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Die Gräfin Charny

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Gräfin Charny - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDie Gräfin Charny
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9cf140ca
created20070410
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Zweiunddreißigstes Kapitel

Inzwischen setzte die königliche Familie ihren Schmerzensweg nach Paris fort.

Die Reise ging langsam vonstatten, denn die Pferde mußten mit der Eskorte gleichen Schritt halten, und diese bestand zwar größtenteils aus Männern mit Gewehren, Heugabeln, Sensen, Säbeln, Piken und Dreschflegeln, aber es fehlte auch keineswegs an Weibern und Kindern. Die Weiber hoben ihre Kinder hoch auf, um ihnen den König zu zeigen, der mit Gewalt nach seiner Hauptstadt zurückgebracht wurde.

Man kam nach Clermont, ohne daß sich die fürchterliche Geleitschar verminderte. Unter den Gefangenen waren zwei den Drohungen und Angriffen ganz besonders ausgesetzt: dies waren die beiden unglücklichen Leibgardisten, die auf dem breiten Bocke des Reisewagens saßen. Die königliche Familie war laut Befehl der Nationalversammlung unverletzlich; aber die Diener wurden jeden Augenblick mit Bajonetten bedroht; oft wurde eine Sense über ihren Köpfen geschwungen, oder eine Lanze stach sie in die Seite oder in den Arm.

Plötzlich sah man mit Erstaunen einen Mann ohne Hut, mit nassen, beschmutzten Kleidern die Menge durchbrechen, den König und die Königin ehrerbietig grüßen, auf den Bock steigen und zwischen den beiden Leibgardisten Platz nehmen. Die Königin schrie vor Schrecken und Freude zugleich laut auf. Sie hatte Charny erkannt.

Es war ein Schrei des Schreckens, denn er stürzte sich durch seine Kühnheit in die größte Gefahr; ein Schrei der Freude, denn er war den Gefahren, die er auf seinem Wege bestanden, glücklich entronnen; wie ein Blitz durchfuhr sie die Gewißheit, daß sie auf die ersehnte Hilfe des Marquis von Bouillé nicht mehr hoffen durfte: wie wäre sonst Charny allein und in diesem Zustande erschienen?

Gegen zwei Uhr nachmittags kamen die Gefangenen in Saint-Menehould an.

Unweit dieser Stadt sah man einen alten Ritter des Ludwigsordens heransprengen. Der alte Kavalier ritt an den Wagen, nahm den Hut ab, begrüßte den König und die Königin, und nannte sie »Majestäten«. Das Volk hatte aber schon ganz andere Ansichten über Gewalt und Majestät; es war entrüstet, daß man seinem Gefangenen einen Titel gab, den es sich selbst anmaßte, und begann zu murren und zu drohen.

»Herr Chevalier,« sagte der König, »wir sind tief gerührt durch diesen Beweis Ihrer Ergebenheit; aber um Gottes willen! entfernen Sie sich; Sie sind Ihres Lebens hier nicht sicher!«

»Mein Leben gehört dem Könige,« erwiderte der alte Kavalier, »und der letzte Tag meines Lebens wird der schönste sein, wenn ich für meinen König sterbe!«

Einige hörten diese Worte und murrten noch lauter.

»Entfernen Sie sich!« rief ihm der König zu; dann neigte er sich zum Wagen hinaus und sagte zu den Bewaffneten: »Ich bitte euch, Freunde, laßt Herrn von Dampierre durch.«

Die nächsten, die den König verstanden, wichen zurück; aber etwas weiter vom Wagen entfernt kam der Reiter ins Gedränge; einige Weiber und Kinder schrien; die Männer drohten mit den Fäusten; der hartnäckige alte Mann ließ sich nicht irre machen. Nun verwandelten sich die Drohungen in lautes Geschrei und Gebrüll ... Der Chevalier von Dampierre machte sich endlich Bahn durch die Menschenmasse; er spornte sein Pferd, setzte über den Graben und sprengte querfeldein. Aber zum Abschiede schwenkte der alte Kavalier seinen Hut, sah sich um und rief: »Es lebe der König!« ... Ein Schuß krachte. – Er zog eine Pistole aus den Halftern und schoß zurück. Nun schoß jeder, der ein geladenes Gewehr hatte, auf den Vermessenen. Das von Kugeln durchbohrte Pferd stürzte. Die Menge wälzte sich auf die Stelle zu, wo Mann und Roß gefallen waren, – es waren etwa fünfzig Schritte von dem Wagen des Königs. Dann bildete sich ein wimmelnder, zuckender, schreiender Menschenknäuel; der auf einen Punkt zusammengezogene Tumult dauerte ein paar Minuten –, dann tauchte plötzlich ein greises, blutiges Haupt auf einer Lanzenspitze aus dem Chaos auf.

Die Königin schrie laut auf vor Entsetzen und sank in den Wagen zurück.

»Mörder! Kannibalen!« rief Charny in der größten Wut.

»Schweigen Sie, Herr Graf!« warnte Billot; »ich kann sonst nicht für Sie bürgen.«

Charny wollte vom Bock herunterspringen; die beiden Leibgardisten hielten ihn zurück; zwanzig Bajonette richteten sich gegen ihn.

»Freunde!« sagte Billot mit seiner starken, imposanten Stimme, »ich verbiete euch, diesem Manne ein Haar zu krümmen, was er auch tue ... Ich muß seiner Frau für ihn bürgen.«

»Seiner Frau!« sagte die Königin erschreckend, als ob ein Bajonett sie ins Herz getroffen hätte; – »seiner Frau! ...«

Es war spät, als der Zug in Châlons eintraf. Der Wagen fuhr in den Hof der Intendantur. Man hatte Kuriere vorausgeschickt, um Wohnungen zu bestellen. Der Hof war mit Nationalgarde und Neugierigen angefüllt. Man mußte die Zuschauer fortweisen, um dem König Platz zu machen. Als Ludwig XVI. den Fuß auf die Treppe setzte, fiel ein Schuß, und die Kugel pfiff an dem Ohr des Königs vorbei.

»Der Unvorsichtige!« sagte der König, sich ganz ruhig umsehend; »das Gewehr ist ihm losgegangen ... Sie müssen achtgeben, meine Herren, ein Unglück ist bald geschehen!«

Charny und die beiden Leibgardisten folgten der königlichen Familie ungehindert in den ersten Stock.

Abgesehen von dem Musketenschusse, glaubte die Königin in eine mildere Atmosphäre zu kommen. Vor dem Posthause, wo die tobende, lärmende Schar größtenteils umgekehrt war, hatte auch das Geschrei aufgehört; die königliche Familie war beim Aussteigen aus dem Wagen sogar mit Äußerungen des Mitleids empfangen worden. In einem Saale des ersten Stockes fand man eine reichbesetzte Tafel, und alle Gemächer waren so elegant und behaglich eingerichtet, daß die Gefangenen einander erstaunt ansahen.

Kaum waren die erlauchten Gäste bei Tische, so erschien der Herr vom Hause und verneigte sich vor der Königin.

»Madame,« sagte er, »die jungen Mädchen von Châlons bitten um die Gnade, Eurer Majestät Blumen überreichen zu dürfen.«

Die Königin sah zuerst Madame Elisabeth, dann den König ganz erstaunt an.

»Blumen!« sagte sie.

»Madame,« fuhr der Intendant fort, »wenn die Zeit schlecht gewählt oder die Bitte zu kühn ist, so will ich die Mädchen nicht herauflassen.«

»Ja, ja,« erwiderte die Königin, »lassen Sie sie nur kommen.«

In wenigen Minuten erschienen zwölf Mädchen im Vorgemache und blieben in der Tür stehen.

»Nur herein, Kinder!« rief ihnen die Königin zu, und streckte die Arme nach ihnen aus.

Die Wortführerin hatte eine schöne Rede einstudiert, die sie nun hersagen wollte; aber die Kleine wurde durch den Empfang, den sie bei der sonst so stolzen Königin fand, so gerührt, daß sie in Tränen ausbrach und nur die Worte stammeln konnte:

»Oh! Eure Majestät ... welch ein Unglück!«

Marie Antoinette nahm den Blumenstrauß und küßte das Mädchen.

Während dieser Zeit neigte sich Charny zum Könige und flüsterte ihm zu:

»Sire, vielleicht läßt sich aus der günstigen Stimmung der Stadt Nutzen ziehen. Wenn Eure Majestät mich eine Stunde beurlauben wollen, so werde ich hinuntergehen und Ihnen sodann berichten.

»Gehen Sie, Graf«, erwiderte der König; »aber seien Sie vorsichtig; ich könnte es nicht verschmerzen, wenn Ihnen ein Unglück begegnete ... Ach! zwei Todesfälle in einer Familie sind schon genug!«

Charny entfernte sich. Er griff an die Brusttasche, in der sich die in den Taschen seines Bruders vorgefundenen Papiere befanden und nahm sich vor, den ersten ruhigen Augenblick zu benutzen, um sie zu lesen.

Hinter den Mädchen, welche Madame Royale der Reihe nach wie Schwestern küßte, erschienen die Eltern: größtenteils ehrenwerte Bürger oder alte Edelleute; sie näherten sich schüchtern und ehrerbietig, um ihre unglücklichen Souveräne zu begrüßen.

Als sie erschienen, stand der König auf, und die Königin sprach mit ihrer sanftesten Stimme:

»Kommen Sie herein!«

Nach einer halben Stunde kam Charny zurück.

»Nun, wie steht's?« fragte der König.

»Sire, es geht alles gut«, antwortete der Graf; »die Nationalgarde ist erbötig, Eure Majestät morgen nach Montmédy zu geleiten.«

»Sie haben also etwas verabredet?« sagte Ludwig XVI.

»Ja, Sire, mit den ersten Chefs ... Morgen, vor der Abreise, verlangen Eure Majestät die Messe zu hören; – der Wagen wird Sie vor der Kirche erwarten. Eure Majestät steigen unter lautem Jubel ein, und mitten in diesem Jubel geben Sie Befehl umzukehren und den Weg nach Montmédy zu nehmen.«

»Es ist gut«, sagte Ludwig XVI. »Ich danke Ihnen. Graf ... wenn sich bis morgen nichts ändert, so wollen wir Ihren Rat befolgen.«

Der König und die Königin gingen in ihre Gemächer; die Schildmache stand an der Tür des Schlafzimmers.

Eine Stunde nachher, als der Nationalgardist abgelöst wurde, verlangte er Billot zu sprechen.

Beide sprachen leise und eifrig miteinander. – Billot schickte zu Drouet.

Als Folge dieser Unterredung begaben sich Billot und Drouet zu dem Postmeister, dem Freunde des letzteren. Dieser ließ ihnen zwei Pferde satteln, und zehn Minuten nachher galoppierte Billot auf der Straße nach Reims, während Drouet nach Vitry-le-Français ritt.

Der Tag brach an. Es waren kaum sechshundert Mann, die erbittertsten oder ermüdetsten, von der gestrigen Eskorte geblieben.

Die Gardekompanie von Villeroi hatte zu Châlons ihr Standquartier gehabt. Ein Dutzend dieser Herren befand sich noch in der Stadt; sie hatten die Befehle des Grafen von Charny entgegengenommen. – Charny hatte sie aufgefordert, ihre Uniform anzulegen und sich zu Pferde vor der Kirche einzufinden. Sie entfernten sich nun, um sich auf dieses Manöver vorzubereiten.

Um sechs Uhr morgens waren die eifrigsten Royalisten der Bürgerschaft im Hofe der Intendantur versammelt. Charny und die beiden Leibgardisten standen mitten unter ihnen und warteten ebenfalls.

Der König stand um sieben Uhr auf und ließ sagen, daß er der Messe beizuwohnen wünsche.

Man suchte Drouet und Billot, um ihnen diesen Wunsch des Königs mitzuteilen; aber man fand keinen von beiden. Es stand der Erfüllung dieses Wunsches daher nichts entgegen.

Charny begab sich zum König und meldete ihm die Abwesenheit der beiden Anführer.

Der König freute sich darüber; aber Charny schüttelte den Kopf. Drouet kannte er nicht, aber desto besser kannte er Billot.

Die Vorbedeutungen schienen indes günstig. Die Straßen waren mit Menschen angefüllt, aber es war leicht zu sehen, daß die ganze Bevölkerung an dem Schicksal der Gefangenen innigen Anteil nahm.

Sobald sich die Fenster auftaten, ertönte der Ruf: »Es lebe der König! Es lebe die Königin!« so laut und anhaltend, daß das hohe Paar auf dem Balkon erschien.

Der Jubel wurde nun allgemein, und zum letzten Male konnten sich die beiden dem Schicksal Verfallenen einer Täuschung hingeben.

»Es geht alles gut!« sagte Ludwig XVI. zu Marie Antoinette. – Sie hob die Augen zum Himmel, aber sie antwortete nicht.

Die Kirchenglocken läuteten. Charny klopfte leise an die Tür.

»Es ist gut,« sagte der König, »ich bin bereit.«

Charny sah den König forschend an. Ludwig XVI. war ruhig, beinahe mutig; er hatte so viel gelitten, daß er seine Unentschlossenheit verloren hatte.

Der königlichen Familie waren in der Kirche Plätze unter einem Thronhimmel angewiesen. Die Priester begannen eine große Messe, obschon es erst acht Uhr war.

Charny bemerkte es; er fürchtete nichts so sehr wie eine Verzögerung; jeder Aufschub konnte seine neuen Hoffnungen vernichten. Er ließ dem Priester sagen, die Messe dürfe nicht länger als eine Viertelstunde dauern.

»Ich verstehe,« ließ der Priester antworten, »und will Gott bitten, daß er Ihren Majestäten eine glückliche Reise gewähre.«

Endlich drehte sich der Priester um, und sprach zu der Versammlung die Worte: Ite missa est!

Er ging die Stufen des Altars hinab und segnete im Vorbeigehen den König und die königliche Familie.

Diese verneigten sich und sprachen leise »Amen!«

Dann schritten sie zur Tür. Alle Anwesenden knieten nieder.

Vor der Kirche hielten die zehn bis zwölf Gardisten zu Pferde. Die royalistische Eskorte war ungemein zahlreich geworden.

Charny näherte sich dem Könige nicht ohne Besorgnis: doch Ludwig XVI. war entschlossen. Er neigte sich zum Wagen hinaus und sagte zu den Umstehenden:

»Meine Herren, gestern hat man mir zu Varennes Gewalt angetan; ich wollte nach Montmédy reisen, und man hat mich gegen meinen Willen hierher zurückgebracht, um mich den Empörern in der Hauptstadt zu überliefern. Aber gestern war ich von Rebellen umgeben; heute bin ich unter treuen Freunden, und ich wiederhole: Nach Montmédy!«

»Nach Montmédy!« rief Charny.

»Nach Montmédy!« rief einstimmig die Nationalgarde von Châlons. »Es lebe der König!«

Der Wagen rollte fort und nahm denselben Weg, auf welchem er abends vorher gekommen war.

Als der Zug dem Stadttor nahe kam, hörte man ein immer stärker werdendes dumpfes Getöse.

Charny erblaßte und legte die Hand auf das Knie des neben ihm sitzenden Leibgardisten. »Es ist alles verloren!« sagte er.

In diesem Augenblicke kam der Zug auf einen Platz, in den zwei Straßen mündeten. Auf jeder dieser Straßen rückte eine starke Schar Nationalgarde, von einem Manne zu Pferde geführt, unter Trommelschlag und fliegenden Fahnen an.

Der eine Anführer war Drouet, der andere Billot.

Charny brauchte nur einen Blick auf die beiden Scharen zu werfen, um zu begreifen. Die bis dahin unerklärliche Abwesenheit Drouets und Billots klärte sich nur zu deutlich auf.

Alles war gut verabredet worden. Beide kamen zu gleicher Zeit in Châlons an.

Die beiden Scharen machten auf dem Platze halt. Die Gewehre wurden geladen.

Der Zug, der nicht weiter konnte, hielt an. – Der König schaute zum Wagen hinaus. Der Graf von Charny war abgestiegen; er trat, bleich vor Zorn, an den Wagen.

»Was gibt's?« fragte der König.

»Sire, unsere Feinde haben Verstärkung geholt; die Gewehre geladen ... und hinter der Nationalgarde von Châlons stehen die bewaffneten Bauern!«

»Es ist gut«, sagte der König; »wir wollen umkehren.«

»Sind Eure Majestät fest entschlossen?«

»Graf, es ist schon genug Blut für mich geflossen, – Blut, das ich mit bitteren Tränen beweine! ... Es soll kein Tropfen mehr vergossen werden; wir wollen umkehren.«

»Meine Herren,« sagte Charny laut und gebieterisch, »wir kehren um! der König will es!«

Er faßte das eine der vorderen Pferde am Zügel und ließ den schweren Reisewagen umwenden.

Am Pariser Tore kehrte die nunmehr überflüssig gewordene Nationalgarde von Châlons um, und der Wagen des Königs wurde von den bewaffneten Bauern und von der aus Vitry und Reims herbeigeholten Nationalgarde eskortiert.

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