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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 97
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Neunundzwanzigster Gesang

    Solang Latonas Tochter mit dem Sohne –
Bedeckt vom Widder die, der von der Wage,
Am Himmelsrand einnimmt die gleiche Zone,

    Wenn der Zenit sie hält in ebener Lage
Bis sie sich lösen aus dem Gleichgewichte,
Daß jeder einem andern Halbkreis tage –

    Solang, ein Lächeln hold im Angesichte,
Schwieg Beatrice, fest den Blick gewendet
Zum Punkt, der mich bezwang mit seinem Lichte.

    Dann sprach sie: »Ungefragt sei dir gespendet,
Was du begehrst. Denn dorther sah ichs tagen,
Wo jedes Wo und Wie sich trifft und endet.

    Nicht um vermehrtes Gut davonzutragen –
Unmöglich wärs! – nein, daß im Glutgestiebe
Ihr Abglanz nur ›Ich bin‹ vermag zu sagen,

    Erschloß in ihrer Ewigkeit, im Triebe
Eignen Gefallens, Raum und Zeit entgegen,
In neuer Liebe sich die Ewige Liebe.

    Nicht daß sie wie erstarrt zuerst gelegen;
Denn kein Vorher noch Nachher war vorhanden,
Eh Gott sich wollt auf diesen Wassern regen.

    Gestalt und Stoff, gemischt und lauter, fanden
(Alsob dreifacher Strang drei Pfeile schösse)
Den Weg, im makellosen Sein zu landen.

    Und wie in Bernstein, Glas, Kristall sich gösse
Ein Lichtblitz, daß kein Auge vom Entzünden
Bis zum Durchflammtsein merkt, ob Zeit verflösse:

    So ließ der Herr dreifache Wirkung münden
In Fülle aus sichselbst, daß im Entspringen
Nicht Anfang oder Ende zu ergründen.

     Ordnung ward miterschaffen allen Dingen
Und eingeprägt. Als Weltengipfel standen
All jene, die das reine Tun empfingen.

    Die nur die reine Möglichkeit empfanden,
Verblieben drunten, aber mitten innen,
Die Tun und Möglichkeit in eins verbanden.

    Hieronymus läßt freilich vom Beginnen
Der Engelschöpfung bis zu der der Welten
Verschiedene Jahrhunderte verrinnen.

    Die Schreiber Heiligen Geists jedoch erhellten
Die Wahrheit uns, bezeugt in viel Kapiteln.
Und hast du acht, läßt du sie völlig gelten.

    Schon die Vernunft kann teilweis dies ermitteln;
Denn Weltbeweger in des Nichtstuns Banden
Solang zu sehn, darf sie mit Recht bekritteln.

    Nun weißt du, wo und wann und wie entstanden
Die Liebesgeister hier, sodaß drei Flammen
Von deinem Wunsch bereits die Löschung fanden.

    Doch zählt man zwanzig nicht so rasch zusammen,
Als ein Teil dieser Engel schon gesonnen,
Zu lockern euers Grundbaus Schloß und Krammen.

    Der andre blieb und hat die Kunst begonnen,
Die du hier sahst, wozu ihn Lust entzückte,
Daß er sich nie getrennt vom Tanz der Wonnen.

    Anstoß zum Falle gab der gottentrückte
Verworfene Hochmut des, den du sahst leiden,
Wo ihn des ganzen Erdballs Wucht bedrückte.

    Die du hier siehest, fühlten sich bescheiden
Zum Werkzeug jener Güte festverpflichtet,
Die Kraft giebt, sich an solchem Schauen zu weiden.

    Drum wurden sie zum Anschaun mehr durchlichtet
Vom Glanz durch ihr Verdienst und Gottesgnade,
Daß ihre Willensstärke nichts vernichtet.

     Drum hoffe (und kein Zweifel dich belade),
Daß es Verdienst ist, Gnade zu erlangen,
Jenachdem Neigung offenhält die Pfade.

    Wenn meine Worte dir zu Herzen drangen,
Wirst du begreifen jetzt des Hofstaats Leben,
Auch ohne fremde Hilfe zu empfangen.

    Doch weil man euch noch sieht am Wahne kleben,
Der Engeln pflegt in eurer Schulen Sprengel
Gedächtnis, Willen und Vernunft zu geben,

    So hör noch dies von der Natur der Engel,
Damit du Wahrheit siehst, die Mißverstehen
Gehüllt in doppelsinniges Wortgemengel.

    Sie, deren Augen Gottes Antlitz sehen,
Dem nichts verhüllt ist, werden von dem Schimmer
Niewieder die entzückten Blicke drehen,

    Drum stört ihr Schauen etwas Neues nimmer.
Und frei von der Erinnerung Gängelbande,
Bleibt unzerspalten ganz ihr Denken immer,

    Sodaß wohl wachend träumt im Erdenlande,
Wer glaubt und nicht dran glaubt, was er verbreitet.
Doch liegt im Letzten größere Schuld und Schande.

    Nicht eine Straße drunten ihr beschreitet,
Wenn ihr philosophiert. Ihr irrt im Groben,
Von Klügelei und Lust am Schein verleitet.

    Und dies erweckt noch mindern Zorn hier oben,
Als wenn die Heilige Schrift, dem Sinn zum Possen,
Verdreht wird oder gar beiseitgeschoben.

    Dabei denkt niemand, wieviel Blut geflossen
Beim Säen dort; noch, wie in Gnaden steigen,
Die sich in Demut an sie angeschlossen.

    Abstechen will man; darum sucht zu zeigen
Der Pfaff, was er spitzfindig ausgeheckt hat.
Und dabei muß das Evangelium schweigen.

     Der sagt, daß rückwärts sich der Mond versteckt hat
Bei Christi Tod und vor die Sonne stellte,
Sodaß kein Lichtstrahl sich zur Welt erstreckt hat,

    Und lügt! Sie barg sichselbst am Himmelszelte,
Weil Finsternis dem Spanier auch und Inder,
Und nicht allein dem Juden sich gesellte.

    Lapi und Bindi zählt Florenz weit minder,
Als derlei Fabelkram, den hier alljährlich
Von Kanzeln niederschreien der Torheit Kinder,

    Daß heim vom Feld, mit Wind genährt nur spärlich,
Die blöden Schäflein ziehn. Von solchem Schunde
Nichtssehn, ist als Entschuldigungsgrund gefährlich!

    Christus sprach nicht zum ersten Jüngerbunde:
Geht hin in alle Welt und predigt Possen!
Nein, Wahrheit gab er hin zum sichern Grunde.

    Und die ist so aus ihrem Mund erflossen,
Daß Schild und Lanze sie als Glaubensstreiter
Im Evangelium hielten festumschlossen.

    Heut ist ein Possenheld und Witzverbreiter
Der Prediger. Wenn die Hörer lachend schauen,
Bläht sich die Kutte; und man will nichts weiter.

    Doch solch ein Vogel pflegt sein Nest zu bauen
Im Zipfel: nähm das Volk den wahr, es nähme
Auch wahr den Ablaß, dem es schenkt Vertrauen.

    Die Dummheit auch so geil ins Kraut nicht käme,
Daß jeglicher Verheißung, die gar keine
Beweiskraft stützt, zu traun man sich nicht schäme.

    Dies dient zur Fettmast dem Sankt-Antonsschweine.
Und andre, die noch schlimmer sind als Säue,
Die bringen Falschgeld unter die Gemeine. –

    Doch da wir abgeschweift sind, laß aufs neue
Gradaus uns schaun und nicht die Zeit verpassen,
Daß wegverkürzend bald das Ziel dich freue.

     Natur der Engel wächst zu solchen Massen
Der Anzahl nach, daß Maß und Sprache fehlen
Und sterbliche Gedanken, dies zu fassen.

    Und du erkennst im Wort von Danielen,
Daß er zehntausendmalzehntausend kündet,
Um die bestimmte Zahl nur zu verhehlen.

    Das Erste Licht, das alle sie entzündet,
Ist so verschieden darin aufgegangen
Als Lichter sind, mit denen sichs verbündet.

    Drum, weil der Freude Maß nach dem Empfangen
Sich richtet, muß die Süßigkeit der Liebe
Mehr oder minder heißen Grad erlangen.

    Sieh nun die Hoheit und freigebigen Triebe
Der Ewigen Kraft, die Spiegel sich erlesen
Soviel, daß sie millionfach drin zerstiebe

    Und Einsinsich bleibt, wie sie stets gewesen.«

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