Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Die Gräfin Charny

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Gräfin Charny - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDie Gräfin Charny
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9cf140ca
created20070410
Schließen

Navigation:

Vierundzwanzigstes Kapitel

»Herr Graf,« sagte der Kammerdiener, »der Doktor Gilbert ist da.«

»Wie, der Doktor!« sagte Mirabeau. »Wegen einer solchen Kleinigkeit läßt man den Doktor kommen? Oh! Doktor, ich bedaure sehr, daß man Sie belästigt hat, ohne mich zu fragen ...«

»Lieber Graf,« erwiderte Gilbert, »man belästigt mich nie, wenn man mir Gelegenheit gibt, Sie zu sehen.«

Gilbert sah die Veränderung, die seit einem Monate in der ganzen Person des berühmten Redners vorgegangen war.

»Ja,« sagte Mirabeau, »nicht wahr, ich habe mich verändert? Ich will Ihnen sagen, woher das kommt.«

»Sie wissen,« fuhr Mirabeau fort, »worüber in der gestrigen Sitzung debattiert wurde? Es handelte sich um das Berg- und Hüttenwesen. Ich schlug die Feinde in die Flucht; ich blieb freilich auf dem Platze, aber ich hatte doch einen Sieg erkämpft. Und diesen Sieg habe ich bis heute früh um drei Uhr gefeiert ... dann bekam ich Schmerzen in den Eingeweiden. Julius hat Angst bekommen und zu Ihnen geschickt. Gilbert war ein zu geschickter Arzt, als daß er den Zustand Mirabeaus nicht hätte, bedenklich finden sollen. Der Kranke schien dem Ersticken nahe; er atmete schwer, und sein Gesicht war aufgedunsen, der Puls unregelmäßig.

»Diesmal wird es nichts zu bedeuten haben, lieber Graf«, sagte Gilbert; »aber es war Zeit! ...« Er zog mit jener Geschwindigkeit und Gelassenheit, an der man das wahre Talent erkennt, sein Besteck aus der Tasche und ließ den Patienten zur Ader.

»Teufel!« sagte Mirabeau, »ich glaube, daß Sie recht haben, Doktor ... Es war Zeit!«

Augenblicklich fühlte er eine große Erleichterung.

»Sie sind ein großer Narr, Graf, daß Sie ein Leben, das für Frankreich so kostbar ist, an einige Stunden vermeinter Genüsse setzen.«

»Bah! lieber Doktor,« sagte Mirabeau, »mein Leben ist für Frankreich nicht so kostbar, wie Sie glauben!«

»Werden Sie bedenklich krank,« erwiderte Gilbert, »so werden Sie morgen ganz Paris unter Ihren Fenstern haben; sterben Sie übermorgen, so wird ganz Frankreich Ihrer Leiche folgen!«

»Was Sie mir da sagen, ist sehr tröstlich«, antwortete Mirabeau lachend.

»Wie fühlen Sie sich jetzt?«

»Mein Kopf wird leicht; aber ich habe noch Schmerzen in den Eingeweiden.«

»Oh! das überlassen wir den Zugpflastern, lieber Graf. Der Aderlaß hat das seinige getan; jetzt lasse ich Ihnen eine Stunde Ruhe, dann fahren Sie mit mir nach Paris.«

»Doktor,« sagte Mirabeau lachend, »wollen Sie mir erlauben, daß ich erst heute abend abreise und Sie um elf Uhr in meinem Hause erwarte? Ich habe mein Wort gegeben; Sie werden doch nicht verlangen, daß ich es breche?«

»Und heute abend wollen Sie in Paris sein?«

»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie um elf Uhr erwarten werde ... Wahrhaftig, lieber Doktor, jetzt fühle ich mich ganz wohl.«

»Das heißt, Sie, weisen mir die Tür? Ich würde ohnehin nicht bleiben können; ich habe Dienst in den Tuilerien!«

»So! Dann werden Sie die Königin sehen«, sagte Mirabeau, der wieder trübe gestimmt wurde.

»Wahrscheinlich ... Haben Sie etwas an sie zu bestellen?«

Mirabeau lächelte bitter.

»Diese Freiheit würde ich mir nicht nehmen, Doktor. Sagen Sie ihr lieber gar nicht, daß Sie mich gesehen haben.«

»Warum nicht?«

»Weil Marie Antoinette Sie fragen würde, ob ich die Monarchie gerettet, wie ich ihr versprochen habe, und Sie würden die Frage mit Nein beantworten müssen ...«

»Ich soll ihr also nicht sagen, daß Sie sich durch Ihre übermäßigen Arbeiten, durch Ihre Anstrengungen auf der Rednerbühne ins Grab stürzen?«

»Ja, sagen Sie ihr das ... Wenn Sie wollen, machen Sie mich sogar kränker, als ich bin.«

»Gut, es soll geschehen.«

»Und Sie wollen mir alles wieder sagen, was sie über mich sagen wird?«

»Wort für Wort.«

»Gut ... Adieu, Doktor ... Tausend Dank!«

Er reichte Gilbert die Hand.

Gilbert sah Mirabeau forschend an; dieser Blick schien den Grafen verlegen zu machen.

»Apropos, ehe Sie fortgehen,« sagte der Kranke, »was verordnen Sie mir?«

»Keine Krankenwärterin unter fünfzig Jahren ... Sie verstehen mich doch, Graf?«

»Ich werde Ihre Vorschrift genau befolgen,« sagte Mirabeau lachend, – »und wenn's nicht anders möglich ist, so nehme ich zwei fünfundzwanzigjährige!« Vor der Tür begegnete Gilbert dem Kammerdiener. Der arme Mensch hatte Tränen in den Augen.

»Oh! Herr Gilbert,« sagte er, »warum gehen Sie fort?«

»Ich gehe fort, lieber Julius, weil mir die Tür gewiesen wird«, sagte Gilbert lachend.

»Und wissen Sie, warum?« eiferte der Alte, »Wegen der Dame! Und weil sie der Königin ähnlich ist! ... Mein Gott, die klugen Leute sind doch manchmal herzlich dumm!«

In Paris begegnete Gilbert Desmoulins, die lebende Zeitung. Er erzählte ihm Mirabeaus Krankheit, die er absichtlich gefährlicher machte, als sie wirklich war. Dann begab er sich in die Tuilerien und meldete die Krankheit des Grafen dem Könige, dann der Königin.

Die stolze Stirn Marie Antoinettes zog sich in Falten.

»Warum«, sagte sie, »hat ihn diese Krankheit nicht in der Frühe jenes Tages befallen, wo er seine schöne Rede über die dreifarbige Fahne hielt?«

Sie schien zu bereuen, daß sie in Gilberts Gegenwart ihren Haß gegen dieses Zeichen der französischen Nationalität geäußert hatte, und setzte hinzu:

»Es wäre freilich ein großes Unglück für Frankreich und für uns, wenn diese Unpäßlichkeit Fortschritte machte.«

»Ich glaube Euer Majestät untertänigst bemerkt zu haben,« erwiderte Gilbert, »daß es eine Krankheit und nicht bloß eine Unpäßlichkeit ist.«

»Diese Krankheit werden Sie bezwingen, Doktor«, sagte die Königin. »Sie müssen mir über das Befinden des Herrn von Mirabeau Bericht abstatten. Ich verlasse mich darauf.«

Dann sprach sie von anderen Dingen.

Abends begab sich Gilbert zur bestimmten Stunde in Mirabeaus kleines Hotel und fand Mirabeau auf dem Sofa. Auf einem Sessel bemerkte er einen zurückgelassenen Kaschmirschal.

Mirabeau schien die Aufmerksamkeit Gilberts von diesem in der Eile vergessenen corpus delicti ablenken zu wollen, er rief ihm entgegen:

»Ah! Sind Sie es? ... Ich habe gehört, daß Sie einen Teil Ihres Versprechens schon gehalten haben: Paris weiß, daß ich krank bin. Haben Sie den zweiten ebenso gewissenhaft gehalten? Haben Sie beiden Majestäten gemeldet, daß ich ihnen nicht lange mehr zur Last sein werde?«

»Ich habe wenigstens gesagt, daß Sie krank sind.«

»Und was hat man Ihnen geantwortet?«

»Die Königin sagte, Sie hätten vor der Sitzung, in welcher Sie für die dreifarbige Fahne gesprochen, krank werden sollen.«

Mirabeau fuhr auf.

»So wird man mit Undank belohnt!« sagte er mit Bitterkeit. »Sie denkt also nicht mehr an die fünfundzwanzig Millionen, die der König als Zivilliste, nicht mehr an die vier Millionen, die sie selbst als Wittum erhält. – Die dreifarbige Fahne! sie ist jetzt die einzige Zuflucht des Königtums; es wäre vielleicht noch zu retten, wenn es ehrlich und offen in ihrem Schatten Schutz suchte. Aber die Königin will sich nicht retten; sie will sich rächen. Ich wollte zugleich das Königtum und die Freiheit retten; aber ich stehe allein in diesem Kampfe. Und gegen wen kämpfe ich? Hätte ich Menschen, Tiger, Löwen zu bekämpfen, ich würde sie nicht fürchten ... Nein, es ist der Kampf gegen das Meer, gegen die steigende Flut! Gestern waren mir kaum die Füße benetzt; heute reicht mir das Meer bis an die Knie; morgen wird die Flut bis an den Leib steigen und übermorgen über dem Kopfe zusammenschlagen! ... Ich muß aufrichtig gegen Sie sein, Doktor; zuerst grämte ich mich, dann verwandelte sich mein Kummer in Überdruß und Ekel. Ich hatte einen schönen Traum geträumt: ich glaubte der Vermittler zwischen Revolution und Monarchie zu werden; ich hoffte die Königin zu retten, wenn sie einst von dem Strom fortgerissen würde. Doch ich habe mich getäuscht, man hat nie ernstlich auf meinen Beistand gezählt, man hat nur darauf gesonnen, mir meine Popularität zu rauben, mich zu vernichten. Jetzt kann ich nichts Besseres tun, als zur rechten Zeit zu sterben, den Tod mit anmutigem Lächeln zu erwarten und recht graziös den Geist aufzugeben.«

Mirabeau sank auf das Sofa zurück und biß ingrimmig in die weichen Polster.

Gilbert wußte nun, was er wissen wollte.

»Was würden Sie sagen, Graf,« fragte er, »wenn sich der König morgen nach Ihnen erkundigen ließe?«

»Der König ... oder die Königin?« setzte Gilbert hinzu.

»Sie glauben,« erwiderte Mirabeau, »daß die Königin sich so weit herablassen würde? Gut, ich werde bis morgen abend warten. Wenn sie bis dahin zu mir geschickt hat ... so haben Sie recht, und ich habe unrecht ...«

»Bis dahin aber, lieber Demosthenes, müssen Sie sich Ruhe gönnen ... keine Gemütsbewegung, keine Aufregung!«

Gilbert entfernte sich. Der alte Kammerdiener erwartete ihn vor der Tür. »Nur Mut gefaßt, Freund«, sagte der Doktor; »dein Herr befindet sich besser.«

Der alte Diener schüttelte traurig den Kopf.

»Wie! Du glaubst mir nicht?« fragte Gilbert.

»Ich glaube gar nichts, Herr Doktor, solange sein böser Genius bei ihm ist.«

Unten an der Treppe sah Gilbert eine verschleierte Gestalt; sobald ihn diese bemerkte, entfloh sie durch eine halboffene Tür.

»Wer ist die Dame?« fragte Gilbert.

»Sie wissen ja,« antwortete der Kammerdiener, »das Ebenbild der Königin.«

Gilbert wurde nachdenklich, als er diese Worte vernahm. »Unmöglich!« sagte er und verließ das Haus.

Mirabeau hatte eine ziemlich ruhige Nacht. In der Frühe rief er seinen Diener und ließ das Fenster öffnen, um die frische Morgenluft zu atmen.

Von diesem Fenster aus konnte man auf die Straße sehen. Bei jedem Schlage des Türklopfers, bei jedem Ton der Glocke hätte man aus dem gegenüberstehenden Hause sehen können, wie sein Gesicht hinter dem Vorhang hervorlugte und ein spähender Blick die Menschen auf der Straße musterte.

Um zwei Uhr erschien Julius in Begleitung eines Lakaien ohne Livree. Mirabeau dachte im ersten Augenblick, es sei ein Bote der Königin, aber er irrte sich.

»Von dem Herrn Doktor Gilbert«, sagte Julius.

»Sage deinem Herrn, daß du mich außer Bett gefunden hättest und daß ich ihn heute abend erwarte«, sagte Mirabeau zu dem Bedienten.

Der Nachmittag verging, Türklopfer und Klingel waren unaufhörlich in Bewegung; ganz Paris schrieb sich bei Mirabeau ein. Auf der Straße versammelten sich viele Menschen aus den unteren Volksklassen, die aus den Zeitungen von Mirabeaus Krankheit erfahren hatten und den beruhigenden Versicherungen des alten Kammerdieners nicht glauben wollten.

Gegen fünf Uhr trat Mirabeau auf den Balkon und winkte den braven Leuten, die sich als Wächter seiner Ruhe aufgestellt hatten, seinen Dank zu.

Er wurde erkannt, und die Chaussee d'Antin ertönte von dem lauten Ruf: »Es lebe Mirabeau!«

Er aber dachte an die stolze, schöne Frau, die sich nicht im mindesten um ihn bekümmerte, und sein Auge sah sich forschend um, ob nicht ein Lakai in blauer Livree von den Boulevards herkäme.

Der Abend verging – aber er wartete vergebens. Um elf Uhr trat Gilbert lächelnd ein, aber er erschrak über Mirabeaus Gesicht. »Ist kein Bote gekommen?« fragte er.

»Nein, lieber Doktor; es ist niemand gekommen.«

»Unmöglich!« sagte Gilbert. Mirabeau zuckte die Achseln.

»Sie ehrlicher, argloser Mann!« sagte er zu ihm.

Dann faßte er Gilberts Hand und setzte hinzu:

»Soll ich Ihnen sagen, Doktor, was Sie heute getan haben?«

»Nun, so lassen Sie hören.«

»Sie waren heute um ein Uhr in den Tuilerien; Sie sprachen mit der Königin; Sie sagten, mein Zustand verschlimmere sich; es sei gut, sich wenigstens aus Berechnung, wenn auch nicht aus Teilnahme, nach meinem Befinden erkundigen zu lassen. Sie schien überzeugt, daß Sie recht hatten; sie entließ Sie mit der Versicherung, daß sie zu mir schicken werde; Sie entfernten sich voll Freude und im Vertrauen auf das königliche Wort ... und sie lachte über Ihre Leichtgläubigkeit ... Jetzt sagen Sie aufrichtig,« setzte Mirabeau hinzu, »ist es nicht so?«

»In der Tat,« erwiderte Gilbert, »wenn Sie dabei gewesen wären, lieber Graf, hätten Sie nicht besser sehen und hören können.«

»Wie unpolitisch!« sagte Mirabeau mit Bitterkeit. »Ich sagte Ihnen ja, in den Tuilerien weiß man Zeit und Umstände nicht zu benutzen ... Ein Diener in königlicher Livree, der heute, während sich das Volk unter meinen Fenstern drängte, in mein Haus gekommen wäre, würde die Bourbons wieder für ein Jahr populär gemacht haben!«

Mirabeau wandte sich ab und drückte die Hand auf die Augen. Gilbert sah zu seinem Erstaunen, daß ihm eine Träne über die Wange rollte. Er sagte:

»Nehmen Sie jetzt ein Bad, lieber Graf.«

Zehn Minuten nachher war Mirabeau im Bade, und Gilbert wurde, wie gewöhnlich, von dem alten Kammerdiener hinausbegleitet.

Mirabeau klingelte.

»Jean,« sagte er, »laß in meinem Zimmer einen Tisch decken und frage Oliva, ob sie mir das Vergnügen machen will, mit mir zu soupieren ... und die Blumen nicht vergessen!«

Um vier Uhr morgens wurde der Doktor Gilbert durch heftiges Klingeln geweckt.

»Ich weiß es schon,« sagte er, aus dem Bett springend, »Mirabeau hat einen Rückfall bekommen!«

Gilbert irrte sich nicht. Mirabeau hatte Jean und Julius zu Bett geschickt, nachdem das Souper aufgetragen und der Tisch mit Blumen bedeckt war.

Dann hatte er alle Türen verschlossen, bis auf eine. Diese führte in die Wohnung der Unbekannten, die der alte Diener den bösen Genius des Grafen nannte.

Um halb vier Uhr wurde heftig geklingelt. Beide Diener mußten einen Umweg durch die Wohnung der unbekannten Frau machen, um in das Schlafgemach zu kommen. Mirabeau, der halb ohnmächtig in seinem Fauteuil lag, hielt die Unbekannte in seinen Armen; vermutlich wollte er sie hindern, um Hilfe zu rufen. Sie hatte in ihrem Schrecken die auf dem Tische stehende Klingel ergriffen. Als sie die beiden Diener bemerkte, rief sie sowohl für sich, als für Mirabeau um Hilfe; denn Mirabeau erdrückte sie fast in seinen krampfhaften Zuckungen.

Die beiden Diener machten sie mit großer Mühe aus den Armen des Todkranken los. Mirabeau sank wieder in seinen Armsessel zurück; sie flüchtete in ihr Zimmer.

»Nun, was gibt's schon wieder?« fragte Gilbert.

»Ach! Herr Doktor,« sagte der alte Diener, »das hat wieder der weibliche Unhold zu verantworten! ... Und dann die verwünschten Blumen! ... Sie werden sehen! Oh, Sie werden sehen!«

In diesem Augenblick hörte man lautes Schluchzen. Gilbert eilte die Treppe hinauf. Als er in den ersten Stock kam, trat ihm auf einmal eine weibliche Gestalt in flatterndem weißem Gewande entgegen und sank ihm zu Füßen. »Oh, Gilbert! Gilbert!« sagte sie, seine beiden Hände fassend, »um des Himmels willen, retten Sie ihn!«

»Nicole!« rief Gilbert erstaunt, »Nicole! ... Sie waren es also? ...«

»Retten Sie ihn! retten Sie ihn!« wiederholte Nicole.

Gilbert bebte plötzlich, vor einem entsetzlichen Gedanken zurück, der sich ihm aufdrängte.

»Jetzt wird mir alles klar«, sagte er für sich. »Beausire verkauft Schmähschriften gegen ihn ... Nicole ist seine Geliebte ... Er ist verloren, denn Cagliostro hat seine Hand dabei im Spiele!«

Mirabeau war wieder zur Besinnung gekommen. Gilbert ging hastig auf ihn zu.

»Ah!« sagte er, »es ist noch nicht so schlimm, wie ich fürchtete.«

Mirabeau lächelte.

Gilbert untersuchte den Puls, die Zunge; der Puls ging heftig, die Zunge war belegt. Plötzlich fingen die Schmerzen, die der Kranke zwei Tage zuvor schon gehabt hatte, wieder an; der Puls schlug heftig und setzte von Zeit zu Zeit aus.

Gilbert verordnete dieselben ableitenden Mittel, welche schon früher eine schnelle Linderung bewirkt hatten. Leider aber hatte der Kranke entweder nicht die Kraft, die Zugpflaster zu ertragen, oder er wollte nicht genesen; denn nach einer Viertelstunde verlangte er, daß die Zugpflaster abgenommen würden. Darauf verschlimmerte sich der Zustand.

Das Gerücht, welches sich schnell in der ganzen Stadt verbreitete, stellte den Zustand des großen Redners als sehr bedenklich dar; er habe einen Rückfall bekommen, hieß es, und sein Leben sei in Gefahr. Ganz Paris war so bestürzt, als ob ein allgemeines Unglück die ganze Bevölkerung bedrohte. Den ganzen Tag war die Straße, wie schon abends vorher, von Leuten aus dem Volke abgesperrt, um jedes Geräusch von dem Hause des Kranken fernzuhalten. Von Stunde zu Stunde erkundigten sich die unter den Fenstern harrenden Gruppen nach seinem Befinden. Es wurden schriftliche Krankheitsberichte ausgegeben, welche augenblicklich durch die ganze Stadt verbreitet wurden. Die Tür war von Personen jeden Standes, jeder politischen Farbe belagert; die Freunde und Verwandten des großen Redners hatten sich im Hofe und im Vorsaal des Erdgeschosses versammelt, ohne daß er selbst eine Ahnung von diesem Gedränge hatte. Übrigens wurden zwischen Mirabeau und dem Doktor Gilbert nur wenige Worte gewechselt.

Vierundzwanzig Stunden ging Doktor Gilbert keinen Augenblick von Mirabeaus Krankenlager. Am Mittwoch abends gegen elf Uhr war das Befinden des Grafen leidlich, und Gilbert begab sich auf sein Zureden in ein Nebenzimmer, um einige Stunden zu ruhen.

Bei Tagesanbruch erwachte er; der Kranke mußte schrecklich gelitten haben; die Schmerzen waren heftiger geworden, der Kranke schien oft dem Ersticken nahe.

Von Zeit zu Zeit hatte der Kranke den Namen der Königin ausgesprochen.

»Die Undankbaren!« hatte er gesagt; »sie haben sich nicht einmal nach mir erkundigen lassen!«

Gilbert dachte, daß alles von der nahe bevorstehenden Krise abhänge; er ließ daher, um die Krankheit nachdrücklich zu bekämpfen, Blutegel auf die Brust setzen; aber die Blutegel wollten nicht saugen. Man ersetzte sie durch einen zweiten Aderlaß am Fuße und durch Moschuspillen.

Nach acht Stunden endlich ließ das Fieber nach und der Tod schien zu weichen. Die Besserung war aber nur vorübergehend. Gilbert stand vor dem Bette und sah dem entsetzlichen Kampfe zu, der jetzt eintrat. Mirabeau war verloren! Er war nicht mehr zu erkennen.

Von diesem Augenblick an nahm das Gesicht Mirabeaus jenen feierlichen Ausdruck an, der im Todeskampfe großer Männer immer bemerkt worden ist. Seine Stimme wurde langsam, ernst, sie nahm gewissermaßen einen prophetischen Ausdruck an; seine Sprache wurde gemessener, sein Gedankenkreis erweiterte sich, und in seinen Gefühlen zeigte sich mehr Hingebung, mehr Innigkeit, mehr Tiefe.

Mirabeau ließ nun jedermann vor, der ihn zu sehen wünschte. Von Zeit zu Zeit fragte er, wer sich nach ihm erkundigte. Er fragte zwar nicht, ob ein Bote der Königin dagewesen sei, aber aus dem Seufzer, den der Sterbende ausstieß, als die Liste zu Ende war, schloß Gilbert, daß gerade der gewünschte Name fehlte.

Dann sprach er mit wunderbarer Klarheit über die allgemeine Politik. Den König und die Königin erwähnte er gar nicht.

Von Zeit zu Zeit hörte man draußen den vielstimmigen Ruf: »Es lebe Mirabeau!« Mirabeau lauschte und ließ das Fenster öffnen, um diesen Ruf, der ihn für so viele Leiden belohnte, deutlicher vernehmen zu können.

Als der Tag anbrach, sagte er zu Gilbert: »Heute werde ich sterben ... Habe ich die Erlaubnis, alles zu tun, was ich will?«

Gilbert antwortete durch eine stumme Gebärde, daß ihm alles freistehe.

Mirabeau rief seine beiden Diener.

»Jean,« sagte er, »besorge mir die schönsten Blumen, die zu finden sind. Julius wird mich unterdessen so schön wie möglich machen.«

Der alte Kammerdiener begann seinen Herrn zu rasieren und zu frisieren.

Sobald Jean aus dem Hause trat, wurde er von dem versammelten Volke mit Fragen bestürmt, kaum hatte er gesagt, daß sein Herr Blumen verlangt habe, liefen mehrere der Anwesenden durch die benachbarten Straßen und riefen: »Blumen für Herrn von Mirabeau!« Sogleich taten sich alle Türen auf, und jedermann bot das Schönste, was in der Wohnung oder im Treibhause zu finden war. In einer Viertelstunde war das Haus mit den seltensten Blumen überfüllt. »Lieber Doktor,« sagte Mirabeau, »ich habe jetzt von jemandem, der dieses Haus vor mir verlassen muß, für immer Abschied zu nehmen. Lassen Sie mich eine Viertelstunde allein, aber warten Sie im Nebenzimmer ... Wenn sie fort ist, müssen Sie bei mir bleiben bis zu meinem Tode.«

In der nun folgenden halben Stunde wurde Gilbert von den im Hause anwesenden Freunden des Kranken mit Fragen bestürmt; er erklärte, daß Mirabeau wahrscheinlich den Abend nicht mehr erleben werde.

Man hörte das Rollen eines Wagens, der vor dem Hause anhielt. Gilbert glaubte im ersten Augenblick, es sei ein Hofwagen; er eilte ans Fenster, es wäre für den Sterbenden ein süßer Trost gewesen, zu erfahren, daß die Königin an ihn dachte! Aber es war ein einfacher Fiaker, den Jean geholt hatte. Er erriet, für wen.

Einige Minuten nachher kam Jean aus dem Hause und hob eine verschleierte Dame in den Wagen.

Bald darauf tat sich die Tür des Krankenzimmers auf, und man hörte die matte Stimme Mirabeaus, der den Doktor verlangte.

Als Gilbert wieder an das Bett trat, fand er ein gesticktes, mit Spitzen besetztes Taschentuch auf dem Boden. Er hob es auf; es war ganz naß von Tränen.

»Sie hat nichts mitgenommen«, sagte Mirabeau, als er das Taschentuch bemerkte; »sie hat sogar noch etwas zurückgelassen.«

Die wenigen Stunden, die Mirabeau noch lebte, waren nur noch ein Todeskampf.

Als er einmal wieder erwachte, wollte er die Liste derer sehen, die bei ihm vorgesprochen hatten.

Nicht einmal ein der königlichen Familie nahestehender Name, in welchem man eine versteckte Teilnahme hätte vermuten können, war in der Liste zu finden, geschweige die Königin selbst. Mirabeau tat sich nun die größte Gewalt an, um einige Worte zu sprechen. Es gelang ihm. »Oh, die Verblendeten!« rief er, »sie bedenken nicht, daß sie verloren sind, wenn ich die Augen schließe! ... Die Monarchie wird mich einst bedauern, wenn sie auf meinem Grabe von den Unruhestiftern zerrissen und als Beute verteilt wird!«

Gilbert nahm einen Löffel, goß einige Tropfen der grünlichen Flüssigkeit, von welcher er Mirabeau schon ein Fläschchen gegeben hatte, hinein, und ohne sie diesmal mit Branntwein zu verdünnen, hielt er sie dem Kranken an die Lippen.

»Oh, lieber Doktor,« sagte Mirabeau lächelnd, »wenn das Lebenselixier auf mich wirken soll, so geben Sie mir den ganzen Löffel voll.«

Der Doktor erfüllte Mirabeaus Wunsch und reichte ihm den Trank, den er mit ungemeinem Wohlbehagen schlürfte.

Er schwieg einige Sekunden; dann sagte er mit ahnungsvollem Ton, als ob an der Schwelle der Ewigkeit der Schleier der Zukunft vor ihm aufgezogen würde:

»Ach! Doktor, wer in diesem Jahre 1791 stirbt, kann sich glücklich schätzen; denn bis jetzt ist von der Revolution nur das reine, strahlende Antlitz sichtbar gewesen. Bis jetzt hat keine große Revolution weniger Blut gekostet; denn bis jetzt ist es nur eine Revolution der Geister, aber bald wird sie sich in Taten offenbaren.«

Der Kranke sank auf das Kissen zurück. Drei Stunden lang ruhte seine schon erstarrte Hand in den Händen Gilberts; in diesen drei Stunden, von vier bis sieben Uhr, war der Todeskampf ruhig, so ruhig, daß man alle, die ihn sehen wollten, vorlassen konnte.

Aber gegen acht Uhr fühlte Gilbert die Hand Mirabeaus in der seinigen zucken. Die Zuckung war so heftig, daß er sich nicht täuschen konnte.

»Es geht zu Ende«, sagte er. »Jetzt beginnt der wahre Todeskampf!« Die Stirn des Sterbenden war mit Schweiß bedeckt; er schlug die Augen auf, sein Blick war ungemein lebhaft.

Er gab durch Zeichen zu verstehen, daß er eine Feder, Tinte und Papier wünsche.

Man gehorchte, nicht nur, um seinen Wunsch zu erfüllen, sondern auch, um keinen Gedanken dieses großen Genies verlorengehen zu lassen.

Er nahm die Feder und schrieb mit fester Hand die zwei Worte: »Schlafen, sterben ...« Es waren die Worte Hamlets.

Nach einer Pause verlangte er wieder nach der Feder.

Gilbert reichte sie ihm.

Mirabeau faßte mit krampfhaft zuckender Hand das Papier und schrieb mit kaum lesbaren Zügen: »Fliehen! Fliehen! Fliehen!«

Er wollte seinen Namen unterschreiben, aber er vermochte nur die ersten vier Buchstaben aufs Papier zu bringen.

»Das geben Sie ihr!« stammelte er, den Arm nach Gilbert ausstreckend.

Es waren seine letzten Worte.

Er sank regungslos auf das Kissen zurück; sein Atem stockte, sein Blick erlosch. – Er war tot!

Gilbert trat ans Bett, betrachtete ihn, griff an den Puls und legte ihm die Hand aufs Herz. Dann wandte er sich zu den Anwesenden:

»Meine Herren, Mirabeau hat aufgehört zu leiden!«

Der Schmerz war allgemein, der Verlust ward in allen Schichten der Gesellschaft tief gefühlt.

Mit ungeheurem Pomp und allen Ehren wurde Mirabeaus Leichnam im Pantheon beigesetzt. –

Der Tod Mirabeaus hatte über die öffentlichen Angelegenheiten plötzlich tiefes Dunkel verbreitet. Man wußte nicht mehr, wohin man sich wenden, welche Bahn man betreten sollte. Der starke, gewandte Bändiger des Ehrgeizes und Hasses war vom Schauplätze abgetreten; man fühlte, daß er etwas mitgenommen hatte, was der Nationalversammlung von nun an fehlen würde: den Geist des Friedens, der mitten im Kriege wacht, die unter dem heftig arbeitenden Geiste verborgene Herzensgüte. Jedermann hatte durch Mirabeaus Tod verloren: die Royalisten hatten keine Sporen, die Revolutionäre keinen Zügel mehr. Der Wagen mußte nun schneller den langen, jähen Abhang hinunterrollen ... Wer konnte sagen, wohin er rollte? – –

Kaum drei Jahre später verbannte man Mirabeaus leibliche Reste aus dem Pantheon und setzte sie auf dem Friedhofe bei, auf dem die Hingerichteten bestattet wurden. –

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.