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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 96
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Achtundzwanzigster Gesang

    So wies vom heutigen Leben mir geschäftig
Jene am Menschenleid der Wahrheit Schimmer,
Die meinen Geist schuf paradieseskräftig.

    Und dem gleich, der im Spiegel Kerzenflimmer
Gewahr wird, den man hinter ihm entzündet,
Eh er ihn sah und dessen dachte nimmer,

    Und umschaut dann, ob sich ihm Wahrheit kündet,
Und sieht, daß Bild und Abbild sich verflochten
Im Glas wie Wort und Weise sich verbündet:

     So weiß ichs wohl, daß meine Augen mochten
Betrachten ihre schönen, draus die Schlingen
Mir Amor wob, die einst mich unterjochten.

    Rückschauend sah ich mir ins Auge dringen,
Was der in diesem Buch wohl stets erkannte,
Dem aufmerksam umher die Blicke gingen:

    Ich sah ein Pünktchen, drin ein Lichtkern brannte,
Der jedes Auge ob des allzugrellen
Blitzscharfen Leuchtens siegreich übermannte.

    Ließ neben ihn der kleinste Stern sich stellen,
Groß wie ein Mond erschien er dem Gesichte,
Wenn Sterne neben Sterne sich gesellen.

    Im gleichen Abstand wohl, alsob dem Lichte
Ein Hof als Gürtel dient, wenn er umrungen
Von seinem Träger Dunst in stärkster Dichte:

    Solch naher Glutring hielt den Punkt umschlungen,
Der in der Drehung rasendschnellem Wogen
Dm schnellsten Himmel hätte leicht bezwungen.

    Und diesen hielt ein zweiter Kreis umzogen,
Um den ein dritter sich, ein vierter reihte,
Um den der fünfte dann und sechste flogen.

    Dann kam der siebente von solcher Weite,
Daß Junos Botin, voll als Kreis beschrieben,
Ihn zu umspannen wär zu klein an Breite.

    Der acht und neunte folgte so den sieben,
Doch stets die größern mit geringerer Schnelle
Jeferner sie der Eins beim Zählen blieben.

    Und dessen Flamme war von reinster Helle,
Der minderfern dem lauteren Funkenreigen,
Weil, glaub ich, mehr ihn tränkt der Wahrheit Quelle.

    Und meine Herrin, die mich sah in Schweigen
Und Sorge, sprach: »An diesen Punkt gebunden
Natur und Himmel sich abhängig zeigen.

     Schau den Kreis, der ihn hält zunächst umwunden;
Und wisse, daß er durch die glühende Liebe,
Die ihn so stachelt, schnellsten Schwung gefunden.«

    Und ich zu ihr: »Wenn gleiche Ordnung triebe
Die Welt, drin hier ich seh die Kreise gehen,
Nichts am Gehörten mir zu wünschen bliebe.

    Doch in der Welt der Sinne kann man sehen
Um soviel göttlicher die Kreise schwingen,
Jeferner sie vom Mittelpunkt sich drehen.

    Soll daher an sein Ziel mein Sehnen dringen
In diesem wunderprächtigen Engelstempel,
Drum Liebe nur und Licht die Grenze schlingen,

    So muß ich hören noch, warum sich Stempel
Und Prägstock, Ab- und Urbild widerstreiten.
Allein kann ich nicht lösen dies Exempel.« –

    »Kein Wunder ists, wenn hier auf Schwierigkeiten
Dein Finger stößt, weil niemand daran dachte,
Dem Knoten längst die Lösung zu bereiten.«

    So meine Herrin. Und dann sprach sie: »Achte
Auf meine Rede. Und soll sie als Speise
Dich sättigen, recht mit Scharfsinn sie betrachte.

    Weit sind und eng die körperlichen Kreise,
Ganz wie die Kraft durch alle ihre Teile
Hinströmt in stärkrer oder schwächerer Weise.

    Größere Güte wird zum größern Heile,
Größeres Heil hält größeren Raum umschrieben;
Gesetzt, daß gleiche Kraft in jedem weile.

    Von dem all-andres Weltsystem getrieben
Im Schwung wird, er entspricht dem Kreis deswegen,
Der da zumeist an Wissen hat und Lieben.

    Drum, willst du an die Kraft den Maßstab legen,
Nicht an den äußern Umfang der geschwinden
Substanzen, die als Kreis vor dir sich regen,

     So wirst du Wunderbaren Einklang finden,
Wie sich gemäß dem Geist in allen Kreisen
Minder-mit-Klein und Groß-mit-Mehr verbinden.«

    Wie klaren Glanz des Himmels Räume weisen,
Wenn Boreas aus der uns holdern Wange
Den mildern Lufthauch bläst, den frühlingsleisen,

    Sodaß der Nebel weicht dem warmen Zwange,
Und Himmelsblau uns läßt das Herz aufgehen,
Alsob drauf aller Engel Lächeln prange:

    So ward mir, als mit Antwort mich versehen
Die Herrin. Und ich sah durch ihre Güte
Wahrheit wie einen Stern am Himmel stehen.

    Und dann, als ihre Worte schwiegen, sprühte
Ein Funkentanz aus jedem Kreis wie Eisen,
Wenn unterm Hammer ächzt das weißgeglühte.

    Und alle Funken folgten ihren Kreisen,
Um sich noch tausendfacher zu entfalten,
Als Schachbrettzahlenspiele dies beweisen;

    Worauf von Chor zu Chor Hosiannas schallten
Dem festen Punkt, der sie in Schwung und Drehen
Stets hielt, noch hält, und ewig so wird halten.

    Und sie, die Zweifel sah in mir entstehen,
Begann: »Du hast in den zwei ersten Reigen
Die Cherubim und Seraphim gesehen,

    Die, jenem Punkt sich möglichstgleich zu zeigen,
So hurtig, wie sein Triebseil will, sich schwingen:
Und möglich ists, jemehr sie schauend steigen.

    Die andern Wonnen, die darum sich schlingen,
Heißt man des göttlichen Gesichtes Throne,
Die so der ersten Dreiheit Abschluß bringen.

    Soviel wird jedem Seligkeit zum Lohne,
(Dies wisse!) als er tief zur Wahrheit schreitet,
Daß drin sein Geist beglückt und wunschlos wohne.

     Draus kann man sehn, wie sich den Grund bereitet
Das Seligsein im Schauensvorgang eben,
Des Liebens nicht, der ihn erst später leitet.

    Dem Schauen will Verdienst den Maßstab geben,
Erzeugt durch guten Willen und durch Gnade.
So muß es sich von Grad zu Grad erheben.

    Die andere Dreiheit, die im lauen Bade
Himmlischer Lenzluft blüht mit ewigem Flore,
Daß nie mit Nachtfrost ihm der Widder schade,

    Läßt aus dreifach-verschlungenem Freudenchore
Ein ewig Lenzhosianna dreifach rinnen
Dreifacher Melodie vor Gottes Ohre.

    In dieser Himmelsschar sind drei Göttinnen.
Herrschaften siehst du erst, dann Kräfte glänzen;
Die Mächte sind als dritte Ordnung drinnen.

    Dann kreisen in den zwei vorletzten Kränzen
Als Fürstentümer und Erzengel Schwebende;
Der letzte dient zu Engelspiel und -tänzen.

    Sie alle sind mit Blicken Aufwärtsstrebende;
Nach unten siegend, daß zu Gottes Frieden
Alle gehoben sind und auch sind Hebende.

    Schon Dionys, der brünstig rang hienieden,
Daß er all diese Ordnungen betrachte,
Hat sie wie ich genannt und unterschieden.

    Doch anders dann Gregor als jener dachte;
Was ihn, sobald er durft den Blick erschließen
Im Himmel hier, sichselbst belächeln machte.

    Und ließ solch ein Geheimnis euch genießen
Ein Sterblicher auf Erden, staune nimmer;
Denn wer es droben sah, ließ ihm es fließen

    Mit Wahrheit mehr aus dieser Kreise Schimmer.«

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