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Die Gräfin Charny

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Gräfin Charny - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDie Gräfin Charny
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9cf140ca
created20070410
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Acht Tage später betrat Billot einen Saal, den unsere Leser schon fünfzehn bis sechzehn Jahre vorher in Begleitung Rousseaus besucht haben.

Er war außen gekennzeichnet durch die Buchstaben L.P.D.

Innerhalb weniger Minuten füllte sich der Saal mit Männern aus allen Ständen, vom Bauer bis zum Fürsten.

Jeder der Anwesenden trug unter seinem Rock oder Mantel entweder die Freimaurerschürze, wenn er bloß Maurer, oder die Illuminatenschärpe, wenn er zugleich Maurer und Illuminat, das heißt in die großen Mysterien eingeweiht war.

Nur drei Männer trugen dieses letzte Abzeichen nicht. Der eine war Billot; der andere ein junger Mann von kaum zwanzig Jahren; der dritte ein Mann, der etwa zweiundvierzig Jahre zählen mochte und seinem Auftreten nach den höchsten Klassen der Gesellschaft anzugehören schien.

Einige Sekunden, nachdem dieser letzte eingetreten war, tat sich eine Seitentür auf und der Präsident erschien. Billot konnte einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken; der Präsident, vor welchem sich alle Häupter neigten, war kein anderer, als der Verbündete, dessen Bekanntschaft er am 14. Juli gemacht hatte.

Er stieg langsam die Stufen hinauf, und sprach dann zu der Versammlung:

»Brüder, wir haben heute zwei Angelegenheiten zu erledigen. Ich habe drei neue Jünger aufzunehmen; ich habe euch Rechenschaft zu geben von meinem Werke von dem Tage an, wo ich es unternommen, bis zu dieser Stunde. Ihr habt zu entscheiden, ob ich eures Vertrauens fortan noch würdig bin. – Jetzt mögen die Meister des Ordens allein in diesem Saale bleiben, damit wir die drei neuen Mitglieder aufnehmen oder zurückweisen.«

Bei diesen Worten tat sich eine zweite Seitentür auf; die Menge begab sich schweigend in die Bogengänge; nur drei Männer blieben. Es waren die drei aufzunehmenden Genossen.

In diesem Augenblicke tat sich die Tür, aus der der Präsident gekommen war, wieder auf. Sechs Männer, die eine Maske vor dem Gesicht trugen, traten ein, und stellten sich zu beiden Seiten des Präsidentenstuhles auf.

»Nr. 2 und Nr. 3 mögen sich einen Augenblick entfernen«, sagte der Präsident. Der junge Mensch und der vornehm aussehende Mann zogen sich in den Gang zurück. Billot blieb allein zurück.

»Tritt näher,« sagte der Präsident, »wo hast du das Licht empfangen?«

»Zu Soissons, in der Loge der ›Wahrheitsfreunde‹.«

»Wie alt bist du?«

»Sieben Jahre.«

»Wie heißest du unter den Erwählten?«

»Forre.«

»Warum wünschest du um einen Grad zu steigen und unter uns aufgenommen zu werden?«

»Weil ich gehört habe, daß man durch diesen Grad dem allgemeinen Lichte um einen Schritt nähergerückt wird.«

»Hast du Paten?«

»Ich habe niemand als den, der mir von selbst entgegengekommen ist, um mir die Aufnahme anzubieten.«

»Mit welcher Gesinnung wirst du auf der Bahn wandeln, die du zu betreten wünschest?«

»Mit dem Haß gegen die Mächtigen, mit der Liebe zur Gleichheit.«

»Was bürgt uns für diese Gesinnung?«

»Das Wort eines Mannes, der nie sein Wort gebrochen hat.«

»Wer, hat dir die Liebe zur Gleichheit eingeflößt?«

»Der niedrige Stand, in dem ich geboren bin.«

»Wer hat dir den Haß gegen die Mächtigen eingeflößt?«

»Das ist mein Geheimnis.«

»Versprichst du, all deine Umgebungen, soviel in deinen Kräften steht, auf diese Bahn der Gleichheit zu führen?«

»Ja.«

»Wirst du, soviel in deinen Kräften steht, jedes Hindernis beseitigen, das sich der Freiheit Frankreichs und der Mündigsprechung der Welt entgegenstellen würde?«

»Ja.«

»Bist du von jeder früheren Verpflichtung frei, oder, wenn du ein mit deinen jetzigen Zusagen im Widerspruch stehendes Versprechen gegeben hast, bist du bereit, dasselbe zu brechen?«

»Ja.«

Der Präsident wandte sich zu den sechs Männern mit der Maske.

»Brüder,« sagte er, »dieser Mann spricht die Wahrheit; ich selbst habe ihn eingeladen, einer der unsrigen zu werden. Ein großer Schmerz fesselt ihn an unsere Sache. Er hat schon viel für die Revolution getan. Ich will sein Pate sein und bürge für ihn in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.«

Die sechs Männer erklärten sich einstimmig für seine Aufnahme.

»Du hörst«, sagte her Präsident. »Bist du bereit, den Eid zu leisten?«

»Sage ihn vor,« erwiderte Billot, »und ich werde ihn nachsprechen.«

Der Präsident hob die Hand auf und sagte mit langsamer, feierlicher Stimme den Eid vor, den Billot wiederholte:

»Im Namen des Gekreuzigten schwöre ich, die fleischlichen Bande zu zerreißen, die mich an Vater, Mutter, Brüder, Schwestern, Weib, Verwandte, Freunde, Geliebte, Könige, Wohltäter und an irgendwelche Wesen fesseln, denen ich Treue, Gehorsam, Dank oder Dienste gelobt habe.«

»Gut,« sagte der Präsident, »von dieser Stunde an bist du des angeblichen Eides ledig, den du dem Vaterlande und den Gesetzen geleistet. Schwöre daher dem neuen Oberhaupte, das du anerkennst, mitzuteilen, was du sehen oder tun, lesen oder hören, erfahren oder erraten wirst, und selbst jenen Dingen nachzuforschen, die sich deinen Augen nicht darbieten.«

»Ich schwöre es«, wiederholte Billot.

»Schwöre,« fuhr der Präsident fort, »daß du Gift und Feuer und Schwert benutzen willst als sichere und notwendige Mittel, die Erde durch den Tod derer, welche die Wahrheit herabwürdigen oder unseren Händen zu entreißen suchen, zu reinigen.«

»Ich schwöre es«, wiederholte Billot.

»Jetzt«, sagte der Präsident, »lebe im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.«

Der Präsident gab Billot einen Wink, und dieser entfernte sich.

»Nummer 2!« sagte der Präsident laut.

Der schwarzgekleidete junge Mann trat ein.

»Wo hast du das Licht empfangen?« fragte ihn der Präsident.

»Zu Laon, in der Loge der ›Menschenfreunde‹.«

»Wie alt bist du?«

»Fünf Jahre.«

»Wie hießest du unter den Uneingeweihten?«

»Antoine Saint-Just.«

»Wie heißest du unter den Erwählten?«

»Humilité.«

»Warum wünschest du um einen Grad zu steigen und unter uns aufgenommen zu werden?«

»Weil es in dem Wesen des Menschen liegt, nach den Höhen zu streben, und weil auf den Höhen die Luft reiner, das Licht glänzender ist.«

»Hast du Paten?«

»Robespierre den älteren und Robespierre den jüngeren.«

»Mit welcher Gesinnung wirst du auf der Bahn wandeln, die du zu betreten wünschest?«

»Mit dem Glauben.«

»Wohin muß Frankreich, wohin muß die Welt auf dieser Bahn gelangen?«

»Frankreich zur Freiheit, die Welt zur Mündigsprechung.«

»Was würdest du geben, um Frankreich und die Welt diesem Ziele zuzuführen?«

»Mein Leben ... das ist das einzige, was ich noch besitze, denn mein Gut habe ich schon hingegeben.«

Als der Schwur geleistet war, tat sich die Tür wieder auf, und Saint-Just entfernte sich.

Der Präsident sagte laut:

»Nummer 3!«, und der dritte Jünger erschien. Sein Anzug war elegant, aber man bemerkte daran jene Einfachheit, die in Frankreich Mode zu werden begann.

»Wo hast du das Licht empfangen?« sagte der Präsident.

»Zu Paris, in der Loge der freien Männer.«

»Wie alt bist du?«

Der Jünger gab durch ein Zeichen zu erkennen, daß er zu der Genossenschaft der Rosenkreuzler gehörte.

»Wie hießest du unter den Uneingeweihten?«

»Ludwig Philipp Joseph, Herzog von Orleans.«

»Wie heißest du unter den Erwählten?«

»Egalité.«

»Warum wünschest du unter uns aufgenommen zu werden?«

»Weil ich immer unter den Großen gelebt habe und endlich unter Menschen zu leben wünsche.«

»Hast du Paten?«

»Ja, zwei. Der eine heißt Abscheu, der andere Haß.«

»Mit welchem Wunsche wandelst du die Bahn, welche du zu betreten wünschest?«

»Mit dem Wunsche, mich zu rächen an dem, der mich verkannt, an der, die mich gedemütigt hat.«

»Was würdest du geben, um diesen Zweck zu erreichen?«

»Mein Vermögen, mein Leben! Ja, noch mehr als mein Leben, meine Ehre!«

Dann folgte die Eidesleistung, die in ihrem Wortlaut für den Aristokraten noch furchtbarer war als für die beiden anderen Jünger. Der Herzog sprach den Eid mit kaltem Schweiß auf der Stirne. Als er aber den Saal verließ, rief er: »Nun ist die Rache mein.«

Die Tür tat sich auf; die Genossen des Bundes wurden hereingeführt und füllten den Sitzungssaal.

Kaum war die Tür hinter dem letzten geschlossen, so streckte Cagliostro die Hand aus und sagte laut:

»Brüder, einige von euch waren vielleicht in einer Versammlung, die vor zwanzig Jahren in einer Grotte des Donnersberges stattfand. In dieser Versammlung faßten wir den Entschluß, das Volk, das in der Knechtschaft lebte, empor und zum Sieg zu führen. Es gab damals schon Freistaaten, aber diese waren uns zu klein; wir erkannten, daß Frankreich als großer Staat zunächst günstiger Boden für uns war. Mich erwähltet ihr zu eurem Führer; unseren Brüdern gab ich damals den Wahlspruch: Lilia pedibus destrue: Zertritt die Lilien. Um die erste Periode meines Werkes zu vollbringen, verlangte ich zwanzig Jahre Zeit. Seht, was sich in dieser Zeit in Frankreich geändert hat: Die Parlamente wurden abgeschafft; die Königin, die erst sieben Jahre nach ihrer Vermählung den Kronprinzen gebar sah sich nicht nur als Gattin und Mutter, sondern auch in der Halsbandgeschichte den schmählichsten Angriffen ausgesetzt; – der König, der unter dem Namen 'Ludwig der Ersehnte' den Thron bestieg, wurde von seinen Ministern von einem Experimente zum anderen und endlich zum Bankerott getrieben; – die Versammlung der Notabeln setzte die Generalstände ein, und diese, durch allgemeine Abstimmung ernannt, traten als Nationalversammlung zusammen; – der dritte Stand ging aus dem Kampfe mit Adel und Klerus als Sieger hervor; – die Bastille wurde erstürmt; die fremden Truppen wurden aus Paris und Versailles vertrieben; – die Nacht des 4. August zeigte der Aristokratie die Nichtigkeit des Adels; – der 5. und 6. Oktober zeigte dem Könige und der Königin die Schwäche des Königtums; – der 14. Juli 1790 zeigte der Welt die Einheit Frankreichs; – die Prinzen verloren durch die Auswanderung ihre Popularität; – Monsieur verlor die seinige durch den Favrasschen Prozeß; – endlich wurde am Altare des Vaterlandes die Verfassung beschworen; der Präsident der Nationalversammlung saß neben dem Könige; über beiden saßen Gesetz und Nation; Europa, das sich uns zuneigt, erwartet schweigend die Dinge, die da kommen werden. – Jetzt sagt, Brüder, ist Frankreich das Rad, in welches Europa eingreifen, ist es die Sonne, welche die Welt erleuchten wird?«

»Ja, ja!« riefen alle Stimmen.

»Und glaubt ihr,« fuhr Cagliostro fort, »daß wir das begonnene Werk sich selbst überlassen können? Glaubt ihr, daß die beschworene Verfassung jede Besorgnis beseitige?«

»Nein, nein!« riefen alle Stimmen.

»Dann muß die zweite Periode des großen Revolutionswerkes unternommen werden«, sagte Cagliostro; »der Hof hat sein gegenrevolutionäres Werk wieder begonnen; jetzt ist es Zeit, wieder zu rüsten. Den Wahlspruch Christi: Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit! haben wir schon halb errungen; wir wollen ihn ganz zur Wahrheit machen!«

Cagliostro hielt inne; lauter, begeisterter Beifall folgte seiner Rede.

Endlich wurde es wieder still. Die sechs maskierten Männer verneigten sich einer nach dem anderen vor dem Redner, küßten ihm die Hand und entfernten sich.

Dann ging jeder der Anwesenden vor der Rednerbühne vorüber, verneigte sich und wiederholte den verhängnisvollen Wahlspruch:

»Lilia pedibus destrue.«

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