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Die Gräfin Charny

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Gräfin Charny - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDie Gräfin Charny
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9cf140ca
created20070410
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Zwanzigstes Kapitel

Mirabeau hatte im Vertrauen auf seine Kraft den Kampf begonnen; er hatte angefangen, das der Königin gegebene Versprechen einzulösen.

Zwei Tage nach seiner Audienz bemerkte er auf dem Wege zur Nationalversammlung zahlreiche Menschenansammlungen.

Es wurden Flugblätter verteilt, und von Zeit zu Zeit ertönte der Ruf:

»Der große Verrat des Herrn von Mirabeau ... Der große Verrat des Herrn von Mirabeau!«

»Mein Freund,« sagte er zu dem Manne, der die Broschüre austeilte und mehrere tausend Exemplare in zwei Körben liegen hatte, die ihm ein Esel nachtrug, – »wieviel kostet der große Verrat des Herrn von Mirabeau?«

Der Mann sah Mirabeau forschend an.

»Herr Graf,« erwiderte er, »ich gebe dies Blatt umsonst; es sind hunderttausend Exemplare gedruckt!«

Mirabeau warf einen Blick auf die erste und erblaßte. Sie enthielt ein Verzeichnis seiner Schulden, und dies Verzeichnis war ganz genau. Zweihundertachttausend Franken! Unter dem Schuldenregister stand der Tag, an welchem diese Summe von dem Almosenpfleger der Königin an die verschiedenen Gläubiger bezahlt worden war. Dann kam die Summe, die ihm der Hof monatlich ausbezahlte: sechstausend Franken! Endlich die ausführliche Wiedergabe seiner Unterredung mit der Königin.

Welcher gefährliche, geheimnisvolle Feind verfolgte ihn ... oder vielmehr die Monarchie?

Den Hausierer, der ihn »Herr Graf« genannt hatte, glaubte Mirabeau schon irgendwo gesehen zu haben. Er kehrte wieder um. Der Esel war noch da, die Körbe auf seinem Rücken waren fast leer, aber der erste Hausierer war verschwunden, und ein anderer hatte seine Stelle eingenommen.

Der Zufall wollte, daß der Doktor Gilbert über den Platz ging. Der Broschürenverteiler redete Gilbert an wie jeden andern:

»Der große Verrat des Herrn von Mirabeau!«

Aber als er Gilbert erkannte, schien ihm Arm und Zunge plötzlich gelähmt.

Gilbert sah ihn ebenfalls an, warf das Blatt weg und entfernte sich mit den Worten:

»Sie treiben da ein schlechtes Gewerbe, Herr Beausire!«

Er nahm Mirabeaus Arm und begab sich mit diesem in die Nationalversammlung, die in der Reitschule tagte.

»Sie kennen also den Mann?« fragte Mirabeau den Doktor Gilbert.

»Ich kenne ihn, wie man solche Leute kennt,« erwiderte Gilbert; »er war vormals Gefreiter und ist jetzt ein Spieler, ein Gauner.«

Mirabeau ging in düsterer Stimmung weiter.

»Wie!« sagte Gilbert, »sind Sie dem so wenig Philosoph, daß Sie sich einen solchen Angriff zu Herzen nehmen?«

»Nein, Doktor, was mich verstimmt, ist ein gegebenes Versprechen, das ich wahrscheinlich nicht halten kann. Kommen Sie, und Sie sollen eine schöne Sitzung sehen, dafür stehe ich Ihnen ein.«

Sobald sie die Reitschule betraten, wurde Mirabeaus Mut auf eine schwere Probe gestellt; von allen Seiten rief man ihm »Verrat« zu.

Mirabeau zuckte die Achseln und stieß alle, die ihm im Wege standen, mit den Ellenbogen zur Seite. Das Geschrei verfolgte ihn bis in den Sitzungssaal und schien dort einen neuen Sturm gegen ihn hervorzurufen. Kaum zeigte er sich, so riefen hundert Stimmen: »Ha! da ist er, der Verräter! der feile Redner!«

Barnave stand auf der Rednertribüne; er griff Mirabeau an:

»Jawohl,« sagte er, »du bist der Verräter, gegen den ich spreche!«

»Wenn du gegen mich sprichst,« antwortete Mirabeau, »so kann ich einen Spaziergang zu den Tuilerien machen, und ich kann wieder hier sein, bevor du fertig bist!«

Er entfernte sich wirklich aus dem Saale und ging auf die Tuilerien zu. Nach zwei Stunden lehrte er in die Nationalversammlung zurück.

Barnave verließ eben unter dem rauschenden Beifall des ganzen Saales die Tribüne.

Kaum sah man Mirabeau auf der Rednertribüne, so brach ein Sturm von Schmähungen und Verwünschungen gegen ihn los. Aber er hob seine gewaltige Hand und wartete. Endlich benutzte er eine Pause und ergriff das Wort:

»Ich wußte wohl,« rief er mit seiner Donnerstimme, »daß es vom Tarpejischen Felsen zum Kapitol nicht weit ist!«

So groß ist die Gewalt des Genies, daß diese wenigen Worte die erbittertsten Gegner zum Schweigen brachten.

Sobald Mirabeau sich Gehör verschafft hatte, war der Sieg halb gewonnen. Fünfmal bestieg er die Tribüne. Barnave hatte zwei Stunden gesprochen; – Mirabeau sprach drei Stunden lang.

Endlich setzte er folgende Beschlüsse durch: »Der König sollte das Recht haben, nach eigenem Ermessen zu rüsten und über die Streitkräfte zu verfügen; er sollte in der Nationalversammlung den Krieg beantragen und jeder Beschluß sollte, um vollgültig zu sein, der königlichen Sanktion bedürfen.«

Als Mirabeau die Sitzung verließ, wäre er beinahe in Stücke zerrissen worden. Barnave hingegen wurde vom Volke im Triumph davongetragen.

Als Mirabeau nach Hause kam, warf er sich auf die am Boden ausgebreiteten Kissen. Seit dem Beginnen der Session hatte sich sein Gesundheitszustand sichtlich verschlimmert. Er war ein Riese an Kräften, aber er hatte ein bewegtes Leben hinter sich, die Jahre der Haft hatten seine Gesundheit untergraben. Er war schon geneigt, seinem Bedienten, der einen Arzt holen wollte, Gehör zu geben, als der Doktor Gilbert die Türglocke zog und in das Zimmer des Grafen geführt wurde.

Mirabeau reichte dem Doktor die Hand und zog ihn neben sich auf die Kissen.

»Lieber Graf,« sagte Gilbert, »ich wollte nicht nach Hause gehen, ohne Ihnen Glück zu wünschen. Sie hatten mir einen Sieg versprochen, aber Sie haben mehr errungen, Sie haben einen Triumph davongetragen!«

»Jawohl, einen Triumph, einen Sieg ... Noch ein solcher Sieg, Doktor, und ich bin verloren!«

Gilbert sah Mirabeau an.

»Es ist wahr,« sagte er, »Sie sind krank. Sie haben Schmerzen, Graf?«

»Wie ein zur Hölle Verdammter! ... Auf Ehre, es gibt Tage, wo ich glaube, daß man meinem Leibe mit Arsenik ebenso zusetzt wie meinem Geiste mit der Verleumdung ...«

Gilbert zog ein kleines Kristallfläschchen aus der Tasche, welches eine grünliche Flüssigkeit enthielt.

»Hier, Graf,« sagte er, »wir wollen einen Versuch machen.«

»Was für einen Versuch?« fragte Mirabeau.

»Ein Freund von mir, der in den Naturwissenschaften sehr bewandert ist, hat mir das Rezept zu diesem Trank mit der Versicherung gegeben, es sei ein höchst wirksames Universalmittel, ein Lebenselixier. Wollen Sie auch einen Versuch machen?«

»Aus Ihrer Hand, lieber Doktor, würde ich alles, selbst den Schierlingstrank annehmen, um so lieber das Lebenselixier ... Müssen die Tröpfen unvermischt genommen werden?«

»Nein, denn sie haben eine sehr starke Wirkung. – Lassen Sie sich einige Tropfen Branntwein oder Weingeist in einem Löffel bringen.«

Der Bediente kam nach einigen Sekunden mit einem Löffel wieder, der die verlangten fünf bis sechs Tropfen Branntwein enthielt.

Gilbert schüttete eine gleiche Menge der Flüssigkeit dazu, und Mirabeau nahm das ganze ein.

»Zum Teufel, Doktor!« sagte er zur Gilbert, »mir ist wirklich, als ob ich einen Blitz verschluckt hätte!«

Mirabeau schien einen Augenblick wie vernichtet; der Kopf sank ihm auf die Brust; aber plötzlich richtete er sich auf und sagte:

»Oh! Doktor, das ist in der Tat das Lebenselixier! – Jetzt möge die Monarchie wanken; ich fühle die Kraft, sie zu halten!«

»Graf,« erwiderte Gilbert, »versprechen Sie mir, nur zweimal wöchentlich einige Tropfen zu nehmen, und ich lasse Ihnen dieses Fläschchen.«

»Geben Sie her,« sagte Mirabeau, »und ich verspreche Ihnen alles, was Sie wollen.«

»Hier ist es«, sagte Gilbert. »Aber das ist noch nicht alles; beziehen Sie eine Wohnung auf dem Lande. Die tägliche Fahrt nach Paris und wieder zurück wird Ihnen heilsam sein.«

»Ich habe heute früh meinen Bedienten fortgeschickt, um ein Landhaus zu suchen. – Hast du mir nicht gesagt, Julius, daß du in Argenteuil etwas Passendes gefunden hattest?«

»Ja, Herr Graf«, antwortete der Diener. »Das Haus dort ist zu vermieten.«

»Wo ist das Haus?«

»Unweit von Argenteuil ... Man nennt es das Schloß am Bache ...«

»Ach, Argenteuil! Ich habe dort meine Jugend verlebt; der Ort würde mir schon gefallen. Lieber Doktor, fahren Sie mit mir nach Argenteuil.«

»Gut, ich fahre mit«, sagte Gilbert; »wir wollen Ihr künftiges Landhaus in Augenschein nehmen.«

Ein Wagen brachte die Freunde nach Argenteuil. Sie besuchten das Wohnhaus von Mirabeaus Vater und auch das Grab seiner Großmutter. Auf der Weiterfahrt nach dem Reiseziel fanden sie eine Frau am Wege, die ein krankes Kind auf dem Arm hielt; Doktor Gilbert blieb bei der Frau zurück, wahrend Mirabeau weiterfuhr, um das angebotene Haus allein zu besichtigen.

Das Schloß war sehr elegant und mit allen Bequemlichkeiten versehen, so versicherte wenigstens der Gärtner; auch hatte es auf den ersten Blick ganz den Anschein.

Als Mirabeau durch das Gittertor getreten war, befand er sich in einem viereckigen Hofe. Rechts war ein Pavillon, den der Gärtner bewohnte; links ein zweiter Pavillon, der weit zierlicher aufgeputzt war als der gegenüberstehende.

Als Mirabeau den hinter Rosen versteckten Pavillon und das Gärtchen sah, strahlte er vor Freude.

»Ist dieser Pavillon zu vermieten oder zu verkaufen?« fragte er den Gärtner.

»Allerdings,« antwortete dieser, »er gehört ja zum Schloß. Er ist jetzt freilich bewohnt.«

»So! der Pavillon ist bewohnt?« sagte Mirabeau. »Wer bewohnt ihn denn?«

»Eine Dame.«

»Jung?«

»Dreißig bis fünfunddreißig Jahre.«

»Schön?«

»Sehr schön!«

»Gut,« sagte Mirabeau, »wir wollen sehen ... Eine schöne Nachbarin kann nicht schaden ... Zeigen Sie mir das Schloß, mein Freund.«

Der Gärtner öffnete die Tür, und Mirabeau trat in eine Vorhalle. Eine im Hintergrunde befindliche Tür führte in den Garten.

Rechts war das Billardzimmer und der Speisesaal, links ein großer und ein kleiner Salon. Die Einrichtung gefiel Mirabeau, der übrigens zerstreut und ungeduldig schien. Die Fenster des Salons und der Schlafzimmer waren geschlossen. Mirabeau trat an ein Fenster und öffnete es.

Gerade unter dem Fenster, welches er eben geöffnet hatte, saß eine Dame am Fuße einer Trauerweide und las. Ein Knabe von fünf bis sechs Jahren spielte einige Schritte von ihr auf dem Rasen.

Es war seine Nachbarin, eine Frau, die Mirabeau, der für Sinnenlust so empfängliche Mann, gewählt haben würde, wenn sie der Zufall ihm nicht zugeführt hätte.

Sie bemerkte Mirabeau, stand auf, rief ihren Sohn und entfernte sich mit ihm, nicht ohne sich zwei- oder dreimal umzusehen.

Mirabeau erschrak. Die Dame hatte die Gesichtszüge der Königin Marie Antoinette.

Welcher wunderbare Zufall führte diese geheimnisvolle Dame, die das Ebenbild der Königin, vielleicht die Königin selbst war, in den Park des Hauses, das Mirabeau mieten wollte?

Während Mirabeau in Gedanken versunken am Fenster stand, fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Doktor Gilbert kam und erzählte, das kranke Kind, das er auf der Straße getroffen, würde wohl sterben. Im übrigen rate er, das Schloß nicht zu kaufen, die Gegend sei nicht gesund.

Trotz der Warnung des Doktor Gilbert kaufte Mirabeau das Schloß.

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