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Gutenberg > Aischylos >

Die Grabesspenderinnen

Aischylos: Die Grabesspenderinnen - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleGriechische Tragiker Aischylos, Sophokles, Euripides
authorAischylos
translatorJ. G. Droysen (Berlin 1832)
year1961
publisherDeutscher Bücherbund
addressStuttgart, Hamburg
titleDie Grabesspenderinnen
pages163-198
senderahipler@mainz-online.de
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Erste Strophe

Chor:
Erde wohl nähret manch riesengrausig Ungeheur,
Tief in Meeres dunklem Grund wimmelt wohl
Manch Knäul menschengierger Scheusale,
Und durch die Abenddämmrung hin
Schweift des Meteores Schein,
Schweift das Geflügel der Lüfte, das Wild in der Waldung
Und der Windsbraut Wolkenjagd!

Erste Gegenstrophe

Aber wer nennt des Manns freche Stirn mit Namen je,
Wer die scheulose Wut je des Weibs,
Dies allfrechste, lüstre Lustbuhlen,
Den Menschen alles Jammers Kost!
Solcher Ehe, solches Paars
Weibergeherrschtes, verworfenes Lieben erreicht nichts
Ungeheures, Menschliches!

Zweite Strophe

Hört ihr, so ihr nicht mit Flattersinn
Eitlen Spiels forschet,
Was einst Thestias, was die Kindesmörderin arg ersann,
Jenen Brand geheimen Mordes!
Sie hat verbrannt ihres Sohnes
Lebensfackel, die mit ihm war,
Seit ihr Schoß ihn geboren,
Mit ihm währte sein Lebelang,
Bis sein Ende gekommen.

Zweite Gegenstrophe

Ihr gleich sei in aller Mund verhaßt
Skylla bluttriefend;
Sie hat Feindes halb einen, der ihr teuer war, umgebracht!
Mit goldgeflochtnem Kreterhalsband,
Mit Minos' Brautgabe bestochen,
Schnitt das Haar der Unsterblichkeit
Sie dem schlafenden Nisos,
Die Schamlose, dem Vater ab;
Doch einholte sie Hermes.

Dritte Strophe

Gedacht ich so unerweichbar grauser Wut,
So ist es unzeitig, noch der schnöden Eh, noch dem Greul in diesem Haus,
Den weiberarglistgen Ränken wider ihn,
Den Mann im Kriegswaffenschmuck,
Den Mann, des Ruhm aller Feinde Schrecken war –
Ehrfurcht noch da diesem ausgebrannten Herd,
Dem ohnmachtfeigen Weib zu hegen!

Dritte Gegenstrophe

Vor allen Untaten ragt die lemnische;
Als ganz verrucht wird in aller Sage sie nachgeklagt; doch dieses Greul,
Wohl wird's mit Recht dem von Lemnos gleich genannt!
Durch gottverabscheute Schuld
Versinkt, entweiht seiner Ehren, dies Geschlecht;
Denn keiner ehrt fürder, was der Gott verwarf.
Ist eins hier, was ich nicht gerecht zeih?

Vierte Strophe

Das auf die Brust gesetzte Schwert,
Hinein bohrt's tief bitterscharfen Mord unter Dikes Hand; denn Todsünde tritt
Nimmer niemand in den Staub; die alle Furcht
Vor Zeus hinwegwerfen, sind des Todes!

Vierte Gegenstrophe

Auf festem Grund steht Dikes Macht;
Ihr Richtschwert wetzt Aisa schon, die Schwertfegerin; es bringt den Sohn heim ins Haus,
Alten Hauses ältre Schuld zu züchtigen,
Die wache, listkundge Nachterinnys! –

(Orestes und Pylades mit einigen Begleitern, alle als Wanderer gekleidet)

Orestes (an die Tür der Gastwohnung pochend:)
He, Bursch! Du hörst, man pocht hier an der Außentür!
Ist keiner da? Bursch! heda, Hausbursch! öffne doch!
Zum dritten Male ruf ich dich, mir aufzutun,
Wenn bei Aigisthos' Zeiten ihr noch gastlich seid!

Bursche:
Ja doch, ich höre! Freund, wer bist du und woher?

Orestes:
Der hohen Herrschaft deines Hauses hier bestell,
Zu ihnen käm ich, brächte Neuigkeiten mit.
Mach schnell; es fährt in ihrem dunklen Wagen schon
Die Nacht herauf; Zeit wird es, daß ein Wandersmann
In seinem Gasthaus Anker wirft, sich auszuruhn.
Es komme jemand, der Gewalt hier hat, die Frau
Etwa des Hauses, doch der Mann ist schicklicher;
Denn wenn Verlegenheit das Wort nimmt, Freund, so tappt
Die Red im Dunkeln, aber dreister spricht der Mann
Zum Mann, und Zeugnis sagt er deutlich und genau.

(Bursche ab. Klytaimestra tritt mit Elektra und einigem Gesinde auf)

Klytaimestra:
Fremdlinge, sagt, was ihr bedürft; euch steht bereit,
Was irgend unsrem Fürstenhause ziemen wird,
Ein warmes Bad und, aller Müdigkeit Entgelt,
Ein weiches Lager, biedrer Wirte Gegenwart;
Und wäre weitres euch mit mehr Bedacht zu tun,
So ist's der Männer Sache; wir berichten's gleich.

Orestes:
Fremd kam ich her, aus Phokis bin ich, ein Daulier;
Als ich, mein eigen Bündel auf den Schultern, her
Gen Argos wandre, wo ich übernachten wollt,
Traf unbekannt mich Unbekannten einer an
Und sprach, nachdem er meinen Weg von mir gehört
– Der Phoker Strophios war es, hört ich im Gespräch –:
"Wenn du denn sonst auch, Freund, gen Argos gehen mußt,
So sage doch den Eltern, die du leicht erfragst,
Orestes sei gestorben, und vergiß es nicht;
Ob dann die Seinen ihn zurückgebracht zu sehn,
Ob ihn im Ausland und für alle Zeiten fern
Begraben wünschen, solchen Wunsch sag mir zurück;
Denn einer erzgetriebnen Urne Raum verschließt
Des vielbeweinten, teuren Mannes Asche jetzt."
Was ich gehört hab, sag ich nach; ob ich es nun
Den Rechten, die es hören müssen, sage, nicht
Weiß ich's, erfahren aber muß sein Vater es.

Elektra:
Weh mir! Von Grund aus werden jetzt wir hingestürzt!
Du, dieses Hauses unbezwinglich grauser Fluch,
Wie vieles Nah und Fernes, das uns glücklich stand,
Zerstörst du fernher zielgewiß mit deinem Pfeil!
All meiner Lieben machst du mich ganz Arme arm;
Nun auch Orestes, welcher wohlberaten war,
Daß fern den Fuß er aus des Verderbens Sumpf gelenkt,
Er, unsre Hoffnung, er, dem schönen Taumelrausch
Ein letzter Arzt, sie nennet jetzt ihn – nah und da!

Orestes:
O wär ich doch Gastfreunden, die so reich und hoch,
Durch gute Botschaft, die ich brächte, heut bekannt
Geworden und als Freund begrüßt. Was Liebres kann,
Als solch ein Gastfreund, einem in der Fremde sein?
Doch mir im Geist erschien es als Gottlosigkeit,
Den Angehörgen solchen Bericht nicht kundzutun,
Da ich's versprochen und als Freund hier ward begrüßt.

Klytaimestra:
Nicht minder soll dir werden, was dein würdig ist,
Noch wirst du weniger gelten drum als Hauses Freund;
Dasselbe hätt ein andrer doch uns hinterbracht.
Doch ist es Zeit jetzt, daß den Fremden, die den Tag
Hindurch gewandert, was bequem ist, werd geschafft;
(Zu einem der Diener)
Ihn selber führ zum gastlich offnen Männersaal,
Und wenn du zurückkommst, seine Reisegefährten auch,
Damit sie dort sich finden, was für sie bequem.
Dein ist der Auftrag, und du haftest mir dafür.
Wir aber werden dies dem Herrn des Hauses treu
Mitteilen und mit unsern Freunden insgesamt
Wohl überlegen, was in diesem Fall zu tun.
(Alle ab)

Chorführerin:
Auf, teuere Schar! Auf, Mägde vom Haus!
Wie geben wir kund
Für Orestes unsres Gebets Wunsch?
Du heiliger Herd, du der Gruft heiliger
Erdhügel, der jetzt du des Meerfeldherrn,
Des gewaltigen, Königsleichnam birgst,
Nun hör uns, nun sei hilfreich!
In den Kampf des Betrugs geht Peitho jetzt,
Und der Gruft Hermes, mit hinein tret er,
Und der Nacht Hermes, er begleite dich treu
Zum vertilgenden Kampfe des Schwertes!

(Kilissa, die Amme, kommt)

Chor:
Der fremde Mann hat, scheint es, Böses mitgebracht;
Denn weinend seh ich dort Orestes' Amme nahn.
Wohin, Kilissa, gehst du aus des Hauses Tor?
Und mit dir kommt ja unbezahlte Traurigkeit!

Kilissa:
Aigisthos, sagt die Herrin, soll ich ungesäumt
Den Fremden herbescheiden, daß er deutlicher,
Der Mann von Männern, ihre Neuigkeiten mag
Mit eignen Ohren hören. Vor dem Gesinde zwar
Verbirgt in finstern Augen sie geflissentlich
Ihr Lachen; denn nun ist geschehn das Freudigste
Für sie, fürs Haus steht's aber ganz und gar betrübt
Seit dieser Nachricht von den fremden Wanderern!
Und freilich, er wird herzlich sich darüber freun,
Wenn er die Zeitung höret! O ich arme Frau!
Ist doch von alten Zeiten her schon vielerlei
Unsäglich Unglück hier in Atreus' altem Haus
Bis heut geschehn, das mir das Herz im Leib zerreißt;
Doch solchen Kummer hab ich niemals noch erlebt!
All andres Leid trug ich geduldig bis ans End;
Daß aber mein Orestes, meiner Seelen Lust,
Den aus der Mutter Schoß ich nahm und auferzog
Mit aller Unruh nächtens, wenn das Kindchen schrie,
Und all den vielen Plagen, die ich vergebens nun
Ertrug – denn Kinder ohne Nachgedanken muß
Wie's liebe Vieh man ziehn, nicht wahr? mit viel Verstand;
Da kann es denn nicht sprechen, solch ein Windelkind,
Ob's Hunger, ob es Durst hat oder pinkeln will,
Der kleine Magen macht, was je nach seiner Not;
Das muß voraus man merken, und, glaub mir, man irrt
Sich auch und wäscht dem Kinde dann die Windeln rein,
Versieht zugleich der Wäscherin und Amme Dienst;
Und ich versah die beiderlei Geschäfte selbst
Und nahm Orestes, für den Vater aufzuziehn –,
Nun muß ich Arme hören, daß er gestorben ist,
Muß nun zum Herrn gehn, der geschändet unser Haus
Und meine Zeitung frohen Sinnes hören wird!

Chor:
In welcher Weise will sie, daß er kommen soll?

Kilissa:
Wie welcher? Sag noch einmal, daß ich's recht versteh!

Chor:
Ob seine Wache mit ihm oder er allein?

Kilissa:
Umringt von Lanzenknechten will sie, daß er kommt.

Chor:
Das aber sag dem Herren, den du ja hassest, nicht;
Allein erscheinen mög er, hören ohne Furcht.
Das geh und meld ihm ungesäumt und freue dich;
Bei mancher Botschaft nützet ein verheimlicht Wort!

Kilissa:
Bist gar du froh noch über solche Neuigkeit?

Chor:
Abwenden wird Zeus' Willen einst noch allen Gram!

Kilissa:
Wie das? Orestes, unsres Hauses Hoffnung, starb!

Chor:
Nicht doch; ein schlechter Seher schon erkennte das!

Kilissa:
Was sagst du? Weißt du andres, als berichtet ward?

Chor:
Geh hin und melde! Mach es, wie ich's dir gesagt;
In Gottes Hand liegt, was geschehen muß und wird!

Kilissa:
Ich geh und führ es ganz nach deinem Willen aus;
O daß es glücklich ende durch der Götter Rat!
(Kilissa ab)

Erste Strophe

Chor:
Höre jetzt mein Gebet, du der hochselgen Götter Vater, Zeus!
Laß erlosen mich ein Los, unverrückt
Das Weise treu forschenden Sinns zu schaun!
Sprach ich all mein Gebet
Dir doch gerecht, Zeus, du nimm's in Obhut!
Zeus! Zeus!
Doch Gewalt über die Todfeinde gewähr dem im Palast, den du doch großzogst!
Doppelte Buße laß
Und dreifältige dir gefallen!

Erste Gegenstrophe

Denk es wohl, unsres vielteuren Herrn Waise ward ins Leidenjoch
Eingeschirrt; gib ein Maß seinem Lauf!
Wer hielte leicht, läuft er in diesem Feld,
Richtig Maß, sichres Ziel,
Wenn er des Unheils Bahn dahinstürmt?

(Zeus! Zeus!
Doch Gewalt über die Todfeinde gewähr dem im Palast, den du doch großzogst!
Doppelte Buße laß
Und dreifältige dir gefallen!)

Zweite Strophe

Götter ihr, die ihr der vielreichen Schatzkammer wachet im Palast,
Götter, hört mich gnädig an!
Auf denn! Einst verübter Freveltat
Blutschuld sühnet durch ein neu Gericht;
Der greise Mord zeuge weiter nicht im Haus!

Diesen, der mordet mit Recht,
Herr, du in tiefkündender Kluft,
Lasse zum Heil du ihn des Vaters Haus sehn!
Lasse du frei ihn und hell
Mit seinem teueren Aug durch der grausigen Frevel Nacht schaun!

Zweite Gegenstrophe

Allgerecht helfen mag Maias Sohn, rasch in rascher Förderung
Kühne Tat gern endigen!
Unausforschlich forscht er fernstes Ziel,
Gießt Nacht, gießet Dunkel vor das Aug,
Am hellen Tag heller nicht noch kenntlicher!
(Diesen, der mordet mit Recht,
Herr, du in tiefkündender Kluft,
Lasse zum Heil du ihn des Vaters Haus sehn!
Lasse du frei ihn und hell
Mit seinem teueren Aug durch der grausigen Frevel Nacht schaun!)

Dritte Strophe

Vieler Sang, sühnender,
Soll dem teuren Hause dann,
Weiblich fromm gesungener
Zur Zither, alle Schuld zu bannen,
Tönen durch die Stadt. – Geschäh's!
Mein, ja mein blüht dann allen Glücks Gewinn,
Und Ata weicht den Teuren fern!

Sohn! Sohn!
Dann im Mut stark, wenn du hintrittst und es ausführst und dazu nennst Vaters Namen
Und sie "Kind!" dich ruft,
So doch ende das Graunverhängnis!

Dritte Gegenstrophe

Dann hinwegblickend, Sohn,
Dann wie Perseus, unerschreckt,
Mußt den Deinen, die das Grab deckt,
Du den Deinen hienieden erfüllen
Der Liebe grambittern Haß!
Führe so drinnen aus dein blutig Amt,
Den Mord der Mordesschuldigen!

(Sohn! Sohn!
Dann im Mut stark, wenn du hintrittst und es ausführst und dazu nennst Vaters Namen
Und sie "Kind!" dich ruft,
So doch ende das Graunverhängnis!)

(Aigisthos tritt ohne Gefolge auf)

Aigisthos:
Nicht ungerufen komm ich; Boten sandte man;
Denn fremde Männer, hör ich, kamen, brachten uns
Viel Neuigkeiten, aber nicht erfreuliche,
Den Tod Orestens. Würde das im Hause kund,
Entsetzentriefend Grausen weckt' es leicht im Haus,
Das noch an alten Wunden krankt und altem Schmerz.
Soll ich es wahr, lebendig nennen? Oder ist's
Ein weiberhaftes, furchtgebornes Truggeschwätz,
Das durch die Luft hin eitel fliegt und eitel stirbt?
Weißt du vielleicht mir irgend drüber Sicheres?

Chor:
Wir hörten's freilich; aber drinnen frage selbst
Die fremden Männer; wenig Wert hat Botenwort,
Da du selbst von ihnen selber alles hören kannst.

Aigisthos:
Selbst sehn und fragen will ich denn den fremden Mann,
Ob er bei seinem Tod gewesen oder nur
Aus dunklen Reden so erfuhr und weiterspricht;
Denn meines Geistes scharfen Blick betrügt man nicht.
(Ab in den Palast)

Chorführerin:
Zeus, Zeus, was sag, was nenn ich zuerst
Im heißen Gebet, im brünstigen Wunsch?
Wie sprech ich es aus,
Daß es gleichkommt unserer Treue?
Jetzt muß es geschehn, daß des mordenden Schwerts
Kühnwagende, blutig begonnene Tat
Entweder hinweg von der Erde vertilgt
Das teure Geschlecht Agamemnons –
Oder er selbst schürt Lustfeuer uns bald
An dem Freiheitsfest und gewinnet der Stadt
Herrschaft, sein väterlich Erbteil!
Schon tritt er allein zwei Feinden zugleich
Entgegen zum Kampf, der göttliche Held
Orestes; geschäh es zum Siege!

Aigisthos (hinter der Szene:)
Ach! Weh mir, wehe!

Chor:
Horch doch! weh, o horch!
Weh! was ist?
Was geschieht im Palast?

Laßt uns hinweggehn, denn das Werk wird nun vollbracht,
Auf daß wir schuldlos scheinen mögen dieser Tat;
Denn bald erreicht ist dieses Kampfes Ziel und Schluß.
(Der Chor setzt sich auf die Stufen des Grabes)

Knecht (aus dem Palast stürzend:)
O weh des Mordes! Totgeschlagen ist der Herr!
O weh noch einmal! Und zum dritten Male weh!
Aigisthos ist nicht mehr! O öffnet, öffnet doch!
(Pocht an die Tür des Frauenhauses)
So schnell wie möglich! Schließet, brecht die Riegel auf
Im Weiberhause; ja es braucht da große Kraft,
Nicht ihm zu helfen, der ist tot. Was ist es mehr!
Ho! hoiho!
(Wiederholtes Pochen)
Zu Tauben schrei ich, und zu eitel Schlafenden
Umsonst. Wo ist Klytaimestra? Auf! Was säumt sie noch?
Nun scheint's, daß um ein kleines von des Henkers Schwert
Ihr eigner Nacken im Gericht hinsinken wird!

Klytaimestra (tritt heraus:)
Was ist geschehn, sprich? Welch Geschrei tobst du ins Haus?

Knecht:
Die Toten, sag ich, morden die Lebendigen!

Klytaimestra:
Weh mir! Im Rätsel auch versteh dein Wort ich wohl!
List fänget uns jetzt, gleich wie wir einst mordeten!
Mein altes Mordbeil gib mir eilig jetzt hervor;
(Knecht ab)
Laß sehen, ob wir siegen werden, ob besiegt!
Dahin gekommen ist es nun in meinem Leid!

(Orestes und Pylades treten aus dem Palast)

Orestes:
Ich suche dich auch! Er erhielt sein volles Teil!

Klytaimestra:
Weh mir! Erschlagen du, Aigisthos' teure Kraft?

Orestes:
Du liebst den Mann? So liege denn in einem Grab
Mit ihm; verrat du doch den Toten nimmermehr!

Klytaimestra:
Halt ein, o Sohn! Nein, scheue diese Brust, o Kind,
Die Mutterbrust, an welcher du einschlummernd oft
Mit deinen Lippen sogst die süße Muttermilch!

Orestes:
Was tu ich, Pylades? Scheu ich meiner Mutter Blut?

Pylades:
Wo bleiben dann die andren Gottverheißungen
Des Pythotempels, wo der eignen Eide Band?
Hab alle lieber als die Götter dir zu Feind!

Orestes:
's ist wahr, du siegest und gemahnst ans Rechte mich!
So folg mir, töten will ich neben jenem dich.
Im Leben war vor meinem Vater der dir wert,
Du sollst im Tod auch bei ihm schlafen; denn du liebst
Den Menschen; den du lieben mußtest, hassest du!

Klytaimestra:
Ich zog dich groß, Kind, altern mit dir will ich auch!

Orestes:
Du mit mir wohnen, meines Vaters Mörderin?

Klytaimestra:
Es ist die Moira, liebes Kind, all dessen schuld!

Orestes:
So hat die Moira auch verschuldet diesen Mord!

Klytaimestra:
O Sohn, und scheust du deiner Mutter Flüche nicht?

Orestes:
Die du mich gebarst, verstoßen hast du mich ins Weh!

Klytaimestra:
Dich nicht verstoßen hab ich in des Freundes Haus!

Orestes:
Zwiefach verkauft ward ich, des freien Vaters Sohn!

Klytaimestra:
Wo ist der Kaufpreis, den ich je für dich empfing?

Orestes:
Die Scham verbeut mir, auszusprechen deinen Schimpf.

Klytaimestra:
O nein! Doch sag auch, was getan dein Vater hat!

Orestes:
Wenn du daheim bliebst, richte nicht mit dem, der kämpft!

Klytaimestra:
Vom Gatten fern sein, Kind, es schmerzt die Gattin sehr!

Orestes:
Des Mannes Mühsal nährt die still Heimsitzende!

Klytaimestra:
So willst du mich umbringen, deine Mutter, Sohn?

Orestes:
Mitnichten ich; nein, du ermordest selbst dich selbst!

Klytaimestra:
Du! vor der Mutter grimmen Hunden hüte dich!

Orestes:
Die meines Vaters, laß ich dich, wie meid ich die?

Klytaimestra:
So wein ich lebend an dem Grabe denn umsonst?

Orestes:
Des Vaters Schicksal stürmet auf dich diesen Tod!

Klytaimestra:
Weh, diesen Drachen, den ich geboren und genährt!

Orestes:
Ein rechter Seher war dir deines Traumes Angst!
Du erschlugst, den du nicht mußtest; gleiches leide jetzt!
(Beide ab. Der Chor nähert sich ängstlich)

Chorführerin:
Laßt uns beweinen beider doppelt Mißgeschick;
Und weil Orestes traurig jetzt zum Gipfel führt
Die viele Blutschuld, lasset beten uns zugleich,
Daß dieses Hauses Auge nicht ganz brechen mag!

Erste Strophe

Chor:
Des Bluts Rächerin den Priamiden kam,
Die strafwilde Poina;
Das Blut rächend, kam in Agamemnons Haus
Ein Löwenpaar, ein Arespaar;
Blutig errang sein Ziel
Der gottgesandte Flüchtige,
Der auf des Gottes Rat hierher wanderte.

Jauchzet, o jauchzet laut, daß das erlauchte Haus
Rein der Beschimpfung ward, daß von der reichen Habe nicht
Geudet und schwelgt das Frevlerpaar,
Ein fluchwürdger Hohn!

Erste Gegenstrophe

Längst Vorsorgerin heimlichen Kampfes kam
Die listsinnge Poina;
Und Hand angelegt hat in dem Kampf des Zeus
Wahrhaftes Kind: Gerechtigkeit
Rufen wir Menschen sie
Und nennen recht ihren Namen,
Die mit Verderbens Wut den Feind niederstürmt!

(Jauchzet, o jauchzet laut, daß das erlauchte Haus
Rein der Beschimpfung ward, daß von der reichen Habe nicht
Geudet und schwelgt das Frevlerpaar,
Ein fluchwürdger Hohn!)

Zweite Strophe

Also hat der parnassische Loxias,
Welcher die tiefe Kluft inne der Erden hat,
Mit truglosem Trug sich jetzt genaht,
Der spätstrafende!
Die Gottheit überwindet! Wohl gebührt's,
Fromm zu scheun der Himmlichen Gericht;
Wieder erscheinet Licht!
Seines gewaltgen Jochs seh ich das Haus befreit!
Wiederersteh, du Haus, das du so lange Zeit
Im Staub gestürzt darniederlagst!

Zweite Gegenstrophe

Und einzieht die Allenderin bald, die Zeit,
In des Palastes Tor, wenn von dem heilgen Herd
Gescheucht jegliche Schuld
Durch reinigende Sühne des Verderbens ist.
Das Glück, liebe Ruh im Antlitz,
Uns Zitternden froh zu schaun,
Die ins Haus sich eingenistet, hat's gestürzt!

Wieder erscheinet Licht!
(Seines gewaltgen Jochs seh ich das Haus befreit!
Wiederersteh, du Haus, das du so lange Zeit
Im Staub gestürzt darniederlagst!)

(Aus der königlichen Pforte tritt Orestes mit bluttriefenden Händen; Pylades, Gefolge; auf einer Bahre werden die Leichen von Aigisthos und Klytaimestra herausgetragen)

Orestes:
Da seht ihr dieses Landes Doppeltyrannei,
Die Vatermörder, die Zerstörer meines Stamms!
In stolzer Hoheit saßen sonst sie auf dem Thron,
Und jetzt vereint sie Liebe noch, wie dort ihr Los
Es zeigt, und treu bleibt altem Schwure noch ihr Bund.
Vereint den Vater umzubringen schwuren sie,
Vereint zu sterben; nun geschah's nach ihrem Schwur.
Ihr aber alle, dieser Leiden Zeugen, seht
Dies Truggewirk an, meines armen Vaters Garn,
Die Fessel seiner Hände, seiner Füße Zwang!
Spannt ihr es weit aus, zeigt im Kreise ringsumher
Des Helden Fangnetz, daß es sehn der Vater mag –
Nicht meiner, sondern Helios, der alles dies,
Der meiner Mutter gottverfluchte Taten schaut',
Auf daß er einst mir im Gericht kann Zeuge sein,
Wie ganz gerecht ich diesem Morde nachgejagt
Der Mutter; denn Aigisthos' Tod ist tadelfrei;
Er fand, des heilgen Rechts Verletzer, sein Gericht.
Doch wenn ein Weib so argen Haß sann ihrem Mann,
Von dem sie Kinder doch im eignen Schoße trug,
Einst teure Last, jetzt offenkundig ärgsten Feind –
Was meinst du? Giftaal, Viper wurde sie erzeugt,
Daß, wen sie anrührt, ungebissen der verfault
Ob ihrer Frechheit, ihres Sinns Ruchlosigkeit.
(Deutet auf das Netz)
Wie nenn ich das gar, daß der Name treffend sei?
Fangzeug des Wildes, fußumschlingend Leichentuch,
Des Beckens Mordgezelte, nenn's ein Jägernetz,
Heimtückisch Stellgarn, fußverfangend Fluchgewirk!
Ein Straßenräuber finde sich desgleichen aus,
Der seinen Gastfreund tückisch fängt, in Raub und Mord
Sein Leben hinbringt; viele dann mit solcher List
Zu morden, das sei seines Lebens rechte Lust!
Mir aber werde solche Hausgenossin nie,
Ehr wollt mich, Götter, sterben lassen kinderlos!

Chor:
Weh, weh! Weh, weh der entsetzlichen Tat!
Wie gräßlichen Todes du umkamst!
Weh, weh! Weh, weh!
Weh blüht auch dem, der zurückbleibt!

Orestes:
Hat er's vollendet oder nicht? Dort das Gewand
Gibt mir ein Zeugnis, daß es trank Aigisthos' Blut;
Des Mordes Färbung aber eint sich mit der Zeit,
Hinwegzutilgen all des Purpurs Farbenpracht!
Nun preis ich mich, nun jammr ich laut auf, hierzustehn
Und anzureden meines Vaters Mordgespinst;
Es quält mich meine Tat, mein Leid, all mein Geschlecht,
Mit dieses Sieges reicher Schuld verflucht zu sein!

Chor:
Kein Sterblicher ist's, der das Leben in Ruh
Hinbringt und jeglicher Schuld frei!
O Sohn, Trübsal
Kommt bald dem, anderen später!

Orestes:
Ein andrer sieht's einst, wo das Ziel – ich weiß es nicht;
Gleichwie mit Rossen aus der fliegenden Wagen Bahn
Ras ich hinaus; fort reißt mich zügellos der Geist,
Unwiderstehlich. Meines Herzens Entsetzen will
Sein Lied beginnen, seinen Tanz zum Schall der Wut! –
Solang Bewußtsein mir noch bleibt, hört, Freunde, mich!
Die eigne Mutter schlug ich tot mit Fug und Recht,
Die Gottverhaßte, mir um Vatermord verflucht;
Und meiner Kühnheit Liebestrank, ihn mischte mir
Der Pythoseher Loxias durch seinen Spruch:
Daß, wenn ich's täte, sonder Schuld ich sollte sein,
Wenn ich es ließe – meine Strafe nenn ich nicht;
Mit keinem Pfeil reicht keiner ab ein solches Leid!
Und jetzt, ihr seht mich, wie ich will, fromm angetan
Mit diesem Ölzweig, diesem Kranze, bittend ziehn
Zum Heiligtum der Mitten, Loxias' Gefild,
Zum Licht der Flamme, die die ewge wird genannt,
Verwandter Blutschuld zu entfliehn; denn Loxias
Gebot mir, keinem andren Herde mich zu nahn.
Ich aber sag euch, die Argiver allzumal
Bezeugen einst mir, welches Leid mir ward erfüllt;
Doch ich, der Heimat flüchtig, irr in fremdem Land;
Leb ich und sterb ich, diesen Ruhm laß ich zurück.

Chorführerin:
Du tatst es schön so; drum zu bösem Worte nicht
Schließ deinen Mund auf noch ein schlimmes Zeichen sprich;
Du gabst der Freiheit unsre ganze Stadt zurück,
Da beide Drachen mächtig du zu Boden schlugst!

Orestes:
Ach!
Getreue Frauen, seht sie dort, Gorgonen gleich,
Die faltig Schwarzverhüllten, Haardurchflochtenen
Mit dichten Schlangen; bleiben nicht mehr kann ich hier!

Chor:
Was für ein Wahnbild, du des Vaters liebstes Kind,
Scheucht dich empor? Bleib, fürchte nichts, Siegreicher du!

Orestes:
Nicht ist's ein Wahnbild, was mich dräuend dort entsetzt,
Nein, meiner Mutter wutempörte Hunde sind's!

Chor:
's ist frisches Blut dir, Kind, an deinen Händen noch,
Daraus Verwirrung deinen Geist dir überfällt.

Orestes:
O Fürst Apollon! Wuchernd mehrt sich ihre Schar!
Aus ihren Augen triefen sie grausenhaftes Blut!

Chor:
Es gibt Entsühnung! Wenn du Loxias berührst,
So wird er huldreich dieser Qualen dich befrein!

Orestes:
Ihr freilich seht sie nicht; ich aber sehe sie!
Mich jagt's von hinnen! Bleiben nicht mehr kann ich hier! –
(Stürzt hinaus)

Chor:
All Glück geleit dich; gnädig möge schaun auf dich
Ein Gott und dich bewahren vor Gefahr und Tod!

So ward dem Geschlecht denn der Könige nun
Dreimaliger Sturm,
In das Haus hintobend, geendet!
Zum ersten begann kindfressendes Greul
Die entsetzliche Schuld;
Zum zweiten des Herrn unköniglich Los;
Denn im Becken erwürgt kam um der Achair
Kriegsherrlicher Fürst;
Zum dritten erschien – nenn Heiland ich,
Nenn Mörder ich ihn?
Wo endet es je? Wo findet noch Ruh
Die besänftigte Macht des Verderbens?

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