Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Die Gräfin Charny

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Gräfin Charny - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDie Gräfin Charny
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9cf140ca
created20070410
Schließen

Navigation:

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Der König war allein; ein Kammerdiener meldete:

»Der Herr Graf von Charny.«

»Nur herein! geschwind herein!« sagte der König. »Ich erwarte ihn seit gestern!«

Charny ging schnell hinein und trat mit ehrfurchtsvoller Hast auf den König zu.

»Sire,« sagte er, »ich erhielt vorgestern in der Nacht Ihren Befehl und reiste gestern früh um drei Uhr mit Extrapost von Montmédy ab.«

»Dann weiß ich mir die kleine Verspätung zu erklären«, sagte der König lächelnd.

»Sire,« versetzte Charny, »ich hätte allerdings mit Kurierpferden reisen können; ich wäre dann früher hier eingetroffen. Aber ich wollte die von Eurer Majestät gewählte Straße, insbesondere die guten und schlechten Poststationen kennenlernen. Ich habe alles sorgfältig aufgezeichnet und bin jetzt in der Lage, über alle Umstände Auskunft zu geben.«

»Bravo, Herr von Charny!« sagte der König; »Sie sind ein unvergleichlicher Diener ... Ich sagte soeben meinem lieben Kerkermeister Lafayette, ich würde lieber König von Metz als König von Frankreich sein ... Doch zum Glück sind Sie da!«

»Eure Majestät wollten die Gnade haben, mich mit der Lage der Dinge bekanntzumachen.«

»Ja, es ist wahr; ich will mich kurz fassen ... Sie haben die Flucht meiner Tante erfahren? Dieser Reise stand kein gesetzliches Hindernis im Wege, und man hatte nicht zu fürchten, daß zwei harmlose alte Damen die Emigrantenpartei verstärken würden. Sie hatten Narbonne mit den Vorkehrungen zur Abreise beauftragt, aber ich weiß nicht, wie es zugegangen ist, die Sache wurde bekannt, und sie erhielten am Abend ihrer Abreise in Bellevue einen Besuch in der Art wie der, den wir am 5. und 6. Oktober in Versailles erhielten. Glücklicherweise entkamen sie durch die eine Tür, während das ganze Gesindel in die andere hineinstürmte ... Denken Sie sich, kein Wagen war bereit! Drei sollten vollständig bespannt unter den Remisen halten! Sie mußten bis Meudon zu Fuß gehen; dort fand man endlich die Kutschen und reiste ab. Drei Stunden später war ganz Paris in Aufruhr. Marat behauptete, sie wären mit Millionen durchgegangen; Desmoulins meinte, sie hätten den Dauphin mitgenommen ... Als die Abreise der alten Damen einen so ungeheuren Lärm verursachte, kamen einige treue Freunde in die Tuilerien und boten mir ihren Beistand, ihr Leben an. Es mochten etwa hundert Edelleute sein. Sogleich verbreitete sich das Gerücht, es sei eine Verschwörung im Anzuge und man beabsichtige, mich zu entführen. Lafayette, den man unter dem Vorwande, die Bastille werde wieder besetzt, in die Vorstadt Saint-Antoine geschickt hatte, kommt voll Zorn zurück, dringt mit gezogenem Degen und gefälltem Bajonett in die Tuilerien und entwaffnet unsere armen Freunde.«

»Oh, Sire, wir leben in einer schrecklichen Zeit!« sagte Charny, der traurig den Kopf schüttelte. »Warten Sie nur ... Wir gehen alljährlich, nach Saint-Cloud; das ist eine Sache, die sich von selbst versteht. Vorgestern bestellen wir die Kutschen; wir gehen hinunter und finden fünfzehnhundert Personen um die Kutschen versammelt! Wir wollen einsteigen, aber das Volk fällt den Pferden in die Zügel und ruft, ich hätte die Absicht, zu fliehen, aber man werde es nicht zugeben ... Nach einer Stunde fruchtloser Versuche mußten mir umkehren. – Die Königin weinte vor Zorn!«

»War denn der General Lafayette nicht da, um Eurer Majestät beizustehen?«

»Lafayette? ... er eilte zum Stadthause, um das Vaterland in Gefahr zu erklären und die rote Fahne zu verlangen ... Das Vaterland in Gefahr, weil der König und die Königin nach Saint-Cloud fahren wollen!«

»Wenn die Dinge so stehen, Sire, so haben wir um so mehr Ursache, uns zu beeilen.«

»Ja, das wollen wir ... Lassen Sie hören, was haben Sie drüben mit Bouillé verabredet?«

Der König nahm eine Karte und breitete sie auf dem Tische aus. Diese Karte war nicht gestochen, sondern gezeichnet und, wie Charny sagte, fehlte kein Haus, kein Baum; er hatte acht Monate daran gearbeitet.

Charny und der König neigten sich auf diese Karte.

»Sire,« sagte Charny, »die eigentliche Gefahr wird für Eure Majestät zu Sainte-Menehould beginnen und zu Stenay aufhören; auf dieser achtzehn Meilen langen Strecke müssen wir unsere Detachements verteilen.«

»Aber könnte man sie nicht näher nach Paris, etwa bis Châlons anrücken lassen?«

»Das ist kaum möglich, Sire«, erwiderte Charny. »Überdies haftete der Marquis von Bouillé nur für die Strecke jenseits Sainte-Menehould. Er könnte sein erstes Detachement höchstens bis Pont-de-Sommevelle vorschieben, und er hat mir noch ausdrücklich aufgetragen, diesen Punkt mit Eurer Majestät zu besprechen ... Sehen Sie, Sire, da liegt der Ort, es ist die erste Poststation jenseits Châlons.«

»Der Marquis von Bouillé hat also die Etappen bereits bezeichnet und die Truppen bestimmt, die mich in einzelnen Abteilungen auf der Reise erwarten sollen?«

»Ja, Sire, mit Vorbehalt der Zustimmung Eurer Majestät.«

»Ich sehe wohl,« sagte der König erfreut, »es ist für alles gesorgt.«

In diesem Augenblick tat sich die Tür auf: die Königin trat ein. Sie war sehr blaß und hielt ein Papier in der Hand; als sie den Grafen sah, konnte sie einen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken; das Papier fiel ihr aus der Hand.

Charny erhob sich und verneigte sich ehrerbietig vor der Königin, die zwischen den Zähnen stammelte:

»Herr von Charny ... Herr von Charny ... hier ... beim König ... in den Tuilerien! ... Und ich wußte es nicht!«

»Ich bin soeben angekommen,« sagte er, »und wollte mich bei Seiner Majestät beurlauben, um auch meiner gnädigsten Königin meine Huldigungen darzubringen.«

Die Wangen der Königin färbten sich wieder. Es war schon lange her, daß sie die Stimme Charnys nicht gehört hatte, und der Ton, den er seinen Worten zu geben wußte, hatte ja so oft zu ihrem Herzen gesprochen!

Charny sah alles, was in dem Herzen der Königin vorging. Der König hatte sich gebückt, um das der Königin entfallene Papier aufzuheben. Er las die wenigen Worte, die auf dem Papier standen, ohne deren Sinn zu verstehen.

»Was bedeuten die drei Worte: ›Fliehen! Fliehen! Fliehen!‹ und dieses Bruchstück einer Unterschrift?« fragte der König.

»Sire,« antwortete Marie Antoinette, »diese drei Worte bedeuten, daß Herr von Mirabeau vor zehn Minuten verschieden ist, und dies ist der Rat, den er uns hinterlassen hat.«

»Madame,« erwiderte der König, »der Rat soll befolgt werden, denn er ist gut, und der Augenblick ist gekommen, ihn in Ausführung zu bringen.«

Dann setzte er, sich an Charny wendend, hinzu:

»Graf, Sie können der Königin in ihre Appartements folgen und ihr alles sagen ...«

Die Königin stand auf und sah bald den König, bald Charny an.

»Kommen Sie, Herr Graf«, sagte sie endlich.

Die Königin begab sich in ihr Boudoir und sank sogleich auf ein Sofa, indem sie dem Grafen von Charny einen Wink gab, die Tür hinter sich zu schließen. Die beiden waren allein.

Kaum saß Marie Antoinette, so wallte ihr volles Herz über, und sie schluchzte laut.

Charny fühlte sich tief ergriffen. Aber er kämpfte diese Aufwallung nieder, denn er fühlte, daß sein Gefühl für Andrea stärker geworden war, und daß diese Liebe siegen müßte.

Die Königin weinte, ohne ein Wort zu sprechen. Raubte ihr die Freude den Gebrauch der Sprache oder der Schmerz?

»Seine Majestät«, sagte Charny, »hat mich ermächtigt, Sie von allem, was ich für Ihre Rettung getan, in Kenntnis zu setzen; geruhen Sie daher, meinen Bericht anzuhören.«

»O Charny! Charny!« sagte die Königin, »haben Sie mir denn nichts Wichtigeres zu sagen?«

Sie drückte dem Grafen zärtlich die Hand und sah ihn mit einem Blicke an, für den er einst sein Leben gelassen haben würde. Während sie ihn ansah, bemerkte sie, daß er keineswegs bestaubte Reisekleider, sondern ganz hofmäßige Staatsuniform trug.

Diese Beobachtung schien sie zu verstimmen.

»Wann sind Sie denn angekommen?«

»Soeben, Madame, von Montmédy«, antwortete Charny.

»Sie haben also die Reise durch halb Frankreich gemacht?«

»Ja, seit gestern früh habe ich neunzig Meilen zurückgelegt.«

»Wie! Nach, dieser langen, ermüdenden Reise sind Sie so sorgfältig gebürstet, lackiert, gekämmt, wie ein Adjutant des Generals Lafayette! ... Die Nachrichten, die Sie zu überbringen hatten, waren also nicht sehr wichtig?«

»Im Gegenteil, aber ich dachte, es würde Aufsehen erregen, wenn ich im Hofe der Tuilerien aus einer mit Staub bedeckten Postchaise stiege. Seine Majestät sagte mir soeben, wie scharf Sie bewacht werden, und ich war froh, daß ich in Uniform gekommen war, wie ein gewöhnlicher Offizier, der nach kurzer Abwesenheit seine Aufwartung machen will.«

Marie Antoinette drückte dem Grafen mit deutlich bemerkbarer Unruhe die Hand.

»Ja, es ist wahr,« sagte sie mit unsicherer Stimme, »ich vergaß, daß Sie in Paris eine Wohnung haben.«

Charny stutzte. Erst jetzt wurde ihm die Absicht der Fragen klar.

»Ich ... in Paris?« sagte er. »Darf ich fragen, wo?«

Marie Antoinette vermochte nur mit Mühe ihre Fassung zu behaupten.

»Mich dünkt, in der Rue Coq-Héron«, sagte sie. »Dort wohnt doch die Gräfin, nicht wahr?«

Charny fühlte sich tief verletzt; er wäre beinahe aufgefahren wie ein Tier, dem man den Sporen in eine noch schmerzende Wunde drückt. »Madame,« erwiderte er mit tiefer Betrübnis, »ich hatte vor meiner Abreise die Ehre, Ihnen zu sagen, daß das Haus der Gräfin keineswegs das meinige ist. Ich bin bei meinem Bruder, dem Vicomte Isidor von Charny, abgestiegen, und in seiner Wohnung habe ich die Kleider gewechselt.« Die Königin jauchzte vor Freude und wollte auf die Knie sinken, indem sie Charnys Hand an ihre Lippen zog.

Aber er kam ihr zuvor und hob sie schnell auf.

»Oh! Madame,« rief er fast bestürzt, »was machen Sie?«

»Ich danke Ihnen, Olivier«, sagte Marie Antoinette mit so sanftem, gefühlsinnigem Ausdruck, daß Charny tief gerührt wurde.

»Sie danken mir!« sagte er mit Tränen in den Augen. »Mein Gott! Wofür denn?«

»Wofür? ... Sie fragen mich, wofür?« erwiderte die Königin. »Ich danke Ihnen für diesen einzigen Augenblick ungetrübter Freude, den ich seit Ihrer Abreise gehabt habe ... Mein Gott! Ich weiß es wohl, die Eifersucht ist eine närrische Sache! Auch Sie waren einst eifersüchtig, Charny; jetzt vergessen Sie es ... Noch einmal meinen Dank, Olivier! Sie sehen, ich bin wieder fröhlich, ich weine nicht mehr.«

Marie Antoinette versuchte zu lachen; aber sie schien in ihrer langen Leidenszeit die Freude verlernt zu haben, denn ihr Lachen hatte einen so traurigen, unheimlichen Ausdruck, daß der Graf ganz betroffen wurde.

Charny fühlte, daß er einen Abhang hinabeilte und daß eine Zeit kommen müsse, wo er an ein Anhalten, geschweige an eine Umkehr nicht mehr denken konnte. Er tat sich Gewalt an.

»Madame,« sagte er, »wollen Sie mir huldreichst erlauben, Ihnen zu erklären, was ich für Sie ausgerichtet habe?«

»Ach! Charny,« antwortete Marie Antoinette, »was ich Ihnen soeben sagte, würde ich lieber hören ... Doch Sie haben recht, Sie müssen mich beizeiten erinnern, daß ich Königin bin. Reden Sie, Herr Botschafter, das Weib hat nichts mehr zu erwarten; die Königin erwartet Ihren Bericht.«

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.