zu dieser Feierlichkeit den 13. September.

Die Nationalversammlung empfing diese Mitteilung mit einstimmigem Beifall. Der König wollte zu den Volksvertretern kommen! – In einer Regung der Begeisterung erhob sich Lafayette und verlangte eine allgemeine Amnestie für die, welche die Flucht des Königs befördert hatten. – Die Amnestie wurde sogleich votiert.

Die Wolke, die den Himmel Charnys und Andreas verdunkelt hatte, zerstreute sich schnell.

Eine Deputation von sechzig Mitgliedern wurde ernannt, um dem Könige für sein Schreiben zu danken. – Der Siegelbewahrer stand auf und eilte in die Tuilerien, um dem Könige diese Deputation zu melden.

An demselben Vormittag hatte ein Beschluß der Nationalversammlung den Orden vom heiligen Geiste abgeschafft, und der König allein blieb ermächtigt, das Ordensband als Sinnbild der hohen Aristokratie zu tragen. Die Deputation fand den König nur mit dem Ludwigskreuz geschmückt; er bemerkte den Eindruck, den die Abwesenheit des blauen Bandes auf die Deputierten machte, und sagte zu ihnen:

»Meine Herren, Sie haben heute den Orden vom heiligen Geist abgeschafft und mir allein das Recht vorbehalten, das Ordensband zu tragen; ich betrachte ihn aber als aufgehoben.«

Malouet war Präsident der Nationalversammlung; er war ein Royalist von reinstem Wasser, aber er glaubte die Frage aufwerfen zu müssen, ob die Nationalversammlung sitzen oder stehen sollte, während der König den Eid leisten würde.

»Sitzen! sitzen!« rief man von allen Seiten.

»Und der König?« fragte Malouet.

»Stehend und mit entblößtem Haupte schwören!« rief eine Stimme.

Es war eine vereinzelte Stimme, aber sie war stark und klangvoll; man glaubte die Stimme des Volkes zu hören, die sich vereinzelt vernehmen läßt, um besser verstanden zu werden.

Der Präsident erblaßte.

»Meine Herren,« sagte er, »die versammelte Nation hat den König unter allen Umständen als ihr Oberhaupt anzuerkennen. Wenn der König den Eid stehend leistet, so beantrage ich, daß die Versammlung ebenfalls aufstehe.«

Die Eidesleistung war auf den folgenden Tag angesetzt. Der Saal war überfüllt; die Tribünen vermochten die Zuschauer nicht zu fassen. – Um die Mittagsstunde wurde der König gemeldet.

Der König sprach die Eidesleistung stehend; die Versammlung hörte ihn stehend an; dann wurde die Verfassungsurkunde unterzeichnet und alle setzten sich.

Der Präsident stand nun auf, um seine Rede zu halten; aber als er sah, daß der König nicht aufstand, nahm er selbst seinen Platz wieder ein. Die Zuschauer applaudierten, der König erblaßte; er zog sein Schnupftuch hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Die Königin wohnte der Sitzung in einer abgesonderten Loge bei. Sie konnte es nicht aushalten; sie stand auf, verließ die Loge, schlug die Tür heftig hinter sich zu und fuhr in die Tuilerien zurück.

Der König kehrte eine halbe Stunde später in die Tuilerien zurück. – Er fragte sogleich nach der Königin. Ein Türsteher wollte vorangehen; aber er entfernte ihn durch einen gebieterischen Wink, öffnete selbst die Türen und trat unerwartet in das Zimmer, wo sich die Königin befand.

Er war so blaß, so erschöpft, daß Marie Antoinette erschrocken aufsprang und ihm entgegenging.

»O Sire!« sagte sie, »was ist denn geschehen?«

»O Madame! warum haben Sie dieser Sitzung beigewohnt? Mußten Sie denn Zeuge meiner Demütigung sein?«

Ein so heftiger Ausbruch der Gefühle war selten bei Ludwig XVI. und deshalb um so ergreifender. Marie Antoinette war außer sich, sie sank ihm zu Füßen.

Nach einer halben Stunde tat sich die Tür wieder auf, und die Königin selbst rief ihre Kammerfrau.

»Campan,« sagte sie, »besorgen Sie dieses Schreiben an Herrn von Malden; es ist an meinen Bruder Leopold. Herr von Malden muß auf der Stelle nach Wien abreisen; dieser Brief muß dort früher ankommen als die Kunde der heutigen Vorgänge ... Wenn er zwei- oder dreihundert Louisd'or braucht, so geben Sie sie ihm; ich gebe sie Ihnen wieder.«

Madame Campan nahm den Brief und entfernte sich. – Zwei Stunden später reiste Malden nach Wien ab.

Das Schlimmste an der ganzen Sache war, daß man sich ein freundliches, heiteres Ansehen geben mußte. – Die Tuilerien waren mit einer ungeheuren Menschenmenge gefüllt. Abends war die ganze Stadt beleuchtet. Der König und die Königin wurden eingeladen, in den Champs Elysées spazierenzufahren. Die Adjutanten und Chefs der Pariser Armee begleiteten den Wagen zu Pferde. Sie wurden mit lautem Jubel empfangen; aber in einer Pause, wo der Ruf: »Es lebe der König! es lebe die Königin!« verstummte und der Wagen anhielt, sagte ein wild aussehender Mann aus dem Volke, der mit verschränkten Armen am Kutschenschlage stand:

»Glaubet ihnen nicht ... Es lebe die Nation!«

Der Wagen fuhr langsam weiter; aber der Mann legte die Hand auf die Wagentür, und so oft das Volk rief: »Es lebe der König! es lebe die Königin!« wiederholte er mit kreischender Stimme:

»Glaubet ihnen nicht ... Es lebe die Nation!«

In den verschiedenen Theatern wurden Vorstellungen vorbereitet: man sah wohl ein, daß es im italienischen Theater nicht gut gehen werde, man fürchtete einen Tumult.

Diese Besorgnis wurde zur Gewißheit, als man das Parterrepublikum musterte: Danton, Camille Desmoulins, Legendre, Santerre hatten die ersten Plätze inne. Als die Königin in ihre Loge trat, versuchten die Galerien zu applaudieren. Das Paterre gebot zischend Ruhe. Die Königin blickte mit Schrecken in den gähnenden Krater hinab; sie sah wie durch ein Flammenmeer hindurch zornglühende Augen auf sich gerichtet.

Sie kannte keinen dieser Männer von Ansehen, einige nicht einmal dem Namen nach.

»Mein Gott! was habe ich ihnen denn getan?« fragte sie sich, und suchte ihre Bestürzung hinter einem Lächeln zu verbergen; »und warum hassen sie mich?«

Plötzlich haftete ihr Blick mit Entsetzen auf einem Manne, der an einer Säule stand. Dieser Mann sah sie starr und forschend an.

Es war der Mann aus dem Schlosse Faverney, derselbe, den sie zu Sèvres und endlich wieder in den Tuilerien gesehen hatte, – der Mann der drohenden Worte, der rätselhaften, grauenvollen Taten!

Das Schauspiel begann; die Königin nahm alle ihre Fassung zusammen; mit einiger Mühe gelang es ihr auch, der Vorstellung einige Aufmerksamkeit zu widmen.

Aber wie sehr sich Marie Antoinette auch bemühte, ihre Gedanken von dem rätselhaften Manne abzuwenden, so wurde sie doch durch eine magnetische Gewalt, die stärker war als ihr Wille, zu dem rätselhaften Manne hingezogen, und ihr Blick ging immer dieselbe Richtung.

Übrigens schien die Luft im Saale wie vor einem Gewitter mit Elektrizität angefüllt zu sein. Der Haß auf beiden Seiten mußte bald losbrechen.

Eine Gelegenheit bot sich in dem Duett, das die schöne Madame Dugazon gerade mit einem Tenoristen zusammen vortrug und das anfing mit den Worten: »Oh, wie liebe ich meine Herrin!«

Die Sängerin trat vor und wendete sich mit ausgestreckten Armen zu der Königin.

Marie Antoinette sah wohl ein, daß diese Worte einen Sturm heraufbeschwören würden. Sie wendete sich erschrocken ab, und ihr Blick fiel unwillkürlich auf den Mann an der Säule. Sie glaubte zu bemerken, daß er einen gebieterischen Wink gab, dem das ganze Parterre gehorchte; das Parterre rief einstimmig: »Keinen Herrn, keine Herrin mehr! Freiheit!«

Auf diesen Ruf antworteten die Logen und Galerien:

»Es lebe der König! es lebe die Königin!«

Der Kampf begann.

Die Königin schloß die Augen.

In demselben Augenblicke traten die Offiziere der Nationalgarde zu ihr heran und führten sie zur Loge hinaus.

Ohnmächtig wurde die Königin in den Wagen gebracht. – Es war das letztemal, daß Marie Antoinette das Theater besuchte.

Am 30. September erklärte die konstituierende Versammlung durch den Mund ihres Präsidenten Thouret, daß sie ihre Aufgabe erfüllt habe und ihre Sitzungen schließe.

An dem Tage, an dem der König die Verfassung beschworen hatte, verschwanden die Schildwachen und die Adjutanten Lafayettes aus dem Innern des Schlosses, der König war wieder frei. Barnave ließ sich bei der Königin melden. Er war sehr blaß und schien äußerst niedergeschlagen. Die Königin bemerkte es wohl. Sie empfing ihn stehend, obgleich sie den Respekt des jungen Mannes kannte und wohl wußte, daß er es nicht so machen würde wie der Präsident Thouret, der sich gesetzt hatte, als der König nicht aufgestanden war.

»Jetzt werden Sie doch zufrieden sein, Herr Barnave?« sagte Marie Antoinette; »der König hat Ihren Rat befolgt und die Verfassung beschworen.«

»Eure Majestät sind sehr gütig,« antwortete Barnave, sich verneigend, »mir ein Verdienst dabei zuzuschreiben. Die Beschwörung der Verfassung war indes das einzige Mittel, den König zu retten, wenn er ...«

Barnave stockte.

»Wenn er zu retten war ... das meinen Sie, Herr Barnave, nicht wahr?« erwiderte die Königin.

»Es sei ferne von mir, Madame, ein solcher Unglücksprophet zu sein! ... Und doch möchte ich angesichts meiner bevorstehenden Abreise von Paris, angesichts der nahen, vielleicht ewigen Trennung von Eurer Majestät weder zu viele Täuschungen zurücklassen noch jede Hoffnung rauben.«

»Sie verlassen Paris, Herr Barnave? Sie entfernen sich von mir?«

»Ja, Madame. Die Arbeiten der Nationalversammlung, deren Mitglied ich war, sind beendet, und da kein Mitglied der Konstituante in die gesetzgebende Versammlung treten kann, so habe ich keine Ursache mehr in Paris zu bleiben.«

»Auch dann nicht, wenn Sie uns nützlich sein können?«

»Nein, Madame,« erwiderte Barnave mit traurigem Lächeln; »denn von jetzt an kann ich Ihnen nicht mehr nützlich sein.«

»Sie haben eine zu geringe Meinung von sich selbst, Herr Barnave.«

»Ach nein, Madame, meine Popularität ist verloren!«

Die Königin sah Barnave mit einem seltsamen, fast triumphierenden Blicke an.

»Sie sehen,« erwiderte sie, »daß man die Popularität verlieren kann, aber Sie reisen nicht ab ... nicht wahr, Herr Barnave?«

»Wenn Eure Majestät befehlen,« sagte Barnave, »so bleibe ich, wie ein Soldat, der seinen Abschied hat, unter der Fahne bleibt, um in der Schlacht zu kämpfen.«

»Herr Barnave,« erwiderte die Königin mit großer Würde, »ich weiß nicht, welches Schicksal mir und dem Könige bevorsteht; aber die Namen aller Personen, die uns Dienste geleistet, sind mit unauslöschlichen Zügen in unser Gedächtnis geschrieben, und wir nehmen stets aufrichtigen Anteil an allem Glück oder Unglück, das ihnen begegnet ... Können wir inzwischen etwas für Sie tun?«

»Ja, Madame, viel ... Sie persönlich ... Sie können mir beweisen, daß ich in Ihren Augen nicht ganz wertlos war.«

»Womit soll ich Ihnen das beweisen?«

Barnave ließ sich auf ein Knie nieder.

»Dadurch, daß Sie mir Ihre Hand zum Kuß reichen.«

Eine Träne stahl sich aus dem Auge der Königin; sie reichte dem jungen Manne ihre weiße, kalte Hand.

Barnave berührte sie nur leise; der arme Enthusiast fürchtete, er werde die schöne Marmorhand nicht mehr loslassen können, wenn er seine Lippen zu fest daraufdrückte.

»Madame,« setzte er aufstehend hinzu, »mir wird es nicht vergönnt sein, Ihnen zu sagen: ›Die Monarchie ist gerettet!‹ aber ich sage Ihnen: ›Wenn die Monarchie verloren ist, so wird der wärmste Verehrer und Bewunderer Eurer Majestät mit ihr untergehen.‹«

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