Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Die Gräfin Charny

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Gräfin Charny - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDie Gräfin Charny
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9cf140ca
created20070410
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel

Der König hatte Mirabeau nicht zum Minister gemacht; er hatte den Entschluß gefaßt, zu warten, Zeit zu gewinnen, da ihm zwei angeknüpfte Unterhandlungen die Aussicht gaben, Paris heimlich zu verlassen und in einer Festung Schutz zu suchen. Das war sein Lieblingsplan.

Charny hatte die Reise von Paris nach Metz in zwei Tagen gemacht. Er hatte den Marquis von Bouillé in Metz gefunden und ihm den Brief des Königs übergeben.

Der Marquis war im ersten Augenblick unschlüssig; als er aber den Namen Charny las und sich des besonderen Vertrauens erinnerte, womit ihn die Königin beehrte, fühlte er sich als treuer Royalist von dem Wunsche durchdrungen, den König dieser scheinbaren Freiheit, die von vielen als eine wirkliche Gefangenschaft betrachtet wurde, zu entreißen.

Er mochte indes noch keinen entscheidenden Entschluß fassen, weil er die Vollmacht Charnys nicht für genügend hielt, und er beschloß, seinen Sohn, den Grafen Louis von Bouillé, nach Paris zu schicken, um sich mit dem König über diesen wichtigen Plan zu besprechen.

Der Graf Louis kam gegen den 15. November in Paris an. Der König wurde damals von dem Marquis von Lafayette sehr sorgfältig bewacht, und der Graf Louis war der Vetter Lafayettes. Da dieser von der durch Charny angeknüpften Verbindung zwischen dem König und dem Marquis von Bouillé nichts wissen konnte, so war für den Grafen Louis nichts einfacher, als sich von Lafayette selbst dem König vorstellen zu lassen. Er sann noch über ein Mittel nach, zum König zu gelangen, als ihm Lafayette schrieb, daß seine Ankunft in Paris bekannt sei, und ihn einlud, ihn zu besuchen.

Der Graf begab sich sogleich zum Generalstab. Der General war im Stadthause, wo er eine Mitteilung Baillys zu empfangen hatte. Aber er fand Herrn Romeuf, den Adjutanten des Generals.

Romeuf war sechsundzwanzig, der Graf Louis zweiundzwanzig Jahre alt; sie sprachen nicht lange von Politik. Überdies wollte der Graf Louis durchaus nichts merken lassen, daß er mit einer ernsten Idee beschäftigt sei.

Er erzählte seinem Freunde Romeuf unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit, er habe Metz ohne förmlichen Urlaub verlassen, um in Paris eine Geliebte zu besuchen.

Während der Graf Louis dem Adjutanten diese vertrauliche Mitteilung machte, erschien der General Lafayette in der Tür. Lafayette ging langsam auf den Erzähler zu und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Aha, jetzt sehe ich, Sie lockerer Zeisig,« sagte er, »warum Sie sich vor Ihrem respektablen Verwandten verstecken!«

Lafayette sah seinen Vetter mit etwas spöttischem Lächeln an. Er wußte, daß sich dieser Zweig der Familie sehr viel um das Wohl des Königs, aber nur wenig um die Freiheit des Volkes kümmerte.

»Mein Vetter, der Marquis von Bouillé,« sagte er mit scharfer Betonung des Titels, auf den er seit dem 5. Oktober verzichtet hatte, »hat seinem Sohn gewiß einen Auftrag an den König gegeben, über dessen Wohl ich wache?«

»Er hat mich beauftragt, ihm die ehrerbietigste Huldigung zu Füßen zu legen,« antwortete der junge Graf, »wenn Herr von Lafayette mich für würdig hält, meinem König vorgestellt zu werden.«

»Sie wünschen Seiner Majestät vorgestellt zu werden? ... Es ist jetzt elf Uhr; um die Mittagsstunde habe ich täglich die Ehre, den König und die Königin zu sehen, und werde Sie sogleich in die Tuilerien führen.«

Dieser Plan stimmte mit den Wünschen des jungen Grafen zu gut überein, als daß er eine Einwendung dagegen hätte machen können; er gab seine Zustimmung und zugleich seinen Dank durch eine Verbeugung zu erkennen.

Eine halbe Stunde nachher präsentierten die Schildwachen am Gittertor das Gewehr vor dem General Lafayette und dem jungen Grafen von Bouillé, ohne zu ahnen, daß sie zugleich der Revolution und Gegenrevolution die militärischen Ehren erwiesen.

Die Türen öffneten sich vor Lafayette, die Lakaien verneigten sich tief; man erkannte leicht den König des Königs, den Bürgermeister der Tuilerien, wie ihn Marat zu nennen pflegte.

Lafayette wurde zuerst zu der Königin geführt; der König war in seiner Schlosserwerkstatt, und man wollte Seine Majestät von der Anwesenheit des Generals in Kenntnis setzen.

Graf Louis wurde von der Königin sehr huldvoll empfangen, wußte diese doch, daß er und sein Vater ihr unbedingt ergeben waren.

Wie begeistert Graf Louis auch durch den huldvollen Empfang war, so verkannte er doch nicht, daß die Königin ihn keineswegs erwartet hatte. Kein geheimnisvoller Wink hatte ihm zu verstehen gegeben, daß sie von seiner Sendung Kenntnis habe. Dies stimmte übrigens mit der Versicherung Charnys, daß der König den Zweck seiner Sendung geheimgehalten, genau überein. Er mußte den König genau beobachten, um aus dessen Worten und Gebärden irgendein ihm allein verständliches Zeichen herauszufinden, daß Ludwig XVI. über die Ursache seiner Reise nach Paris besser unterrichtet sei als Lafayette. Der König hatte Lafayette und den Grafen Louis zu sich in die Schlosserwerkstatt gebeten. An der Tür der Werkstatt fragte der Kammerdiener:

»Wen habe ich zu melden?«

»Melden Sie den Obergeneral der Nationalgarde; ich werde die Ehre haben, Seiner Majestät diesen Herren selbst vorzustellen.«

»Der Herr Oberkommandant der Bürgergarde«, meldete der Kammerdiener.

Der König sah sich um.

»Aha! Sie sind's, Herr von Lafayette!« sagte er. »Verzeihen Sie, daß ich Sie hierher kommen ließ; aber der Schlosser heißt Sie willkommen in seiner Werkstatt.«

»Sire!« antwortete Lafayette, »in welchem Anzug Eure Majestät mich zu empfangen geruhen, Sie werden in mir jederzeit den treuesten Untertan finden. Dieser junge Offizier, den ich Eurer Majestät vorzustellen mir erlaube, ist mein Vetter, der Graf Louis von Bouillé, Hauptmann im Dragonerregiment ....«

»So!« unterbrach ihn der König, dessen Überraschung dem jungen Kavalier nicht entging, »ach ja, der Graf Louis von Bouillé, Sohn des Marquis von Bouillé, Kommandanten von Metz.«

»Jawohl, Sire«, sagte der junge Graf lebhaft.

»Verzeihen Sie, Herr Graf, daß ich Sie nicht erkannt habe. Sind Sie schon lange von Metz fort?«

»Fünf Tage, Sire, und da ich wohl mit besonderer Erlaubnis meines Vaters, aber ohne förmlichen Urlaub in Paris bin, so bat ich meinen Vetter um die Ehre, Eurer Majestät vorgestellt zu werden.«

»Den General? ... Sie haben wohlgetan, Herr Graf; niemand war mehr geeignet, Sie zu jeder Stunde vorzustellen und von niemandem würde es mir angenehmer gewesen sein.«

Übrigens hatten die wenigen Worte Ludwigs XVI. den jungen Grafen hinlänglich gewarnt, auf seiner Hut zu sein. Jene Frage zumal: ›Sind Sie schon lange von Metz fort?‹ bedeutete: ›Haben Sie Metz nach der Ankunft des Grafen von Charny verlassen?‹

Die Antwort des Boten war dem König verständlich genug.

»Ja, sehen Sie, General, ich habe ein Schloß angefangen«, begann der König jetzt. »Ich sage Ihnen, was ich arbeite, damit Sie Herrn Marat die Wahrheit sagen können; er könnte sonst wieder behaupten, ich gehe in die Werkstatt, um Fesseln für Frankreich zu schmieden ... Sie sind weder Geselle noch Meister, Herr von Bouillé?«

»Nein, Sire! aber ich bin Lehrling, und wenn ich Eurer Majestät in etwas nützlich sein könnte ...«

»Es ist wahr, lieber Vetter,« sagte Lafayette, »der Mann Ihrer Amme war ein Schlosser, und Ihr Vater sagte, wenn er dessen Rat folgen wolle, so werde er einen Schlosser aus Ihnen machen.«

»Ganz recht, General, und deshalb hatte ich die Ehre, mich Seiner Majestät als Lehrling anzutragen ...«

»Ein Lehrling wäre mir in der Tat gar nicht unwillkommen«, sagte der König.

»Was für ein Schloß soll ich machen, Eure Majestät?« fragte der junge Graf, »ein Damenschloß, ein Fallschloß oder ein auf beiden Seiten schließendes Schloß?«

»Oho, Vetter,« sagte Lafayette, »in diesem Handwerk scheinen Sie so bewandert, daß man Sie fast für einen Mann von Fach halten könnte.«

Ludwig XVI. hatte dem jungen Kavalier mit sichtlichem Vergnügen zugehört.

»Ich fürchte,« sagte er, »daß ich meiner Kunst zu viel zugetraut habe ... Ach! wenn ich meinen braven Meister Gamain noch hätte!«

»Ist der edle Mann denn tot, Sire?«

»Nein«, antwortete der König mit einem Seitenblick, den der junge Graf sehr wohl verstand; »nein; er ist in Versailles, Rue des Reservoirs. Er wird sich nicht in die Tuilerien getraut haben.«

»Warum nicht, Sire?« fragte Lafayette.

»Aus Furcht, sich zu kompromittieren. Ein König von Frankreich ist heutzutage sehr kompromittierend, lieber General. Man sieht's ja: alle meine Freunde sind fort ... Wenn Sie es nicht für unangemessen halten, daß er mir mit einem Lehrling an die Hand gehe, so will ich ihn in diesen Tagen holen lassen.«

»Sire,« antwortete Lafayette lebhaft, »Eure Majestät wissen wohl, daß nur Sie selbst die Personen zu bestimmen haben, welche das Glück haben sollen, in Ihrer Nähe zu weilen.«

»Jawohl, unter der Bedingung, daß Ihre Schildwachen die Eintretenden durchsuchen, wie man die Schmuggler an der Grenze durchsucht ...«

»Sire, ich weiß nicht, wie ich mich bei Eurer Majestät entschuldigen soll. Betreffs des Schlossermeisters geruhen Eure Majestät nur zu befehlen ...«

»Es hat damit keine Eile; erst in acht bis zehn Tagen brauche ich ihn, ihn und seinen Lehrling ... Ich werde ihn durch meinen Kammerdiener Durey, der sein Freund ist, in Kenntnis setzen lassen.«

»Er darf sich nur melden, Sire, um ungehindert zu Eurer Majestät zu gelangen. Gott behüte mich davor, Sire, den Namen eines Kerkermeisters, den man mir so gerne geben möchte, zu verdienen! Ich wollte Sie sogar bitten, Sire, Ihre Jagden, Ihre Ausflüge wieder anzufangen.«

»Oh, meine Jagden, nein, ich danke ... Überdies habe ich jetzt ganz andere Dinge im Kopfe ... Mit meinen Reisen ist es dasselbe; die letzte, die ich gemacht habe, – von Versailles nach Paris, hat mir die Reiselust benommen ... wenigstens habe ich nicht Lust, in so großer Gesellschaft zu reisen.«

Ludwig XVI. warf wieder einen Blick auf den Grafen von Bouillé, der durch ein kaum bemerkbares Augenblinzeln dem König zu erkennen gab, daß er ihn verstanden.

»Und jetzt,« sagte Ludwig XVI., sich zu dem jungen Grafen wendend, »werden Sie bald wieder nach Metz gehen?«

»Sire,« antwortete Bouillé, »ich verlasse Paris in zwei bis drei Tagen, aber nicht, um sogleich wieder nach Metz zu gehen; ich wollte zuvor meiner Großmutter in Versailles, Rue des Reservoirs, einen Besuch abstatten; erst in acht bis zehn Tagen kann ich die betreffende Person sehen, deren Befehle ich in einer Familienangelegenheit zu empfangen habe. Ich werde daher erst Anfang Dezember wieder bei meinem Vater sein ...«

Der König verabschiedete seinen Besuch; er wußte, daß er und Graf Louis sich verstanden hatten.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.