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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 80
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
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Zwölfter Gesang

    Und als das letzte Wort noch im Verklingen,
Gehaucht aus benedeitem Flammenmunde,
Begann das heilige Mühlenrad zu schwingen.

    Und eh der ganze Kreis vollbracht die Runde,
Umflocht ein zweiter schon im Ringe jenen
Mit Schwung-in-Schwung und Sang-in-Sang im Bunde:

    Mit Sang, der unsere Musen und Sirenen
Durch süße Flöten so weiß zu besiegen
Wie Glanz den Abglanz, der Licht muß entlehnen. –

    Wie sich durch zarte Wolkenflöre schmiegen
Zwei Bogen, gleichgefärbt und gleichgezogen,
Drauf Juno ihre Botin läßt entfliegen,

    Wie dort der innere zeugt den äußern Bogen
Gleich jener Flüchtigen Laut, die Liebesgluten
So, wie den Dunst die Sonne aufgesogen,

    Wonach der Mensch vom Herrgott will vermuten,
Er sei den Bund mit Noa eingegangen,
Daß nichts die Welt mehr solle überfluten:

    So auch sich hier die ewigen Rosen schlangen
Im Kreis um uns mit ihren Doppelkränzen.
So glich der äußere dem, den er umfangen.

    Und als nach ihren festlich-hehren Tänzen,
Nach all dem Jubelsang und wonnevollen
Liebreichen wechselseitigen Sichbeglänzen

    Ein Stillstand eintrat durch ein einzig Wollen,
Wie Augen sich, die unser Wille bannte,
Gemeinsam schließen oder öffnen sollen,

    Da klang aus einem Licht, das neu entbrannte,
Mir eine Stimme, daß ich, wie nach Norden
Die Nadel umschwingt, mich zu dieser wandte.

     Die sprach: »Liebe, durch die verschönt ich worden,
Treibt mich, vom andern Herzog zu bekennen,
Da man den Gründer pries von meinem Orden.

    Wer den nennt, muß mit Recht den andern nennen,
Weil sie in einem Heer gestritten hatten,
Soll auch ihr Ruhm vereinten Glanzes brennen.

    Das Kriegsheer Christi, das neu auszustatten
Soviel gekostet, folgte pflichtvergessen
Der Fahne, spärlich und leicht zu ermatten,

    Bis der Monarch, der Macht hat unermessen,
Hilfreich die Heerschar schützte vor Gefahren,
Aus Gnade nur, nicht daß sie würdig dessen,

    Und, wie gesagt, um seine Braut zu wahren,
Zwei Kämpen schickte, tat- und worterkoren,
Zu sammeln wieder die zerstreuten Scharen.

    Im Lande, wo der Zephir wird geboren,
Der sanften Hauchs das junge Laub macht sprießen,
Mit dem man sich Europa sieht befloren,

    Unfern dem Strand, auf den die Wogen schießen,
Dahinter oft sich jedem Blick entrückte
Die Sonne, um den langen Lauf zu schließen,

    Dort zeigt sich Callaroga, das beglückte,
Im Schutz des Löwen, der im großen Schilde
Der Unterdrücker ist und Unterdrückte.

    Den heiligen Ringer schenkte dies Gefilde
Dem Christentum, den Liebe heiß entfachte;
Furchtbar den Feinden, doch den Seinen milde.

    Und kaum gezeugt, eh sie zur Welt ihn brachte,
Fühlte sein Geist sich Lebenskraft durchdringen,
Daß er die Mutter zur Profetin machte.

    Dann – als am heiligen Bronnen sie begingen
Sein Fest, des Glaubens Braut ihm anzutrauen,
Wo beide dann als Mitgift Heil empfingen –

     Da sah im Traumbild eine von den Frauen,
Die Patin war, welch Wunderfrucht hier sprieße,
Für ihn und seine Erben anzubauen.

    Und daß der Name schon erkennen ließe
Sein Wesen ganz, hauchte von hier ein Zeichen,
Daß er nach dem, dem er gehöre, hieße.

    Dominikus hieß er, den ich vergleichen
Dem Gärtner darf, der auf den Wink von Christus
Zum Garten kam, um Hilfe ihm zu reichen.

    Sein Knecht und Bote war er: fing von Christus
Doch seine Liebe an, sie zu bekunden
Beim ersten Rate, der erging von Christus.

    Wie oft hat wach am Boden ihn gefunden
Und schweigend seine Amme, die ihn nährte,
Als spräch er: ›Dazu fühl ich mich verbunden.‹

    O Vater! der als Felix sich bewährte,
O Mutter! die in Wahrheit hieß Johanna,
Wenn man des Namens rechten Sinn erklärte.

    Nicht für die Welt, sich mühend mit Hosianna
Als des Ostiensis und Thaddäus Mehrer,
Nein, nur aus Liebe zum wahrhaften Manna

    Ward er in kurzer Zeit solch großer Lehrer,
Daß er begann den Weinberg zu umhegen,
Für den ein träger Winzer ein Verheerer.

    Vom Stuhl, einst würdiger Armut Heil und Segen,
(Nicht er hat Schuld, nein, des Besitzers Sünden
Sind Schuld, daß Mitleid geht auf andern Wegen)

    Vom Stuhl erbat er nicht Dispens und Pfründen,
Nicht Zehnten, sie der Armut abzudringen,
Noch wollt er Zweiunddrei als Sechs verkünden,

    Sein Wunsch war nur, den Irrwahn zu bezwingen,
Der Welt die Kraft des Samens zu erhalten,
Draus vierundzwanzig Pflanzen dich umringen.

     Er drang, kraft apostolischer Gewalten,
Voran mit Willensmut und Glaubenslehre,
Und stob, ein Wassersturz aus hohen Spalten,

    Aufs Ketzerdorngestrüpp mit ganzer Schwere.
Und dort am schwersten, wo es seinem Zorne
Sich setzte am hartnäckigsten zur Wehre.

    Der Bäche viel entsprangen seinem Borne,
Daß frischbewässert jetzt die Sträucher ragen,
Seit der katholische Garten frei vom Dorne.

    War solcherart dies eine Rad am Wagen,
Auf dem die Heilige Kirche stand im Streite,
Als sie den Feind im Bürgerkrieg geschlagen,

    So wirst du deutlich sehn, wie auch das zweite
Vortrefflich war, dem, eh ich hier gestanden,
So liebesreichen Lobspruch Thomas weihte.

    Doch ist im Gleis, drin einst die Räder fanden
Die tiefste Furche, keiner heut zu sehen.
Und Schimmel wächst, wo Weinstein einst vorhanden.

    Seine Gefolgschaft, deren Fuß beim Gehen
In seine Spur trat, zeigt jetzt solch Gebaren,
Daß stets der Vordere fühlt des Nachmanns Zehen.

    Doch läßt den schlechten Anbau bald gewahren
Die Ernte, wenn der Lolch kommt untern Besen
Und jammert, daß er nicht wird eingefahren.

    Zwar sage ich, wer Blatt-für-Blatt wollt lesen
In unserm Buch, wird manche Seite spüren
Mit dem Vermerk: ›Ich blieb, was ich gewesen.‹

    Doch aus Casal und Acquasparta rühren
Die nicht her, weil von dort zur Schrift nur streben,
Die sie bald lockern und bald enger schnüren.

    Bonaventur von Bagnoregios Leben
Bin ich, und sah: in hohen Ämtern schicke
Sichs nicht, geringern Sorgen stattzugeben.

     Illuminat und Augustin erblicke!
Als erste Barfuß-Armen einst erschienen,
Wurden sie Gottes Freunde unterm Stricke.

    Hugo von Sanvittore weilt bei ihnen
Nebst Pier Comestor und Pier, dem Hispanen,
Dem heut zwölf Bücher noch als Nachglanz dienen.

    Den Seher Nathan, Metropolitanen
Chrysostomus, Anselm sieh und Donaten,
Der seiner ersten Kunst brach siegreich Bahnen;

    Raban auch und Kalabriens Prälaten
Joachim, leuchtend hier an meiner Seite,
Der mit Prophetengabe reichberaten.

    Daß solchem Paladin mein Lob ich weihte,
Dazu trieb mich des Bruders Thomas Weise,
Der liebentzündet sinnige Worte reihte,

    Und trieb mit mir auch diese hier im Kreise.«

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