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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 85
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Siebzehnter Gesang

    Wie jener zu Klymenen trat, dem argen
Verdachte sicher auf die Spur zu kommen,
Sodaß seitdem mit Worten Väter kargen,

     So war mir. Und so ward ich auch vernommen
Von Beatrice und dem heiligen Lichte,
Das erst den Ort gewechselt mir zum Frommen.

    Drum sprach die Herrin: »Dreist zu mir nun richte
Den heißen Wunsch; doch komm uns drin die reine
Innere Prägung deutlich zu Gesichte.

    Nicht daß kenntnisbereichernd uns erscheine
Dein Wort, nein! deinen Durst uns unverdrossen
Zu melden, daß man lösche ihn im Weine.« –

    »O du mein teurer Stamm, so hochentsprossen,
Daß – wie wir Menschen klar am Dreieck sehen:
Zwei stumpfe Winkel hält es nie umschlossen –

    Du so Ereignisse, eh sie geschehen,
Im Anschaun jenes Punktes kannst erkunden,
Drin gegenwärtig alle Zeiten stehen:

    Indes ich aufstieg, mit Vergil verbunden,
Den Berg, der Heilung will den Seelen geben,
Und ich zur Todeswelt den Weg gefunden,

    Hört ich manch Drohwort für mein Zukunftsleben.
Und fühl ich mich auch quadertrotzig stehen –
Genug, vor Schicksalsschlägen nicht zu beben,

    Wär doch Genüge meinem Wunsch geschehen,
Wüßt ich, vor welchem Los ich müßt erbangen:
Der Pfeil fliegt träger, den wir vorher sehen.«

    So ich zum Licht, das redend mich empfangen
Vorhin. So war gebeichtet auch vollkommen,
Gehorsam Beatricen, mein Verlangen.

    Nicht unklar noch orakelhaft-verschwommen,
Wie es die blinde Menschheit einst berückte,
Eh Gottes Lamm die Sünde weggenommen,

    Nein: bündigen Worts und unzweideutig drückte
Sich Vaterliebe aus, die mit Behagen,
Verhüllt und sichtbar, sich mit Lächeln schmückte.

     »Zufall, der nie im Buch wird überragen
Die Blätter, draus sich euer Sein bereitet,
Liegt ganz vorm ewigen Antlitz aufgeschlagen.

    Doch wird kein Zwang daraus ihm hergeleitet,
Sowenig als vom Auge, drin sichs spiegelt,
Dem Schiff, das mit dem Strom zutalegleitet.

    Wie sich das Ohr dem Orgelklang entriegelt,
So wird, was für die Zukunft dir gediehen,
Von dorther meinem Blicke klar entsiegelt.

    Wie Hippolyt Athen einst mußte fliehen
Vor seiner zweiten Mutter listigen Ränken,
So mußt du fliehend aus Florenz auch ziehen.

    Das wünscht und strebt man dir schon einzutränken,
Und der wirds dort erreichen mittlerweile,
Wo Christus täglich steht vor Schacherbänken.

    Schuldgeben wird zwar dem gekränkten Teile,
wie üblich, Volkesstimme; doch die Rache
Zeugt für die Wahrheit, Schuldlosem zum Heile.

    Alles, was dich erfreu und hold dir lache,
Mußt du verlassen: der Pfeil wird entdecken
Zuerst dir, wie solch Bannfluch elend mache.

    Wie fremdes Brot doch salzig pflegt zu schmecken,
Erfährst du; und wie über fremde Stiegen
Das Aufundab muß bittern Kummer wecken.

    Doch wirds am tiefsten deine Schultern biegen,
Mit jener Schar, der Bosheit ist Bedürfen
Und Torheit Brauch, in einer Kluft zu liegen.

    Wohl zeigt sie sich an Denkart und Entwürfen
Dir undankbar und ruchlos. Bald indessen
wird sie, nicht du! die Stirn sich blutig schürfen.

    Und hast du ihre Roheit erst ermessen,
So siehst du, wie es dir nur konnte nützen,
Partei dirselbst zu sein anstatt sonstwessen! –

     Mit erstem Obdach wird dich unterstützen
Die Großmut des Lombarden, der im Schilde
Die Leiter führt, die Adlerflügel schützen.

    Sein Auge ruht auf dir mit gütiger Milde,
Daß unter euch beim Geben und Begehren
Als erstes gilt, was sonst das letzte bilde.

    Dort wirst du ihn sehn, dem von diesem hehren
Gestirn schon durch Geburt ward Kraft gegeben
Zu Taten, an Bedeutung reich und Ehren.

    Noch konnten auf das Kind sich nicht erheben
Der Völker Augen, weil um seine Krone
Neun Jahr lang erst die ewigen Kreise schweben.

    Doch eh den hohen Heinrich der Gaskone
Betrügt, wird Funken seine Tugend sprühen,
Die nicht nach Mühsal fragt und goldenem Lohne.

    So ruhmreich wird der Herrliche erblühen,
Daß ihn und seine Taten totzuschweigen
Selbst seine Feinde sich umsonst bemühen.

    Harre auf ihn, er wird sich hilfreich zeigen.
Wandel wird vielem Volk durch ihn geschehen:
Die Reichen fallen und die Armen steigen.

    Und laß von ihm dir dies geschrieben stehen
Im Geist, doch schweig ...« Und nun ward mir erschlossen,
Was dem unglaublich selbst, der es wird sehen,

    Dann schloß er: »Dies sind zum Bericht die Glossen,
Mein Sohn. Die Tücken sinds, die noch erscheinen,
Wenn weniger Jahre Kreislauf erst verflossen.

    Jedoch beneide deiner Nachbarn keinen!
Denn längere Zukunft bleibt dir zugewendet,
Als bis des Treubruchs Strafe sie beweinen.«

    Als dann gezeigt durch Schweigen, daß vollendet
Die heilige Seele des Gewebes Rollen,
Wozu ich nur das Rahmenwerk gespendet,

     Begann ich dem gleich, der im Zweifelvollen
Nach dem sich umtut, mit ihm Rat zu pflegen,
Der Rechtes sieht und liebt und nur mag wollen:

    »Wohl seh ich, Vater, schon sich herbewegen
Den Tag, der mir mit hartem Stoß will dienen,
Der schwerer den trifft, der nicht trotzt dagegen.

    Drum heißt es wappnen sich mit Schild und Schienen,
Damit, muß ich den liebsten Ort schon missen,
Mir nicht noch andre rauben die Terzinen.

    Drunten in endlosbittern Finsternissen,
Am Berg, von dessen schönem Gipfelkreise
Der Herrin Auge mich emporgerissen;

    Von Licht-zu-Licht dann auf der Himmelsreise
Vernahm ich viel, das – wenn ichs weitersage –
Manchem zustarkgepfeffert scheint als Speise.

    Doch wenn als wahrheitsfreund ich furchtsam zage,
So fürcht ich nicht bei jenen fortzuleben,
Die alte Zeit einst nennen diese Tage.«

    Das Licht, das lächelnd mein Juwel umgeben,
Das ich dort fand, entsprühte so, als ließe
Die Sonne auf Goldspiegel Strahlen schweben.

    Dann sprachs: »Wer im Gewissen frei nicht hieße
Von Schuld, mag eigene oder fremde drücken,
Wird finden, daß dein Wort zu ätzend fließe.

    Doch ohne es entstellend auszuschmücken,
Künde nur ganz dein Bild, das traumerschaute;
Und laß sich kratzen, wen der Grind mag jücken!

    Denn wem da auch vor deiner Stimme graute
Beim ersten Kosten – lebenskräftige Speise
wird sie für jeden sein, der sie verdaute.

    Dein Ruf wird brausen, eine Sturmwindsweise,
Die meistens macht die höchsten Wipfel schwingen;
Und das dient dir zu nicht geringem Preise.

     Man zeigte deshalb dir in diesen Ringen,
Am Berge und im Tal schmerzvoller Zähren,
Nur Seelen, die berühmten Namens klingen.

    Denn Glauben und Befriedigung wird gewähren
Des Hörers Geist kein Beispiel, das entsprossen
Aus Wurzeln dunkler und verborgener Sphären,

    Noch sonst Beweise, die kein Licht umflossen.«

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