Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dante >

Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 95
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
Schließen

Navigation:

 

Siebenundzwanzigster Gesang

    Dem Vater, Sohn und Heiligen Geist erdröhnte
Vom ganzen Paradies ein Gloriasingen,
Daß ich berauscht ward, weil so süß es tönte.

    Ein Weltallslächeln schien mich zu umringen,
Als ich die Wonnen wie in Rauschberückung
Durch Ohr und Auge fühlte mich durchdringen.

    O Wonne! O unsägliche Entzückung!
O friedenreich-vollkommenes Liebesleben!
O wunschlos-sichern Reichtums Vollbeglückung!

    Vor meinen Augen standen glutumgeben
Die Fackeln alle vier. Doch heller wieder
Sah ichs im erstgekommenen Licht sich heben.

    Und so wohl strahlte Jupiter hernieder,
Wenn er und Mars, zu Vögeln rasch geworden,
Vertauschen könnten auch ihr Lichtgefieder.

    Die Vorsicht, die hier läßt im seligen Orden
Den Dienst nach Ämtern und Beruf geschehen,
Gebot jetzt Schweigen rings den Dankakkorden,

    Als ich vernahm: »Siehst du mich zornrot stehen,
So staune nicht. Beim Hören meines Tones
Wirst du hier alle bald erröten sehen.

    Der sich auf Erden anmaßt meines Thrones,
Ja, meines Thrones, meines Throns als Beute,
Der leer vorm Antlitz steht des Gottessohnes,

    Macht meine Grabstatt zur Kloake heute
Von Blut und Stank, was jenen, der zum Schlunde
Von hier gestürzt, den Argen, drunten freute.« –

    Und wie zur Morgen- oder Abendstunde
Der Sonne gegenüber Wolken prangen,
Sah ich den Himmel rot im tiefsten Grunde.

     Und wie ein züchtig Weib, das sich umfangen
Von eigener Tugend fühlt, um fremd Vergehen
Beim Hören schon empfindet Schreck und Bangen,

    Sah ich verwandelt Beatricen stehen.
So, als die Höchste Macht in Qualen stöhnte,
war, glaub ich, die Verfinstrung anzusehen.

    Dann fuhr er redend fort. Doch wie jetzt tönte
Die Stimme anders ganz, als sie begonnen,
Sah auch sein Antlitz aus, das unversöhnte.

    »Nicht ist für Christi Braut mein Blut verronnen,
Noch hat des Linus, Cletus Blut sie nähren
Gewollt, daß schnödes Gold man draus gewonnen.

    Nein, daß sie hier des seligen Lebens wären,
Gab Sixtus, Pius, Calixt, Urban den Knechten
Das Blut dahin mit vielen bittern Zähren.

    Nicht war es unsere Absicht, daß zur Rechten
Von unsern Folgern nur ein Teil erschiene
Des Christenvolks, ein andrer links gleich Schlechten,

    Noch daß der Schlüsselbund, der mir verliehne,
Auf einem Banner, das in Glaubensnöte
Die Gläubigen führt, als Kriegeszeichen diene,

    Noch daß mein Bild ich für die Siegel böte
Käuflicher und verlogener Ablaßbriefe,
Drob ich zornfunkensprühend oft erröte.

    Raubgierig schleichen sieht man in der Tiefe
Wölfe in Hirtenkleidern auf die Weiden –
O daß doch Gottes Schutz nicht länger schliefe!

    Der Baske und Cahorse, diese beiden,
Sind lüstern schon nach unserm Blut. Welch Ende
Voll Schmach muß ach! ein guter Anfang leiden.

    Doch hohe Vorsicht, die für Rom behende
Die Weltmacht sichern ließ in Scipios Siegen,
Ich sehe, daß sie bald uns Hilfe sende!

     Und du, mein Sohn, den Erdenlast die Stiegen
Hinabziehn wird, sprich dreist von meinem Zorne.
Und nicht verschweige, was ich nicht verschwiegen.«

    Wie Flocken aus der Luft gefrorenem Borne
Herniederschneien, wenn zur Sonne rückte
Die Himmelsziege mit dem Doppelhorne,

    Sah ich, wie droben sich der Äther schmückte
Und, die bei uns geweilt, sich aufwärtshoben
Als Flammenflocken, die der Sieg entzückte.

    Und ich war ihrem Wirbeltanz nach oben
Soweit mit meinem Blicke nachgedrungen,
Bis sie mir im Unendlichen zerstoben;

    Worauf die Frau, die mich sah losgerungen
Vom Aufwärtsschauen, sprach: »Laß abwärtsgleiten
Den Blick und sieh, wie du dich umgeschwungen.«

    Vom ersten Niederblick bis jetzt zum zweiten
Ließ dieser Flug des ersten Klimas Bogen
Vom Mittel- bis zum Endpunkt mich durchschreiten,

    Daß ich von Gades jenseit sah die Wogen,
Die toll Ulyß durchflog, hier das Gestade,
Wo süß als Last Europa hingezogen.

    Und mehr hätt ich entdeckt auf meinem Pfade
Von unserer Tenne; aber mir zu Füßen
Schritt fort die Sonne um ein Zeichen grade.

    Mein Geist, der immer-neu mit meiner süßen
Gefährtin liebend buhlt, war voll Verlangen
Entbrannt, sie wieder schauend zu begrüßen.

    Wie weit Natur und Kunst auch je gegangen,
In Fleischesreiz und Farbenmeisterstücken
Die Seele durch die Augenlust zu fangen:

    Alldiesem könnte keine Schilderung glücken
Der Götterlust, die strahlend mich durchdrungen,
Als mir ihr lächelnd Antlitz schuf Entzücken.

     Und jene Kraft, die mir ihr Blick errungen,
Ließ Ledas schönem Neste mich enteilen,
Daß ich zum schnellsten Himmel ward entschwungen.

    In seinen nächsten wie auch fernsten Teilen
Ist er so gleich, daß ich nicht könnte nennen
Den Ort, wo Beatrice mich ließ weilen.

    Doch sie, die meine Sehnsucht sah entbrennen,
Begann mit also lächelfrohen Sinnen,
Als ließ sich Gottes Freude drin erkennen:

    »Natur des Weltalls, die voll Ruhe drinnen
Die Mitte hält, und alles läßt sich drehen,
Sie muß von hier als Ausgangspunkt beginnen.

    Und sonst kein Wo läßt dieser Himmel sehen,
Als Gottes Geist, dran Liebe sich entzündet,
Die ihn beschwingt, und Kraft, die ihn läßt wehen.

    Liebe und Licht umkreisen ihn verbündet,
wie er die andern. Und jedwede Regung
Bewirkt nur Der, der ihn so wohl geründet.

    Nichts andres dient zum Maß ihm der Bewegung;
Vielmehr giebt er das Maß den andern Sphären,
Wie Halb und Fünftel dient zur Zehnzerlegung.

    Und wie in dem Topf sich die Wurzeln nähren
Des Zeitenbaums, und seine Blätter leben
Im andern, kannst du dir nun selbst erklären.

    O Gier, wie tiefhinab tauchst du das Streben
Der Menschen, daß aus deinem Wogenrollen
Die Augen keiner mehr kann aufwärtsheben.

    Wohl blühet in den Menschen noch das Wollen.
Doch strömt der Regen aller Land und Ecken,
Macht er aus echten Pflaumen Hutzelknollen.

    Unschuld und Glaube sich allein erstrecken
Auf Kinder noch. Doch beides schwindet leise,
Bevor die Wangen sich mit Flaum bedecken.

     Ein lallend Kind hält an der Fastenweise.
Gelöster Zunge siehst du es sich laben
In jedem Jahresmond an jeder Speise.

    Und wer die Mutter pflegte liebzuhaben
Als lallend Kind: wenn er der Sprache mächtig,
Dann wünscht er, säh er sie doch erst begraben.

    So dunkelt schnell die Haut, erst weiß und prächtig,
Der schönen Tochter jener, die den Morgen
Uns bringt und abends dann macht alles nächtig.

    Doch staune nicht, der Grund ist nicht verborgen:
Es fehlt euch, der auf Erden herrsche weise;
Drum macht der falsche Weg der Menschheit Sorgen.

    Doch eh der Januar ganz sich löst vom Eise,
Weil drunten ihr das Hundertstel mißachtet,
Werden so dröhnen diese höchsten Kreise,

    Daß jener Sturm, den man solang erschmachtet,
Das Heck wird in des Schnabels Richtung lenken,
Sodaß die Flotte graden Laufes trachtet,

    Und echte Frucht wird nach der Blüte schenken.«

 << Kapitel 94  Kapitel 96 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.