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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 82
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Vierzehnter Gesang

    Von innen her zum Rand, vom Rand nach innen
Bewegt das Wasser sich in runder Schale
Dem Anstoß nach von draußen oder drinnen.

    Vor meine Seele trat mit einem Male
Dies Gleichnis mir – als das glorreiche Leben
Des heiligen Thomas schwieg im Himmelsstrahle –

    Ob dieser Ähnlichkeit, daß der soeben
Beschloß und jetzt es Beatricens Munde
Gefiel, im Rückprall gleichsam, anzuheben:

    »Diesen verlangt es, ob er auch nicht Kunde
Davon Euch gab, ja noch nicht einmal dachte,
Daß er noch andrer Wahrheit dringt zum Grunde.

    Sagt ihm, ob dieses Licht, dies gottentfachte,
Das euch gleich Blütenpracht umhüllt, bestehen
Wohl bleibt wie jetzt und nicht verschwindet sachte.

    Und dauert es, so sagt, wie kanns geschehen,
Wenn ihr euch wieder sichtbar werdet zeigen,
Daß es nicht schadet eurer Kraft zum Sehen?«

    Wie oft erhöhte Lust beim Festesreigen
Fortreißt die Tanzenden, aus deren Mitte
Beim schnellern Drehen dann laute Jauchzer steigen,

    So boten bei der raschen frommen Bitte
Die heiligen Kreise neue Festgenüsse
Durch wunderbaren Sang zum Reigenschritte.

    Wer sich beklagt, daß man hier sterben müsse,
Um dort zu leben, hat noch nie empfunden,
Wie labend hier des ewigen Taues Ergüsse.

    Der Eins und Zwei und Drei bleibt unumwunden,
Lebend stets herrscht in Einem, Zweien und Dreien,
Der all-das-All umfaßt, selbst-ungebunden,

     Ihm sangen dreimal diese Geisterreihen
So süß – es würden solche Melodieen
Wohl Überlohn jedem Verdienste weihen.

    Und aus dem engsten Kreise, dem verliehen
Göttlichstes Licht, klang Stimmenlaut so milde,
Wie einst der Engel wohl gegrüßt Marieen:

    »Solang dies Fest im Paradiesgefilde
Uns freut, wird unsere Liebe sich umzweigen
Mit solchem lichtausstrahlenden Gebilde.

    Sein Glanz muß sich der Glut entsprechend zeigen;
Die Glut dem Schaun. Und dies ist so erhaben,
Als Gnade eigene Kraft läßt übersteigen.

    Wenn wir erst mit dem Fleisch uns neu umgaben
Als glorreich-heiligem Kleid, wird unser Wesen,
weil es vollkommner, uns noch reicher laben.

    Drum werden wir vermehrten Lichts genesen,
Das unverdient das Höchste Gut wird bringen;
Licht, das uns, Ihn zu schauen, wird Kraft erlesen.

    Dann muß ein Wachstum auch das Schauen durchdringen,
Wachstum die Gluten, die das Schauen gebaren,
Wachstum die Strahlen, die der Glut entspringen.

    Doch wie die Kohle Flammen läßt entfahren,
Und durch lebendigen Glanz sie überwindet,
Sodaß sie ihren Eigenglanz kann wahren,

    So wird den Blitz, der uns umkränzt und bindet,
Einst siegreich unsers Fleisches Glanz zerstreuen,
Das heut sich noch bedeckt mit Erde findet.

    Doch werden wir so großes Licht nicht scheuen,
Weil Kraft des Leibes Glieder wird durchfließen,
Alles zu tragen, was uns kann erfreuen.«

    Rasch riefen »Amen!« die zwei Chöre, und ließen
Den Wunsch mich sehn durch dies bereite Amen,
Sich ihren toten Körpern anzuschließen:

     Vielleicht nicht nur für sich, nein auch im Namen
Von Eltern, Freunden und wer ihnen teuer,
Eh sie hierher als ewige Flammen kamen.

    Und sieh, den frühern Glanz umschlang ein neuer,
Dem ersten gleich an Pracht, alsob am blauen
Osthimmel hell der Morgen strahlt im Feuer.

    Und ähnlich wie beim ersten Abendgrauen
Am Himmel neue Lichter schon erglänzen:
Das Auge glaubt und glaubt sie nicht zu schauen,

    So schiens, daß plötzlich hier mit andern Tänzen
Ein dritter Ring neuartiger Wesen kreiste,
Die beiden andern gürtend zu umkränzen.

    O wahres Funkensprühen vom Heiligen Geiste!
Geblendet schloß sich mir vor solchem Lichte
Das Auge, weil urplötzlich alles gleißte.

    Doch so mit schönheitlachendem Gesichte
Wies Beatrice sich, daß mirs entschwunden
Nebst anderm, weil die Kraft fehlt zum Berichte. –

    Als sich die Sehkraft mir zurückgefunden,
Sah ich mit meiner Herrin schon nach oben
Zu höherm Heil entrückt mich in Sekunden.

    Wohl spürt ich, daß ich höher ward gehoben,
Am neuen Stern, der mir in lichter Reine
Entgegenlachte, glühendrotumwoben.

    Herzinnig in der Sprache, die als eine
In allen lebt, bracht ich zu Dank verbunden
Gott Opfer dar vorm neuen Gnadenscheine.

    Und noch bevor in meiner Brust geschwunden
Des Opfers Glut, sah ich, der Tiefbeglückte,
Daß es den freundlichsten Empfang gefunden.

    Denn Lichter strahlten mir, so glanzumzückte,
So rot im Innern zweier Feuerstreifen,
Daß ich: »O Helios,« rief, »der so sie schmückte!«

     Wie wir von Pol zu Pole sehen schweifen
Unsre mit Sternen groß und klein besäte
Milchstraße, die selbst Weise kaum begreifen,

    So sterngeflochten hier mein Blick erspähte
Durch die Quadranten, die den Kreis verbinden,
Im Mars das benedeite Kreuzgeräte.

Illustration: Dorè

    Hier muß den Geist Gedächtnis überwinden;
Denn lodernd sah am Kreuz ich ragen Christus,
Daß ich kein würdig Gleichnis könnte finden.

    Doch wer sein Kreuz hat nachgetragen Christus,
Entschuldigt gerne, was ich hier verschwiegen,
Wird ihm so glanzumblitzt einst tagen Christus.

    Von Arm zu Arm, vom Fuß zum Gipfel stiegen
Lichtfunken; und durch ihres Tanzes Wogen
Schien beim Begegnen hellere Glut zu fliegen.

    So sieht man hier, bald grade, bald gebogen,
Eilig und träg, stets wechselnd im Verbande,
Kleine Staubteilchen, kurz- und langgezogen,

    Im Sonnenstrahle wirbeln, der am Rande
Den Schatten säumt, den sich – daß Schutz ihm eigen –
Der Mensch erfand mit sinnigem Kunstverstande.

    Und wie in guter Stimmung Harfen und Geigen
Mit vielen Saiten süß im Einklang gehen
Auch dem, dem fremd die Melodien sich zeigen,

    So aus den Lichtern, die ich hier gesehen,
Erscholl am Kreuz Gesang, der mich berauschte –
Konnt ich der Hymne Text auch nicht verstehen.

    Wohl merkt ich, daß man hohes Lob hier tauschte,
weil »Stehe auf und siege« mir erklungen,
Gleich dem, der nicht versteht, was er erlauschte.

    Da fühlt ich mich von Liebe so durchdrungen,
Daß wohl bis dahin nichts mir konnte taugen,
Was mit so süßen Banden mich umschlungen.

     Vielleicht sprech ich zu kühn, weil es die Augen
Hintanzusetzen scheint, die schönen Bronnen,
Draus all mein Sehnen Stillung pflegt zu saugen.

    Doch wer bedenkt, daß die lebendigen Sonnen,
Jemehr man steigt, jegrößere Schönheit tragen,
Und ich zurück nicht sah zu jenen Wonnen,

    Kann mich entschuldigen, will ich mich verklagen,
Mich zu entschuldigen; und wird wahr mich nennen.
Denn hier auch muß mir heilige Wonne tagen,

    Weil sie im Aufstieg lauterer wird entbrennen.

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