Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dante >

Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 68
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
Schließen

Navigation:

 

Dreiunddreißigster Gesang

     Deus venerunt gentes,« also fingen
Die Frauen zu drei und vier im Wechselsange
Mit Tränen an den süßen Psalm zu singen.

    Und Beatrice lauschte seufzendbange
So mitleidsvoll, daß blasser kaum sich zeigen
Maria mochte auf dem Kreuzesgange.

    Doch als die andern Jungfraun ihr durch Schweigen
Das Wort einräumten, stand sie auf, noch eh
Sie sprach; und Feuerfarbe war ihr eigen:

     »Modicum, et non videbitis me;
Et iterum
, ihr Schwestern, meine lieben,
Modicum, et vos videbitis me.«

     Dann ließ sie vor sich hergehn alle Sieben,
Und folgen, nur auf ihrer Winke einen,
Die Frau, mich, und den Weisen, der geblieben.

    So ging sie hin. Und wie mirs wollte scheinen,
Sanken kaum erdwärts ihrer Schritte zehen,
Als ihre Augen trafen tief die meinen.

    Und ruhigen Ansehns sprach sie: »Schneller gehen
Mußt du, daß sich dein Geist kann vorbereiten,
Was ich dir sagen werde, zu verstehen.«

    Kaum war ich, wie befohlen, ihr zur Seiten,
Sprach sie zu mir: »Was wagst du nicht zu fragen,
O Bruder, da du neben mir darfst schreiten?«

    Wie denen, die vor zuviel Ehrfurcht zagen
Vor ihren Obern, daß hervorzukommen
Die Stimme zu den Zähnen nicht will wagen,

    So ging es mir, der ich, im Ton beklommen,
Nun anhub: »Meine Herrin, mein Verlangen
Erkennt Ihr, und auch was dazu mag frommen.«

    Und sie zu mir: »Ich will von Scham und Bangen
Fortan befreit dich sehen, drum erwache,
Daß du nicht länger sprichst wie schlafbefangen.

    Vernimm: der Wagen, den zerstört der Drache,
Ist nicht; er war! Doch vor der Hostie scheute –
Der Schuldige glaubs – sich niemals Gottes Rache.

    Nicht immer ohne Erben bleibt wie heute
Der Adler, der die Federn ließ dem Wagen,
Wodurch er Scheusal ward und nachher Beute.

    Denn deutlich seh ichs und drum darf ich sagen,
Daß nahe Sterne eine Zeit uns spenden,
Die weder weiß von Hemmung noch Vertagen,

    Wo den ›Fünfhundert-Zehn-und-Fünf‹ Gott senden
Uns wird, durch den die Dirne und der Riese,
Der mit ihr sündigte, im Tod wird enden.

     Und falls mein Wort sich dunkel dir erwiese
Gleich Sphinx und Themis, weil es nachtbeladen
Dem Geist die Überzeugung wehrt, wie diese,

    So werden bald Tatsachen als Najaden
Des schweren Rätsels Lösung dir erwerben,
Ohne den Herden und dem Korn zu schaden.

    Du merke, was und wie ichs sprach, daß Erben
All dieser Worte werden, die dort leben
Ein Leben, das ein Wettlauf ist zum Sterben.

    Und wenn du schreibst, bedenke auch daneben,
Zu hehlen nicht, wie du den Baum sahst droben,
Der nun dem Raub ward zweimal preisgegeben.

    Wer Raub und Schändung will an ihm erproben,
Kränkt durch Tatlästerung Gott; er will ihn wissen
Für seinen Dienst als heilig aufgehoben.

    Die erste Seele, die hineingebissen,
Sich sehnsuchtsvoll fünftausend Jahr verzehrte
Nach dem, der sterbend sie der Schuld entrissen.

    Es schläft dein Geist, wenn er dich nicht belehrte,
Daß dieser Baum aus ganz besonderm Grunde
So hoch ist und den Wipfel so verkehrte.

    Und wenn den Geist dir nicht die ungesunde
Weltliche Lust mit Elsas Flut befleckte,
Wie einst die Maulbeerfrucht aus Pyrams Wunde,

    Längst dann der Zeichen Fülle dir entdeckte,
Was durch Verbot des Baums sittlich alleine
Die göttliche Gerechtigkeit bezweckte.

    Doch weil ich seh, es ward dein Geist zum Steine,
Daß fleckenlos dein Wollen nicht geblieben,
Und blind du stehst bei meines Wortes Scheine,

    So nimm, wenn auch gemalt nur statt geschrieben,
Mein Wort mit dir, wie wohl bei ihren Fahrten
Am Stab die Pilger Palmenblätter lieben.«

     Und ich: »Wie Siegel stets im Wachs bewahrten
Das Bild, das ihm das Petschaft hat gegeben,
So stempelt Ihr mein Herz auf gleiche Arten.

    Doch warum muß so hoch sich denn erheben
Euer ersehntes Wort? Nur ferner sehen
Die Augen es, jemehr sie danach streben.«

    Sie sprach: »Daß du die Schule kannst verstehen,
Der du gefolgt, und siehst, wie ihre Weise
Beschaffen, meinem Worte nachzugehen,

    Und siehest, wie die Straße eurer Reise
So fern von Gottes Weg, wie von der Erden
Fern sind des schnellen Himmels höchste Kreise.«

    Drauf ich: »Erinnerlich will mirs nicht werden,
Daß Euer ich mich jemals hätt entzogen.
Auch schuf mir mein Gewissen nie Beschwerden.« –

    »Und wenn dir die Erinnrung dran entflogen,«
Sprach lächelnd sie, »gedenke, daß soeben
Du erst getrunken hast von Lethes Wogen.

    Und wie der Rauch ein Feuer anzugeben
Vermag, hat solch Vergessen mirs beeidet,
Daß schuldvermischt dein mißgelenktes Streben.

    Wohl! fortan sei des Redeschmucks entkleidet
Mein Wort, soweit sichs ziemt; daß minder sauer
Am Sinne sich dein blödes Auge weidet.« –

    Und heißer und mit Schritten längerer Dauer
Hielt schon die Sonne sich im Mittagskreise,
Der stets den Ort vertauscht mit dem Beschauer,

    Als stillehielten – ganz nach dessen Weise,
Der einen Trupp anführt und, wenn zustatten
Ihm etwas kommt, stillhält auf seiner Reise –

    Die sieben Frauen in so bleichem Schatten,
Wie ihn aus grünem Laub und schwarzen Zweigen
Auf kalte Bäche werfen Alpenmatten.

     Euphrat und Tigris schienen sich zu zeigen
Vor ihnen, wachsend wie aus einer Quelle,
Dann zögernd scheiden, wie es Freunden eigen.

    »O du, der Menschheit Ruhm und Sonnenhelle,
Welch Wasser bricht aus einem Quell zutage
Vor mir, und trennt dann von sichselbst die Welle?«

    Auf solche Frage ward Bescheid mir: »Frage
Matelda um Bescheid.« Und darauf sagte,
Wie in der Abwehr vorwurfsvoller Klage,

    Die Schöne: »Dies und was er sonst noch fragte,
Erklärt ich ihm schon, und bin sicher dessen,
Daß Lethes Wasser es ihm nicht verjagte.«

    Und Beatrice: »Leicht mag ein Vergessen
Verschleiernd vor des Geistes Blick sich legen,
Wenn größere Sorgen das Gedächtnis pressen.

    Doch sieh, Eunoë rieselt uns entgegen.
Erstorbene Lebenskräfte neu zu wecken,
Führ ihn zu ihr, gewohnten Amts zu pflegen.«

    Wie nie ein edles Herz zurück wird schrecken,
Nein, eigenen Wunsch dem fremden Wunsch läßt frommen,
Mag den ihm nur ein leiser Wink entdecken,

    So hat die Schöne meine Hand genommen
Und sprach im Gehen zu Statius, in den Zügen
Frauliche Anmut: »Du darfst mit mir kommen.« –

    Könnt, Leser, ich ob größerm Raum verfügen
Zum Schreiben, säng ich mindestens Einzelheiten
Des süßen Tranks, dran nie ich fänd Genügen.

    Doch weil nunmehr beschrieben alle Seiten,
Die für das zweite Lied zurückzustellen,
Läßt mich der Zaum der Kunst nicht weiterschreiten.

    Ich schwang empor mich aus den heiligen Wellen,
Wie eine junge Pflanze sich im Kerne
Verjüngt fühlt und von jungem Laube schwellen:

    Rein und bereit zum Aufschwung in die Sterne.

 << Kapitel 67  Kapitel 69 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.