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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 76
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Achter Gesang

    Lang hat die Welt geglaubt schädlicherweise,
Es strahle Liebestollheit aus die hehre
Zypris, wandelnd im dritten Nebenkreise.

    Darum erwies denn ihr allein nicht Ehre
Mit Weihgelübden, Sang und Opfergaben
Der alten Völker alte Irrtumslehre,

    Nein, ihrer Mutter auch und ihrem Knaben,
Dionen und Kupido. Und sie sangen,
Er soll in Didos Schoß gesessen haben.

    Und nun nach ihr, mit der ich angefangen,
Hieß dieser Stern, der bald vorm Sonnenlichte,
Bald hinter ihm liebäugelnd kommt gegangen. –

    Nicht merkt ich, daß zu ihm mein Flug sich richte;
Doch daß ich in ihm sei, ließ bald mich sehen
Die Herrin mit stets schönerm Angesichte.

    Wie Funken man im Feuer sieht entstehen,
In Stimmen Stimmen höret laut und leise,
Wenn diese weilen, jene nahen und gehen,

    Sah ich im Licht hier andre Lichter Kreise
Beschreiben, langsam bald und bald geschwinde:
Mir scheint, nach ihres ewigen Anschauns Weise.

    Nie schickten kalte Wolken schnellere Winde,
Ob sichtbar oder unsichtbar sie seien,
Daß sie nicht langsam schienen und gelinde

     Dem, der zu uns die Gotteslichterreihen
Hereilen sähe, fliehend jenen Reigen,
Dem hohe Seraphim Urantrieb leihen.

    Und aus der Nächsten Mitte hört ich steigen
So süß Hosianna, daß (seit ichs vernommen)
Der Wunsch, es neu zu hören, nicht will schweigen.

     Und einer sprach, der näher uns gekommen:
»Daß Freude über uns dir werd zum Lohne,
Sind alle wir bereit zu deinem Frommen.

    Ein Schwung im Schwung, ein Durst hält nah dem Throne
Der Himmelsfürsten uns, für die entbrennend
Du einst auf Erden sangest die Kanzone:

    › Die ihr den dritten Himmel lenkt erkennend!
Und sind so liebevoll, daß dir zuliebe
Wir etwas rasten, es Erquickung nennend.«

    Nachdem ich aufgeblickt im Ehrfurchtstriebe
Zur Herrin und beruhigt wahrgenommen,
Daß sie zustimmend mir gewogen bliebe,

    Wandt ich zum Lichte mich, das solch Willkommen
Mir froh verhieß. Und »Sag, wer seid Ihr?« fragte
Mein Mund in Tönen, inbrunstvollentglommen.

    Und oh! welch neue Wonne überragte
Die alte Wonne aus den Flammenherden
Der Seligkeit, indem ich dieses sagte.

    Und so umschimmert sprachs: »Drunten auf Erden
War kurz mein Sein. Wärs minderschnell verronnen,
Gäbs weniger Übel, die nun kommen werden.

    Unkenntlich bin ich dir, weil meine Wonnen
Mich bergen so in ihrem Strahlenbunde,
Wie sich der Wurm in Seide hält versponnen.

    Du liebtest sehr mich und mit gutem Grunde.
Gern hätt ich dir gezeigt bei längerm Leben
Von meiner Liebe mehr als Laub zur Stunde.

Illustration: Dorè

    Wo sich die Fluren links der Rhone heben,
Nachdem sie mit der Sorgue sich verbündet,
Dort wollte man mir einst die Herrschaft geben.

    So auch Ausoniens Horn, wo festgegründet
Gaeta trotzen, Bari und Crotone,
Von wo ins Meer Tronto mit Verde mündet.

     Mir glänzte auf der Stirn bereits die Krone
Des Landes, das benetzt von Donauwogen,
Sobald sie fern der deutschen Uferzone.

    Trinakrien auch, das schöne, rauchumzogen –
Zwischen Pachino und Pelor am Damme
Des Golfs, der rauh wird vom Südost umflogen –

    Nicht durch Typhöus, nein, durch Schwefelflamme:
Es hätte noch erwartet Königssprossen,
Gezeugt von mir aus Karls und Rudolfs Stamme,

    Wenn nicht die Mißwirtschaft das Volk verdrossen,
Das mit dem Rufe ›Auf zum Mord!‹ sich rächte,
Worauf dann in Palermo Blut geflossen.

    Und säh mein Bruder dies voraus: er dächte,
Die geizige Ärmlichkeit der Katalanen
Schon jetzt zu meiden, eh es Schaden brächte.

    Denn wahrlich, nötig wär es, ihn zu mahnen,
Daß er die schon so starkbeladene Barke
Nicht überfrachte, um sich Weg zu bahnen.

    Er, karger Sprößling aus freigebigem Marke,
Bedürfte Diener, die nicht ewig sinnen,
Wie ihre Habgier Gold zusammenharke.« –

    »Herr, weil ich glaub, daß – die dein Wort durchrinnen
Mich läßt – die hohe Wonne dort im Einen,
Wo alles Guten Ende und Beginnen,

    Sich deinem Blick zeigt, wie sies tut dem meinen,
Freut sie mich mehr. Auch dies schafft mir Behagen,
Daß dirs im Gottanschaun darf klar erscheinen.

    Du machtest heiter mich, laß mirs auch tagen!
Drum bitt ich, daß du mir dem Zweifel wehrest:
Wie kann aus süßem Samen Bittres schlagen?«

    So ich. Drauf er: »Wenn Wahrheit du begehrest,
Mußt du ihr erst ins Auge schauen lernen,
Da du bisjetzt ihr noch den Rücken kehrest.

     Das Gut, das stillt und umschwingt diese Fernen,
Darin du aufsteigst, läßt als Kraft bestehen
Seine Vorsicht in diesen großen Sternen.

    Und nicht die Wesen nur sind vorgesehen
In Seinem Geist vollkommen und erwogen,
Vielmehr mit ihnen auch ihr Wohlergehen.

    Drum, was auch immer abschnellt dieser Bogen,
Er wills nur vorgesehenem Zweck erkaufen,
Und pfeilgleich kommt er in sein Ziel geflogen.

    Wär dieses nicht, so wär, den du durchlaufen,
Der Himmel hier kein Schöpfer oder Pfleger
Kunstvoller Bildung, nein, ein Trümmerhaufen.

    Dies kann nicht sein! Sonst wären auch die Heger
Und Lenker der Gestirne unvollkommen,
Und unvollkommen ihr Schöpfer und Beweger.

    Soll dir noch mehr Licht für dies Wahre frommen?«
Und ich: »Mitnichten! Der Natur bleibt immer
Der Trieb zum nötigen Schaffen unbenommen.«

    Drauf wieder er: »So sage, wärs nicht schlimmer,
Wenn nicht die Menschen drunten Bürger blieben?« –
»Ja!« sprach ich, »und hier brauch ich Gründe nimmer.«–

    »Und bliebt ihrs, wenn in Ämtern und Betrieben
Verschiednen nicht verschiedne Pflichten sprießen?
Doch nicht, wenn euer Meister recht geschrieben.«

    So folgernd bis hierher, hört ich ihn schließen:
»Drum muß auch ganz verschiedene Wurzeln haben
All euer Handeln. Einen Solon ließen

    Und Xerxes sie entstehn mit andern Gaben,
Als Melchisedek oder den Erfinder,
Der fliegend einst verloren seinen Knaben.

    Die kreisende Natur prägt auf die Kinder
Der Welt wie wachs ihr Siegel kunstvoll-eigen,
Bevorzugt Stand und Haus nicht mehr noch minder.

     Drum Esau schon und Jakob Feindschaft zeigen
Im Reim. Und den Quirinos Mutter säugte,
Hieß Marssohn, niedern Vater zu verschweigen.

    Stets käme die Natur als nur-erzeugte
Mit den Erzeugern gleichen Wegs gestiegen,
wenn Gottes Vorsicht sie im Sieg nicht beugte.

    Was hinten lag, siehst du nun vor dir liegen.
Doch daß du wissest, wie ich dein mich freute,
Sollst du zum Kleide noch den Mantel kriegen.

    Fällt feindlichem Geschick Natur zur Beute,
So wird sie jedem Samen gleich zuschanden,
Den man auf ungeeignet Feld verstreute.

    Und hätte drunten stets die Welt verstanden,
Der von Natur gegebenen Bodensphäre
Zu folgen, wär bald besseres Volk vorhanden.

    Ihr aber wollt, daß sich als Mönch erkläre,
Der nur zum Schwertumgürten ward geboren,
Und macht zum König, der gut Prediger wäre.

    Drum ging die rechte Wegspur euch verloren.«

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