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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 66
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
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Einunddreißigster Gesang

    O du, jenseit der heiligen Wasserscheide,«
So auf mich ihrer Rede Spitze lenkend,
Die mir schon scharf geschienen an der Schneide,

    Sprach sie fortfahrend, nicht an Aufschub denkend,
»Sprich, sprich, ob dieses wahr? Bei solchen Klagen
Mußt du bekennen, reine Wahrheit schenkend.«

    Es war so gänzlich meine Kraft zerschlagen,
Daß mir die Stimme brach schon im Beginnen,
Eh noch die Lippen sie hinausgetragen.

    Nach kurzem Warten sprach sie: »Welch Besinnen?
Gieb Antwort. Denn dir tilgte die unreine
Erinnerung noch nicht des Wassers Rinnen.«

    Furcht und Verwirrung preßten im Vereine
Aus meinem Mund ein Ja, daß es erkannte
Ob seines schwachen Tons der Blick alleine.

    Gleichwie die Armbrust, die zustraffgespannte,
Beim Schusse sprengt den Bogen samt dem Strange,
Daß abgeschwächt der Pfeil zum Ziel sich wandte,

    So quoll, befreit aus allzu-engem Zwange,
Ein Strom aus mir von Tränen und von Klagen,
Und meine Stimme stockte kraftlos-bange.

    »Die Sehnsucht, die dein Herz nach mir getragen,«
Sprach sie, »die jenes Gut dich zu erringen
Gelehrt, wie man kein beßres kann erjagen,

    Wo hielt sie je dir Gruben oder Schlingen
Bereit, daß du so gänzlich sahst entgleiten
Die Hoffnung, vorwärts- und emporzudringen?

    Und welch ein Vorzug, welche Herrlichkeiten
Schien dir der andern Stirne denn zu schmücken,
Daß du vor ihnen huldigend mußtest schreiten?«

     Der Stimme wollte keine Antwort glücken;
Sie brach. Und einige bittere Seufzer flogen,
Eh mirs gelang, mich wortklar auszudrücken.

    Weinend sprach ich: »Mit falscher Lust betrogen
Hat mich die Gegenwart, ihr nachzufliegen,
Sobald sich Euer Anblick mir entzogen.«

    Und sie: »Wenn du geleugnet, ja verschwiegen
Die Schuld, die du bekannt – gleich offener Kunde
Säh doch sie solches Richters Auge liegen.

    Doch Selbstvorwurf aus Sünders eignem Munde
wendet die Schneide gleich dem Rad entgegen
Des Schleifsteins hier in unsers Hofes Runde.

    Nun, daß du kräftiger deines Irrtums wegen
Dich schämst und künftig standhaft bleibst im Wollen,
wenn dir Sirenenlieder Schlingen legen,

    So laß nichtmehr die Saat der Tränen rollen
Und hör, wie dich im Gegenteil hätt trösten
Mein eingesargtes Fleisch und spornen sollen.

    Weder Natur bot dir, noch Künste flößten
Dir größere Lust ein, als die schönen Glieder,
Die mich umhüllt und nun in Staub sich lösten.

    Und sank dir so der Wonnen höchste nieder
Durch meinen Tod: was hing sich dein Verlangen
Sobald an niedre Erdendinge wieder?

    Zeit wars, als du den ersten Pfeil empfangen
Vom Erdentrug, zur Höh dich zu entzücken –
Mir nach! die irdischen Dingen längst entgangen.

    Nicht durften dir die Flügel erdwärtsdrücken,
Mehr Pfeile zu gewärtigen, Eitelkeiten
Und Mägdelein, die flüchtige Reize schmücken.

    Gelbschnäbeln kann ein Pfeil Gefahr bereiten
Zwei-dreimal, oder daß ins Netz sie gehen.
Die älteren fliehen die Gefahr beizeiten.« –

     Wie schamerfüllte Kinder schweigend stehen,
Gesenkten Blicks bedacht, wie auszumerzen
Die Schuld, die sie durch Vorwurf eingesehen,

    So stand ich. Und sie sprach: »Schmerzt dich im Herzen
Sotief mein Wort schon – deinen Bart erhebe,
Und stärker wird dich noch mein Anblick schmerzen.«

    Ich glaube nicht, daß minder widerstrebe
Der Eichbaum, ob er knick vor unserm Winde,
Ob der aus Jarbas Land den Rest ihm gebe,

    Als ich auf ihr Geheiß das Kinn geschwinde
Aufhob; und da sie Bart mein Antlitz nannte,
Das Gift wohl merkte, das im Wort sich finde.

    Und als mein Antlitz sich nach oben wandte,
Da ruhten auch die Engelsurgestalten
Mit Blumenstreuen, wie mein Blick erkannte.

    Und meine Augen, unstät noch im Halten,
Sahn Beatricen nach dem Tiere schauen,
In dem als einem zwei Naturen walten.

    Verschleiert auf des andern Ufers Auen
Schien sie ihr früheres Bild zu überstrahlen
Mehr, als sie überstrahlt einst andere Frauen.

    Wie brannten mich der Reue Nesselqualen,
Daß sich, statt einstiger Lust an nichtigen Scherzen,
Jetzt Haß und Abscheu in das Herz mir stahlen.

    Sosehr fraß Selbsterkenntnis mir am Herzen,
Daß ich hinfiel besiegt. Und wie michs nagte,
Sie weiß es, die verursacht mir die Schmerzen.

    Sodann, als neue Kraft dem Herzen tagte,
Sah ich, die ich erst einsam traf, gebogen
Auf mich die Frau, die »Faß mich, faß mich« sagte.

    Sie hatte bis ans Kinn mich in die Wogen
Getaucht und, ohne tiefer sich zu senken,
Leicht wie ein Weberschiff mitsichgezogen.

     Als ich sie sah zum seligen Strande lenken,
Hört ich »asperges me!«. Und so süßklingend,
Daß ichs nicht schreiben kann noch wiederdenken.

    Die Schöne tat die Arme auf, umschlingend
Mein Haupt, es tauchend, bis mein Mund berührte
Das Wasser, mich davon zu trinken zwingend.

    Drauf nahm sie mich, und so gebadet führte
Sie mich zum Tanz der schönen Vier; und gerne
Mit sanftem Arme jede mich umschnürte.

    »Hier sind wir Nymphen und am Himmel Sterne;
Erwählt dazu, sie dienend zu umringen,
Eh Beatrice stieg zur Erdenferne.

    Vor ihre Augen werden wir dich bringen.
Doch für ihr heitres Licht wird dir gespendet
Erst Kraft von jenen Dreien, die tiefer dringen.«

    So sangen jene. Und als sie geendet,
ward ich geführt dicht vor die Brust des Greifen,
wo Beatrice stand, uns zugewendet.

    Sie sprachen: »Hier laß frei die Blicke schweifen,
Wir stellten dich vor die smaragdnen Funken,
Draus Amors Pfeil dich einstmals sollte streifen.«

    Wohl tausend Wünsche trieben, feuertrunken,
Die Augen mir zu ihren strahlendreinen,
Die auf dem Greifen ruhten starrversunken.

    Wie Sonnenlicht im Spiegel, sollt ich meinen,
Ganz so sah ich das Doppeltier darinnen
In zweierlei Gestalt getrennt erscheinen.

    Denk, Leser, ob ich staunend mußte sinnen,
Als ich das Urbild wandellos entdeckte,
Doch Zwiegestalt das Abbild sah gewinnen.

    Als meine Seele sich, die froh-erschreckte,
Noch labte an der Kost im seligen Drange,
Die sattmacht, daß sie neue Eßlust weckte,

     Schwebten die andern Drei, von höchstem Range
Dem Wesen nach, hervor, sich zu erfreuen
Am Tanz nach ihrem engelhaften Sange.

    »Neig, Beatrice, neige deinem Treuen
Die heiligen Augen,« sangs in ihrer Runde,
»Der dich zu schaun sich keinen Schritt ließ reuen.

    Aus Gnade gieb uns Gnade! Zieh vom Munde
Den Schleier, daß ihm unverhüllt jetzt schnelle
Von deiner zweiten Schönheit werde Kunde.«

    O Glanz lebendigen Lichts voll ewiger Helle!
Wer ward so bleich in des Parnassus Schatten,
Wer schlürfte tiefgenug aus seiner Quelle,

    Daß doch sein Geist nicht schiene zu ermatten,
will er ganz schildern deines Anblicks Feier,
Wo dich die Himmel leicht gemalt nur hatten,

    Als du in freier Luft gelöst den Schleier?

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