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Die göttliche Komödie

Dante: Die göttliche Komödie - Kapitel 62
Quellenangabe
typepoem
authorDante Alighieri
titleDie göttliche Komödie
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectid
wgs
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Siebenundzwanzigster Gesang

    Wie dorthin, wo ihr Schöpfer einst verblutet,
Die Sonne scheint mit ihrem ersten Strahle,
Wenn Ebro unterm Bild der Wage flutet

    Und schwüler Mittag glüht im Gangestale,
So stand die Sonne, als im Abendbrande
Ein Engel uns erschien mit einem Male.

    Noch außerhalb der Glut stand er am Strande
Und ließ »Beati mundo corde« klingen
Weit heller, als mans hört im Erdenlande.

     Dann: »Eh die Glut euch biß, ist vorzudringen
Verwehrt euch, heilige Seelen. Kommt mitsammen
Denn her und höret, was sie drüben singen.«

    Er sprachs. Wir traten näher an die Flammen.
Alsob ich das Begrabensein empfände
Lebendigen Leibs, fühlt ich mein Herz erklammen.

    Ich bog mich vorwärts ganz und rang die Hände,
Denn mein Erinnern glaubte neu zu sehen
Zuckende Leiber in der Glut der Brände.

    Die guten Führer triebs, mir beizustehen,
Und tröstend sprach Vergil: »Mein Sohn, zu Plagen
Kannst du hier wohl, doch nicht zum Tode gehen.

    Bedenk, bedenk!... Und wenn ich dich getragen
Auf Geryon schon, dich schützend vor Gefahren,
Was werd ich, Gott viel näher jetzt, nicht wagen?

    Glaub mirs, es würden dir in tausend Jahren
Die Flammen hier, wie wild sie dich umschlügen,
Versengen noch nicht eins von deinen Haaren.

    Und glaubst du, daß mein Wort doch könne trügen,
Tritt her! Gewißheit laß die Hand erlangen
Am Kleidessaum. Das muß dir dann genügen.

    Leg ab daher, leg ab so feiges Bangen.
Komm her! und dreist voran durchs Glutgeranke.« –
Ich, gegen mein Gewissen, stand befangen.

    Und als er sah, ich weiche nicht noch wanke,
Hört ich ihn »Sieh doch, Sohn,« fast zürnend sagen
»Von Beatricen trennt dich diese Schranke.«

    Wie Pyramus noch sterbend aufgeschlagen
Beim Namen Thisbe seinen Blick zur Teuern,
Als rote Frucht der Maulbeerbaum getragen,

    So, meinem harten Eigensinn zu steuern,
Trat ich zum weisen Meister, als erschollen
Ihr Name, der mich ewig wird befeuern.

     Drob sprach kopfschüttelnd er: »Wienun! Wir wollen
Hierbleiben?« – Lächelnd wie ob eines Knaben
Sprach ers, besiegt ein Apfel dessen Schmollen.

    Als wir uns, er voran, zur Glut begaben,
Bat er den Statius, hinter mir zu schreiten,
Den wir erst pflegten zwischen uns zu haben.

    Dortdrinnen hätt ich mir ein Bad bereiten
Aus glühendem Glas gemocht, mich zu erquicken:
So mächtig war die Glut hier allerseiten.

    Mein teurer Vater sprach, mir Trost zu schicken,
Von Beatricen nur auf unserm Gange
Und rief: »Schon glaub ihr Aug ich zu erblicken!«

    Uns führte eine Stimme mit Gesange
Von drüben, der wir lauschten auf den Wegen,
Bis wir vortraten, wo man steigt am Hange.

     »Venite benedicti« scholls entgegen
Aus einem Licht uns, das mich so geblendet,
Daß ich mein Lid aufs Auge mußte legen.

    »Die Sonne sinkt,« fuhrs fort; »der Abend wendet
Sich her. Nicht rastet! Fördert eure Schritte,
Eh sich der Westen schwärzt, der Licht euch spendet.« –

    Gradauf der Weg stieg durch der Felsen Mitte
Derartig, daß die Sonne beim Ermatten
Den Schatten vor mich warf bei jedem Tritte.

    Als wenig Stufen wir erklommen hatten,
Sahn ich und meine Weisen, daß zerronnen
Das Taglicht, weil zerronnen auch mein Schatten.

    Drum nahm – eh noch der Horizont begonnen,
Einförmig zu bekleiden jede Stätte,
Und eh die Nacht den fernsten Saum umsponnen –

    Zum Bett sich jeder einer Stufe Glätte.
Nur unsre Kraft brach an des Bergs Beschwerde,
Nicht daß zum Aufstieg Lust gemangelt hätte.

     Wie wiederkäuend eine Ziegenherde,
Die flink erst über Hügel sprang, im Brüten
Gesättigt ruht im Schatten auf der Erde,

    Wenn schon die Höhen mittagsrot erglühten,
Bewacht vom Hirten, der auf seinen Stecken
Sich stützt, um so gestützt sie zu behüten;

    Und wie sich nachts die Schäfer ruhig strecken
Zu ihrer Herde draußen, und nicht leiden,
Daß sie ein Wolf kann auseinanderschrecken:

    So kam ich hier mir vor mit jenen beiden.
Ich war die Geiß, die Hirten jene waren,
Umringt von Höhen, die Aussicht abzuschneiden.

    Ein Streif nur wollte sich mir offenbaren;
Doch sah ich an dem kleinen Streif die Sterne,
Die seltsamgroßen hier und leuchtendklaren.

    So, achtsam und bedachtsam-schauend gerne,
Befiel mich Schlaf; der Schlaf, dem unverborgen
Oft Dinge sind, die ungeschehen und ferne. –

    Zu jener Stunde, dünkt mich, wo vom Morgen
Den Berg Cytherens erster Strahl umzückte,
Die immer scheint zu glühen vor Liebessorgen,

    Sah träumend ich ein Weib, das Jugend schmückte
Und Schönheit, das durch eine Wiese ginge
Und singend sprach, wobei es Blumen pflückte:

    »Wer fragt, der wisse, wie mein Name klinge.
Die Lea bin ich, die ich eifrig pflücke
Mit schönen Händen und mir Kränze schlinge,

    Und mich, vorm Spiegel schön zu sehen, hier schmücke.
Doch Schwester Rahel scheint sich festzusaugen
An ihrem, daß sie täglich sich entzücke.

    Sie freut der Anblick ihrer schönen Augen,
Wie michs, reg ich zum Schmuck die Hände schnelle.
Ihr will das Schauen, mir das Schaffen taugen.«

     Und schon entwich vorm Glanz der Morgenhelle –
Den Wandrern umsolieber, als dann wieder
Jenäher ihnen rückt die Herbergstelle –

    Die dunkle Nacht; und auch mein Schlaf sank nieder,
Als ich im Aufstehn sah, wie schon zum Steigen
Die großen Meister rüsteten die Glieder.

    »Die süße Frucht, nach der auf soviel Zweigen
Der Sterblichen Begier sich stets entfachte,
Sie macht noch heute deinen Hunger schweigen.«

    Mit diesen Worten mich Vergil bedachte.
Und keinem Festgeschenk mochts je gelingen,
Daß gleiche Lust es dem Beschenkten machte.

    Nun wuchs mir Wunsch-auf-Wunsch, emporzudringen,
So überstark, daß ich zum Höherfliegen
Schrittweise wachsen fühlte meine Schwingen. –

    Als unter uns nun lagen alle Stiegen
Und wir haltmachten auf dem höchsten Rande,
Ließ fest auf mir Vergil die Augen liegen

    Und sprach: »Vom zeitlichen und ewigen Brande
Sahst du das Glühen, mein Sohn, und weilst nun droben,
Wo ich nichts zu erkennen mehr imstande.

    Mit Geist und Kunst bracht ich dich nach hieroben.
Eignes Belieben nimm jetzt zum Genossen.
Bist steilem Steg, bist engem Weg enthoben.

    Sieh deine Stirn von Sonnengold umflossen,
Sieh Gräser, Blumen und Gebüsche stehen,
Die aussichselbst in diesen Triften sprossen.

    Bis dich erfreut die schönen Augen sehen,
Die mich zu dir geschickt mit ihren Zähren,
Kannst du in Blumen ruhn, kannst darauf gehen.

    Mein Wink, mein Wort kann nichtsmehr dir erklären.
Frei ist dein Wille, grad, gesund! Als Denkender
Wärs falsch, nicht völlig Folgschaft ihm gewähren:

    Drum bin ich dir ein Kron- und Mitra-Schenkender.«

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