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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 89
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Einundzwanzigster Gesang

    An meiner Herrin Antlitz neugebunden
Hing schon mein Blick und was die Seele dachte,
Und jeder andere Wunsch war mir entschwunden.

     Und jene lachte nicht, nein: »Wenn ich lachte,«
Sprach sie zu mir, »so würd es dich verzehren
Gleich Semelen, die Glut zu Asche machte.

    Denn meine Schönheit – die sich pflegt zu mehren
Im ewigen Palast, jemehr wir steigen,
Wie du dich konntest stufenweis belehren –

    Sie würde ungedämpft solch Feuer zeigen,
Daß deine Erdenkraft wär bald zerstoben
Gleich schwachem Laub an blitzversengten Zweigen.

    Wir sind zum siebenten Glanzgestirn enthoben,
Das, unterm Löwenherzen, dem glutheißen,
Herniederstrahlt, mit dessen Kraft verwoben.

    Den Augen nach laß deinen Geist sich reißen
Und laß gleich Spiegeln für das Bild sie walten,
Daß dir in diesem Spiegel hier wird gleißen.« –

    Wers wüßte, wie ihr Anblick zu entfalten
Mir stets verstand die höchste Augenweide,
Als andrer Sorge nun die Blicke galten,

    Der säh die Lust, Gehorsam dem Bescheide
Der himmlischen Gefährtin zu erzeigen,
Wenn er erwogen die Gefühle beide.

    In dem Kristall, der durch die Welt im Reigen
Dahinträgt seines teuern Führers Namen,
Zu dessen Zeit die Bosheit mußte schweigen,

    Sah eine goldene Leiter ich im Rahmen
Des Lichtes stehn sohoch, daß mir verschlossen
Ihr Ende, und mein Aug ich fühlt erlahmen.

    Auch sah ich niedersteigen auf den Sprossen
Soviel an Glanz, alsob die Pracht ich sähe
Des ganzen Sternenhimmels hier ergossen.

    Und wie nach angeborenem Trieb die Krähe
Beim Morgengrauen umherstreift scharenweise,
Ihr kalt Gefieder wärmend in Sonnennähe,

     Ein Schwarm dann ohne Rückkehr macht die Reise,
Ein Schwarm zum Ausgangsort kommt heimgezogen,
Ein Schwarm auch wohl verbleibt und zieht im Kreise:

    So schienen diese Funken mir bewogen,
Sobald zu einer Sprosse sies getrieben,
Zu der sie scharenweise hergeflogen.

    Und jener, der zunächst uns stehngeblieben,
Sprühte hellauf. Drob so zu mir begann ich:
»Wohl seh ich, daß du mir bezeigst dein Lieben.

    Doch sie, die sonst mir sagte, wie und wann ich
Spräch oder schwiege, stockt. Drum wird mirs frommen,
Ich frage nicht trotz meinem Wunsch.« – So sann ich.

    Drob sprach sie, die mein Schweigen wahrgenommen
Im Anschauen Des, der alles noch erschaute:
»Laß nur den heißen Wunsch zuwortekommen.«

    Und ich begann: »Auf mein Verdienst wohl baute
Nur schwach ich, daß du Antwort mir erteilest,
Wenn ich nicht ihr, die mirs erlaubt, vertraute,

    Du seliges Leben, das versteckt du weilest
In deiner Wonne. Darum gieb mir Kunde,
Weshalb du so in meine Nähe eilest,

    Und weshalb stumm nun sind in euerm Bunde
Die süßen Paradiesessinfonieen,
Die mich erbaut im untern Sternenrunde.« –

    »Dir ist nur irdisch Aug und Ohr verliehen,«
Sprach er. »Die Lieder schwiegen drum, die süßen,
Wie Sie ihr Lächeln mußte dir entziehen.

    Ich stieg bis zu der heiligen Leiter Füßen
Hinab, genugzutun dem Doppeltriebe,
Mit Wort und Licht dich festlich zu begrüßen.

    Nicht machte mich eilfertiger größre Liebe.
Denn Liebe, gleich und größer, glüht nach oben,
Wie dir es offenbart dies Glutgestiebe.

     Nein, höchste Güte, die uns hat erhoben
Zu willigen Dienern für den Herrn der Welten,
Läßt uns, du siehsts, hier unser Amt erproben.« –

    »O heiliges Licht, nun seh ich klar wie selten,«
Sprach ich, »wie freie Liebe die Befehle
Der ewigen Vorsicht läßt gehorsam gelten.

    Doch kann ich eines, Was ich dir nicht hehle,
Schwer fassen: daß aus diesem Glanzgewühle
Just du zum Dienst bist die erwählte Seele.«

    Und eh ich mir entschlüpft das Schlußwort fühle,
Hat schon das Licht um seinen Kern begonnen
Als Achse sich zu drehen gleich schneller Mühle.

    Dann sprach die Liebe, die darin entbronnen:
»Ein Blitz vom Gottlicht ist in mich gedrungen,
Das Licht durchdringend, das mich hält umsponnen,

    Und stärkt mein Schauen, das mich aufgeschwungen
So hoch, daß ich die Wesenheit, die Eine
Und Höchste schaue, draus dies Licht entsprungen.

    Und darum sprüh ich so im Freudenscheine.
Denn wie mir die Erleuchtung wächst im Klaren,
So klarer wird auch meine Glut an Reine.

    Doch selbst der klarste Geist der Engelscharen,
Der Gott mit schärfern Augen darf betrachten,
Der Seraph nicht kann deinem Wunsch willfahren.

    Denn in des ewigen Rates tiefsten Schachten
Verbirgt sich das, was Antwort könnte schenken;
Und ewig wirds erschaffenen Augen nachten.

    Und künde, wirst du heim zu Menschen lenken,
Daß nach so hohem Ziele mit Beschwerden
Den Fuß zu heben, keiner mehr soll denken.

    Der Geist, hellflammend hier, giebt Rauch auf Erden.
Drum sieh, ob das ihm drunten könnte tagen,
Was selbst im Himmel ihm nicht klar kann werden.«

     So sah ich sein Wort meinem Schranken schlagen,
Daß ich das Forschen ließ, um ihn bescheiden
Und demutvoll, wer er wohl sei, zu fragen.

    »Es ragen mitten von Italiens beiden
Gestaden, unfern deinen Heimatsauen,
Felsen sohoch, daß sie die Donner meiden,

    Und einen Kulm, genannt Catria, bauen.
Darunter liegt die Einsiedelei im Grunde,
Geweiht, sich still in Andacht zu beschauen.«

    So wurde mir von ihm die dritte Kunde.
Fortfahrend sprach er dann: »Hier ohne Wanken
Ward ich so treu und stark im Gottesbunde,

    Daß Frost und Glut ich ohne zu erkranken,
Nur bei olivenölgetränkter Speise,
Gelitten in beschaulichen Gedanken.

    Sonst sproßte reichlich Frucht im Klosterkreise
Für diese Himmel. Doch daß es zu Rande
Nun geht – bald bringt die Zeit dafür Beweise.

    Ich, Pier Damianus, lebte dort im Lande,
Petrus Peccator aber in den Hallen
Von Unserer Lieben Frau am Adriastrande.

    Beinah am Ziele stand mein Erdewallen,
Als man mich rief und zwang zu jenem Hute,
Den Schlechte jetzt an Schlechtere lassen fallen.

    Kephas ging darbend einst, der unbeschuhte.
So ging auch das Gefäß vom Heiligen Geiste.
Beide trotz Herbergskost bei frohem Mute.

    Heut will der Hirt, daß man ihm Hilfe leiste
Von rechts und links. Selbst rückwärts soll man halten
Und stützen ihn: so reitet schwer der Feiste!

    Den Gaul selbst hüllt er mit des Mantels Falten,
Daß unter einem Fell zwei Bestien gehen:
Wie lang, o Langmut, läßt du sie noch schalten?«

     In schnellem Wirbel, als dies Wort geschehen,
Stiegen noch Flämmchen mehr herab die Speichen,
Wachsend an Farbenpracht bei jedem Drehen.

    Dann hielten sie um ihn im Kranzeszeichen
Und ließen einen Schrei so laut ertönen,
Daß Klänge ihm von hier nicht mochten gleichen,

    Noch daß ich ihn verstand, besiegt vom Dröhnen.

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