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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 78
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Zehnter Gesang

    Betrachtend ihren Sohn mit jener Liebe,
Die Sie und Er in Ewigkeit enthauchen,
Schuf Urkraft, unnennbar im Schöpfertriebe,

    Was uns im Geist und Raum pflegt aufzutauchen
So ordnungsreich, daß dank- und lusterhoben
Sich fühlt, wer nur sein Auge will gebrauchen.

    Heb, Leser, denn zum hohen Rundtanz droben
Mit mir den Blick und sieh, dorthin-gewendet,
Durch einen Punkt zwei Schwingungen geschoben.

    Und froh beginn zu schauen, wie kunstvollendet
Des Meisters Werk ist, daß zu dessen Preise
Sein Antlitz ihm ein ewiges Lächeln spendet.

    Sieh, wie von dorten aus im schrägen Gleise
Ein Kreis abzweigt, drin die Planeten ziehen,
Dienstbar dem Erdenruf nach ihrer Weise.

    Denn wäre Schrägheit nicht der Bahn verliehen,
So wäre viele Himmelskraft verschwendet,
Und Leben würde jede Keimkraft fliehen.

    Wär minder oder mehr sie abgewendet
Vom graden Weg: nicht drunten oder droben
Hieß diese Weltenordnung dann vollendet.

    Jetzt, Leser, bleib auf deiner Bank. Die Proben,
Die ich dir vorgeschmeckt, mit Fleiß betrachte;
Und du fühlst Lust, eh dir die Kraft zerstoben.

    Ich trug dir auf, iß selbst nun das Gebrachte;
Denn all mein Sorgen muß ich jetzt entfalten
Für jenen Stoff, der mich zum Schreiber machte.

    Die größte Dienerin der Naturgewalten,
Die Himmelskraft aufprägt dem Erdenrunde
Und deren Licht als Zeitenuhr wir halten,

     Bewegte mit erwähntem Teil im Bunde
Sich rastlosdrehend im Spiralenreigen,
Drin früher sie erscheint zu jeder Stunde.

     Und ich war in ihr! Doch ich merkte vom Steigen
Sowenig, als wenn ein Gedanke schreitet
Ins Hirn, der auch nicht pflegt sich anzuzeigen.

    Ist es doch Beatrice, die da leitet
Vom Guten hin zum Bessern derart schnelle,
Daß völlig zeitlos sich ihr Tun bereitet.

    Wie leuchtend mußte sein aus eigener Quelle,
Was ich beim Eintritt in das Sonnenprangen
Gewahrte; nicht durch Farbe, nur durch Helle.

    Nicht Geist, Kunst, Übung würden mir verfangen,
Daß hier greifbare Schilderung gelänge.
Nur glauben kann mans und zu schauen verlangen!

    Und wenn sich Fantasie sohoch nicht schwänge,
So dürft ihr darum kein Erstaunen zeigen.
Wo ist ein Auge, das die Sonne zwänge?

    So strahlte hier der vierte Dienerreigen
Des Hohen Vaters, der ihn sättigt droben;
Zeigend, wie Geist- und Sohnesschaft ihm eigen.

    Und Beatrice: »Nun heißts dankend loben!
Danken, daß dich der Engelssonne Güte
Zu dieser sichtbaren Sonne aufgehoben.«

    Kein sterblich Herz je Andacht so durchglühte,
Wenn es sich Gott mit tiefstem Dankbekunden
Und allem Wollen hinzugeben mühte,

    Als ich bei diesen Worten mich befunden
Und all mein Lieben so in Ihn versenkte,
Daß Beatrice meinem Sinn entschwunden.

    Doch zürnte sie nicht. Nein, ein Lächeln schenkte
Ihr Blick mir, daß sie mit dem schimmerfeuchten
Auf weitres den gefangenen Geist mir lenkte.

     Ich sah ein Siegesheer lebendiger Leuchten
Sich um uns drehn in einer Strahlenkrone,
Die süßern Klangs als hell an Licht mich deuchten.

    So sieht man oft die Tochter der Latone
Sich gürten, wenn die Luft so dunstbeschweret,
Daß fest das Band hält ihrer Gürtelzone.

    Der Himmelshof, draus ich nun heimgekehret,
Ist von Juwelen voll und kostbaren Dingen,
Daß ihre Ausfuhr aus dem Reich verwehret.

    Und hierzu zählte jener Lichter Singen.
Wer keine Flügel hat, die aufwärtsdrängen,
Dem soll von dort ein Stummer Nachricht bringen.

    Nachdem die glühenden Sonnen mit Gesängen
Dreimal um uns gekreist, alsob im Gleise
Dicht um den festen Pol sich Sterne schwängen,

    Schienen sie Fraun mir, die noch nicht vom Kreise
Gelöst beim Tanz, nur schweigsam stehen und sinnen,
Bis sie vertraut sind mit der neuen Weise.

    Und eine hört ich drinnen jetzt beginnen:
»Weil jener Gnadenstrahl – der, wahre Liebe
Entzündend, Liebeswachstum läßt gewinnen –

    In dir vervielfacht strahlt im Glanzgestiebe,
Zur Leiter führend dich, wo man die Sprossen
Nur absteigt, daß es neu uns aufwärtstriebe,

    So wär, der seinen Weinkrug jetzt verschlossen
Hielt deinem Durst, so unfrei wohl zu nennen
Wie Wasser, das ins Meer nicht wär geflossen.

    Du möchtest gern des Kranzes Blumen kennen,
Die sie umlächeln, die dich von der Erde
Aufhob und für die Sternwelt ließ entbrennen.

    Ich war der Lämmer eins der heiligen Herde,
Die mit Dominikus so fürbaß streben,
Daß, wer nicht abirrt, fett beim Weiden werde.

     Der mir zum rechten Nachbar hier gegeben,
Bruder und Meister mir, ist Albert der Weise
Von Köln. Thomas d'Aquin hieß ich im Leben.

    Drängt dichs auch nach der andern Ruhm und Preise,
So folge mit dem Auge meinen Worten,
Daß prüfend es den seligen Kranz durchkreise.

    Des Gratians Lächeln nährt die Flammen dorten,
Der so sich weihte doppeltem Gerichte,
Daß ihm das Paradies auftat die Pforten.

    Nächst ihm schmückt Petrus unsern Chor im Lichte,
Der gleich der Witwe, fromm im Herzensgrunde,
Der Kirche seinen Schatz gab im Verzichte.

    Das fünfte, schönste Licht in unserm Bunde
Haucht solche Liebe, daß noch heut nicht missen
Die ganze Erde möcht von ihm die Kunde.

    Es birgt den hohen Geist, sotief an Wissen,
Daß, wenn die Wahrheit wahr, niemals ein zweiter
Im Schauen ward sohoch emporgerissen.

    Und jener Kerzenglanz, der sein Begleiter,
Hat tief durchdacht der Engel Amt und Leben
Im Fleische schon als göttlich-Eingeweihter.

    Im andern kleinen Lichte lacht daneben
Der Anwalt, der fürs Christentum geschrieben;
Was unserm Augustin viel Stoff gegeben.

    Wenn nun dein Geistesblick im Schritt geblieben
Von Licht-zu-Licht mit meinen Lobesworten,
Hat Durst dich wohl zum achten schon getrieben.

    Im Anschaun alles Heiles freut sich dorten
Die heilige Seele, die dem Trug hienieden,
Wer offenen Sinnes lauscht, verschließt die Pforten.

    Der Leib, von dem Gewalttat sie geschieden,
Ruht in Cield'or. Sie selbst ging aus Torturen
Und Kerkerhaft hier ein zu diesem Frieden.

     Sieh Isidors und Bedas Flammenspuren;
Dort Richards, des Betrachters, der aus hehren
Mysterien zog, was Menschen nie erfuhren.

    Und eh zu mir nun deine Blicke kehren,
Sieh jenes Grüblers Licht, der es verargte
Dem Tod, er wolle sein zuspät begehren.

    Sigerius ists, das ewige Licht. Er kargte
Mit Schlüssen nicht und gab scharfsinnige Kunde
Mißliebiger Wahrheit einst am Garbenmarkte.« –

    Dann, wie ein Uhrwerk, das uns weckt zur Stunde,
Wenn aufsteht Gottes Braut zur Morgenhelle,
Den Bräutigam bittend neu zum Liebesbunde,

    Wie dort dies Zahnrad jenes treibt zur Schnelle,
Bis ein Tingting ertönt mit süßem Klingen,
Daß andachtsvoll der Geist in Liebe schwelle:

    So sah ich das ruhmreiche Rad sich schwingen,
Und hörte Stimmen gegen Stimmen tauschen
So süßen Einklangs, wie sie dort nur singen,

    Wo solche Wonnen ewig nicht verrauschen.

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