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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 77
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Neunter Gesang

    Schöne Klemenza, als dein Karl im Wahren
Mich so belehrt, sprach er vom ränkevollen
Betrug, der euerm Stamm wird widerfahren.

    Doch sprach er: »Schweig, und laß die Jahre rollen,«
Drum darf ich dies allein hinzu noch fügen,
Daß euch gerechte Tränen rächen sollen. –

    Schon war das heilige Licht in Sehnsuchtsflügen
Gekehrt zur Sonne, die ihm Inhalt spendet
Mit jenem Schatz, der allem giebt Genügen.

     Weh euch! ihr Seelen, ruchlos und verblendet,
Nach eiteln Dingen eure Stirn zu neigen,
Indem von solchem Gut das Herz ihr wendet. –

    Und sieh! ein andres Licht aus diesem Reigen
Kam auf mich zu, diensteifrig sein Verlangen
Durch helleres Leuchten liebreich mir zu zeigen.

    Den Blick an mir ließ Beatrice hangen,
Kündend auch jetzt mit innigem Versenken,
Daß ich nicht um Gewährung dürfe bangen.

    »Möchtest du bald mir Wunscherfüllung schenken,
O Geist,« sprach ich. »Auch den Beweis nicht scheue,
Wie sich rückspiegeln kann in dir mein Denken.«

    Worauf das Licht, das mir bisher noch neue,
Aus seiner Tiefe, draus es erst gesungen,
Fortfuhr, alsob sichs guter Tat erfreue:

    »In des verderbten Welschlands Niederungen,
Die sich erstrecken vom Rialto droben
Bis hin, wo Brenta und Piav entsprungen,

    Wölbt sich ein Hügel, nicht sehr hoch erhoben,
Von dem einst eine Fackel ausgegangen,
Um durch die Gegend schreckensvoll zu toben.

    Aus einer Wurzel sie und ich entsprangen.
Cunizza war ich; und in diesem Sterne
Glänz ich, weil seine Gluten mich bezwangen.

    Doch ich verzeih die Ursach selbst mir gerne
Von meinem Los; auch grämts nicht meine Seele,
Ob schwerlich euer Pöbel Einsicht lerne.

    Dies teuerste der funkelnden Juwele,
Mein Nachbar hier im Himmel, wird verstreuen
Noch großen Ruhm. Und bis der Glanz ihm fehle,

    Muß dies Jahrhundert fünfmal sich erneuen.
Sieh, trefflich muß der Mensch sein ohne Frage,
Soll zweites Sein ihn nach dem ersten freuen.

     Derlei bedenkt das Pack nicht heutzutage,
Das Tagliamento wie auch Etsch umschließen,
Noch fühlt es Reue trotz erhaltenem Schlage.

    Doch statt nach Padua wird zum Sumpf bald fließen
Der Strom, der durch Vicenza schickt die Wellen,
Weil alle Pflichten dieses Volk verdrießen.

    Und wo sich Sile und Cagnan gesellen,
Seh ich noch herrschen stolzen Hauptes einen,
Zu dessen Fang sie schon die Netze stellen.

    Lang wird auch Feltro ob der Untat weinen
Des argen Pfaffen, eh es sein vergäße,
Weil Malta keinen schlimmern sah erscheinen.

    Kein Faß auf Erden soviel Raum besäße,
Um alles Blut Ferraras aufzuspeichern;
Und müde würd, wer Lot für Lot es mäße.

    Doch läßt sich andre ›gütigst‹ dran bereichern
Der Pfaff, und nennt Parteifreund sich zum Hohne.
Solch Huldgeschenk ist Brauch bei diesen Schleichern.

    Aus Himmelsspiegeln (ihr benennt sie Throne)
Wird Gott im Abglanz richtend niedersehen,
Sodaß sich diese Rede wohl verlohne.«

    Sie schwieg hierauf und gab mir zu verstehen,
Daß sie auf andres achte; denn sie wandte
Sich wieder in des Sternes Schwung und Drehen.

    Der andre, mir als Kleinod schon bekannte
Wonnige Glanz, ließ sehen mich ein Prangen
Gleich dem Rubin, drin voll die Sonne brannte.

    Durch Freude kann man droben Glanz erlangen,
Wie Lächeln hier. Doch unten fühlt umgrauen
Der Geist sich mehr, jemehr er grambefangen.

    »Alles sieht Gott. In ihm versinkt dein Schauen,
Glückseliger Geist,« sprach ich. »Wem wollts gelingen,
Wünsche zu bergen dir, statt zu vertrauen?

     Warum will deine Stimme, deren Singen
Den Himmel freut mitsamt den andern Frommen,
Die sich ihr Lichtkleid machen aus sechs Schwingen,

    Den Wunsch nicht löschen, der in mir entglommen?
Könnt ich dein Innres wie du meins entdecken,
Nicht ließ ichs erst zu einer Frage kommen.« –

    »Das mächtigste von allen Wasserbecken
Nächst dem, das um den Erdball schlingt die Wogen,«
So hört ich ihn der Stimme Klang erwecken,

    »Ist zwischen Feindesküsten hingezogen
Soweit nach Osten, daß an Westens Rande
Gesichtskreis wird, was östlich Mittagsbogen.

    Ich lebte dort im Tal, zwischen dem Strande
Ebros und Magras, die in kurzem Rennen
Genuas Gebiet trennt vom Toskanerlande.

    Fast gleichen Untergang und Aufgang kennen
Buggea und der Ort, der mich geboren,
Des Hafen einst im Blute mußt entbrennen.

    Der Name Folko klang vertraut den Ohren
Des Volkes. Und wie er mir Einfluß zollte,
Ist dieser Himmel meinem jetzt erkoren.

    Denn mehr als ich, solang mein Haar es wollte,
Trug nicht des Belus Tochter Glutverlangen,
Daß ihr Sichäus und Krëusa grollte,

    Nicht, die Demophoon einst hintergangen,
Die Rhodopäerin. Auch vom Alciden
Ward Jole glutherziger nicht umfangen.

    Doch lächelt man hier reuelos, in Frieden:
Nicht ob der Schuld, die ganz dem Geist entgleitet,
Nein ob der Kraft, die ordnend so entschieden.

    Hier wird die Kunst bestaunt, die Schmuck bereitet
So liebreich; und der Güte wird man inne,
Die auf zur obern Welt die untere leitet.

     Doch daß nun ganz Befriedigung gewinne
Dein Wünschen, das nach dieser Sphäre zielte,
Tuts not, daß ich den Faden weiterspinne.

    Du wüßtest gern, wen dieses Licht enthielte,
Das neben mir sich so mit Glanz umschmückte,
Alsob im Silberquell die Sonne spielte.

    So wisse, Rahab ists, die stillentzückte,
Auf die, vereinigt unserm Glanzgeblitze,
Sein Siegel es als höchste Zierde drückte.

    Zum Himmel, drin der Erde Schattenspitze
Verläuft, vor andern Seelen zu gelangen,
Gab Christi Siegeszug ihn ihr zum Sitze.

    Wohl ziemt es ihr, im Himmel hier zu prangen,
Daß sie des hohen Sieges Palmzweig trüge,
Den eine und die andre Hand errangen.

    Hat sie begünstigt doch die ersten Flüge
Des Ruhms von Josua in Heiligen Landen,
Die gern der Papst sich aus dem Sinne schlüge.

    Und deine Stadt – die ja durch den entstanden,
Den Gott zuerst gestraft für sein Verschulden,
In dem sich auch des Urneids Wurzeln fanden –

    Zeugt und verstreut die giftigen Liliengulden,
Die Schaf und Lamm verlockten von den Triften,
Weil sie den Wolf als ihren Hirten dulden.

    Des Evangeliums und der Väter Schriften
Denkt man nichtmehr, jedoch der Dekretalen:
Die Ränder zeigen es, die eingeknifften.

    Damit weiß Papst und Kardinal zu prahlen!
Nicht denken sie an Nazareth, ob dorten
Auch Gabriel die Schwingen ließ erstrahlen.

    Jedoch der Vatikan nebst andern Orten
Von Rom, die heilig sind, weil dort gebettet
Die Heerschar ruht, die folgsam Petri Worten,

    Sie werden bald vom Ehebruch errettet.«

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