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Die Gräfin Charny

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Gräfin Charny - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDie Gräfin Charny
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9cf140ca
created20070410
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Achtzehntes Kapitel

Pitou, der nun in Villers-Cotterêts nichts mehr zu tun hatte, begab sich nach Haramont.

Seine Ankunft im Dorfe war ein Ereignis. Die schleunige Abreise des Kommandanten nach Paris hatte viele Mutmaßungen laut werden lassen, und als nun gar ein Adjutant des Generals Lafayette den Befehl überbracht hatte, die bei dem Abbé Fortier aufbewahrten Gewehre zur Ausrüstung der Nationalgarde zu verwenden, hegten die Haramontaner über die politische Wichtigkeit Pitous nicht den mindesten Zweifel mehr.

Pitou war nicht nur Kommandant und Besitzer von fünf bis sechs Louisdor, sondern auch der Überbringer von fünfundzwanzig Louisdor, die der Doktor Gilbert für die Ausrüstung der Haramontaner Nationalgarde bestimmt hatte.

In seiner Eigenschaft als Montierungskomnissar ging Pitou zu dem Schneider Dulauroy, um zu hören, ob dieser die Lieferung der Uniformen für die Nationalgarde in Bausch und Bogen übernehmen wolle, und welchen Preis er dafür verlange. Der Meister erklärte, daß er dreiunddreißig Röcke und Hosen nicht unter dreiunddreißig Louisdor liefern könne. Pitou fand das unchristlich teuer und erklärte, er habe nur über eine bestimmte Summe zu verfügen, und wenn etwa Meister Dulauroy die dreiunddreißig Röcke und Hosen nicht um fünfundzwanzig Louisdor liefern wolle, so werde er dem Meister Bligny den Auftrag geben.

Die Drohung, einem anderen diese bedeutende Lieferung anzutragen, verfehlte ihre Wirkung nicht, und Meister Dulauroy einigte sich mit Pitou, der seine eigene Uniform samt Epauletten noch gratis geliefert verlangte.

Um neun Uhr morgens war das große Geschäft abgeschlossen, und um halb zehn war Pitou, im stillen frohlockend über die seinen Mitbürgern zugedachte Überraschung, wieder in Haramont.

Um elf Uhr wurde Rappell geschlagen, und um die Mittagsstunde war die Nationalgarde unter den Waffen.

Am folgenden Sonntage sollte in Villers-Cotterêts ein Verbrüderungsfest gefeiert werden; zu Ehren des Vaterlandes hatte man einen Altar errichtet, an dem der Abbé Fortier die Messe lesen sollte.

Nach beendeter Messe sollten die Männer den Eid auf die Verfassung leisten.

Die Nationalgarde von Villers-Cotterêts, die seit acht Uhr unter den Waffen stand, erwartete die Volkswehr aus den benachbarten Dörfern und begrüßte jede neu ankommende Schar.

Es versteht sich, daß die patriotische Miliz von Haramont sehnlicher erwartet wurde, als alle anderen. Denn es hatte sich das Gerücht verbreitet, daß die dreiunddreißig Mann, aus denen sie bestand, auf Pitous Verwendung Uniformen erhalten hätten.

Punkt neun Uhr hörte man Trommel und Querpfeife, und am Ende der Hauptstraße erschien Pitou auf seinem Schimmel.

Lauter Jubel erfüllte die ganze Straße bis zum Marktplatz. Tante Angelika, die sich auch unter der Schar der Neugierigen befand, betrachtete Pitou mit so zudringlicher Neugier, daß sie beinahe unter die Füße seines Schimmels gekommen wäre.

Pitou beachtete sie kaum, denn mitten unter den weißgekleideten Mädchen hatte er Katharina erkannt.

Katharina war noch blaß, aber sie war schöner als alle anderen und schien seelenvergnügt, denn sie hatte in dem hohlen Weidenbaume einen Brief gefunden.

Sie winkte Pitou zu. – Pitou steckte seinen Degen in die Scheide, nahm seinen Hut ab und ging mit entblößtem Haupte auf die schöne Pächterstochter zu.

»Oh, ich habe dich anfangs gar nicht erkannt«, sagte Katharina. »Mein Gott, wie schön steht dir die Uniform! ... Dank, tausend Dank!« setzte sie leise hinzu. »Wie gut bist du und wie lieb habe ich dich!«

Plötzlich jedoch ertönte Lärm. Der Abbé Fortier war eingeladen worden, am Verbrüderungsaltar die Messe zu lesen, und die zu der religiösen Feier nötigen Ornamente sollten aus der Kirche auf den Marktplatz gebracht werden. Herr von Longpré, der Bürgermeister, hatte diese Anordnungen getroffen, aber der Abbé weigerte sich hartnäckig, den Weisungen zu folgen.

Er meldete sich krank.

Die Sache nahm eine bedenkliche Wendung. Zu jener Zeit glaubte man noch nicht, daß es möglich sei, ein Fest ohne Messe zu feiern.

Der Bürgermeister beschwichtigte die erste Aufregung, und erbot sich, dem Abbé Fortier in eigener Person einen Besuch zu machen. Die Tür des Pfarrhauses war aber verriegelt wie die Kirchentür. Herr von Longpré klopfte, die Tür blieb verschlossen.

Der Bürgermeister hielt es nun für notwendig, die bewaffnete Macht zu requirieren. Er ließ den Quartiermeister und den Gendarmen rufen. Beide leisteten der Aufforderung sogleich Folge. Eine große Volksmenge zog hinter ihnen her.

Aber in dem Augenblick, als ein Schlosser den Dietrich in das Schloß steckte, tat sich die Tür auf, und der Abbé Fortier erschien auf der Schwelle.

»Zurück!« rief er. »Ihr Ketzer, ihr Gottlosen. Was habt ihr Sodomiter bei dem Diener des Herrn zu tun?«

»Entschuldigen Sie, Herr Abbé,« sagte Herr von Longpré sehr sanft und gelassen; »wir wünschen nur zu wissen, ob Sie am Altar des Vaterlandes die Messe lesen wollen oder nicht.«

»Ob ich dem Aufruhr, dem Undank die Weihe erteilen will? Das können Sie unmöglich erwartet haben, Herr Bürgermeister! ... Sie wollen wissen, ob ich Ihre ruchlose Messe lesen will oder nicht? – Nein, nein, ich will sie nicht lesen!«

»Es ist gut, Herr Abbé,« antwortete der Bürgermeister, »Sie sind frei, und man kann Sie nicht zwingen.«

Da drängte sich ein Mann durch die verblüffte Menge und riß die schon fast geschlossene Tür mit so gewaltiger Kraft wieder auf, daß der Abbé, der doch ein starker Mann war, beinahe rücklings zu Boden gefallen wäre.

Dieser Mann war Billot.

Jedermann erwartete einen furchtbaren Auftritt. Aber Billot begann mit ruhigem, fast sanftem Tone:

»Wie sagen Sie, Herr Bürgermeister? ... Ist es wirklich Ihr Ernst, daß man den Herrn Abbé nicht zwingen könne, den Gottesdienst zu halten, wenn er sich weigert? Ich sage, man kann ihn zwingen.«

»Zurück, gottloser Mensch! Zurück, Ketzer!« rief der Abbé dem Pächter zu.

»Lassen Sie gut sein, Herr Abbé,« meinte Billot, »die Sache ist ganz einfach: wer eine Besoldung bezieht, hat die Verpflichtung, die Arbeit zu verrichten, für die er bezahlt wird. Sie allein weigern sich, Ihre Pflicht zu tun, ja noch mehr, Sie allein geben das Beispiel der Widersetzlichkeit.«

Der Abbé Fortier sah wohl ein, daß er sich verteidigen mußte.

»Die Kirche ist unabhängig«, sagte er; »die Kirche ist selbständig!«

»Eben das ist das Unglück«, entgegnete Billot; »ihr bildet eine abgesonderte Körperschaft; einen Staat im Staate! Aber wenn ihr Franzosen, wenn ihr Bürger unseres Landes seid, wenn ihr von der Nation bezahlt werdet, so, gehorcht der Nation!«

»Ja, ja!« riefen dreihundert Stimmen.

»Im Namen der Nation fordere ich dich daher auf, Priester,« sagte Billot ernst, »dein Friedensamt zu versehen und den Segen des Himmels für deine Mitbürger und dein Vaterland zu erflehen! ... Komm, komm!«

»Bravo, Billot! Es lebe Billot!« riefen alle Stimmen. »Zum Altar, zum Altar mit dem Priester!«

Der Abbé Fortier sah wohl ein, daß kein Widerstand mehr möglich war. »Wohlan denn,« sagte er, »so will ich zum Märtyrer werden!« Und er stimmte laut das » Libera nos Domine« an.

Den Höhepunkt des Festes bildete die Verkündung der Menschenrechte, die Billot am Altar des Vaterlandes unter dem ehrfürchtigen Schweigen der Menge vornahm.

Zum ersten Male hörte das Volk die öffentliche, unumwundene Anerkennung seiner Rechte, vernahm es die Kundmachung einer Verfassung, die ihm erst nach Jahrhunderten der Knechtschaft, des Elends und der Leiden gewährt wurde. Zum ersten Male wurde sich der Landmann, der Handwerker, der Arbeiter seiner Kraft, seiner Menschenwürde bewußt; zum ersten Male berechnete er den Platz, den er auf der Erde einnahm und maß den Schatten, den seine Gestalt in der Sonne warf; er fühlte, daß er unter dem Gesetz stand und nicht mehr von der Laune eines Zwingherrn anhing.

Als daher Billot den ganz neuen, unerhörten Ruf: Es lebe die Nation! erschallen ließ, da fand dieser Ruf in dem Munde aller Anwesenden ein Echo.

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