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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 64
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Neunundzwanzigster Gesang

    Gleich liebeseligem Weib ließ die Kantata
Am Schlusse ihrer Worte sie erschallen:
»Beati, quorum tecta sunt peccata!«

    Wie Nymphen einzeln wandeln in Waldeshallen,
Diese dem Schatten nach die Schritte leitend,
Jene dahin, wo Sonnenstrahlen fallen,

    So ging sie jetzt, am Strand stromaufwärtsschreitend.
Und ich auch hatte mich zum Gehen gewendet,
Den kleinen Schritt mit kleinem Schritt begleitend.

     Kaum hundert Schritte hatten wir vollendet,
Als beide Ufer eine Biegung machten,
Daß mir des Ostens Anblick ward gespendet.

    Doch nicht sehr weit uns unsere Füße brachten,
Da sprach das Weib, das ganz zu mir sich wandte:
»Jetzt heißts, mein Bruder, hören und betrachten.«

    Und sieh, in einem Leuchten hell entbrannte
Plötzlich der weite Wald nach allen Seiten,
Alsob der Himmel einen Blitz entsandte.

    Doch weil die Blitze, kaum-gesehen, entgleiten,
Und dieser Glanz sich immer mehr erhellte,
Sprach ich zu mir: »Was wird sich vorbereiten?«

    Und eine süße Melodie durchschwellte
Die lichte Luft, daß ich fromm-eifernd grollte,
Weil Eva noch verdiente härtere Schelte,

    Daß, wo Gehorsam Erd und Himmel zollte,
Ein Weib allein, und kaum zum Sein entsprossen,
Nicht eines Schleiers Hülle leiden wollte.

    Ich konnt, hielt sie ihn demutsvoll verschlossen,
So namenlose Wonnen früher haben
Und hätte sie auch länger schon genossen.

    Indem ich unter soviel Erstlingsgaben
Der ewigen Wonne schritt, erwartungsbange
Und dürstend, mich glückseliger noch zu laben,

    Da strahlt vor uns, alsob sie Feuer fange,
Die Luft durchs Waldesgrün, soweit ich sehe,
Und süßer Ton erklingt schon im Gesange. –

    O heilige Jungfraun, wenn mich Hungerswehe,
Nachtwachen, Frost um euch je leiden ließen,
Jetzt drängt michs, daß ich Lohn dafür erflehe.

    Jetzt muß die Quelle Helikons mir fließen
Und mir mit ihrem Chor Urania dienen,
In Verse Schwerzudenkendes zu gießen. –

     Nicht lang, und sieben goldene Bäume schienen
Mir vorgetäuscht zu werden glanzumglommen
Durch die Entfernung zwischen mir und ihnen.

    Doch als ich ihnen dann so nahgekommen,
Daß Täuschung sich trotz Formgleichheit vermiede,
Weil durch Entfernung minder sie verschwommen,

    Da ließ die Einsicht mich, die Unterschiede
Uns lehrt, als sieben Leuchter sie erkennen,
Und ließ »Osanna!« hören mich im Liede.

    Nach oben stieg der Prachtgeräte Brennen
So hell, daß Lunas mitternächtiges Gluten
In Monatsmitte wäre blaß zu nennen.

    Ich wandte voll Verwunderns mich zum guten
Vergil, und sah, daß Zeichen nicht geringen
Erstaunens auch auf seinem Antlitz ruhten.

    Drauf kehrte ich den Blick den hohen Dingen
Noch einmal zu; doch nahten sie so sachte,
Daß junge Bräute schnell dagegen gingen.

    Da schalt die Frau: »Was ists, was dich entfachte,
Daß der lebendigen Lichter einzig immer,
Und des was nachfolgt nicht dein Auge achte?«

    Und sieh: gleich ihrem Führer folgt dem Schimmer
Ein dichter Schwarm, und weiße Kleider winken.
Und solch ein blendend Weiß gabs diesseits nimmer.

    Gleich einem Spiegel blitzte mir zur Linken
Der Fluß und ließ, wenn ich hineingesehen,
Die linke Hüfte mir entgegenblinken.

    Als ich am Strand nicht weiter konnte gehen
Und nur das Wasser hemmte mein Bemühen,
Da blieb ich, besser sehen zu können, stehen;

    Und sah die Flämmchen uns entgegensprühen,
Die bunt, alsob zum Pinsel Maler greifen,
Den Luftraum ließen hinter sich erglühen,

     Sodaß er oben von den sieben Streifen
Geteilt blieb in den Farben, draus den Bogen
Sich Sol, und Delia macht den Gürtelreifen.

    Nach rückwärts diese Banner weiter flogen
Als meine Sehkraft; doch die äußern Gleise
Schienen mir wohl zehn Schritt entfernt zu wogen.

    Und unter solchem schönen Himmelskreise
Sah ich, bekränzt mit weißen Lilien, ziehen,
paarweis-geordnet, vierundzwanzig Greise.

    »Heil dir,« so klangen ihre Melodieen,
»Heil dir aus Adams Töchtern, Benedeite.
Ewig sei deiner Schönheit Preis verliehen!«

    Kaumdaß genüber mir in seiner Breite
Der Blumenteppich, der den Ufern eigen,
Vom auserwählten Volke sich befreite,

    So kamen, wie sich Stern-auf-Stern zu zeigen
Am Himmel pflegt, dahinterher vier Tiere;
Bekränzt ein jegliches mit grünen Zweigen.

    Sechs Flügel hatte jedes dieser Viere,
Und dichtbesetzt mit Augen jede Schwinge.
Des Argus Augen wären wohl wie ihre.

    Ihr Bild zu schildern, Leser, mich nicht zwinge,
Mit Reimen wird kein Aufwand jetzt getrieben,
Sonst ist ihr Vorrat später zu geringe.

    Doch lies Ezechiel, der sie beschrieben,
Wie er sie sah, als kalte Winde wehten,
In Wolken, Wirbelsturm und Feuer stieben.

    Wie sie dir läßt sein Buch vor Augen treten,
So waren die hier; nur betreffs der Schwingen
Stimmt mir Johannes bei, nicht dem Propheten.

    Im Zwischenraum, den diese Vier umfingen,
Zog auf zwei Rädern einen Siegeswagen
Ein Greif her, dem am Hals die Gurte hingen.

     Der ließ hochauf die beiden Flügel ragen
Zwischen dem Mittelstreif und den je-dreien;
Doch ohne einen trennend zu durchschlagen.

    Der Blick verfolgte nicht, wie hoch sie seien.
Es war der Rumpf des Vogels goldgediegen,
Und Weiß und Rot dem Rest die Farbe leihen.

    Nicht Afrikanus noch August bestiegen
Je schöneren, von Rom geschenkten Wagen,
Selbst der des Sol als ärmlich müßt erliegen,

    Sols wagen, den, entgleist, der Blitz zerschlagen,
Als Zeus auf der demütigen Erde Flehen
Geheimnisvoll gerecht war ihren Klagen.

    Drei Frauen sah vorm rechten Rad ich gehen
Im Reigentanz. So hochrot glänzte eine,
Daß sie im Feuer wäre nicht zu sehen.

    Die Zweite war, als wären Fleisch und Beine
Ganz aus Smaragd. Der dritten wohl gebührte,
Daß man sie frischem Schnee verglich an Reine.

    Bald schien es, daß den Tanz die Weiße führte
Und bald die Rote; und nach deren Singen
Der andern Fuß schnell oder sacht sich rührte.

    Links sah ich Vier den Festesreigen schlingen
In Purpurkleidern nach der Einen Sange,
In deren Haupt drei Augen leuchtend gingen.

    Nach diesem hierbeschriebenen Festempfange
Folgten verschiedener Tracht zwei ernste Greise,
Bewußt von Haltung, würdevoll im Gange.

    Der eine stammte wohl vom Schülerkreise
Des Hippokrat, den die Natur belehrte,
wie ihrer Lieblingsschöpfung dien der Weise.

    Aufs Gegenteil bedacht schien mit dem Schwerte
Der Zweite. Funken schoß der Stahl im Lichte,
Daß ich jenseit des Bachs erschreckt mich kehrte.

     Dann sah ich vier Bescheidene und Schlichte.
Als letzter kam ein einzler Greis gegangen,
Schlafwandelnd, doch mit Geist im Angesichte.

    In selber Tracht sah ich die sieben prangen
Wie jene ersten, doch statt Lilienblüten
Hier rote Rosen jedes Haupt umschlangen

    Und andre Blumen, die wie Purpur glühten.
Drum würde auch wer näher stand nicht zagen,
Zu schwören, daß die Brauen Flammen sprühten.

    Und als mir gegenüber hielt der Wagen,
Erklang ein Donner. Und das Weitergehen
Schien er dem würdigen Volk zu untersagen;

    Denn mit den vordern Bannern blieb es stehen.

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