Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dante >

Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 92
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
Schließen

Navigation:

 

Vierundzwanzigster Gesang

    O Bruderschaft, zum großen Mahl erlesen
Des heiligen Lammes, das so reich euch speiste,
Daß eurer Sehnsucht ewig ihr genesen!

    Wenn Gott erlaubt, daß dieser sich erdreiste,
Eh er dem Tod verfiel, von euern Tischen
Die Brosämlein zu kosten schon im Geiste,

    So prüft sein Sehnsuchtsglühn. Laßt ihn erfrischen
Ein Tröpflein aus dem Kelch, drin euch zum steten
Genuß die Wonnen, die er wünscht, sich mischen.«

    So Beatrice. Und die Seelen drehten
Sich froh gleich Sphären um die feste Base,
Wobei sie heftig flammten gleich Kometen.

    Wie Räder kreisen hinterm Uhrenglase,
Wo der Beschauer denkt, es hätt gemieden
Den Gang das erste, und das letzte rase,

    So schwang der Reigen sich im Tanz verschieden-
artig, daß seinen Reichtum ich erkannte,
wie er mit Schnell und Langsam war zufrieden.

     Aus jenem Kreis, der mich als schönster bannte,
Sah ich ein Feuer nahn und so froh strahlen,
Daß keines übrigblieb, das heller brannte.

    Um Beatricen schwangs zu dreien Malen
Sich mit so göttlichsüßen Melodieen:
Zu schildern sie versuchen, hieße prahlen.

    Drum unterdrückts die Feder. Worte liehen
Nur Farben, die zu grell für diese Falte.
Selbst Fantasie muß hier den kürzern ziehen.

    »O heilige Schwester mein, dein Bitten schallte
So fromm und zeugte von so glühendem Lieben,
Daß ich vom schönen Tanz gern fern mich halte.«

    Dann ließ die heilige Glut, die stehngeblieben,
Zu meiner Herrin gehn des Atems Lohen
Nach jenen Worten, die ich hier geschrieben.

    Und sie: »O ewiges Licht des Mannes, des hohen,
Dem unser Herr auf Erden übertragen
Die Schlüssel hier zum Fest, dem wunderfrohen,

    Prüf, wie du magst, in leicht und schweren Fragen
Den hier, ob er im Glauben wird betroffen,
Der auf dem Meer zu wandeln dich ließ wagen.

    Ob recht sein Lieben, recht sein Glauben und Hoffen,
Du weißt es, weil du hinschaust, wo vollkommen
Sich alle Dinge spiegeln klar und offen.

    Doch weil dies Reich nur Bürger aufgenommen
Durch den wahrhaften Glauben, mag zum Preise
Des Glaubens hier zu sprechen diesem frommen.«

    So wappnet sich der Baccalaureus leise,
Bevor die Frage fällt von Meisters Munde,
(Nicht zur Entscheidung, nein nur zum Beweise)

    Wie ich mich wappnete mit jedem Grunde,
Indem sie sprach, um rühmlich zu bestehen
Vor solchem Prüfer und mit solcher Kunde.

     »Sprich, guter Christ, laß dein Bekenntnis sehen:
Was ist der Glaube?« – Und zum Lichte schnelle,
Als es gesprochen, ließ den Blick ich gehen;

    Und dann zu Beatricen, deren helle
Augen mir winkten, vor ihm auszugießen
All das Gewässer meiner innern Quelle.

    »Läßt Gnade mein Bekenntnis mir erfließen,«
Begann ich, »vor dem hohen Erstlingsstreiter,
Laß sie auch klar mein Denken sich erschließen.

    Wie es mit wahrem Griffel,« sprach ich weiter,
»Dein teurer Bruder, Vater, schon getroffen,
Den Rom gleich dir gehabt zum rechten Leiter,

    Ist Glaube Wesenheit des, was wir hoffen,
Und der Beweis von dem, was wir nicht sehen.
Und darin liegt vor mir sein Wesen offen.« –

    »Recht denkst du,« hört ich drauf sein Wort ergehen,
»Sofern du auch den Grund erkennst, weswegen
Stoff und Beweis bei ihm geschieden stehen.« –

    »Die tiefen Dinge,« hielt ich ihm entgegen,
»Die hier mir willig ihren Anblick leihen,
Sind unsern Augen drunten so entlegen,

    Daß dort im Glauben nur liegt ihr Gedeihen,
Worauf wir unsere hohe Hoffnung bauen.
Dem Stoffbegriff ist er drum anzureihen.

    Und weil wir ohne jedes sonstige Schauen
Aus diesem Glauben sollen Schlüsse ziehen,
Daher muß man ihm als Beweisgrund trauen.« –

    »Wenn alles, was durch Lehren ist gediehen,«
Vernahm ich jetzt, »ihr unten so verstündet,
So hätt es kein Sophistenwitz verschrieen.«

    Dies hauchte jene Flamme liebentzündet,
Und fügte bei: »Wie ich die Münze wäge,
So hast du sie nach Korn und Schrot ergründet.

     Doch hast du sie im Beutel?« – Ich, nicht träge,
Sprach rasch: »Jawohl, ich hab die blanke runde;
Und niemals ward ich irre am Gepräge.«

    Drauf scholl es aus des Lichtes tiefstem Munde,
Das dort geglänzt: »Dies Kleinod, draus allwegen
Jedwede Jugend baut als festem Grunde,

    Wo kam dirs her?« – Und ich: »Der reiche Regen,
Vom Heiligen Geist ergossen, dessen Feuchte
Die alt und neuen Pergamente hegen,

    Galt zwingend als Vernunftschluß mir und scheuchte
Die andern fort ganz ohne Vorbehalte,
Daß jeder mich als lahm und irrig deuchte.«

    Dann hört ich: »Warum glaubst du, daß die alte
Und neue Schrift, draus dir solch Schluß erblühte,
In Wahrheit Gottes Worte denn enthalte?«

    Und ich: »Die Werke, draus mir Wahrheit sprühte,
Beweisens, wozu die Natur entzündet
Kein Feuer noch beim Amboß selbst sich mühte.«

    Und er: »Sag, worauf sich dein Glaube gründet
An diese Werke? Nur, was selbst entbehrte
Beweises noch, sonst giebts nichts, was sie kündet.« –

    »Wenn ohne Wunder sich die Welt bekehrte
Zu Christus,« sprach ich, »stehen die andern Taten
Der einen nach im Hundertstel am Werte.

    Denn arm und darbend gingst du, um die Saaten
Ins Feld zu legen für die gute Pflanze,
Die Weinstock einst und jetzt zum Dorn mißraten.«

    So schloß ich. Und da klangs vom heiligen Kranze
Des hohen Hofs: »Laß uns, Herrgott, dich loben,«
In Tönen, die man dort nur hört im Glanze.

    Und jener Freiherr, der mich so nach oben
Von Zweig zu Zweige prüfend höherführte,
Wo schon die letzten Blätter sich verwoben,

     Fuhr fort: »Die buhlend deinen Geist berührte,
Die Gnade hat bis hierher dir erschlossen
Den Mund, wie solch Erschließen ihm gebührte,

    Sodaß ich billige, was ihm entflossen.
Doch was du glaubst, gilts jetzt noch zu bekunden;
Und auch, woher dein Glaube sich ergossen.« –

    »O heiliger Vater, Geist, der schauend gefunden,
Was du so glaubtest, daß vorm Grabesschlunde
Du gar noch jüngere Füße überwunden,«

    Begann ich da. »Es soll aus meinem Munde
Dir meines Glaubens Inhalt klar erscheinen
Und das, was festgeprägt ihm liegt zugrunde?

    Wohlan: Ich glaub an Gott, den Ewig-Einen,
Der unbewegt die Himmel kann bewegen
Aus Liebessehnsucht, seiner göttlich-reinen.

    Und diesen Glauben mir nicht nur belegen
Physik und Metaphysik, nein: vertreten
Kann ihn die Wahrheit auch, die hier als Regen

    Auf Moses strömt, auf Psalmen und Propheten,
Aufs Evangelium und was ihr geschrieben,
Als Geistesflammen adelnd euch durchwehten.

    Ich glaub an drei Personen, die stets blieben
Und ewig bleiben Eins, doch dreigestaltig,
Daß niemals sunt und est ihr Bild verschieben.

    Dies Rätsel, das so göttlich-tiefinhaltig,
Besiegelt, wie gesagt, mir im Gemüte
Des Evangeliums Lehre mannigfaltig.

    Dies ist der Ursprung. Dies ist, was mir sprühte
Als Funke, der lebendig mich durchglommen
Und dann in mir als Himmelsleitstern glühte.«

    Gleichwie der Herr, der Frohbotschaft vernommen,
Den Diener, wenn er schweigt, im Freudendrange
Umarmt der Botschaft halb, die ihm willkommen,

     So dreimal schwang um mich wie zum Empfange
Sich des Apostels Licht, als ich geendet,
Und segnete mein Reden im Gesange,

    Weil es solch Wohlgefallen ihm gespendet.

 << Kapitel 91  Kapitel 93 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.