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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 87
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Neunzehnter Gesang

    Vor mir erschien mit ausgespreizten Schwingen
Das schöne Bild, das freudiges Genießen
Die engverflochtenen Seelen ließ durchdringen.

    Kleinen Rubinen glichen alle, und ließen,
Weil sie im hellsten Sonnenlicht entbronnen,
Den Blitzpfeil mir zurück ins Auge schießen.

    Und was ich nun soll schildern, ist entronnen
Noch keiner Feder und noch nie von Zungen.
Auch keine Fantasie hats je ersonnen.

    Denn reden sah ich, hörte, wie erklungen
Der Schnabel, dem ein Ich und Mein entschwebte,
Wo Wir und Unser wär vom Sinn bedungen.

     Dann sprach er: »Weil gerecht und fromm ich lebte,
Ward ich zu dieser Herrlichkeit erhoben,
Die niemals je der bloße Wunsch erstrebte.

    Drum ist mein Angedenken nicht zerstoben
Auf Erden. Nur beherzigen nicht die Schlimmen
Meine Geschichte, ob sie mich auch loben.«

    Wie man aus vieler Kohlen Glut ein Glimmen
Nur fühlt, hört ich von all den Liebesgluten
Aus jenem Bild nur eine aller Stimmen.

    Drauf ich: »O Blumen ihr des Ewigguten,
Die ihr aus Reichen mir, die nie verblaßten,
All-eure Düfte laßt als einen fluten,

    Stillt mir durch euern Hauch das große Fasten,
Das lange Zeit mich hungernd hingehalten,
Weil keine Erdenspeisen dafür paßten.

    Ich weiß, wenn göttliches gerechtes Walten
Sich in dem andern Himmelsreiche spiegelt,
Will es auch euch sich schleierlos entfalten.

    Ihr wißt, wie achtsam euerm Wort entriegelt
Mein Ohr bleibt. Wißt, welch zweifelvoller Glaube
Mir alte Gier nach Sättigung aufgewiegelt.«

    Gleichwie der Falke, löst man ihm die Haube,
Die Flügel freudig schlägt, den Kopf erhoben,
Und, sich schön-machend, Lust bezeigt zum Raube,

    So sah dies Bild ich handeln, das gewoben
Aus Hymnen, Gottes Huld zu offenbaren,
Wie sie nur kennt, wer jauchzen darf dortoben.

    Darauf beganns: »Der um die Welt gefahren
Mit seinem Zirkel und, was unverständlich
Und dunkel drinnen, schied vom offenen, klaren,

    Er konnte seine Kraft nicht also kenntlich
Aufs Weltall prägen, daß sein Wort nicht immer
Unendlich überragte noch, was endlich.

     Dies lehrt der erste Stolze uns; denn schlimmer
Als er, der Schöpfung Krone, fiel doch keiner,
Weil er nicht harrte auf des Lichtes Schimmer.

    Draus folgt, daß jegliche Natur, die kleiner,
Zu dürftig als Gefäß ist, einzuschließen
Endloses Gut, das nur ein Selbstmaß seiner.

    Drum ist auch euer Blick – in den erfließen
Ein Strahl nur kann von jenes Geistes Brennen,
Den alle Dinge, voll von ihm, genießen –

    Seiner Natur nach nicht so stark zu nennen.
Daß nicht sein Ursprung weiterab sich kehre,
Als eurer Einsicht möglich zu erkennen.

    Drum muß der Menschenblick, der erdenschwere,
Der ewige Gerechtigkeit will fassen,
Sich so verlieren wie der Blick im Meere.

    Am Ufer mag sich Grund erblicken lassen,
Auf See nichtmehr, wo er doch auch vorhanden;
Nur bergen ihn die tiefern Wassermassen.

    Was nicht des Himmels schattenlosen Landen
Entstammt, ist kein Licht, sind nur Dämmerungen,
Aus Fleischesblindheit oder Gift entstanden.

    Jetzt ist das Licht wohl ins Versteck gedrungen,
Drin dir sich die Gerechtigkeit verloren,
Die lebende, drob fragend du gerungen,

    Indem du sprachst: ›Am Indus wird geboren
Ein Mensch, dem niemand spricht von Christus dorten,
Dem Schrift und Wort nie kommt vor Aug und Ohren.

    Doch Tun und Denken zeigt ihn allerorten,
Soweit der Mensch erkennt, als unverdorben,
Und gut und lasterfrei in Werk und Worten.

    Wenn er als Heide ungetauft gestorben,
Wo ist Gerechtigkeit, die ihn vernichte?
Wo Schuld, daß er den Glauben nicht erworben?‹

     Und wer bist du, zu thronen im Gerichte,
Daß er auf tausend Meilen Recht verkünde
Mit spannenkurzer Sehkraft im Gesichte?

    Ja, wer mit mir will grübeln über Gründe,
Dem würde bald vor Zweifeln bang zumute,
wenn über euch die Heilige Schrift nicht stünde.

    O Erdentiere! Geister, träg im Blute!
Güte ansich ist der Urwille eben,
Der niemals wich vonsich, dem Höchsten Gute.

    Gerechtsein heißt: Einklang mit ihm erstreben.
Erschaffenes zieht ihn an in keiner Weise.
Nein, Er, ausstrahlend, ruft es erst ins Leben.«

    Wie überm Nest die Störchin zieht im Kreise,
Nachdem sie wohlverpflegt hat ihre Jungen,
Und wie ihr nachblickt dann, was satt an Speise,

    So hat das heilige Bild sich aufgeschwungen,
Durch hundert Willen Eins im Flügelschlagen,
Und so war auch mein Blick ihm nachgedrungen.

    Und kreisend sang es und ich hört es sagen:
»Wie unfaßbar mein Lied ist dem Verstande,
So wenig wird euch Gottes Ratschluß tagen.«

    Dann, als es stille ward im Flammenbrande
Des Heiligen Geistes, noch in jenem Zeichen,
Dem Ehrfurcht Rom verdankt in jedem Lande,

    Begann es wiederum: »Zu diesen Reichen
Stieg keiner auf, der nicht geglaubt an Christus,
Nicht eh noch seit Er mußt am Kreuz erbleichen.

    Doch siehe! viele rufen: ›Christus! Christus!‹
Die einst Ihm ferner stehn, wenn er wird richten,
Als mancher wohl, der nimmer kannte Christus.

    Die wird mit seinem Strafurteil vernichten
Der Neger selbst, wenn einst die Trennung tagen
Den Ewigreichen wird und armen Wichten.

     Was können Perser euern Königen sagen,
Wenn sie in jenem Buche sehen die Daten
Von allen ihren Sünden eingetragen?

    Dort wird man sehen, nebst Albrechts andern Taten,
Jene, die ich alsbald verzeichnet wähne,
Wodurch zur Wüste Prags Gebiet mißraten.

    Dort wird man sehen den Schmerz, den an der Seine
Durch Münzverfälschung der dem Lande brachte,
Der sterben wird am Stoß der Borstenmähne.

    Dort wird man sehen den Stolz, der Durst entfachte
Und Tollheit in dem Schotten und dem Britten,
Bis seiner Schranken keiner mehr gedachte.

    Man sieht die Wollust und die weichen Sitten,
Drin Spanier sich und Böhme übernahmen,
Die Tugend nie gekannt noch wohlgelitten.

    Man sieht bei dem Jerusalemer Lahmen
Mit einem J bezeichnet seine Güte;
Doch wird ein M das Gegenteil umrahmen.

    Man sieht, wie feig und geizig im Gemüte
Der Hüter von den Kraterinselstaaten,
Wo lang das Alter des Anchises blühte.

    Und wie gering sein Preis, wird man erraten,
Weil man von ihm mit abgekürzten Zeichen
In engen Raum drängt viele schlechte Taten.

    Und jeder liest auch von den schlimmen Streichen,
Die zugefügt dem Blute hochgepriesen
Bruder und Ohm, und zweien Königreichen.

    Und wird den Norweg dort und Portugiesen
Erkennen und den Raszier, der im schlechten
Gepräg Venedig schlimmen Dank erwiesen.

    O glücklich Ungarn! läßt du länger knechten
Dich nicht. Navarra Heil! das nicht mehr zittert,
will es im Schutze seines Bergsaums fechten.

     Und jeder glaube, Nicosia wittert
Samt Famagost den Vorgeschmack schon lange
Vom Zorn, der ob der Bestie sie erbittert,

    Die mit den andern zieht am gleichen Strange.«

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